Warum das Wiener Institut für Theaterwissenschaft in der Hofburg residiert und warum sich niemand darüber wundert - von Eva Krivanec
Das "Zentralinstitut für Theaterwissenschaft" war eine von neun
Institutsneugründungen an der Universität Wien in den Jahren 1938 bis
1945, neben einschlägigen Gründungen wie dem "Institut für
Rechtsvereinheitlichung", dessen Gründer und Leiter Ernst Swoboda die
Erzeugung eines "einheitlich nationalsozialistisch durchtränkten
deutschen Rechts"1
als wichtigste Aufgabe nach dem "Anschluss" ansah, oder des
"Rassenbiologischen Instituts", das sowohl an der medizinischen als
auch an der philosophischen Fakultät verankert sein sollte und das
bisherige Institut für Anthropologie in sich aufnehmen sollte2.
Im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften sind auch noch das
"Institut für Zeitungswissenschaft" sowie die "germanisch-deutsche
Volkskunde" zu erwähnen.
Für die Gründung des Instituts für Theaterwissenschaft setzte sich
neben Heinz Kindermann, einem österreichischen Germanisten, der zu
dieser Zeit Professor an der Universität Münster war und nach dem
"Anschluss" gerne nach Österreich zurückkommen wollte, vor allem
Reichsstatthalter Baldur von Schirach ein, der "Wien zum kulturellen
Zentrum des Reiches machen [wollte] und plante, die Reichstheaterwoche
und die Reichstheaterfestwochen der HJ in Wien stattfinden zu lassen"3.
Die Philosophische Fakultät hingegen sträubte sich sowohl gegen das
neue Institut als auch gegen Kindermann, gab dem Ausbau anderer
Bereiche, etwa der Südosteuropaforschung den Vorzug, und warf ihm vor,
kein Theaterwissenschafter zu sein, was dieser zum Anlass nahm,
innerhalb eines Jahres ein umfangreiches "theaterhistorisches Werk"
vorzulegen, in dem er die "Art" niederlegte, "in der wir nun rassisch
und volkhaft bedingte Theatergeschichte betreiben sollen"4.
Nach langen Kontroversen schien schließlich eine freigewordene
Planstelle an der katholisch-theologischen Fakultät, sowie nachhaltige
Interventionen von Kindermann selbst und der Reichsstatthalterschaft,
die Institutsgründung und Berufung Kindermanns als Ordinarius zu
gestatten, doch der Vorschlag der Fakultät vom Dezember 1942 reihte
Kindermann lediglich an dritter Stelle, was zwar eine symbolische Geste
der Opposition war, den Ruf Kindermanns nach Wien im Jänner 1943 jedoch
nicht verhinderte. Das Institut wurde denn auch nicht an der
Universität selbst eingerichtet, sondern in 12 Räumen in der Hofburg,
die von Baldur von Schirach zur Verfügung gestellt wurden. Die
finanzielle Ausstattung des Instituts war fürstlich, sie betrug mit
225.000 RM soviel wie die Hälfte des gesamten jährlichen Sachaufwands
der Universität, was angesichts des Zeitpunkts der Errichtung und des
wohl nicht übermäßigen Interesses Berlins an dieser "Konkurrenz"
erstaunlich ist5.
Heinz Kindermann hatte, bevor er Institutsleiter wurde, bereits eine
beachtliche Karriere hinter sich. Er trat 1918 ins Ressort für
Volksbildung im deutsch-österreichischen Unterrichtsministerium ein und
schuf dort eine Wanderbühne, die Theatergemeinschaft der Bundesländer
und mehrere Volksbüchereien, habilitierte sich 1924 an der Universität
Wien und ging zunächst als Professor für neuere Literaturgeschichte an
die Technische Hochschule Danzig, 1936 wechselte er nach Münster. Die
Liste seiner Publikationen ist unüberschaubar lang, das Bemühen und der
Kampf ums "Deutschtum" ist jedoch allen Schriften zwischen 1933 und
1945 anzusehen, Titel wie "Von deutscher Art und Kunst" (1935),
"Dichtung und Volkheit" (1937), "Rufe über Grenzen. Dichtung und
Lebenskampf der Deutschen im Ausland" (1938), "Kampf um die deutsche
Lebensform" (1941), "Der großdeutsche Gedanke in der Dichtung" (1941),
"Ferdinand Raimund. Lebenswerk und Wirkungsraum eines deutschen
Volksdramatikers"(1943), sprechen für sich und beschreiben den
Wirkungsraum eines durchwegs "praxisorientierten"
Geisteswissenschafters im Nationalsozialismus. "Seit den Dreißiger
Jahren begleiten seine Publikationen den Weg der herrschenden
nationalsozialistischen Macht wie ein verläßlicher Kommentar."6
Nach 1945 gelang ihm - nach kurzer Absenz und ohne größere
Schwierigkeiten - die glänzende Weiterführung seiner Karriere. Im Zuge
des Verbotsgesetzes 1945 wurde Kindermann seines Dienstpostens
enthoben, konnte jedoch 1954, trotz ablehnender Gutachten und einer
kritischen Haltung in der Öffentlichkeit, wieder an die Universität
zurückkehren, zunächst als außerordentlicher Professor, 1955 bereits
wieder als Institutsvorstand, 1959 als Ordinarius7.
Seine Vertrautheit mit den ministeriellen Gepflogenheiten und sein
inniges Bemühen um das "Österreichische" in den Jahren des
"Wiederaufbaus" dürften ihm einige Wege geebnet haben. Das Interesse
konservativer Kulturpolitik an einer ideologisierenden
"Kulturnation"-Rhetorik schien Kindermann jedenfalls bestens bedienen
zu können, schon ab 1949 konnte er mit Unterstützung des Ministeriums
als "Freier Wissenschafter" rechnen. Innerhalb weniger Jahre setzte
sich das Institut für Theaterwissenschaft mit ihm an der Spitze ins
Zentrum des staatlich-institutionellen Theaterlebens setzen und baute
ein mächtiges Beziehungsnetz auf, das vom Raimund-Seminar, dessen
Direktor Hans Niederführ eine ganz ähnliche Karriere hinter sich hatte,
über das Burgtheater zu den Salzburger und Bregenzer Festspielen,
Theaterkritikern, Ministerialräten und Politikern reichte. 1964
schließlich konnte er die "Kommission für österreichische
Theatergeschichte" an der Akademie der Wissenschaften gründen und
wirkte dort noch weit über seine Emeritierung 1966 hinaus8.
Zahlreiche Festschriften zu seinem 70., 80. und 90. Geburtstag, sowie
seine - nach wie vor als Standardwerke gehandelten - Publikationen
sichern ihm auch heute posthume Ehre und Wirkung. Und Generationen von
StudentInnen bewegen sich in jenen Räumen, die "einst" der
Reichsstatthalterschaft gehörten, ohne dass es dazu irgendwo einen
Hinweis gäbe.
1 vgl. Edith Saurer: Institutsneugründungen 1938-1945.
- in: Gernot Heiß, Siegfried Mattl, u.a. (Hg.): Willfährige
Wissenschaft. Die Universität Wien 1938-1945. - Wien: Verlag für
Gesellschaftskritik 1989. S.313f. → zurück
2 vgl. ebenda, S.317-319. → zurück
3 ebenda, S.315. → zurück
4 Brief Kindermanns an den Dekan Christian, 3.10.1941 zit. in ebenda, S.316. → zurück
5 vgl. ebenda, S.316f. → zurück
6 Sebastian Meissl: Wiener Ostmark-Germanistik. - in: G.Heiß, S. Mattl (Hg.): Willfährige Wissenschaft. [s.o.] S.145. → zurück
7 vgl. Evelyn Deutsch-Schreiner: Theater im
‰Wiederaufbau'. Zur Kulturpolitik im österreichischen Parteien- und
Verbändestaat. - Wien: Sonderzahl 2001. S.290f. → zurück
8 vgl. ebenda, S.292-296. → zurück |