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Ein Feindbild verbindet – Zur Querfront gegen den „Imperialismus“ |
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von Heribert Schiedel
Ende Jänner dieses Jahres erschien auf der rechtsextremen Homepage
Wiener Nachrichten Online (WNO) ein bezeichnender Text unter dem Titel
„Opernball und Antiimperialismus“. Der Autor verfügt offenbar über
ausgezeichnete Kenntnisse der antiimperialistischen Szene Wiens und
berichtet dort voller Sympathie über die Vorbereitung der heurigen
Anti-Opernball-Demonstration. Diese sei fest in den Händen von „dem
Trotzkismus entwachsenen Kreise(n) (gemeint sind die Revolutionär
Kommunistische Liga (RKL) und die Antiimperialistische Koordination
(AIK), Anm.) um die durchaus herzeigbaren Zeitschriften 'Bruchlinien'
und 'Intifada', die in der linken Szene immer wieder wegen ihrer
kompromisslosen Ablehnung der USA und Israels auf Feindschaft und
Ablehnung stoßen“. Wie groß demgegenüber die Zustimmung zur AIK samt
Anhang in Teilen der rechtsextremen Szene ist, belegt der WNO-Text. So
freut man sich offen darüber, dass ein „Spaltungsversuch“ von
RKL/AIK-GegnerInnen im Vorfeld der Demonstration „abgewehrt werden
konnte und nun alle Linken zum gleichen Demotreffpunkt beim
Museumsquartier (27. 2., 19 Uhr) mobilisieren“. Schließlich hoffen die
Rechtsextremen noch darauf, dass eine „inhaltlich aufgeladene(n)
Demonstration gegen den Imperialismus gelingt, es also zu einer Art
Intifada in Wien kommen kann“.
Angesichts dieses bis dato eindrucksvollsten Beleges für die
Herausbildung einer (inhaltlichen und noch nicht
personell-organisatorischen) Querfront zwischen rechten und linken
AntiimperialistInnen in Österreich warnte ich öffentlich vor dieser.
Wie nicht anders zu erwarten, reagierten die angesprochenen Teile der
Linken mit Abwehr. Die einen machten es sich einfach und behaupteten
kurzerhand, bei der WNO-Seite handle es sich gar nicht um eine
rechtsextreme Seite, sondern um eine Fälschung von Geheimdiensten oder
antinationalen/antideutschen Linken, die damit der
antiimperialistischen Sache schaden wollten. Für die Unitat (1/03), dem
Organ des Kommunistischen StudentInnenverbandes (KSV), handelte es sich
bei der Warnung um ein „öffentliches Verfechten unhaltbarer
Behauptungen”, einen Griff in „die allerletzte Schublade des
Antikommunismus” und „dumpfeste Totalitarismus-Theorie”.
Anstatt angesichts der jüngsten Entwicklungen im organisierten
Rechtsextremismus – dessen Bündnis mit dem politischen Islam(1) und
strategische Umorientierung auf den „globalen Hauptfeind USrael“ – kurz
innezuhalten und die eigene politische Praxis selbstkritisch zu
hinterfragen, fliehen viele Restlinke vor der Realität. Und die sieht
heute in Deutschland und Österreich nun mal so aus, dass sich
zahlreiche linke und rechte Positionen zu der „Krake
Globalisierung“(2), Israel, dem Irak und den USA bis in die
Formulierungen hinein gleichen. Ein deutscher Neonazi brachte das
unlängst in einem Internet-Forum auf den Punkt: „Oftmals liegen unsere
Ziele so nah beieinander, dass man fast keinen Unterschied mehr fassen
kann (Anti-Kapitalismus, Anti-Imperialismus, Sozialismus usw.)” Auf der
neonazistischen Homepage die-kommenden heißt es: „Heute müssen jene
beiden Kräfte unterstützt werden, die beide schon in der selben
Richtung kämpfen (...): die antiimperialistischen und die
islamistischen. Die Antiimperialisten sind in der Linken weitgehend
isoliert, (...) ihre praktischen Entscheidungen sind aber fast immer
unterstützenswert, soweit sie sich auf die Seite der vom westlichen
Imperialismus Bedrohten stellen“.
Revolte gegen den Westen
Das Querfront-Phänomen ist so alt wie der Bewegungsfaschismus. Vor
allem in der Weimarer Republik war die entsprechende Strategie, die
systematischen Versuche von Rechtsextremen Brücken zur (radikalen)
Linken und zu deren Diskursen zu schlagen, von einigem Erfolg gekrönt.
Ausgehend von der geteilten militanten Ablehnung des Vertrages von
Versailles und der damit verbundenen Frontstellung gegen den
„plutokratischen“ Westen bildeten sich unter dem Banner der
unterdrückten deutschen Nation punktuelle Bündnisse zwischen radikalen
Linken und extremen Rechten. Während sich aber eine gefestigte und
andauernde Querfront an der Basis kaum ausbildete, überboten sich die
jeweiligen Kader im Verwischen der Diskursgrenzen. Auf Seiten der
radikalen Linken erlangte Karl Radek (KPD) 1923 mit seiner
„Schlageter-Rede“, einer Hymne an den nationalistischen Befreiungskampf
gegen Frankreich, traurige Berühmtheit.(3) In der NSDAP war es die
Strömung rund um die Gebrüder Strasser, die gemeinsam mit der
antiliberalen Linken Deutschland vom „Versailler Joch“ befreien
wollte.(4) Daneben bemühten sich sogenannte Konservative Revolutionäre
(z.B. der Tat-Kreis) und Nationalbolschewisten (z.B. Ernst Niekisch) um
den Schulterschluss gegen den äußeren Feind.(5) Rationalisiert wurde
der Hass auf den Westen und die Moderne in der Theorie von den
„proletarischen Nationen“, welche vom Imperialismus ausgebeutet und
unterdrückt würden. Mit der Erklärung ganz Deutschlands zum
„Proletarier“ und dem Ersetzen von Klasse durch „Volk“ konnten
klassenkämpferische mit nationalistischen Diskursen verwoben werden.
Außenpolitisch suchten auch Faschisten das Bündnis mit der bedrohten
Sowjetunion und anderen vom Imperialismus unterdrückten Nationen, allen
voran der arabischen.
Wenn das Bündnis „Opernball angreifen!” heute behauptet, dass
„Faschisten per se nicht antiimperialistisch sein (können)”, so dient
das mehr der Selbstimmunisierung als es der historischen Realität
entspricht. Denn, dass der Nationalsozialismus sich „als eine bewußt
antiimperialistische Bewegung“ auffasste und seine Unterführer von der
„gefühlsmäßigen Zustimmung zu jedem Kampf, den unterdrückte Völker
gegen ausbeutende Usurpatoren führen”(6) sprachen, ist nicht Demagogie,
sondern vielmehr Ausdruck des politischen Selbstverständnisses.
Tatsächlich war mit Imperialismus jedoch nicht ein bestimmtes Stadium
des Kapitalismus gemeint, sondern der Begriff diente als
moralisierender Vorwurf an die Adresse anderer (konkurrenzierender!)
kapitalistischer Mächte. Dieser Antiimperialismus hielt nichts auf die
Kritik der politischen Ökonomie, sondern beschränkte sich auf die
Markierung eines ausländischen Feindes und seiner inländischen Agenten.
Wie der Antikapitalismus, der von der radikalen Kritik des Kapitals
scharf zu scheiden ist, ergeht sich der faschistische Antiimperialismus
in grandioser Personalisierung. Aus den „Beamten des Kapitals“ (Marx)
macht er „(Finanz)Kapitalisten“ oder „Imperialisten“, die nur aufgrund
ihrer moralischen Verkommenheit so agierten. Je geringer die
Bereitschaft oder Fähigkeit, den Kapitalismus und die bürgerliche
Gesellschaft zu durchschauen, desto größer der Eifer beim Aufspüren von
internationalen (=„jüdischen“) Verschwörungen.
Daneben ist es der Wunsch, die Massen mit einfachen Welterklärungen
hinter sich zu scharen, der Linke so wie Rechte reden lässt. Da heißt
es etwa im antiimperialistischen Forum für Diskussion, die
KritikerInnen des Antiamerikanismus tun so, „als ob man ohne die
Identifikation eines konkreten Feindes den internationalen Klassenkampf
führen könnte.” Tatsächlich kann sich das Ressentiment am besten
austoben, wenn seine Objekte zu einem vereinheitlicht werden – daher
der Singular.
Neuer Antiimperialismus und Faschismus
Ohne die Kritik an Lenins Konzessionen gegenüber dem Nationalismus und
den Verkürzungen und Personalisierungen in seiner Imperialismustheorie
zu vergessen(7), muss der kommunistische Antiimperialismus doch vom
faschistischen abgegrenzt werden. Ließ doch Lenin keine Zweifel daran,
dass im Konfliktfall das soziale vor dem nationalen Interesse gehe.
Auch hatte er nichts gemein mit den alten und neuen FreundInnen der
nationalen Identitäten: „Wer nicht in nationalistischen Vorurteilen
versumpft ist, kann nicht umhin, in diesem, durch den Kapitalismus
bewirkten Assimilationsprozeß der Nationen einen gewaltigen
geschichtlichen Fortschritt, die Beseitigung der nationalen
Verknöcherung der verschiedenen Krähwinkel zu sehen”. Darüber hinaus
wusste der alte Antiimperialismus bei aller Solidarität mit den
antikolonialen Befreiungskämpfen (in den arabischen Ländern) noch von
der „Notwendigkeit (...), den Panislamismus und ähnliche Strömungen zu
bekämpfen”. Denn dieser wolle den Kampf gegen den Imperialismus, so
Lenin weiter, „mit einer Stärkung der Khane, der Gutsbesitzer, der
Mullahs usw. verknüpfen”.
Mit dem Wegfall des realsozialistischen Bezugsrahmens machte sich ein
nicht-kommunistischer Antiimperialismus breit. Dieser begann Loblieder
auf vormoderne Lebensformen und die dazugehörigen Überbauten zu singen.
Aus dem Imperialismus als politisch-ökonomische Struktur machte er
wieder eine verwerfliche Eigenschaft bestimmter Personen – die
obligaten „Drahtzieher“ – oder Staaten, allen voran der USA.(8) Alles,
was diesen schadet, wurde geadelt, auch wenn dabei die soziale
Befreiungsperspektive verloren ging.
War einst für RevolutionärInnen Gewalt notwendiges Übel und Mittel zum
Zweck, so wurde sie im Milieu des neuen Antiimperialismus mehr und mehr
zum Selbstzweck. Im Gefolge von Sorel, der über die Gewalt die
ArbeiterInnenbewegung mit dem Faschismus kurzzuschließen versuchte, und
unter dem Einfluss des islamistischen suicide-bombings, welchem auch
viele Linke bei jeder sich bietenden Gelegenheit die „bedingungslose
Solidarität” versichern, wuchert ein chauvinistischer Heroismus. Nach
dem Tod eines Demonstranten gegen den Gipfel in Genua erklärte etwa der
ArbeiterInnenstandpunkt diesen zum „Held(en) der antikapitalistischen
Bewegung”. Von finstersten Aberglauben angetriebene Todessehnsüchtige,
die für einen Platz im Paradies möglichst viele Juden und Jüdinnen mit
in die Luft sprengen, werden auch in österreichischen
Szene-Publikationen wie der Intifada zu „Märtyrern”.
Einen vielsagenden Versuch, diesen neuen Antiimperialismus inhaltlich
zu bestimmen, stellt der „Beitrag zur Opernballmobilisierung 2003“ des
Forums für Diskussion dar. Dort ist die Rede von einer angeblich
„qualitativ neuwertigen Ausgangssituation”. Diese verlange nach einem
offenen Bruch mit dem Gründungssatz des parteiförmigen Kommunismus: Der
„Hauptfeind steht nicht mehr im eigenen Land, er hat vielmehr globale
Dimensionen angenommen.” Damit sind alle Widersprüche auf einen
reduziert und nach außen verlagert. Wir sind hier nicht nur an der von
Linken selbst gezogenen Grenze zu KommunistInnen, sondern auch gleich
mitten im rechtsextremen Diskurs. Konsequenterweise verlangt diese
nationalistische Wendung danach, „herkömmliche Konzepte über Bord zu
werfen und sich neuartigen Wegen zu öffnen.“ Beim Beschreiten dieser
Wege müssen folgerichtig alle Vorbehalte, wie sie aus emanzipatorischer
Sicht bestünden, fallen gelassen werden: „Eine der zentralen
Herausforderungen wird es dabei sein, sich Bündnissen zu öffnen, die
sich nicht länger ideologisch, sondern politisch-strategisch – also
ausgerichtet auf den gemeinsamen Feind – definieren. Denn der Kampf
gegen unseren Feind wird schon geführt – auf politischer, militärischer
und kultureller Ebene: von islamischen Kräften.” Dass diese Kräfte
strikt antikommunistisch sind, stört Menschen, die sich selbst noch als
links begreifen, nicht. Aber wer im Jihadismus nicht eine
lokalspezifische Ausformung des Rechtsextremismus sehen will, der kann
auch nicht die Möglichkeit denken, dass europäische Neofaschisten den
Kampf gegen den „Feind“ ebenfalls schon führen.
„Antiamerikanische Einheitsfront“(9)
Am ausgeprägtesten ist die inhaltliche Querfront in Sachen
Antiamerikanismus. Mit diesem Begriff ist nicht die Kritik an der
Politik der US-Regierung gemeint, sondern das Ressentiment gegen die
USA als Hort all jener bösen und verwerflichen Eigenschaften, die vom
eigenen Kollektiv abgespalten werden. Wie im modernen Antisemitismus
äußert sich im Antiamerikanismus Wut auf die abstrakte Seite
kapitalistischer Vergesellschaftung. Gleich den Juden/Jüdinnen werden
die USA als die personifizierte Abstraktion gehasst. Sie stehen für die
abgelehnten Teile der kapitalistischen Moderne – die Zirkulationsebene,
das Geld und die Zinsen, der Profit, der Individualismus usw.. Der
Antiamerikanismus ähnelt „strukturell (wie in der Wahl seiner
Metaphern) durchaus dem Antisemitismus. In mancher Hinsicht lässt sich
der Antiamerikanismus gar als eine weitere Säkularisierungsstufe einer
sich bereits antisemitisch verweltlichten Judenfeindschaft verstehen.
Obschon beide Phänomene aufgrund ihrer höchst unterschiedlichen
Entstehungsgeschichte keineswegs identisch gesetzt werden können,
stellen doch beide gleichermaßen weltanschaulich ausgeformte
Reaktionsphänomene auf die Moderne dar.”(10)
Der Antiamerikanismus teilt mit dem Antisemitismus darüber hinaus den
Status einer „Alltagsreligion“ (Deltev Claussen): Mit dieser kann die
Welt ihrer Komplexität entledigt und von einem einzigen Punkt aus
erklärt werden, was auch ihre Verbreitung verstehen hilft. Im Interview
mit der nationalbolschewistischen Jungen Welt (8. 2. 03) spricht ein
RKL/AIK-Führungskader dem Antiamerikanismus seinen Charakter als
„populäre Stimmung“ gar nicht ab. Ganz im Gegenteil, man bezieht sich
sogar positiv auf diese „Stimmung“, und das in einem
postnationalsozialistischen Land: „Der Antiamerikanismus ist das
Mittel, breiteste Schichten in Opposition zum US-Imperialismus zu
bringen.” Immer steht am Anfang der Wanderung von links nach rechts,
der Wunsch massenwirksam zu sein. Da dies in Österreich jedoch vor
allem Jörg Haider ist, tun sich Abgrenzungsprobleme auf. Die AIK löst
das Problem in dem programmatischen Text „Vom Pazifismus zum
Antiamerikanismus“ auf ihre Art: „Virtuos machte sich Haider zum
Sprachrohr dieser (antiamerikanischen, Anm.) Stimmung, Reaktionäres und
Fortschrittliches vermischend, wechselnd, austauschend. Fast
avantgardistisch griff er die Irak-Frage auf, damals noch gegen die
Mehrheit.“ Da sich soviel Sympathie für einen Rechtsextremen unter
Linken nicht schickt, wird kurzerhand behauptet, es sei falsch, der
Haiderei das „Etikett ‚rechtsradikal bis neofaschistisch’“ umzuhängen.
Vielmehr handle es sich dabei „zumindest teilweise um einen
widersprüchlichen Protest gegen den Liberalismus”. Aber die FPÖ ist
auch nicht mehr das, was sie mal war: Durch die Exekution des
Neoliberalismus in der Regierung habe sie ihre „Glaubwürdigkeit als
plebejische Partei verloren.”
Mit dem „Protest gegen den Liberalismus“ ist ein weiteres diskursives
Bindeglied zwischen Rechtsextremismus und Teilen des Linksradikalismus
angesprochen. Das antiliberale Ressentiment, welches wieder von
Liberalismuskritik zu scheiden ist, entzündet sich am potentiell
zersetzenden Gehalt des politischen Liberalismus. Gleich dem
Antisemitismus ist der Antiliberalismus integraler Bestandteil des
antimodernistischen Tickets. Während der Liberalismus als
Legitimationsideologie der Moderne die rationale Vergesellschaftung
freier Individuen zum Gegenstand/Ziel hat, hält er die natürliche
Gemeinschaft hoch. Gegen den Ruf nach Gleichheit pocht er auf
(vordiskursive) Differenz. Antiliberale Linke setzen nicht wie
KommunistInnen in der Tradition des frühen Marx bei der (dem
Kapitalismus immanenten) Nichteinlösung der liberalen Versprechen an,
sondern denunzieren diese. Sie hassen den Bourgeois, der nach
individuellem Glück strebt, und preisen das (staatlich und zunehmend
privat) formierte Kollektiv der Selbstlosen.
Antifaschismus gegen Antiimperialismus
Das hier skizzierte Weltbild des neuen Antiimperialismus macht
hoffentlich deutlich, wie wenig dieser mit antifaschistischer Theorie
und Praxis vereinbar ist. Dennoch scheuen sich immer noch viele
AntifaschistInnen davor, die Konsequenzen daraus zu ziehen. So
entschieden sie sich im Vorfeld der Mobilisierung gegen den
Neonazi-Aufmarsch vom 13. April 2002 mehrheitlich dafür,
antiimperialistische Gruppen nicht auszuschließen, wodurch jüdischen
Organisationen eine Unterstützung verunmöglicht wurde. Eine beliebte
Reaktionsweise auf Kritik an solchen Gruppen wie der AIK stellt auch
die Abwiegelung dar: Diese seien unbedeutend und ohnehin isoliert(11),
jede Auseinandersetzung mit ihnen lohne sich nicht.
Um die Bereitschaft zum Bruch mit dem antiimperialistischen Milieu
vielleicht zu vergrößern, seien abschließend noch zwei vielsagende
Texte von der AIK-Homepage erwähnt. Das „antiamerikanische Manifest“
titelt gleich mit dem Aufruf „Völker zerschlagt Amerika!“ Der
Hauptvorwurf an die Adresse der USA ist, diese würden „Völker“
„zerstören“. Aber nicht nur das Denken in „Völkern“ teilen rechte und
linke AntiimperialistInnen, sondern auch die Wahnvorstellung, dass sich
die USA in den Fängen der „Zionisten“ befinden. Während dies Neonazis
offen aussprechen, beschränken sich Linke (noch) auf Andeutungen:
„Dieser Krieg, der nichts anderes ist, als ein Schritt in Richtung
ihrer absoluten Weltherrschaft, findet sein Fundament in der paranoiden
Annahme, dass die Vereinigten Staaten eine ‚besondere Mission’ zu
erfüllen hätten (...). Diese Annahme (...) kann ihre Ähnlichkeit mit
der zionistischen These des ‚erwählten Volkes’ nicht verheimlichen.“
Bezeichnend ist auch, was als Dogmen des Amerikanismus vorgeführt wird:
„Geld, Konsumismus, Individualismus, (...), Technologie und
Wissenschaft“. Demgegenüber beziehen sich die VölkerfreundInnen positiv
auf „dem Menschen innewohnende(n) spirituelle(n) Werte(n)“.
Unmittelbar als faschistisch ist der Aufruf „Auf nach Den Haag zum
Vidovdan“ zu bezeichnen: „Der Widerstand, den ein Volk in der Lage ist
den entmenschten Bestien und Schlächtern des Imperiums
entgegenzusetzen, hängt maßgeblich von seiner Fähigkeit ab, seine
kulturelle Identität zu wahren, sich der Amerikanisierung
entgegenzustellen, seine nationale Würde zu erhalten und zu
entwickeln.“ Weiter ist die Rede vom „Kampf serbischer Patrioten“ und
„serbischen Heldentum(s)“; den „Völkern“ wird gar eine „Ehre“
angedichtet. Schließlich wird auf den deklarierten Faschisten Vojislav
Seselj positiv Bezug genommen: Dieser habe „keinen geringen Anteil“,
dass das „serbische Volk“ „seine Kultur noch immer“ verteidigt.
Überhaupt sei Seselj eine „herausragende(n) Persönlichkeit(en)“. Zur
Erinnerung: Die Serbische Radikale Partei (SRP) von Seselj ist fest in
das internationale Netz des Neofaschismus integriert. 1995 schloss der
russische Faschist Schirinowski mit der SRP ein Kooperationsabkommen
ab; gleiches gilt für Le Pen, den Seselj 1997 empfangen hatte. Darüber
hinaus ist Seseljs Partei Mitglied in Le Pens Europa der Nationalisten.
Diesem Zusammenschluss rechtsextremer und neofaschistischer Parteien
gehören daneben an: Romania Mare, Republikanische Partei Tschechiens,
Slowakisch-Nationalistische Partei, Partei Ungarischer Gerechtigkeit,
Kroatische Partei des Rechts, Vlaams blok, Movimento Sociale
Italiano/Fiamma Tricolore, Portugiesisch-Nationalistische Partei,
Schwedische Demokraten. Im Mai 2002 nahm Seselj gemeinsam mit
Schirinowski und anderen neofaschistischen Antiimperialisten an der
„Solidaritätskonferenz für das irakische Volk“ in Bagdad teil.
Es wächst zusammen, was zusammen gehört...
Fußnoten
(1) vgl. Maegerle, A.; Schiedel, H.: Krude Allianz. Das
arabisch-islamistische Bündnis mit dem Rechtsextremismus,
www.doew.at/thema/rechts/allianz.html
(2) Der Eckart, 6/2003, S. 8; Die Figur der den ganzen Globus
umschlingenden Krake ist unmittelbar antisemitischen Diskursen
entliehen. Daneben wurden in jüngster Zeit die Schimpfwörter
„Globalisierer“ oder „Globalkapitalisten“ in rechtsextremen
Publikationen zu Codewörtern für Juden/Jüdinnen oder das „Weltjudentum“.
(3) vgl. Haury, Th.: Antisemitismus von links. Kommunistische
Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR. Hamburg
2002, S. 261ff
(4) vgl. Kühnl, R.: Die nationalsozialistische Linke 1925-1930. Meisenheim a. G. 1966
(5) vgl. Schüddekopf O.-E.: Linke Leute von rechts. Die
nationalrevolutionären Minderheiten und der Kommunismus in der Weimarer
Republik. Stuttgart 1960
(6) „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“, in: Der Nationale Sozialist, 4. 7. 1930
Diese antiimperialistische Position setzte sich jedoch nicht gegen die
Hitler-Linie durch. Hitler selbst äußerte sich schon in „Mein Kampf“
gegen das Bündnis mit den „unterdrückten Nationen“: „Als völkischer
Mann, der den Wert des Menschentums nach rassischen Grundsätzen
abschätzt, darf ich schon aus der Erkenntnis der rassischen
Minderwertigkeit dieser ‚unterdrückten Nationen’ nicht das Schicksal
des eigenen Volkes mit dem ihren verketten.“
(7) vgl. Bösch, R.: Unheimliche Verwandtschaft. Anmerkungen zum
Verhältnis von Marxismus-Leninismus und Antisemitismus, in: Krisis
16/17, 1995
(8) Ein führender Theoretiker dieses neuen Antiimperialismus, Karam
Khella, grenzt sich in dankenswerter Offenheit von Marx und Lenin ab.
Denn diese hätten mit ihrer Behauptung ökonomischer Gesetzmäßigkeiten
und Determinanten im Kapitalismus/Imperialismus den Widerstand gegen
den personifizierten imperialistischen Feind verunmöglicht.
Demgegenüber behauptet Khella, dass der Imperialismus „ausschließlich
durch außerökonomische Zwänge (funktioniert).“ (Khella, K.: Die
gespaltene Welt. Imperialismus heute. Hamburg 2002, S. 14) Tatsächlich
kann der moralische und kulturelle Antiimperialismus nur funktionieren,
wenn er den Primat der ökonomischen Basis leugnet und statt dessen den
des bösen Willens der „Imperialisten“ behauptet.
(9) Deutsche Stimme, 5/2003; Das NPD-Blatt weiter: „Der Riß (innerhalb
der radikalen Linken, Anm.) verläuft zwischen einer achtenswerten
Traditionslinie des Antiimperialismus einerseits und einem amerika- und
judenergebenen Westlertum andererseits.“ Daneben freuen sich die
Rechtsextremen über die „Überwindung der Rechts-Links-Gegensätze im
Gefolge des Irak-Krieges“.
(10) Diner, D.: Verkehrte Welten. Antiamerikanismus in Deutschland. Frankfurt a. M. 1993, S. 29
(11) Wie wenig isoliert die AIK tatsächlich ist, zeigte sich unlängst
in einem offenen Brief an das Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes (DÖW), den 65 Personen – mehrheitlich Angehörige des
nationalbolschewistischen Flügels der KPÖ und des antiimperialistischen
Milieus – unterzeichnet haben: Darin betonen diese, dass sie mit der
AIK die „Kritik an der Besatzungspolitik des israelischen Staates“
teilen und mit „Bestürzung“ das Dossier „Die Antiimperialistische
Koordination (AIK) - Antisemitismus im linken Gewand” () „zur Kenntnis“
genommen haben.
Dass hier v.a. auf Texte der AIK eingegangen wurde, soll auch nicht als
Freispruch für den Rest des Milieus verstanden werden. Vielmehr eignet
sich die AIK aufgrund ihrer Deutlichkeit besser für Kritik, die aber
dem ganzen neuen Antiimperialismus gilt. |
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