Erinnerung an ein gerne vergessenes Buch über eine gerne vergessene Geschichte - von Eva Krivanec
Anlässlich der 'Anschluss'-Gedenkveranstaltungen 1988 fand am
Institut für Philosophie in Wien eine Tagung zur Geschichte des Wiener
Instituts für Philosophie während des Nationalsozialismus statt, die
selbst zum Gegenstand heftiger Polemiken und Debatten wurde. Diese sind
teilweise im 1993, also fünf Jahre später (!) unter beträchtlichen
Mühen und gegen massive Widerstände publizierten Sammelband1
nachzulesen. Unter dem Eindruck der entstandenen Aufregung wurde auch
der Fokus verändert - der Zeitraum von 1930 bis 1950 erweitert und den
Kontinuitäten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Denn die Tatsache, dass es
sich um ein so 'heißes Thema' handelte, wies deutlich darauf hin, dass
es bei einem solchen Unterfangen keineswegs nur um
'Vergangenheitsbewältigung' gehen kann, sondern um die Analyse einer
aktuellen Situation in ihrer konkreten historischen Bedingtheit.
Für die folgende Kurzdarstellung, die sich an den in diesem Sammelband
- "Der geistige Anschluß" - veröffentlichten Aufsätzen orientiert, soll
deshalb der Versuch unternommen werden, von heute (im Heute) beginnend
zur Situation in den Dreißiger Jahren 'zurückzugehen'.
Das heute existierende Institut für Philosophie an der Uni Wien, das
verhältnismäßig viele Lehrende aufweist, das in sich vielfältig
fragmentiert ist, sich in 'Schulen' organisiert - sowohl was die
Reproduktion der Lehrenden als auch die Segregation der Studierenden
betrifft - und das immer wieder durch heftige Kontroversen oder
umstrittene Entscheidungen ins Licht der universitären Öffentlichkeit
gerät, beruht in vielen seiner strukturellen Eigenheiten auf seiner
Entwicklung ab den 50er Jahren. Diese war durch die Teilung in zwei
Institute und deren Ordinarien Erich Heintel auf der einen, Leo Gabriel
auf der anderen Seite - durch eine versperrte Tür getrennt - geprägt2.
Interessant scheint nun, gerade jene Punkte zu nennen, die diese beiden
philosophischen Institute und ihre "Padrones" gemeinsam hatten, denn
sie stabilisierten sich gegenseitig ungemein und beruhten auf einem
Grundkonsens dessen, wie Philosophie zu denken und zu lehren sei, bzw.
wie ihr Verhältnis zur Wissenschaft auszusehen habe - auch wenn sie von
ihren jeweiligen SchülerInnen die emphatische Übernahme ihres
philosophischen Gestus, wie es Elisabeth Nemeth in dem höchst
aufschlussreichen Aufsatz "Zwischen Orthodoxie und gesellschaftlicher
Sichtbarkeit"3 nennt, forderten.
Zentrale Elemente dieses Grundkonsenses sind zum einen eine Konzeption
von Philosophie und deren Vermittlung, die sich "sozialer Magie",
starker Gruppenkohäsion und dem Erlernen einer bestimmten Sprache,
bestimmter Argumentationsfiguren, eines spezifischen Gestus und einer
Haltung (ganz im Sinne Brechts) verdankt, zum anderen eine auf beiden
Seiten gleich starke Ablehnung marxistischer Philosophie ebenso wie der
Philosophie des "Wiener Kreises"4.
Dieser Grundkonsens ist es auch, der uns sogleich in die Dreißiger
Jahre geleitet, so wie die zwei Ordinarien Heintel und Gabriel, und es
ruft vielleicht kein großes Erstaunen hervor, wenn wir in diesen zwei
Figuren der Wiener Nachkriegsphilosophie die zwei Spielarten des
deutschsprachigen Faschismus repräsentiert finden.
Als "Schüler und Freund"5
von Robert Reininger, der 1939 in "Wertphilosophie und Ethik: Die Frage
nach dem Sinn des Lebens als Grundlage einer Weltordnung" vom
"angeborene[n] Ethos einer Rasse und eines Volkes" spricht, das "keiner
Belehrung durch die Theorie bedarf"6,
im selben Jahr emeritiert und von dem langjährigen NSDAP-Mitglied und
NS-Weltanschauungs-Anthropologen Arnold Gehlen als Ordinarius für
Philosophie abgelöst wird7,
bemüht sich Erich Heintel in den Jahren nach dem Anschluss um eine
NSDAP-Mitgliedschaft, die er schließlich am 1.Juli 1940 erhält8.
Heintel habilitiert sich 1939 mit einer Arbeit zu Nietzsches 'System',
wo es z.B. heißt: "Wer, wie er [Fichte], im Gelehrten das 'öffentliche
Gewissen' im Staate sah, konnte wohl kaum mit ihm jenes Bild eines
feigen und marklosen Schwätzers verbinden, welches unser aufbrechendes
Zeitalter mit Recht verhöhnt und verachtet, [...]"9
und veröffentlicht 1944 die Schrift "Metabiologie und
Wirklichkeitsphilosophie", in der er es begrüßt, "[d]aß man nämlich mit
dem biologischen Denken Ernst gemacht hat, daß man also z.B.
Vererbungslehre als Eugenik usw. in den Dienst menschlicher
Daseinsgestaltung gestellt hat, [...]" und meint damit für alle, die
"an gesunder, sauberer Leiblichkeit [...] Freude ha[ben]"10, sprechen zu können.
Die "philosophischen" Kreuzritter der Tat und des neuen Geists "gegen
Intellektualismus und Mechanismus" weisen sich so die legitimatorische
Funktion ihres Wirkens gleich selbst zu.
Leo Gabriel wiederum war dem Austrofaschismus zugewandt, publizierte
in den Dreißiger Jahren Aufsätze zur "Arbeit als gemeinschaftsbildendes
Element" und zur "geistigen Situation der Volksbildung" in
katholisch-ständestaatlichen Zeitschriften11.
Im denkwürdigen Buch mit dem Titel "Führertum und Gefolgschaft" (1937),
legte er ein eindeutiges Bekenntnis zu Führerprinzip und Autoritarismus
ab: "Der Führer hat ein sittliches, im Wesen der Gemeinschaft tief
begründetes Anrecht, einen Gefolgsanspruch zu stellen."12
Auch Gabriels Freundschaft mit einem gewissen Dr. Nelböck, einem
ehemaligen Schüler des Philosophieprofessors Moritz Schlick - dem
letzten in Wien lehrendem Mitglied des "Wiener Kreises" -, läßt einige
Fragen offen13. Nelböck ermordete Schlick am 22.6.1936 nach mehreren Morddrohungen auf den Hauptstiegen der Universität Wien.
Gerade die problemlose Rehabilitation jener Universitätsangehöriger
nach 1945, die dem Austrofaschismus nahestanden,- als Opfer des
Nationalsozialismus - ist angesichts der radikalen antisemitischen
"Säuberungspolitik" an den Universitäten in Österreich vor dem Anschluß
ein Hohn. Zwecks der Anschaulichkeit: Die Durchsetzung der
Nationalsozialistischen Rassengesetze, die in Österreich lediglich
einen Bruchteil der Zeit brauchte als davor in Deutschland, betraf im
Bereich der österreichischen Universitätsphilosophie lediglich zwei
Personen, beide selbst nicht Juden, sondern, wie es hieß, "jüdisch
versippt", alle anderen Lehrenden der Philosophie jüdischen Glaubens
oder jüdischer Herkunft waren bereits davor aus der Universität
ausgeschlossen oder vertrieben worden14.
1 Kurt R. Fischer, Franz M. Wimmer (Hg.): Der geistige
Anschluß. Philosophie und Politik an der Universität Wien 1930-1950. -
Wien: WUV-Universitätsverlag 1993. siehe insb. Anhang: Darstellungen
und Kontroversen, S.239-292. → zurück
2 vgl. Herta Nagl-Docekal: Das Institut für Philosophie
der Universität Wien. Der Status Quo und seine Genese. - in: ebenda,
S.206-220. (Trotz wichtiger Informationen über die Lage des Instituts
in den frühen 60er Jahren suggeriert dieser Artikel eine
kontinuierliche positive Entwicklung, die in Anbetracht des
reaktionären "Backlashs" in der Machtverteilung am Institut
verharmlosend wirkt). → zurück
3 Elisabeth Nemeth: Zwischen Orthodoxie und
gesellschaftlicher Sichtbarkeit. Erinnerungen an Karl Ulmer und
Überlegungen zum Institut für Philosophie an der Universität Wien. -
in: ebenda, S.221-235. → zurück
4 vgl. ebenda, S.230f. In den laufend erscheinenden
Würdigungen zu Heintels Leben und Werk wird meist die "Monumentalität"
seiner Philosophie hervorgehoben - eine Monumentalität, die sich mit
den Detailfragen kritischer Rationalität und Wissenschaftlichkeit,
geschweige denn einer Reflexion der eigenen Tätigkeit, nicht
einzulassen gewillt war. → zurück
5 vgl. Kurt Walter Zeidler: Kritische Dialektik und
Transzendentalontologie. Der Ausgang des Neukantianismus und die
post-neukantianische Systematik R. Hönigswalds, W. Cramers, B. Bauchs,
H. Wagners, R. Reiningers und E. Heintels. - Bonn: Bouvier 1995. S.291 → zurück
6 zit. in: Otto Pfersmann: Philosophie in Wien zwischen
"Anschluß" und Befreiung, Mythus, Affekt und praktischer Vernunft. -
in: K.R.Fischer, F.M.Wimmer (Hg.): Der geistige Anschluß. S.86-88. → zurück
7 vgl. Gernot Heiß: "...wirkliche Möglichkeiten für
eine nationalsozialistische Philosophie"? Die Reorganisation der
Philosophie (Psychologie und Pädagogik) in Wien 1938 bis 1940. - in:
ebenda, S.132-134. → zurück
8 vgl. Kurt Rudolf Fischer, Franz Martin Wimmer:
Vorbemerkung. - in: ebenda, S.7f. - Mit der Arbeit George Leamans
dürfte die umstrittene Frage, ob das Ansuchen Heintels auf
NSDAP-Mitgliedschaft erfolgreich war oder nicht, zunächst zumindest
insoweit geklärt sein, als Heintels Mitgliedschaft und seine
Mitgliedsnummer feststehen. → zurück
9 zit. in: Otto Pfersmann (s.o.) S.92. → zurück
10 zit. in: Frank Hartmann: Das Wiener Philosophische
Institut und der Nationalsozialismus. Ein Bericht. - in: K.R.Fischer,
F.M.Wimmer (Hg.): Der geistige Anschluß. S.1760. → zurück
11 Die Arbeit als gemeinschaftsbildendes Element. -
in: Volkswohl. Katholische Monatsschrift für Volksbildung, Kultur und
Gesellschaftsreform Jg. 25, H. 7 (1933/34) S.198-203 - Die geistige
Situation der Volksbildung. - in: Das Volksbildungswesen der Stadt Wien
unter Bürgermeister Richard Schmitz in den Jahren 1934-1936. Wien 1937.
S.5-9. vgl. Bibliographie Leo Gabriels → zurück
12 zit.in: Frank Hartmann (s.o.) S.172. → zurück
13 vgl.ebenda. → zurück
14 vgl. George Leaman: Die Universitätsphilosophen der "Ostmark". - in: FORUM, Nr. 481-484 (22.4.1994). → zurück |