von Thomas Schmidinger
Obwohl die Ethnologie heute oft gegen das Image eines nutzlosen
Orchideenstudiums anzukämpfen hat, entstand auch sie aus einem
konkreten Nutzen für das kolonialisierende und missionierende Europa
heraus.
Keine Wissenschaft, insbesondere keine institutionalisierte und
staatlich finanzierte, spielt sich im ideologiefreien Raum ab. Was der
Staat finanziert muss ihm nutzen.
Dies gilt insbesondere für die Völkerkunde, wie das betreffende Studium
- im Gegensatz zum Institut - an der Universität Wien immer noch heißt.
Die Völkerkunde entstand als Wissenschaft in der Hochblüte des
Europäischen Kolonialismus. Das Wissen um die zu beherrschenden
"Völker" Asiens, Afrikas, Australiens, Ozeaniens und Amerikas diente
unmittelbar der Beherrschbarkeit der "Studienobjekte". Insofern ist es
nur logisch, dass die ersten Ethnologen auch in Österreich aus der
christlichen Mission stammten. Pater Paul Schebesta etwa, der Gründer
der institutionalisierten Völkerkunde in Wien, machte sich bei den
Pygmäen auf die Suche nach einer ursprünglichen monotheistischen
Religion und auch wenn er eine solche nicht finden konnte, legte er
sich seine Forschungsergebnisse so zu recht, dass er eine solche doch
noch "wissenschaftlich" beweisen konnte.
Waren diese ersten österreichischen Ethnologen noch von einem
christlichen Hintergrund geprägt, so spielte bei der jüngeren
Generation von VölkerkundlerInnen seit den Dreißigerjahren eine
säkularisierte Rassenlehre eine immer bedeutendere Rolle.
Nationalsozialistische EthnologInnen wie Hermann Baumann, Hugo Adolf
Bernatzik oder Viktor Christian waren bereits vor der Machtübernahme
der Nazis an der Universität Wien aktiv, die noch stärker
austrofaschistisch geprägte Führungsspitze des Instituts für
Völkerkunde um Pater Wilhem Schmidt und Wilhelm Koppers, beide wichtige
Vertreter der Wiener "Kulturkreislehre", wurde jedoch entmachtet.
"Koppers und Schmidt wurden kurzzeitig verhaftet und mussten ausreisen.
Der Privatdozent Heine-Geldern befand sich während des Machtwechsels in
den USA und kehrte nicht zurück." (LINIMAYR, 1994: 51) Viktor
Christian, der Vorstand des Instituts für Orientalistik übernahm die
Interimsleitung des Instituts für Völkerkunde. Von 1940 bis 1945
leitete der überzeugte Nazi Hermann Baumann das Institut.
Trotz dieser Brüche konnte die neue Führung des Instituts für
Völkerkunde auf wissenschaftliche Vorarbeiten setzen und an einen
Rassendiskurs anknüpfen der die deutschsprachige Völkerkunde im
"Altreich" bereits längst prägte. Die physischen Merkmale der zu
erforschenden "Völker" spielten bereits zuvor eine wichtige Rolle in
der deutschsprachigen Völkerkunde.
Unter der NS-Herrschaft setzte sich diese rassistische Völkerkunde
endgültig durch. Die Suche nach mythischen Ursprüngen
nationalsozialistischer Ideologie und Symbolik spielte in der Folge
eine wichtige Rolle am Institut für Völkerkunde. Physische
Anthropologie und geisteswissenschaftliche Völkerkunde rückten
zunehmend zusammen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Erforschung
der "Indogermanen". Dabei waren jedoch viele Forschungsvorhaben auch
von nationalsozialistischer Interdisziplinarität geprägt, an denen die
Völkerkunde auch - aber nicht nur - beteiligt war.
Johann Knobloch etwa studierte an der Universität Wien
indogermanistische Sprachwissenschaften. Unter seinen Lehrern befanden
sich jedoch nicht nur Professoren der Sprachwissenschaft, sondern auch
der interimistische Institutsvorstand der Völkerkunde, Viktor
Christian. Knobloch, der auch nach 1945 seine wissenschaftliche
Karriere an österreichischen und deutschen Universitäten fortsetzte,
recherchierte für seine Dissertation über "Romani-Texte aus dem
Burgenland", die er am Institut für Sprachwissenschaft verfasste, im
NS-"Zigeunerlager" im Salzburger Stadtteil Leopoldskron, wo er mit der
Macht der bewaffneten NS-Wächter im Hintergrund Informationen aus
seinen "Forschungsobjekten" herauspresste. (LEWY, 2001: 231ff) Dass
diese draufhin deportiert und vernichtet wurden, interessierte den
Völkerkundler nicht.
"Noch während des Krieges sammelte er in
Lagern für sowjetische Kriegsgefangene in der weiteren Umgebung von
Wien tscherkessisches, osetisches, georgisches, mingrelisches und
lakkisches Sprachmaterial". (BOTHIEN/ÖLBERG/SCHMIDT, 1985: XV)
Wie im gesamten österreichischen Wissenschaftsbetrieb war der Bruch
der mit der militärischen Niederlage Deutschlands 1945 einher ging,
auch in der Völkerkunde bei weitem nicht so spektakulär wie er hätte
sein sollen. Baumann flüchtete zwar und Schmidt, Koppers und
Heine-Geldern kehrten nach Wien zurück. Trotzdem blieben wichtige
EthnologInnen in ihren Positionen oder kehrten nach Erhalt ihres
"Persilscheins" wieder in den Wissenschaftsbetrieb zurück.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist Walter Hirschberg, der aufgrund
seiner NSDAP-Parteimitgliedschaft zwar seinen Dienst am
Völkerkundemuseum quittieren musste, aber schon bald wieder einer der
anerkanntesten deutschsprachigen EthnologInnen der Nachkriegsära wurde.
Hirschberg hatte lediglich bis 1950 Lehrverbot an der Universität Wien,
wurde aber schon 1962 wieder mit einer Professur bedacht.
Hirschberg war auch Herausgeber des 1988 im Dietrich Reimer Verlag
erschienenen "Wörterbuch der Völkerkunde", das heute noch in den
Einführungsvorlesungen am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie,
wie das Institut für Völkerkunde mittlerweile heißt, empfohlen wird. Zu
einem Zeitpunkt wo selbst rechte Verhaltensforscher wie der Konrad
Lorenz-Schüler Eibl-Eibesfeldt anerkennen mussten, dass der
Rassebegriff auf den Menschen bezogen wissenschaftlich unhaltbar ist,
ist in diesem Werk unter dem Stichwort Rasse noch zu lesen:
"Wichtige Rassenmerkmale sind [...] Körpersubstanzen [...] und - bei
Tier und Mensch - auch geistig-seelische Differenzierungen
(Verhaltensweise, Temperament usw.). [...] Auch beim Menschen ist es im
Laufe seiner Stammesgeschichte zur Bildung zahlreicher R. gekommen.
Sowohl die zeitliche Aufeinanderfolge als auch das Nebeneinander
verschiedener Menschenformen von den Anfängen der Menschheit bis zur
Gegenwart liefern Anschauungsmaterial für seine rassische
Differenzierung in Raum und Zeit. [...]" (HIRSCHBERG, 1988: 390)
Im gesamten Beitrag wird nicht einmal erwähnt, dass es Zweifel an der
Existenz von Rassen gäbe. Kaum wo zeigt sich so deutlich die zwar
verbale Entschärfung aber kaum versteckte Weitertradierung einzelner
Ideologeme des Nationalsozialismus in der Völkerkunde.
Walter Hirschberg durfte auch im als Lehrbuch allen
EthnologiestudentInnen bekannten Sammelband "Ethnoshistorie und
Kulturgeschichte" zwei Aufsätze verfassen. Neben Hirschberg findet sich
auch der deutschnationale Soziologe Roland Girtler1
mit zwei Artikeln über "Hermeneutik und Ethnohistorie" und der
"Aktualität der Soziologie für die Geschichtswissenschaft" unter den
Autoren dieses Werkes, an dem keinE Völkerkunde-StudentIn im ersten
Studienabschnitt vorbeikommt.
Noch vor wenigen Jahren, als ich im ersten Studienabschnitt
studierte, war ich in der Einführung in die Völkerkunde Indiens von Dr.
Pillai-Vetschera mehrmals mit dem Begriff der "Rasse" konfrontiert. In
der damals vom Kastendienst der Institutvertretung ausgegebenen, aber
nicht autorisierten, Vorlesungsmitschrift vom Ende der Achzigerjahre
war von "kleinwüchsigen, dunkelhäutigen, flachnasigen" Menschen die
Rede, als es um die Ureinwohner Indiens ging. Als ich statt einer
Prüfung eine geharnischte Kritik an diesen Begriffen abgab, erhielt ich
von der Vortragenden eine Antwort in der es u.a. hieß: "Von der
Erwähnung physischer Merkmale werde ich allerdings auch in Zukunft
nicht abgehen. [...] Selbst die Erwähnung von "klein, dunkelhäutig,
flachnasig,..." hat ihren guten Grund: Es sind Merkmale, die in der
ältesten Literatur erwähnt werden. Gerade diese frühen Hinweise werden
heute von den Dalits und den Adivasi verwendet um nachzuweisen, dass
sie die autochtone Bevölkerung der Landes waren, die von den später
eingewanderten Aras (die in der Dalit-Literatur übrigens als "Nazis"
bezeichnet werden) des Bodens beraubt und unterdrückt wurden."
(PILLAI-VETSCHERA, Brief vom 19. 2. 1997)
Ich würde den Lehrenden am Institut für Sozial- und
Kulturanthropologie unrecht tun, wenn ich nicht erwähnen würde, dass
solche "Ausrutscher" heute eher die Ausnahme als die Regel darstellen.
Der Rassebegriff und die Behandlung physischer Unterschiede ist aber
auch aus vielen anderen Vorlesungen noch nicht verschwunden. Zugleich
gab es aber auch schon in den Siebzigerjahren mit Walter Dostal eine
marxistisch inspirierte Sozial- und Kulturanthropologie am Institut und
auch wertkonservative Professoren wie Prof. Wernhardt, der selbst
Mitglied des katholischen Cartellverbandes ist, arbeiten heute in ihren
Vorlesungen zur Fachgeschichte die rassistische und
nationalsozialistische Vergangenheit der Wiener Völkerkunde
ungeschminkt auf. Dies ist ebenso als Fortschritt zu beurteilen, wie
die Umbenennung des Instituts, nicht aber der Studienrichtung, in ein
"Institut für Sozial- und Kulturanthropologie".
Trotzdem zeichnet sich in der modernen deutschsprachigen Völkerkunde
eine Verschiebung des Rassebegriffes zum Kulturgebegriff ab, wie es auf
der politischen Ebene die "Neue Rechte" schon vorexerziert hat. Der
Begriff der "Kultur" wird dabei weitgehend unangetastet belassen und
für Gruppenidentitäten verwendet, die zuvor eher biologisch hergeleitet
wurden. Das Bild von in sich geschlossenen "Kulturen" wird dabei nur
selten in Frage gestellt. Dass dabei viele Studierende noch wesentlich
reaktionärer sind als ihre Vortragenden, ändert nichts an dieser
Tatsache, sondern lässt für die Zukunft nur noch Schlimmeres erwarten.
Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich mich etwa an eine
Vorlesung aus dem 2. Studienabschnitt erinnern, wo angehende
EthnologInnen darüber diskutiert haben, an welchen Eigenschaften denn
nur "echte Hawaiianer" zu erkennen wären. Mein damaliger Einwand, dass
Gruppenidentitäten, wenn überhaupt, so nur durch das ideologische
Bekenntnis zu ihnen festgemacht werden können, da es sich dabei um
ideologische Konstrukte, vorgestellte Gemeinschaften handle, wurde von
der überwiegenden Mehrheit der Studierenden nur mit Unverständnis
betrachtet.
Hier zeigt sich auch, dass die deutschsprachige Völkerkunde anderen
Instituten für Sozial- und Kulturanthropologie im anglosächsischen oder
französischen Sprachraum noch Jahrzehnte hinterherhinkt.
Dort sind es gerade auch fortschrittliche EthnologInnen wie Ernest
Gellner gewesen, die sich mit dem ideologischen Konstrukt von
Gruppenidentitäten beschäftigt haben. Aber welche Studierenden haben in
Wien schon Gellners "Nationalismus und Moderne" gelesen?
Dabei spielt sicher auch die weitgehende Theoriefeindlichkeit vieler
VölkerkundestudentInnen eine wichtige Rolle, bei der Weigerung sich mit
den ideologischen Grundlagen des eigenen Faches auseinanderzusetzen.
Theorievorlesungen sind unter der Mehrzahl der Studis verhasst. Da hört
mensch sich lieber nette Geschichten von afrikanischen oder indischen
Göttern an oder lauscht gebannt Erzählungen über möglichst exotische
"Indianer" oder Aborigenes. Die Sehnsucht nach "Natürlichkeit",
"Ursprünglichkeit" und Exotik ist vielen angehenden EthnologInnen
anzusehen, wenn ihre Augen zu leuchten beginnen, sobald es um geheime
Kulte, afrikanische Musik oder vermeintliche Reste "natürlicher
Urvölker" geht.
Letztlich bleibt aber jede noch so verdienstvolle Aufarbeitung der
Fachgeschichte der Ethnologie durch ProfessorInnen und Studierende, die
sich selbst noch als WissenschafterInnen und nicht als
zivilisationsmüde EsoterikerInnen verstehen, aber eine fachinterne
Aufarbeitung und "Vergangenheitsbewältigung". Die wissenschaftlichen
Grundlagen der Völkerkunde als eigene Wissenschaftsdisziplin bleibt
davon ausgespart. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn würden diese
einmal einer näheren Betrachtung unterzogen werden, könnte sich ja
herausstellen, dass konsequenterweise nur die Selbstabschaffung der
Völkerkunde zu fordern wäre.
Die Völkerkunde ist, wie Anfangs erwähnt, als Kolonialwissenschaft
entstanden. "Wissen über andere" bedeutet oft auch "Herrschaft über
andere", insbesondere dann, wenn dieses Wissen sich nur in eine
Richtung entfaltet und nicht reziprok auch als Wissen "der Anderen"
über "uns" existiert. An der Universität Wien gibt es immer noch ein
eigenes Studium und eigene Institute zu Erforschung nichteuropäischer
"Völker" oder "Kulturen" und zur Erforschung europäischer "Völker".
Ersteres nennt sich Völkerkunde, zweiteres Volkskunde. Dabei gibt es
keinerlei wissenschaftliche Begründung diese Trennung
aufrechtzuerhalten, es sei denn, jemand ist tatsächlich noch der
Meinung, dass es sich bei AfrikanerInnen, AraberInnen, Papuas oder
InderInnen um etwas ganz anderes handle, als bei uns "zivilisierten
EuropäerInnen".
Vielleicht gäbe es nach ausreichender Hinterfragung
der Begriffe "Kultur" und "Identität" eine Rechtfertigung für ein
Studium einer "internationalen Kulturwissenschaft", einer
"vergleichenden Soziologie", die sich mit der Menschheit auf dem
gesamten Planeten beschäftigt. Für ein Studium der Völkerkunde gibt es
eine solche sicherlich nicht! Ansonsten wären die Subbereiche der
Völkerkunde leicht anderen Studienrichtungen zuzuordnen. Warum
beschäftigt sich die Völkerkunde mit afrikanischer Kunst und nicht die
Kunstgeschichte? Warum beschäftigt sich die Völkerkunde mit politischen
Systemen der Indigenas in Ecuador und nicht die Politikwissenschaft?
Warum beschäftigt sich die Völkerkunde mit den Gesellschaften der
Papuas in Neuguinea und nicht die Soziologie?
Was für Europa in den verschiedensten Sozial- und
Kulturwissenschaftlichen Fachbereichen erarbeitet wird, wird für die
ehemaligen Kolonialgebiete unter der "Völkerkunde" subsumiert. Auch der
Einwand all diese anderen Sozial- und Kulturwissenschaften würden sich
nur mit Europa und den USA beschäftigen und deshalb wäre eine
Wissenschaft notwendig, die sich nur mit den von den anderen Sozial-
und Kulturwissenschaften vernachlässigten Regionen beschäftigt, kann
nur dann gelten, wenn sich EthnologInnen selbst als Abfalleimer für
vernachlässigte Studienbereiche aus anderen Fachgebieten verstehen. Die
Völkerkunde ist jedoch trotz aller Reformen in ihren Grundlagen immer
noch die alte rassistische Kolonialwissenschaft, die sie immer war. Sie
kann sich deshalb nicht innerhalb der Grenzen ihrer Wissenschaft selbst
reformieren, sondern harrt ihrer Überwindung. Revolutionäre
VölkerkundlerInnen können somit nur ihre eigene Abschaffung betreiben!
1 vgl. den Artikel von Manfred Gmeiner: Beteiligung der Wissenschaft am rechten Diskurs, in dem die diesbezüglichen Aktivitäten Roland Girtlers noch eingehender beschrieben werden. → zurück
Literatur
BOTHIEN, Heinz / ÖLBERG, Hermann M. / SCHMIDT, Gernot: Festschrift für
Johann Knobloch Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Band 23
Innsbruck, 1985
GELLNER, Ernest: Nationalismus und Moderne, Berlin, 1995
HIRSCHBERG, Walter (Hg.): Neues Wörterbuch der Völkerkunde, Berlin, 1988
KNOBLOCH, Johann: Romani-Texte aus dem Burgenland, Dissertation zur
Erlangung des Doktorgrades an der Universität Wien, Wien, 1943
LEWY, Guenter: "Rückkehr nicht erwünscht" Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich, München, Berlin, 2001
LINIMAYR, Peter: Wiener Völkerkunde im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main, 1994
WERNHART, Karl R. (Hg.): Ethnohistorie und Kulturgeschichte, Wien, Köln, Graz, 1986
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