Die wissenschaftliche Verwertung der "Spiegelgrund"-Opfer in Wien - von Herwig Czech
Ein lange Zeit kaum beachteter Aspekt der NS-Medizinverbrechen ist
die wissenschaftliche Ausbeutung ihrer Opfer, die noch Jahrzehnte nach
dem Ende der NS-Herrschaft mit ziemlicher Selbstverständlichkeit
betrieben wurde. In Österreich betrifft das vor allem die Opfer der
Klinik "Am Spiegelgrund" auf dem Gelände des früheren Psychiatrischen
Krankenhauses der Stadt Wien "Baumgartner Höhe" (nunmehr:
"Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe - Otto Wagner-Spital").
Am "Spiegelgrund" befand sich eine der sogenannten
"Kinderfachabteilungen" zur Durchführung des Vernichtungsprogramms
gegen behinderte Kinder. Fast 800 Personen wurden hier unter
Beteiligung des Arztes Dr. Heinrich Gross in den Jahren 1940 bis 1945
ermordet. Die Gehirne der Opfer wurden zum größten Teil aufbewahrt und
später systematisch wissenschaftlich verwertet. Sie befinden sich bis
heute in der Pathologischen Abteilung des Otto Wagner-Spitals bzw. im
Ludwig Boltzmann Institut für Klinische Neurobiologie. Im April 2002
sollen sie endlich bestattet werden.
I. Einleitung
Die sogenannte "Kindereuthanasie" war eine von mehreren Mordaktionen
gegen Psychiatriepatienten und geistig Behinderte, die oft unter dem
irreführenden Begriff "Euthanasie" zusammengefasst werden. Ihre
Besonderheit liegt darin, dass sie als dauerhafte Einrichtung des
nationalsozialistischen Gesundheitswesens geplant war, die der
fortlaufenden Vernichtung der "Unbrauchbaren" dienen sollte.1
Das Erfassungs-, Begutachtungs- und Tötungssystem deckte sich praktisch
mit dem regulären Gesundheitssystem. Im Gegensatz zur "Aktion T4"
wurden keine unabhängigen Tötungsanstalten eingerichtet, sondern
spezielle Abteilungen innerhalb bestehender Anstalten, die
administrativ den regulären Gesundheitsbehörden unterstanden. Nur die
formale Entscheidung über die Tötungen lag beim sogenannten
"Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und
anlagebedingter schwerer Leiden", einer Tarnorganisation der "Kanzlei
des Führers", die eine wichtige psychologische Entlastungsfunktion für
die Täter erfüllte. Die Tötungen selbst erfolgten in erster Linie durch
Medikamente und ließen sich dadurch leicht in den arbeitsteiligen
Stationsbetrieb integrieren.
II. Die Wiener Tötungsklinik "Am Spiegelgrund"
Die Wiener "Kinderfachabteilung", also jene Institution, die die
Beobachtung, Meldung und gegebenenfalls Ermordung der betreffenden
Kinder zur Aufgabe hatte, wurde am 24. Juli 1940 als Teil der
"Städtischen Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund" auf dem Gelände der
damaligen Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" gegründet. Der
notwendige Platz für diese und andere Einrichtungen war durch die
vorhergehende Ermordung von ca. 3200 Steinhofer Patientinnen und
Patienten in Hartheim geschaffen worden.
In einem der insgesamt 9 Pavillons, dem Pavillon XV, fanden die
Euthanasiemorde statt. Seine Leitung hatte seit Anfang 1941 Dr.
Heinrich Gross inne, der damit direkt dem Leiter der Klinik "Am
Spiegelgrund", zuerst Dr. Erwin Jekelius, später Dr. Ernst Illing,
unterstand.2
Vom 1. Juni bis zum 15. Juli 1941 nahm Gross an einem Lehrgang in
Görden bei Brandenburg teil, wo im Oktober 1939 unter Direktor Hans
Heinze (Gutachter der "Aktion T4"3),
die erste Tötungsklinik im Deutschen Reich errichtet worden war. Diese
diente als Ausbildungsstätte für das Tötungspersonal an anderen
Anstalten4.
Bis zu seiner Einberufung am 22. März 19435 starben unter der Leitung von Gross 336 Kinder, wobei er in 238 Fällen auch als Beschauer unterschrieb.6
Wie mittlerweile bekannt ist, war Gross allerdings entgegen seiner
eigenen Darstellung auch im Sommer 1944 an der Anstalt tätig, was die
Grundlage für den ergebnislos verlaufenen Mordprozeß gegen ihn
darstellte.
III. Forschen an Opfern
Damit komme ich zum eigentlichen Thema meines Beitrages, nämlich der
wissenschaftlichen Forschung als Bestandteil der medizinischen
Vernichtungspolitik. Solche Forschungen an Opfern gab es sowohl im
Rahmen der "Aktion T4" als auch im Zusammenhang mit der
Kindereuthanasie. Die "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und
Pflegeanstalten", eine der T4-Tarnorganisationen, verfügte
beispielsweise über eine eigene Forschungsabteilung in Heidelberg, für
deren Arbeit auch Menschen eigens getötet wurden. Ebenfalls gut
dokumentiert ist die Zusammenarbeit zwischen dem
Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch und der
Anstalt Brandenburg-Görden. Der Neuropathologe Julius Hallervorden,
Mitarbeiter des Berliner Hirnforschungsinstituts, sammelte in Görden
und anderen Anstalten nach eigenen Angaben ca. 700 Gehirne von
Menschen, die z. T. auf seinen Antrag hin ermordet wurden, um die
klinische Untersuchung durch die Sektionsbefunde ergänzen zu können.7
Auch in Wien wurden während des Krieges die Grundlagen für eine spätere
Bearbeitung geschaffen. An den Kindern wurden klinische Untersuchungen
wie die immer schmerzhafte und manchmal tödliche Pneumencephalographie
(siehe unten) durchgeführt, deren Ergebnisse in den Krankengeschichten
und Gutachten für den Reichsausschuß festgehalten wurden. Nach dem Tod
der Kinder wurden die Gehirne und Rückenmarksstränge entnommen und in
der Prosektur aufbewahrt.
Einige Arbeiten, die auf der wissenschaftlichen Ausbeutung von Opfern
des "Spiegelgrunds" beruhten, wurden bereits während des Krieges
veröffentlicht. Mathias Dahl erwähnt in seiner Arbeit die Forschungen
des zweiten Leiters der Anstalt, Dr. Ernst Illing, auf die ich weiter
unten eingehe, und die Menschenversuche an der Universitätskinderklinik.8
Letztere wurden von Dozent Dr. Elmar Türk durchgeführt, es ging dabei
um die Wirksamkeit eines Impfstoffes gegen Tuberkulose. Die für die
Versuche ausgewählten Kinder wurden künstlich mit Tuberkuloseerregern
infiziert. Anschließend wurden sie in der Kinderfachabteilung getötet,
ihre Leichen in der Prosektur von Dr. Barbara Uiberrak und Elmar Türk
obduziert und untersucht.
IV. Die wissenschaftliche Verwertung der Euthanasieopfer seit 1945
Barbara Uiberrak war von 1938 bis in die sechziger Jahre als Pathologin für den gesamten Steinhofer Komplex zuständig.9
1946, das Morden war noch kein Jahr zu Ende, sagte sie vor dem
Volksgericht Wien über die von ihr obduzierten Opfer der
"Kindereuthanasie": Fast jeder der einzelnen Fälle ist wissenschaftlich
gesehen hoch interessant. Wir haben "Am Steinhof" noch alle 700
Gehirne, in den meisten Fällen auch die Drüsen mit innerer Sekretion,
fixiert ausgebaut, sodaß sie jederzeit einer wissenschaftlichen
pathologischen Untersuchung zugeführt werden können. Ich glaube, daß es
lohnend wäre, einige Fälle aus jedem Jahr herauszugreifen.10
1952 veröffentlichte Heinrich Gross im "Morphologischen Jahrbuch"
den ersten einer ganzen Reihe von Beiträgen über neuropathologisch
interessante Einzelfälle "aus der Prosektur der Heil und Pflegeanstalt
Am Steinhof"11.
Gross stellt darin einen Fall vor, den er bereits am 23.11.1942 in der
Wiener biologischen Gesellschaft vorgetragen hatte. Es handelt sich
dabei um Günther Pernegger, geboren am 16.11.1941. Im Alter von 6
Wochen wurde er unter der Aufnahmezahl 267/41 in die
"Kinderfachabteilung" eingewiesen, da er Mißbildungen an Kopf und
Händen hatte. Nach sieben Wochen Anstaltsaufenthalt bei "sehr
schlechter Nahrungsaufnahme" erkrankte er an einer Lungenentzündung, an
der er nach sechs Tagen am 25.1.1942 starb.
Die anatomischen Untersuchungen waren noch während des Krieges im
Anatomischen Institut der Universität Wien durchgeführt worden.
Als dieser Artikel 1952 erschien, hatte Gross offiziell keine
Anstellung auf dem Steinhof. Vermutlich war es Barbara Uiberrak, die
ihm trotzdem den Zugang zu den Präparaten ermöglichte.
Die für NS-Täter gefährlichste Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit
hatte Gross in sowjetischer Kriegsgefangenschaft überstanden, aus der
er Ende 1947 zurückgekehrt war. Im April 1948 wurde er verhaftet und
u.a. wegen seiner Beteiligung an den Euthanasiemorden (die als
Totschlag gewertet wurden) angeklagt.12 Das Gericht verurteilte ihn wegen "Beihilfe zum Totschlag" zu zwei Jahren schweren Kerkers13.
Die Strafe entsprach allerdings genau der bereits in Untersuchungshaft
verbrachten Zeit, so daß Gross bereits am 1. April 1950 freiging. Das
Urteil wurde zudem am 27. April 1951 vom Obersten Gerichtshof an das
Volksgericht zurückverwiesen, worauf die Staatsanwaltschaft aus
ungeklärten Gründen den Strafantrag zurückzog und das Verfahren am
29.5.1951 eingestellt wurde.
Der Beitritt zum Bund Sozialistischer Akademiker (BSA), wo viele
ehemalige Nazis hilfreiche Verbindungen knüpften, trug entscheidend zu
Gross' zweiter Karriere bei14.
Nachdem er seine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie
bei Erwin Stransky an der Nervenheilanstalt Rosenhügel abgeschlossen
hatte, erhielt er 1955 wieder eine Anstellung am "Steinhof", wo er 1962
zum Primarius aufstieg.
"Angeborene und frühzeitig erworbene hochgradige Schwachsinnszustände"
blieben sein wissenschaftlicher Schwerpunkt. Zu diesem Themenkomplex
liegen mindestens 34 Veröffentlichungen aus den Jahren 1954 bis 1978
vor, an denen oft auch verschiedene andere AutorInnen beteiligt waren,
und die sich grob in drei Gruppen einteilen lassen.
Die erste Gruppe entspricht dem bereits zitierten Beispiel. Es handelt
sich um Veröffentlichungen über einzelne Kinder, die dem
Neuropathologen Gross besonders interessant erschienen, oder anhand
derer sich spezielle Fragestellungen demonstrieren ließen. Einer der
Coautoren von Heinrich Gross bei diesen Arbeiten war Franz
Seitelberger. Seitelberger, seit 1938 Angehöriger der SS-Einheit "Sturm
1/89"15 war seit 1959 Vorstand des Neurologischen Institutes der Universität Wien, deren Rektor er in den 70er Jahren wurde.
Die zweite Gruppe von zehn Veröffentlichungen aus den Jahren 1956 bis
1978 beschäftigt sich mit bestimmten Krankheitsbildern, die jeweils
anhand mehrerer (bis zu 40) Fälle demonstriert werden. Die letzte
Gruppe schließlich umfaßt elf statistische Untersuchungen, die jeweils
auf der Auswertung einer großen Zahl von Krankengeschichten und
Gehirnpräparaten beruhen.
1957 übernimmt Gross die Leitung der 2. Psychiatrischen Abteilung und des Neurohistologischen Laboratoriums des Steinhof16,
wo die die aufbewahrten Gehirne bereits seit 1954 histologisch
untersucht worden waren. Er wird zu einem der prominentesten Psychiater
Österreichs. Das hängt zum Teil mit seiner Tätigkeit als
Gerichtsgutachter zusammen, die er oft bei aufsehenerregenden Prozessen
ausübt. Drei seiner prominentesten Begutachtungsfälle: Günter Brus,
Otto Mühl und Oswald Wiener, die wegen der berühmten "Uni-Ferkelei" vom
7. Juni 1968 angeklagt sind.17
Neben seiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter und Hirnforscher findet
Gross auch die Zeit, sich als Pharmatester zu betätigen. Auf seiner
Abteilung am "Steinhof" steht ihm das dafür nötige "Krankengut" zur
Verfügung. Gross geniesst das Vertrauen der Pharmaindustrie: Oft kommen
die neuen Präparate direkt aus dem Tierversuchslabor, um an den
Steinhofer Patienten ausprobiert zu werden. Allein zwischen 1958 und
1968 testet er nach eigenen Angaben 83 verschiedene Psychopharmaka an
teilweise weit über hundert Patienten.18
Die Forschungen gingen dabei oft über das Wohl der Patienten: "Gemessen
an der Art des Krankengutes war schon im Vorherein ein nur bescheidener
Therapieerfolg zu erwarten."19
Das getestete Medikament, Clozapin, wurde 1975 in Finnland verboten,
nachdem 9 Patienten an den Nebenwirkungen verstorben waren. Bis zu
diesem Zeitpunkt hatte Gross das Präparat an über 500 Patienten erprobt.20
Im Jahr 1968 erhielt Heinrich Gross die Leitung eines eigens für ihn
gegründeten "Ludwig Boltzmann-Instituts zur Erforschung der
Mißbildungen des Nervensystems"21,
das in den Räumlichkeiten des Neurohistologischen Laboratoriums im
Pavillon B untergebracht wurde und mit diesem eine Einheit bildete.22
"Die Prosektur des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien
verfügt, soweit dies an Hand der Weltliteratur abgeschätzt werden kann,
über das größte Material an Gehirnen mit angeborenen
Entwicklungsstörungen und frühzeitig erworbenen Schäden. Die
neuropathologische Aufarbeitung und Auswertung dieses einmaligen
Materials ist erste Aufgabe des Instituts in den nächsten Jahren."23
Die wissenschaftliche Einmaligkeit dieser Sammlung liegt nicht nur in
ihrer Größe begründet. Die Ermordung behinderter Kinder hatte darüber
hinaus die Möglichkeit eröffnet, Mißbildungen zu untersuchen, die
entweder erst in einem viel späteren Stadium, oder auch überhaupt nicht
zum Tod der betreffenden Kinder geführt hätten. Es gibt also einen
ziemlich direkten Zusammenhang zwischen den Morden und den Forschungen,
die dadurch an den Opfern möglich wurden.
Alfred Gisel, einer der wichtigsten Förderer von Heinrich Gross, war
über dessen Verwicklung in die NS-Euthanasie durchaus informiert. Bei
der Vorstandssitzung am 27. Februar 1968, bei der über die Gründung des
neuen Instituts beraten wurde, machte er die Anwesenden darauf
aufmerksam, "daß Dr. Gross nach dem Krieg in ein Gerichtsverfahren
verwickelt war, da er angeblich zu einem Kreis junger Ärzte gehört
habe, die an der Vernichtung sogenannten untauglichen Lebens beteiligt
gewesen sein sollten". Gisel habe Gross damals im Landesgericht
besucht, dieser habe aber jegliche Intervention abgelehnt und sei in
der Folge auch freigesprochen worden.24
Wenn die Information in diesem Punkt auch nicht ganz exakt war, so war
der Vorstand doch ausreichend informiert, um auf die Herkunft von
Gross' "einmaligem Material" schliessen zu können. Das Protokoll
vermerkt jedoch keinerlei Diskussion zu diesem Punkt.
In dieses
Bild paßt auch der Umstand, dass sich die Ludwig Boltzmann-Gesellschaft
noch im Juni 1981 hinter ihren Institutsleiter stellte. Im März war das
Urteil im Prozess Gross-Vogt (siehe weiter unten) ergangen, das die
Mitverantwortung von Heinrich Gross an den Euthansasiemorden eindeutig
nachwies. Dennoch sahen die Vorstandsmitglieder (darunter Hertha
Firnberg) keinen Handlungsbedarf.
Die letzte nachweisbare wissenschaftliche Bearbeitung erfolgte für
einen 1978 veröffentlichten Aufsatz, der thematisch einen direkten
Bezug zur Wiener "Kinderfachabteilung" aufwies: "Tuberöse Sklerose:
Neuropathologischer Befund und klinisches Korrelat bei 21 Fällen" aus
der Feder von H. Gross, E. Kaltenbäck und M. Godizinski. Die tuberöse
Sklerose hatte bereits den jahrelangen persönlichen
Forschungsschwerpunkt von Dr. Ernst Illing gebildet. 1943
veröffentlichte er dazu einen Artikel unter dem Titel
"Pathologisch-anatomisch kontrollierte Encephalographien bei tuberöser
Sklerose."25
Es ging dabei um den Nachweis, daß diese Krankheit mit Hilfe der
Encephalographie (einer extrem schmerzhaften und mitunter tödlichen
diagnostischen Methode, bei der in das Ventrikelsystem des Gehirns Luft
gepreßt wird, um es im Röntgenbild darstellen zu können) mit hoher
Sicherheit bereits am Lebenden zu diagnostizieren sei. Zu diesem Zweck
liess Illing die PatientInnen nach erfolgter klinischer Untersuchung
zum Zwecke der pathologischen Verifizierung töten. Ernst Illing spricht
in seinem Artikel von 21 eigenen Fällen, die er in den Landesanstalten
Brandenburg-Görden und Potsdam sowie in der Wiener Städtischen
Nervenklinik für Kinder gesammelt habe. Die Arbeit von Gross et al.
1978 beruht mit ziemlicher Sicherheit auf den selben Fällen.
Das Ludwig Boltzmann-Institut von Heinrich Gross war allerdings
nicht die einzige wissenschaftliche Institution, die indirekt von den
Patientenmorden profitierte. Hier ist vor allem das Neurologische
Institut der Universität Wien zu nennen, dessen Angehörige immer wieder
mit Gross gemeinsam über die Spiegelgrund-Opfer publizierten.
Entsprechende Präparate gelangten bereits während des Krieges in das
Institut. In den fünfziger Jahren gab Gross Leichenteile von etwa 20
Spiegelgrund-Opfern an das Neurologische Institut weiter26.
Mindestens zwei Publikationen beruhen auf diesen Fällen, zum Beispiel
eine Arbeit über "Spätinfantile amaurotische Idiotie" von Seitelberger,
Vogel und Stepan "aus dem Neurologischen Institut der Universität
Wien", die damals noch unter der Leitung von Hans Hoff stand.27
Es ging dabei um zwei Schwestern aus einer "arischen Sippe", von denen
die eine, Anna F., 1942 am Spiegelgrund gestorben war, die andere 1950
in Gugging. Die entsprechenden Präparate wurden auch an das
Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Gießen weitergegeben, das
inzwischen der bereits erwähnte Julius Hallervorden leitete, ehemaliger
Oberarzt von Hans Heinze in Brandenburg-Görden. 1954 erschienen zwei
weitere Arbeiten über die gleichen Präparate.
Franz Seitelberger verbrachte Anfang der 50er Jahre einige Zeit bei
Hallervorden in Gießen, wo er vermutlich jenes Gehirnmaterial erhielt,
das ihm als Grundlage für seine Erstbeschreibung einer Variante der
Pelizäus-Merzbacherschen Krankheit28
und damit seiner Habilitation diente. Es handelte sich dabei um drei
Geschwister, die zwischen 1942 und 1944 in der "Kinderfachabteilung"
Brandenburg/Görden starben.29
V. Späte Aufarbeitung
Der Ehrenbeleidigungsprozeß, den Heinrich Gross 1981 gegen Dr.
Werner Vogt von der "Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin" verlor,
markierte einen ersten Einbruch in seiner Karriere.30 In dem Urteil des Wiener Landesgerichts wurde seine Beteiligung an den Euthanasiemorden am Spiegelgrund eindeutig festgestellt.31
Das Urteil blieb aber ohne strafrechtliche Konsequenzen, da sich die
Staatsanwaltschaft zu keiner Anklageerhebung entschließen konnte. Gross
wurde aber aus der SPÖ ausgeschlossen (der er 1953 beigetreten war),
und das von ihm geleitete "LBI zur Erforschung der Mißbildungen des
Nervensystems" wurde mit dem "LBI für klinische Neurobiologie"
zusammengelegt, dessen Bezeichnung beibehalten wurde. 1989 mußte Gross
unter dem Druck des Wissenschaftsministeriums die Leitung des
Instituts, die er gemeinsam mit Prof. Kurt Jellinger innegehabt hatte,
zurücklegen.32 Die Justiz fand dennoch nichts dabei, seine Dienste als Gerichtsgutachter weiter in Anspruch zu nehmen.
Die Existenz von über 400 Gehirnpräparaten in einem Kellerraum
der Prosektur, der 1988 in einen "Gedenkraum" umgewidmet wurde, ist
schon seit längerem bekannt. Die daraus angefertigten histologischen
Schnitte hingegen wurden mit der größten Diskretion behandelt. 1989
antwortete der Leiter des LBI für klinische Neurobiologie, Kurt
Jellinger, auf eine entsprechende Anfrage von Wolfgang Neugebauer:
"Sämtliches verfügbares Hirnmaterial wurde nach Mitteilung des
Vorstandes des Path. anat. Instituts des PKH, Herrn Prim. DDr. Hackl,
seinerzeit bestattet."33
Erst bei einer Begehung des Institutes am 16. Juli 1998 wurde die
Sammlung histologischer Schnitte von Opfern der Kinderklinik "Am
Spiegelgrund" gefunden.34
Drei weitere Jahre sollten vergehen, bevor auf dem Dachboden des
Institutes noch ein weiterer Bestand von Euthanasie-Präparaten
auftauchte. Die Zahl der Präparate, die in der Pathologie des Otto
Wagner-Spitals, im Ludwig Boltzmann-Institut für Klinische
Neurobiologie und am Institut für Neurologie der Uni Wien gefunden
wurden (Feuchtpräparate, histologische Schnitte und Paraffinblöcke),
geht in die Zehntausende. Rund 600 Urnen werden nötig sein, um sie zu
bestatten.
Das Begräbnis wurde bisher durch den Mordprozeß gegen Heinrich Gross,
in dem die Präparate als Beweismittel dienen sollten, verzögert.
Nachdem dieser nun endgültig gescheitert sein dürfte, soll die
Bestattung im April dieses Jahres stattfinden. Die Auseinandersetzung
mit dem Thema soll damit nicht abgeschlossen sein: Anfang Mai wird das
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes mit
Unterstützung der Stadt Wien eine Ausstellung und eine
Online-Dokumentation unter dem Titel "Der Krieg gegen die
‰Minderwertigen': Zur Geschichte der NS-Medizinverbrechen in Wien"
präsentieren. Darüber hinaus ist die Errichtung einer Gedenk- und
Forschungsstätte am ehemaligen "Steinhof" geplant. Offene Fragen gibt
es genug: Neben den Präparaten der "Spiegelgrund"-Opfer lagern im
Otto-Wagner-Spital noch Hunderte von Gehirnschnitten aus der NS-Zeit.
Sie dürften zu einem Großteil von Opfern der sogenannten "dezentralen
Euthanasie" in der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" stammen.
1 Vgl. Götz Aly, Der saubere und der schmutzige
Fortschritt. In: Reform und Gewissen. "Euthanasie" im Dienst des
Fortschritts, ed. Götz Aly et al., Berlin 1985, 33. → zurück
2 LG Wien, Vg 1a Vr 1601/48, Anklageschrift gegen Heinrich Gross, 19. 2. 1950, (DÖW E 18 215). → zurück
3 Ernst Klee, "Euthanasie" im NS-Staat. Die "Vernichtung lebensunwerten Lebens", Frankfurt am Main 1983, 229 → zurück
4 Ebenda, 380. → zurück
5 OLG Wien, Urteil im Ehrenbeleidigungsverfahren Dr. Heinrich Gross gegen Dr. Werner Vogt, 30. 3. 1981, 39 (DÖW E 18 215). → zurück
6 LG Wien, Vg 1a Vr 1601/48, Anklageschrift gegen Heinrich Gross, 19. 2. 1950, 5 (DÖW E 18 215). → zurück
7 Aly, 64ff. → zurück
8 Matthias Dahl, Endstation Spiegelgrund. Die Tötung
behinderter Kinder während des Nationalsozialismus am Beispiel einer
Kinderfachabteilung in Wien, Wien 1998, 110 ff. → zurück
9 1945 wurde sie wegen illegaler Mitgliedschaft in der
NSDAP vor 1938 für einige Zeit suspendiert, ein Volksgerichtsverfahren
wegen Registrierungsbetruges wurde 1948 eingestellt (Vg 3b Vr 474/48,
DÖW E 22.719). → zurück
10 LG Wien, Vg 2b Vr 2365/45, Zeugenaussage Dr. Barbara
Uiberrak in der Strafsache gegen Dr. Ernst Illing u.a., 8. 1. 1946 (DÖW
19 542), zit. nach Neugebauer, Spiegelgrund, 300. → zurück
11 H. Gross, Zur Morphologie des Schädels bei der Acrocephalosyndaktylie, Morphologisches Jahrbuch 92 (1952), 350-372. → zurück
12 LG Wien, Vg 1a Vr 1601/48, Anklageschrift gegen Heinrich Gross, 19. 2. 1950 (DÖW E 18 215). → zurück
13 LG Wien, Vg 1a Vr 1601/48, Urteil gegen Heinrich Gross, 29. 3. 1950 (DÖW E 18 215). → zurück
14 BSA-Beitrittserklärung von Heinrich Gross, 6. Juni
1951, zit. nach: Oliver Lehmann, Traudl Schmidt, In den Fängen des Dr.
Gross. Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel, Wien 2001,135. → zurück
15 AZ vom 6. März 1976. → zurück
16 Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage des
Abgeordneten Öllinger durch Wissenschaftsminister Caspar Einem vom 30.
4. 1998 (DÖW, ohne Signatur). → zurück
17 Lehmann, 125. → zurück
18 Heinrich Gross, Elisabeth Kaltenbeck, The Clinical
Position of Moperone among the Butyrophenons, Typoskript vom 22. Mai
1968, 7 Seiten, 2 (DÖW). → zurück
19 Zit. nach: EINGRIFFE - Informationen der Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin 13/14 (1980), 25. → zurück
20 Heinrich Gross, Vortrag beim Clozapin-Symposium der
Psychiatrischen Universitätsklink Wien am 25. Mai 1973, Typoskript, 5
Seiten (DÖW). → zurück
21 Heinrich Gross hatte spätestens seit 1964/65
Förderungsmittel der Ludwig Boltzmann-Gesellschaft für Forschungen an
Hirnmißbildungen erhalten: ÖStA, AdR, BM für Unterricht, 119
996-I/6/65, Auftrag an die Ludwig Boltzmann-Gesellschaft zur
Bekanntgabe der geförderten Forschungsvorhaben, 4. 2. 1965 (Kopie im
DÖW). → zurück
22 H. Gross, Institut zur Erforschung der Mißbildungen
des Nervensystems. In: Geschäftsbericht 1970, ed. Ludwig
Boltzmann-Gesellschaft zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
in Österreich, Wien 1970, 10. → zurück
23 Geschäftsbericht 1968 (unveröffentlicht), 5 f. → zurück
24 LBG, Protokoll der Vorstandssitzung vom 27. Februar 1968. → zurück
25 Ernst Illing, Pathologisch-anatomisch kontrollierte
Encephalographien bei tuberöser Sklerose. In: Zeitschrift für die
gesamte Neurologie und Psychiatrie 1943 (1943), 160-171. → zurück
26 Vgl. Daniela Angetter, Überprüfung der Sammlung des
Neurologischen Instituts. In: Untersuchungen zur anatomischen
Wissenschaft, 266-288. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die
Zahl noch etwas höher liegen dürfte. → zurück
27 F. Seitelberger, G. Vogel, H. Stepan, Spätinfantile
amaurotische Idiotie. In: Archiv für Psychiatrie und Zeitschrift für
die ges. Neurologie 196 (1957), 154-190 und H. Bernheimer, F.
Seitelberger, Über das Verhalten der Ganglioside im Gehirn bei 2 Fällen
von spätinfantiler amaurotischer Idiotie. In: Wiener Klinische
Wochenschrift 80 (1968), 163-164. → zurück
28 Franz Seitelberger, Die Pelizaeus-Merzbachersche Krankheit. In: Wiener Zeitschrift für Nervenheilkunde 9 (1954), 228-89. → zurück
29 Mündliche Mitteilung von Prof. Herbert Budka, Klinisches Institut für Neurologie d. Univ. Wien. → zurück
30 Dr. Werner Vogt hatte Heinrich Gross 1979
vorgeworfen, während der NS-Zeit an Tötungen von Kindern beteiligt
gewesen zu sein. Gross klagte auf Ehrenbeleidigung und verlor in
zweiter Instanz. → zurück
31 OLG Wien, Urteil im Ehrenbeleidigungsverfahren Dr. Heinrich Gross gegen Dr. Werner Vogt, 30. 3. 1981 (DÖW E 18 215). → zurück
32 Vgl. Wolfgang Neugebauer, Herwig Czech, Die
"wissenschaftliche" Verwertung der Opfer der NS-Kindereuthanasie. Die
Gehirnpräparatesammlung im Psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Wien.
In: Untersuchungen zur anatomischen Wissenschaft, 477-506. → zurück
33 Kurt Jellinger an Wolfgang Neugebauer, 10. 3. 1989, DÖW. → zurück
34 Zwei Protokolle (von Prof. W. Neugebauer und Prof.
E. Gabriel) der Begehung des Ludwig Boltzmann-Instituts für klinische
Neurobiologie und des Pathologischen Instituts des PKH finden sich in:
Untersuchungen zur anatomischen Wissenschaft, 359-367. → zurück |