Über Aktualität und politische Opportunität von Burgers Philosophie des Vergessens - von Alexander Pollak/Heribert Schiedel
Also, ich bin sicherlich nicht derjenige, der ein Leben lang im Büßerhemd durch die Welt geht. (...)
Warum soll ich mich mit irgendwelchen Vergangenheitsproblemen belasten?"
(Jörg Haider, in: Der Spiegel 5/2000)
"Reden wir über Wiedergutmachung: Die betrifft nämlich nicht nur die in
New York und im Osten, sondern vor allem auch unsere sudetendeutsche
Freunde.
Wir wollen uns zuerst um die eigenen Leute kümmern."
(Jörg Haider, am 20. 10. 2000 in der Wiener Stadthalle)
Der Schattenkanzler der Wenderegierung gibt auch im Bereich der
Vergangenheitspolitik die Richtung vor. Sein ideologischer Einflüsterer
Andreas Mölzer nennt als Ziel der FPÖVP-Regierung die "Überwindung des
typisch deutschen und damit österreichischen Nationalmasochismus und
die Gewinnung eines geläuterten, auf historischer Wahrheit beruhenden
zukunftsfähigen Selbstbewußtseins des österreichischen Gemeinwesens"1.
Dieser als "Selbstbewusstsein" verharmloste Nationalismus verträgt sich
nicht mit der Erinnerung an die NS-Verbrechen, die maßgeblich von
Österreichern geplant und begangen wurden. Das gilt insbesondere für
die Shoah, der planmäßigen Vernichtung der europäischen Juden und
Jüdinnen. Bis Mitte der 80er Jahre wurde diese Schuld und die daraus
resultierenden (finanziellen) Verpflichtungen von politischer Seite mit
dem Opfermythos abgewehrt. Nach diesem waren die ÖsterreicherInnen das
"erste Opfer" der NS-Aggression, wie Kanzler Schüssel im Interview mit
der Jerusalem Post am 9. November (!) 2000 neuerlich behauptete. In den
Entschädigungszahlungen an die tatsächlichen Opfer drückt sich demnach
auch kein Rechtsanspruch aus, sondern eine "moralische Verantwortung"
(Schüssel). Den so vom guten Willen Österreichs abhängigen jüdischen
NS-Opfern wird dann auch noch Dankbarkeit abverlangt. Vor allem sollen
sie endlich Ruhe geben: In der unter kritischer internationaler
Beobachtung erfolgten Einigung mit den jüdischen Opferverbänden drückt
sich der Wunsch nach einem "Schlussstrich" aus, wie es Finanzminister
Grasser in seiner diesbezüglichen Rede im Parlament auch unumwunden
aussprach. Sein Parteifreund Westenthaler wollte Anfang 2001 von den
zuständigen MinisterInnen wissen, "wie lange wir noch zahlen müssen".
Der ungeduldige FPÖ-Klubobmann meinte weiter, dass man die "Frage
stellen dürfen (soll), wann ein Schlußstrich gezogen wird."2
Diejenigen, die sich dem Schlussstrich widersetzen oder alleine durch
ihre Existenz dauernd an die Shoah erinnern, werden neuerlich zum
Objekt des Hasses.
Sekundärer Antisemitismus
In der Kritischen Theorie wurde noch in den 50er Jahren jener
postnazistische Antisemitismus, der sich nicht trotz, sondern wegen
Auschwitz ausbildet, auf den Begriff "sekundär" gebracht.3
Der sekundäre Antisemitismus hat seine Ursache im spezifischen Umgang
mit der Shoah seitens der TäterInnen, ZuschauerInnen und ihrer
Nachkommen. Dieser Umgang lässt sich zusammenfassend als "Abwehr" und
"Verdrängung"4
von Schuld und Erinnerung beschreiben. Wie jeder Antisemitismus stellt
auch der sekundäre eine Rationalisierung von Aggressionen, hier
diejenigen der Schuld- und Erinnerungsabwehr, dar. Diese Aggressionen
rühren aus der inneren Bedrohung des narzisstischen Größenselbst5
durch die Erinnerung an das Grauen. Deren Abwehr beschreibt Adorno als
"den Versuch, die eigene überwertige Identifikation mit dem Kollektiv,
zu dem man gehört, in Übereinstimmung zu bringen mit dem Wissen vom
Frevel: man leugnet oder verkleinert ihn, um nicht der Möglichkeit
jener Identifikation verlustig zu gehen".6
Hier ist bereits der Zusammenhang zwischen dem Grad des Nationalismus
und dem sekundären Antisemitismus angesprochen. Aber auch autoritäre
Unterwürfigkeit und Konformismus, die eine kritische Distanz zur
(Groß)Elterngeneration verunmöglichen, begünstigen ihn.
Die wohl beliebteste Rationalisierung der Abwehraggression stellt
die Behauptung dar, die Juden und Jüdinnen würden die Erinnerung an die
Shoah zu eigenen, meist finanziellen oder machtpolitischen Zwecken
missbrauchen.7 Mit Norman G. Finkelsteins Buch über eine angebliche "Holocaust-Industrie"8,
welche den Missbrauch im großen Maßstab und systematisch betreibe,
erfuhr diese Rationalisierung einen "objektiven" Legitimationsgewinn.
Spätestens nun stieg sie vom Stammtisch in den akademischen Diskurs auf.
Die idiosynkratische Verbindung von "Juden" und "Geld" oder "Macht"
in obiger Behauptung verweist auf die Kontinuität in der
Stereotypenbildung. Tatsächlich bezieht sich der Wechsel vom primären
zum sekundären Antisemitismus weniger auf die Inhalte als auf die Form
und die Motivation: "Die Abwehr der Erinnerung an das Unsägliche, was
geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen."9 Der Antisemitismus der Erinnerungs- und Schuldabwehr nimmt also den primären Antisemitismus in sich auf und spiegelt ihn wider.
Die Folgen der Abwehr für die Individuen haben Margarete und
Alexander Mitscherlich in ihrer bahnbrechenden Studie beschrieben: "Die
Abwehr kollektiv zu verantwortender Schuld (...) hat ihre Spuren im
Charakter hinterlassen. Wo psychische Abwehrmechanismen wie etwa
Verleugnung und Verdrängung bei der Lösung von Konflikten (...) eine
übergroße Rolle spielen, ist regelmäßig zu beobachten, wie sich die
Realitätswahrnehmung einschränkt und stereotype Vorurteile sich
ausbilden; in zirkulärer Verstärkung schützen dann die Vorurteile
wiederum den ungestörten Ablauf des Verdrängungs- oder
Verleugnungsvorganges."10
Eine der zentralen Reaktionsformen, "mit denen die Einsicht in die überwältigende Schuldlast ferngehalten wird"11, ist die Absperrung oder Gefühlsstarre12.
Die Abspaltung der Affekte ging im mancher Hinsicht nicht nur der Tat
voraus, sondern bildete auch die Grundlage ihrer anhaltenden
"Verdrängung", gar Verleugnung. Dort wo die emotionale Besetzung eines
zu erinnernden Ereignisses fehlt, ist dem Gedächtnis eine zentrale
Voraussetzung entzogen. Die emotionale Gleichgültigkeit gegenüber den
Opfern ist also die Grundlage des Vergessens. Die erfolgreiche Abwehr
der Affekte wird im Umkehrschluss als Beleg der Unschuld genommen: Weil
die TäterInnen und ihre Nachkommen nicht unter dem, was getan wurde,
litten/leiden und unfähig waren/sind, "das Grauenhafte als grauenhaft
wahrzunehmen"13,
konnte kein Verantwortungs- und Schuldgefühl entstehen.
Nur das kulturindustriell bearbeitete Grauen findet den Zugang zu den
Emotionen, wo es sentimentale Reaktionen hervorruft. Als narzisstische
Form der Trauer spiegelt sich in der Sentimentalität weniger das Los
der Opfer als das deformierte Selbst. Sich selber ein Bild des
unsäglichen Grauens zu machen, würde genau jene empathische
Erinnerungsarbeit erfordern, gegen welche sich das traumatisierte14
(Un)Bewusstsein in den TäterInnengesellschaften so vehement versperrt.
Statt dessen kam und kommt es zu einer "Affektverleugnung und
Affektisolation, was heißt, daß (...) das, was in Auschwitz geschah,
zwar durchweg anerkannt wird, aber im Erleben nichts bedeutet."15
Dort, wo das Mitfühlen nicht zugelassen wird, kann auch ein
authentisches Erinnern nicht Platz greifen. Geschwätzige
Betroffenheits-Rhetorik, ritualisiertes Gedenken und philosemitische
Schwärmerei ersetzen die individuelle Bearbeitung.
Die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens verdrängte den Antisemitismus
zunächst ins Private. Im sekundären Antisemitismus wird nun diese
Spannung zwischen antisemitischer Einstellung und der weitgehenden
Ächtung ihrer öffentlichen Artikulation den Juden und Jüdinnen
angelastet. Von diesen fühlen sich auch die sekundären AntisemitInnen
verfolgt. In Sätzen wie "Man darf ja heute gar nichts mehr sagen über
die Juden" spiegelt sich das Stereotyp von der jüdischen Allmacht und
die paranoide Aufrichtigkeit von AntisemitInnen. Die tatsächliche
Präsenz von Auschwitz in Presse, Funk und Fernsehen wird - unter
Aktualisierung des alten Stereotypes von der "jüdischen Medien-" oder
"Manipulationsmacht" - dem Einfluss der Juden und Jüdinnen
zugeschrieben.
Dort, wo Auschwitz nicht einfach geleugnet werden kann, erscheinen
die Gedanken daran als verordnete. Der FPÖ-Bundesrat John Gudenus
brachte dies auf den Punkt: "Gaskammern? Ich halte mich da raus. Ich
glaube alles, was dogmatisch vorgeschrieben ist." In bewährter Manier
sehen sich nicht wenige Deutsche und ÖsterreicherInnen als passiv, ja
geradezu als Opfer, diesmal der Umerziehung und des NS-Verbotsgesetzes,
welches öffentliches Leugnen der Shoah mit Strafe bedroht, sowie der
"Holocaust-Industrie", welche sich der Ausbeutung schuldig mache.
Der innere Spannungszustand zwischen dem narzisstischen Größenselbst
und Resten von Schuldgefühlen, die durch die Abwehrmauern sickern und
notwendig vom Ich als äußerlich, als von außen aufoktroyiert empfunden
werden, wird zur Quelle der Paranoia, die bereits den primären
Antisemitismus massenwirksam werden ließ.
Die Projektion ist der zentrale Mechanismus auch im sekundären
Antisemitismus: Nun werden die Reste des Schuldgefühls und der
Erinnerung auf Juden und Jüdinnen übertragen. "Die Überlebenden der
Vernichtung werden zu Trägern der Affekte, die wiederum die
nichtjüdischen Deutschen in ihrer psychischen Struktur nicht
integrieren können."16
Gehasst und verfolgt werden Juden und Jüdinnen dann, weil sie allein
durch ihre Existenz dauernd an Auschwitz erinnern. Wenn man das Grauen
nicht an sich herankommen lässt, neigt man dazu, "den, der auch nur
davon spricht, von sich wegzuschieben, als wäre er, sofern er es
ungemildert tut, der Schuldige, nicht das Opfer."17
Im philosemitischen Diskurs werden Juden und Jüdinnen hingegen zur
moralischen Instanz erhoben, welche mahnend über der
TäterInnengesellschaft thront. Auch hier wird ihnen Macht
zugeschrieben. Im Unterschied zu AntisemitInnen erwarten die
nachgeborenen FreundInnen des Judentums jedoch, von der Autorität
geliebt zu werden. Wieder Kindern gleich, bitten sie Juden und Jüdinnen
um "Vergebung" für ihre "bösen Taten" (so Kanzler Vranitzky 1993 in
Israel). Lassen sich die derart Bedrängten dann nicht in die Rolle der
gütigen Eltern pressen oder zeigen sie wenig Bereitschaft, das
Geschehene vergessen zu wollen und Auschwitz den Deutschen und
ÖsterreicherInnen als historischen Betriebsunfall durchgehen zu lassen,
kommt es auch hier zum Umschlag in den Hass. Mindestens die Drohung
eines wiedererstarkenden Antisemitismus schwebt dann über denjenigen,
die der sogenannten Aussöhnung im Wege stehen.
Im öffentlichen Diskurs ist heute jedoch auch ein Formwandel der
"Abwehr" und "Verdrängung" festzustellen. Anstatt über Auschwitz und
die eigene Schuld zu schweigen, kommt heute fast keine Sonntagsrede
ohne den Verweis auf das Unsägliche aus. Dieser dient aber nicht dem
Abrufen der Erinnerung zum Zweck der Durcharbeitung und - damit
verbundenen - Selbstreflexion, sondern hat andere Ursachen. Jüngst
wurde damit etwa versucht, den Angriffskrieg auf Jugoslawien zu
legitimieren. Schon im Stadium des Schweigens erkannte Adorno: "Man hat
es nicht so eilig mit dem Schlussstrich unter die Vergangenheit, wenn
sie der Abwehr dient."18
Tatsächlich stellen die so beliebten Vergleiche von Hitler mit
aktuellen "Schurken" oder von Kriegsverbrechen mit der Shoah implizit
einen Versuch dar, die NS-Gräuel zu relativieren.
Akademische Tilgung der Erinnerung
Vor dem Hintergrund der Existenz sekundär-antisemitischer Diskurse,
der politischen Opportunität und der (hier nicht näher zu bestimmenden)
persönlichen Motivation ist Rudolf Burgers "Plädoyer für das Vergessen"19 zu lesen.
Dieses beginnt mit einer Obsoleterklärung der "Verdrängungstheorie
der Nazizeit": Angesichts "einer Unterhaltungsindustrie, welche den
'Holocaust' seit gut zwanzig Jahren quer durch alle Genrebereiche
auswalzt", könne nicht mehr von Verdrängung gesprochen werden. Die
Kritik an der kulturindustriellen Aufbereitung und Verwertung des
Themas, welche den Mechanismus von "Abwehr" und "Verdrängung" eben
nicht stören muss, sondern vielmehr das "kalte und leere Vergessen"
(Adorno) befördern kann, ist nicht neu.20
Neu hingegen ist die Instrumentalisierung dieser Kritik zum Zwecke der
Erledigung jeder Erinnerung an die Shoah. Es war vor allem Martin
Walser, der 1998 mit seiner berüchtigten Rede hier den Weg wies.21
Auch gilt nicht, wie Burger behauptet, jeder, den vor der
kulturindustriellen Verwertung des Grauen "ekelt", automatisch "als
Antisemit." Diese polemische Übertreibung mag persönlicher Ausdruck
unbestimmter Ängste sein, auf jeden Fall dient sie der
Selbstimmunisierung gegenüber dem offenbar befürchteten
Antisemitismus-Vorwurf.
Nachdem Burger die Freudsche Theorie im Vorbeigehen als "ein genial
erzähltes Kunstmärchen aus dem schwülen Milieu des Wiener Fin de
si³cle" abzutun versucht hat, knüpft er sich deren Anwendung in der
Analyse sozialer Phänomene und des kollektiven Umganges mit der
NS-Vergangenheit vor. Dabei ignoriert er zunächst die Freudsche
Einschränkung der Massenpsychologie22,
um diese dann um so einfacher mit der Jungschen Archetypenlehre und
"Völkerseele" zusammenfallen lassen zu können. Auch setzt sich Burger
über das regressive Moment pathologischer Gruppenbildung23
souverän hinweg. Gerade die NS-Volksgemeinschaft ist ein
eindrucksvoller Beleg für die von ihm geleugnete Möglichkeit der
Ausbildung eines kollektiven Über-Ichs in der Form des "Führers". Und
nur in diesem Zusammenhang macht die von Burger kurzerhand als falsch
abgetane Rede von der Traumatisierung und "Verdrängung" auf der Seite
der TäterInnen Sinn: Es waren ja gerade nicht die Verbrechen, sondern
die traumatischen Erfahrungen des Verlustes des "Führers" und des
narzisstischen Größenselbst des "Ariers", die verdrängt wurden. Da
nicht davon auszugehen ist, dass Burger das diesbezügliche Standardwerk
von Alexander und Margarete Mitscherlich ("Die Unfähigkeit zu Trauern")
nicht kennt, muss es sich hierbei um eine (bewusste?) Verdrehung
handeln. Aber die Wahrheit hat stets einen schweren Stand, wenn die
Erinnerung an Auschwitz getilgt werden soll.
Ähnlich verhält es sich mit der "Kollektivschuld", die Burger als
Popanz aufbaut. Die Rede von der "Kollektivschuld" ist integraler
Bestandteil des Abwehrdiskurses und erfüllt nur in diesem seine
Funktion: Von der Unmöglichkeit einer "Kollektivschuld" wird dann stets
rasch auf die einer individuellen Schuld und Verantwortung geschlossen.
Wie stets im Abwehrdiskurs wird die Shoah bei Burger vom singulären
Bruch in der Zivilisation zu einem "Großverbrechen" unter vielen.
Darüber hinaus suggeriert Burger mit seinem Hinweis auf das Vergessen
von (Bürger)Kriegen, bei der antisemitischen NS-Vernichtungspolitik
handle es sich um einen solchen. Wenn er weiters behauptet, dass "die
Nazizeit so versunken (ist) wie Karthago" und "neue Generationen (...)
herangewachsen (sind), die mit dem Geschehen von damals absolut nichts
mehr zu tun haben", leugnet er die Kontinuität etwa in Form des
maßgeblich auf ausgebeuteter Zwangsarbeitskraft und geraubtem jüdischen
Eigentum basierenden kollektiven Wohlstandes. Soviel zur materiellen
Grundlage des Vergessens.
Am Ende kommt Burger endlich zur Sache: Weil es sich bei den Thesen
über die "Abwehr" und "Verdrängung" der NS-Vergangenheit um bloßes
"Gerede" ohne realen Gehalt handle, muss deren anhaltende Verbreitung
anderen Interessen als der Wahrheitssuche geschuldet sein. Und so ist
dieses "Gerede" für Burger "eine politische Erpressungsstrategie" und
ein "schamloses Geschäft". Wer die "Erpresser" und "Geschäftemacher"
sind, denken sich AntisemitInnen dann dazu. Im zentralen Satz, den
Burger an den Schluss gestellt und wohl bewusst weitgehend in
Andeutungsform gehalten hat, drückt sich der Glaube an die Existenz
einer (jüdischen) "Holocaust-Industrie" aus: "Wie die Dinge liegen,
wäre Vergessen [der NS-Verbrechen, Anm.] nicht nur ein Gebot der
Klugheit, sondern auch ein Akt der Redlichkeit; und es wäre eine Geste
der Pietät. Schlimme Folgen hätte es keine, nur vielleicht für das
Geschäft."
Noch deutlicher wurde Burger dann einige Monate später in der
ORF-Sendung "kreuz und quer". Am 6. November 2001 diskutierten dort mit
ihm Dan Diner, Eva Menasse und Jörn Rüsen über die Frage "Vergessen
oder Erinnern: Warum heute noch von Auschwitz reden?". Burger betonte
dabei neuerlich, dass er nicht nur "den scham- und würdelosen
kulturindustriellen Umgang mit dem Holocaust" kritisiere, sondern auch
verlange, dass es angesichts dieser Formen der kulturindustriellen
Erinnerung wohl besser sei, die Shoah überhaupt zu vergessen. Doch
damit war Burger noch nicht am Ende seiner Argumentation, seine
zentrale These, die er an diesem Abend vertreten wollte, ging nämlich
über eine Kulturindustriekritik und eine Wiederholung seines
"Plädoyers" hinaus. Bevor Burger auf den Punkt kam, formulierte er
folgende - rhetorische - Fragen: "Das Thema Holocaust ist relativ neu,
kommt erst in den siebziger Jahren mit der amerikanischen
'Holocaust'-Serie auf. Warum erst so spät? Ist das (wirklich)
Verdrängung? Oder war die Vergangenheit sehr wohl verfügbar?"
Kurz darauf wiederholte Burger seine Fragen, um dann sogleich die - für
ihn - passenden Antworten zu geben: "Wenn der Holocaust als Ereignis
[wie zuvor vom Historiker Dan Diner in die Diskussionsrunde geworfen,
Anm.] von so einer Wucht in der Wirkung war, warum rückt es dann erst
so spät ins Zentrum? Warum nicht schon in den vierziger und fünfziger
Jahren? (...) Wir haben es mit einer Kulturindustrie zutun und wir
haben es damit zutun, dass Neomythen mediengesteuert gemacht werden,
oder zumindest mitgemacht werden. Und genau das ist das Problem. Jetzt
rückt Auschwitz/der Holocaust ins Zentrum."
Burger sieht im "Holocaust" und vor allem in der Tatsache, dass
dieser ins Zentrum der Erinnerung gerückt sei, nicht nur die
(mediengesteuerte) Etablierung eines "Neomythos", sondern er hält es
auch für "auffällig und ärgerlich", dass man heute nur noch von den
Juden und Jüdinnen, aber nicht mehr von den "politischen" NS-Opfern
spreche: "65.000 Juden sind von den Nazi ermordet worden und 90.000
politische Gegner, 90.000! Das war die Hälfte mehr - redet man davon
noch? Also auch die Einengung auf ein bestimmtes Opferkollektiv, das
ist auch ärgerlich."24
Abgesehen davon, dass Burger mit falschen Zahlen operiert - die Zahl
der politischen NS-Opfer in Österreich lag bei etwa 30.000 - und es bei
der Erinnerung an die Shoah keineswegs nur um die österreichischen
Opfer, sondern um den industrialisierten Massenmord an den Juden und
Jüdinnen in Europa geht, zeigen seine Bemerkungen sehr deutlich, dass
er davon ausgeht, dass die westliche Welt seit den späten siebziger
Jahren einer massiven "Holocaust-Erinnerungsmanipulation" ausgesetzt
ist, die das eigentlich nur mäßig bedeutsame Ereignis "Holocaust" in
den Mittelpunkt rücke, während die eigentlich zentralen
Erinnerungsereignisse, wie etwa, dass es auch politische NS-Opfer
gegeben habe, an den Rand gedrängt würden. Wer diese
"Erinnerungsmanipulationsindustrie" betreibe, will uns Burger zwar
(noch) nicht genau verraten, aber das braucht er eigentlich auch gar
nicht, denn in Österreich und im Diskurs eines "Antisemitismus ohne
Antisemiten"25
werden seine Anspielungen durchaus verstanden - wissen nicht ohnehin
alle, wer in Hollywood das Sagen hat und die Medien steuert?
Die bemerkenswerte Tatsache, dass die Äußerungen Burgers durchaus im
Sinne sekundär-antisemitischer Anspielungen interpretiert werden
können, deutet auf die unserer Ansicht eigentlich relevanten
Bedeutungsschichten von Burgers Philosophie des Vergessens hin: Während
er vordergründig die "Irrtümer der Gedenkpolitik" zum Thema erklärt,
spiegeln sein Text und seine Äußerungen etwas anderes und wesentlich
problematischeres wieder - nämlich den Versuch der Rechtfertigung und
Rationalisierung der eigenen Abwehr der Erinnerung an die Shoah.
Alles in allem reiht sich Burger mit seinem Postulat des Vergessens in die "sekundäre Volksgemeinschaft"26
ein: "Der Gestus, es solle alles vergeben und vergessen sein, der
demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern
derer praktiziert, die es begingen."27
Kein nationaler Schulterschluß ohne nationale Intelligenzia...
1 Zur Zeit, Nr. 5/00 → zurück
2 Neue Kronen Zeitung, 5. 1. 2001 → zurück
3 vgl. Rensmann, Lars: Kritische Theorie über den
Antisemitismus. Studien zu Struktur, Erklärungspotential und
Aktualität. Berlin, Hamburg 1998, S. 231ff → zurück
4 Die Begriffe Abwehr und Verdrängung sind im
Zusammenhang mit den NS-Gräuel und auf Seiten der TäterInnen weniger in
ihrer engeren, psychoanalytischen Bedeutung zu verstehen, sondern unter
Miteinbeziehung bewusster (politischer und sozialer) Dimensionen. Die
politische und gesellschaftliche Notwendigkeit kommt den unbewussten
Reaktionsweisen entgegen, der sekundäre Antisemitismus hat nicht nur
unbewusste Ursachen. Mit Adorno ist hier vielmehr zu betonen, dass die
"Tilgung der Erinnerung" an Auschwitz "eher eine Leistung des allzu
wachen Bewusstseins als dessen Schwäche gegenüber der Übermacht
unbewusster Prozesse" darstellt. (Adorno, Theodor W.: Was bedeutet:
Aufarbeitung der Vergangenheit, in: ders.: Gesammelte Schriften 10.2.
Frankfurt/M. 1977, S. 558) → zurück
5 Bezeichnung für das vielfältig geschwächte und
beschädigte Ich, das sich über verschiedene Identifikationen (z.B. mit
"starken Männern", höheren Idealen oder als mächtig erlebten
Kollektiven) aufbläht. Hier ist v.a. die psychische Machtressource
Nationalismus angesprochen. → zurück
6 Adorno, Theodor W.: Schuld und Abwehr, in: ders: Gesammelte Schriften 9.2, Frankfurt a. M. 1977, S. 150 → zurück
7 1995 waren 28% der ÖsterreicherInnen der Meinung,
dass "die Juden den NS-Holocaust für ihre eigenen Zwecke ausnützen."
(Gallup Institute of Austria: Current Austrian Attitudes towards Jews
and the Holocaust. A Public-Opinion Survey. Wien 1995) Heute bejahen
45% der ÖsterreicherInnen die Aussage: "Die Juden nutzen die Erinnerung
an den nationalsozialistischen Holocaust für eigene Zwecke aus".
(Gallup Institute of Austria: Attitudes towards Jews and the Holocaust
in Austria. Wien 2001) → zurück
8 vgl. zur Auseinandersetzung mit Finkelsteins
Behauptungen: Dietzsch, Martin/Schobert, Alfred (Hg.): Ein "jüdischer"
David Irving? Norman G. Finkelstein im Diskurs der Rechten.
Erinnerungsabwehr und Antizionismus. Duisburg 2001; Surmann, Rolf
(Hg.): Das Finkelstein-Alibi. "Holocaust-Industrie" und
Tätergesellschaft. Köln 2001; Steinberger, Petra (Hg.): Die
Finkelstein-Debatte. München; Zürich 2001 → zurück
9 Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Vorwort zu Paul
W. Massings "Vorgeschichte des politischen Antisemitismus", in:
Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 8. Frankfurt a. M. 1985, S.
126 → zurück
10 Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die
Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Frankfurt a.
M. u.a. 1970, S. 24 → zurück
11 ebd., S. 40 → zurück
12 Diese Kälte gegenüber den Opfern bleibt oftmals
nicht auf den Nationalsozialismus beschränkt. Rudolf Burger fiel etwa
zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ein: "Kühl betrachtet
hatte das ja eine Ästhetik des Erhabenen". (zit n. profil 52A/1/2001,
S. 78) → zurück
13 Anders, Günther: Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966. Nach "Holocaust" 1979. München 1985, S. 186 → zurück
14 Dierk Juelich führt das Trauma der Deutschen (wir
können ergänzen: der ÖsterreicherInnen) auf eine narzisstische Kränkung
zurück. Am 8. Mai 1945, im Alltagsdiskurs treffend als "Zusammenbruch"
bezeichnet, wurden demnach die TäterInnen und ZuschauerInnen der Shoah
mit der Tatsache konfrontiert, dass die von der antisemitischen
"Ideologie verheißende Erlösung nicht eingetreten war und der Rahmen,
der diese Erlösung ermöglichen sollte, 'zusammenbrach'". (Juelich,
Dierk: Erlebtes und ererbtes Trauma. Von den psychischen Beschädigungen
bei den Urhebern der Schoa, in: Schreier, Helmut; Heyl, Matthias (Hg.):
"Dass Auschwitz nicht noch einmal sei..." Zur Erziehung nach Auschwitz.
Hamburg 1995, S. 83-110, hier S. 98) → zurück
15 ebd., S. 98 → zurück
16 ebd., S. 99 → zurück
17 Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in: Gesammelte Schriften Bd. 10. 2. Frankfurt a. M. 1997, S. 67 → zurück
18 ders.: Schuld und Abwehr a.a.O., S. 237 → zurück
19 Burger, Rudolf: Irrtümer der Gedenkpolitik. Ein
Plädoyer für das Vergessen, in: Europäische Rundschau, Nr. 2/2001, S.
3-13; falls nicht anders angegeben, sind alle Zitate Burgers diesem
Text entnommen → zurück
20 vgl. z.B.: Claussen, Detlev: Grenzen der
Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus.
Frankfurt a. M. 1994; Young, James E.: Beschreiben des Holocaust.
Darstellung und Folgen der Interpretation. Frankfurt a. M. 1992; Berg,
Nicolas; Jochimsen, Jess; Stiegler, Bernd (Hg.): Shoah. Formen der
Erinnerung. Geschichte, Philosophie, Literatur, Kunst. München 1996
"Die massenmediale Kultur hat Auschwitz assimiliert. Das zu begreifende
Unbegreifliche ist in eine triviale Banalität verwandelt worden (...).
Die unterschiedlichen Gefühle von Schuld, die durch die massenmediale
Konfrontation mit dem Verbrechen ausgelöst werden, werden am
Bewusstsein vorbei in Sentimentalität verwandelt - eine Form des
Kitsches, die der Unterhaltungsindustrie eigen ist." (Claussen, Detlev:
Die Banalisierung des Bösen. Über Auschwitz, Alltagsreligion und
Gesellschaftstheorie, in: Werz, Michael (Hg.): Antisemitismus und
Gesellschaft. Zur Diskussion um Auschwitz, Kulturindustrie und Gewalt.
Frankfurt a. M. 1995, S. 13) Die Kulturindustrie verwandle "Gewalt in
folgenlosen konformistischen Genuß." (ebd., S. 14) Der Erfolg der
kulturindustriellen Aufbereitung der Shoah hat eine zentrale Ursache im
Bedürfnis, sich selbst kein Bild und keinen Begriff machen zu wollen.
Durch die Integration des Grauens in den herkömmlichen Erzählfluss
verliert dieses seine monströse Einzigartigkeit. Den KonsumentInnen
ermöglicht dies, der drohenden grenzenlosen Ohnmacht und Verzweiflung
angesichts dieses Grauens auszuweichen. → zurück
21 Walser, Martin: Erfahrungen beim Verfassen einer
Sonntagsrede. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998. Frankfurt
a. M. 1998; Brumlik, Micha; Funke, Hajo; Rensmann, Lars: Umkämpftes
Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche
Geschichtspolitik. Berlin 2000; Dietzsch, Martin; Jäger, Siegfried;
Schobert, Alfred (Hg.): Endlich ein normales Volk? Vom rechten
Verständnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation.
Duisburg 1999 → zurück
22 Fenichel betont mit Freud ("Massenpsychologie und
Ich-Analyse"), "daß wir, wenn wir von massenpsychologischen Phänomenen
reden, beileibe nicht an mystische 'Massenseelen' zu denken haben, da
seelisches Geschehen sich für den Naturwissenschaftler immer nur im
einzelnen Individuum abspielt. (...) Sie (die Massen- oder
Sozialpsychologie, Anm. H. S.) unterscheidet sich von der
Einzelpsychologie nur dadurch, daß sie die Vorgänge im Einzelnen
untersucht, 'insofern er einer Masse angehört'. Der Mensch 'gehört'
Massen 'an', insofern er mit anderen Individuen jeweils verschiedene
Gruppen psychischer Eigenschaften gemeinsam hat. Solche psychische
Eigenschaften, in denen Gruppen von Menschen übereinstimmen, sind
Gegenstand der Massenpsychologie." (Fenichel, Otto: 119 Rundbriefe. 2
Bde, hrsg. v. Johannes Reichmayr u. Elke Mühlleitner. Frankfurt a. M.,
Basel 1998, S. 843) Freud selbst schränkte ein: "Den Terminus 'das
Verdrängte' gebrauchen wir hier im uneigentlichen Sinn. Es handelt sich
um etwas Vergangenes, Verschollenes, Überwundenes im Völkerleben, das
wir dem Verdrängten im Seelenleben des Einzelnen gleichzustellen wagen.
(...) Es wird uns nicht leicht, die Begriffe der Einzel-Psychologie auf
die Psychologie der Masse zu übertragen, und ich glaube nicht, daß wir
was erreichen, wenn wir den Begriff eines 'kollektiven' Unbewußten
einführen. (...) Wir behelfen uns also vorläufig mit dem Gebrauch von
Analogien." (Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische
Religion, in: ders.: Gesammelte Werke XVI. Frankfurt a. M. 1999, S.
241) → zurück
23 Eine Gruppenbildung ist dann als pathologisch zu
bezeichnen, "wenn sie dem ohnmächtigen Individuum vor allem dazu
verhilft, unsublimierte und uneingeschränkt destruktive Triebenergien
abzuführen". (Simmel, Ernst: Antisemitismus und
Massen-Psychopathologie, in: ders. (Hg.): Antisemitismus. Frankfurt a.
M. 1993, S. 72) → zurück
24 Burger in "kreuz und quer", ORF 2, 6. 11. 2001 → zurück
25 vgl. Marin, Bernd: Antisemitismus ohne Antisemiten. Autoritäre Vorurteile und Feindbilder. Frankfurt a. M./New York 2000 → zurück
26 vgl. zum Begriff: Scheit, Gerhard: Sekundäre
Volksgemeinschaft, in: ders.: Die Meister der Krise. Über den
Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand. Freiburg 2001, S.
93-108 → zurück
27 Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit a.a.O., S. 555 → zurück |