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Zum Rassismus in der Psychologie - von Ines Garnitschnig
Dieser Text ist weniger eine Aufdeckung, als vielmehr eine Geschichte der Verstrickungen,
auch meiner eigenen.
Ergebnisse psychologischer Forschung und Theoriebildung und die aus ihnen resultierenden
Diskurse1 dienten seit ihren Anfängen vielfach zur Untermauerung
und Legitimierung von Abwertung, Ausschluss, Unterwerfung oder Vernichtung von
Menschen. Das größte Ausmaß erlangten solche an Menschen verübten
Grausamkeiten während der Zeit des Nationalsozialismus. Medizinische und
psychologische Experimente an als "rassisch minderwertig" betrachteten
oder politisch unliebsamen Personen und Menschen mit Behinderungen oder psychischen
Erkrankungen wurden ebenso durchgeführt wie Morde zur "Verbesserung
des Erbguts".2 Am Institut für Psychologie an der
Uni Wien wurde während des Nationalsozialismus die "Kriegswichtigkeit"
als Argument vorgebracht, um Ressourcen zu rekurrieren.3 Dem
konnten sich die zuständigen Stellen kaum entziehen, handelte es sich doch
um Masseneignungsuntersuchungen von Kriegsgefangenen für Rüstungsbetriebe
und die Flugmotorenwerke Ostmark.4
An den Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus hatte sowohl die naturwissenschaftlich,
als auch die geisteswissenschaftlich orientierte akademische Psychologie ihren
Anteil, denn während sich erstere an den Universitäten durch Leistungs-,
Eignungs- und Intelligenztests profilierte, untermauerte zweitere mit ihren
Charaktertypologien, Rassentheorien und der Rede von "wahrem Leben"
und "lebendiger Echtheit" im Gegensatz zu "Intellektualismus"
und "Geist" als Feinden der Seele die "wissenschaftliche Fundierung"
nationalsozialistischer Politik.
Eine Analyse des Rassismus in der Psychologie deshalb als historische abzuhandeln,
wäre allerdings verfehlt. Vielmehr zeichnet sich Rassismus sowohl durch
historische Kontinuität als auch Wandelbarkeit aus und wird in seinen unterschiedlichen
Formen in dieser Disziplin, wie in unserer Gesellschaft als ganzer, bis heute
explizit vertreten und implizit gestützt und weitergetragen.
Kategorisierung, Bewertung, Machtausübung
Besonders empfänglich für essentialistischen Rassismus5
erweist sich bis heute die Differentielle Psychologie. Während die älteren
Intelligenz- und Persönlichkeitstheoretiker aus dem deutschsprachigen Raum
aufgrund ihrer Verbindungen zu den NationalsozialistInnen heute innerhalb der
Mainstream-Psychologie kaum behandelt werden, lassen sich sonst kaum Ressentiments
bemerken, rassistische Wissenschafter und ihre Thesen zu rezipieren.
Das Argument der (angeborenen) Intelligenz wurde zur Auswahl für militärische
Zwecke ebenso eingesetzt wie zur Rechtfertigung des staatlichen Mordes an Straffälligen,
von Einwanderungsbeschränkungen, Rassengesetzen, Zwangssterilisierungen
und der Ermordung behinderter und psychisch kranker Menschen.6
Gerade der Fachbereich der Differentiellen Psychologie scheint aber an einer
kritischen Betrachtung der eigenen Geschichte nicht eben interessiert zu sein.
So wird mensch bei der Lektüre der Skripten zur Vorlesung "Differentielle
Psychologie" mit Aussagen konfrontiert, die bestürzen. Da wird etwa
Sir Francis Galton als "einer der vielseitigsten und brillantesten Wissenschaftler
des 19. Jhdts."7 gepriesen. Ebendieser Galton gilt nicht
nur als "einer der Begründer der wissenschaftlichen Untersuchung individueller
Differenzen",8 sondern auch als Begründer der Eugenik.
Sein Leben lang begleitete diesen Mann, der zum Ehrenpräsidenten der Internationalen
Gesellschaft für Rassenhygiene ernannt wurde, der Drang, eine Elite von
"Begabten" und "Starken" zu züchten. Sein Ziel war
es, "die Rasse zu verbessern", um den "Stolz auf die Rasse"
zu fördern. Dazu erachtete er es für notwendig, die Vermehrung der
Leistungsfähigen zu unterstützen und den weniger Leistungsfähigen
und Schwachen "freundliche Aufnahme und Zuflucht in Zölibaten, Klöstern
und Schwesternschaften" zu gewähren.9 Er drängte
darauf, "daß ein unnachgiebiger Druck ausgeübt werden sollte,
um die uneingeschränkte Vermehrung des Erbguts derjenigen zu verhindern,
die ernstlich von Wahnsinn, Idiotie, Gewohnheitskriminalität und Armut
befallen sind".10 Durch eine "Wissenschaft von der
Rassenverbesserung" sollte "den geeigneteren Rassen oder Geschlechtern
eine bessere Chance [gegeben werden], sich gegenüber den weniger geeigneten
durchzusetzen, als sie sonst gehabt hätten." 11
Der erste Inhaber des von Galton gestifteten Lehrstuhls für Eugenik am
Londoner University College wurde, dessen Bedingungen folgend, Karl Pearson,
der vorwiegend als Statistiker bekannt ist. In seinem 1911 erschienenen Buch
"The Scope and Importance to the State of National Eugenics" beschreibt
dieser drei Entwicklungsstufen der Wissenschaft: die ideologische, die beobachtende
und - nicht eben schwer zu erraten - die messende. Seiner Auffassung nach konnten
ausschließlich die neuen psychologischen Meßtechniken "Licht
auf den Aufstieg und Untergang von Nationen, auf rassischen Fortschritt und
nationale Verkümmerung werfen".12 Dabei soll die
Nation "ein organisiertes Ganzes (sein), die dadurch auf einer hohen Stufe
interner Effizienz gehalten wird, daß sie die Rekrutierung ihrer Mitglieder
in erster Linie aus dem besseren Zuchtgut sicherstellt, und die sich auf einer
hohen Stufe externer Effizienz hält, indem sie konkurriert, hauptsächlich
durch Kriege mit minderwertigen Rassen".13 Entsprechend
der von ihm aufgestellten Hierarchie der "Wissenschaftlichkeit" war
es ihm bei aller Plumpheit seiner menschenverachtenden Äußerungen
ein Leichtes, sich selbst als "objektiven Wissenschafter" zu positionieren,
der über jede "Trübung" seines wissenschaftlichen Blicks
durch Weltanschauung oder Emotionen erhaben war und damit die noch heute gängige
klassische Haltung westlicher Wissenschaft anzunehmen. "Um eine wirkliche
Wissenschaft zu erhalten, muß man unser Studiengebiet von Parteienhader,
Glaubenskämpfen, falschen Vorstellungen von Wohltätigkeit oder den
unausgewogenen Impulsen des Gefühls fernhalten."14
Zu den Schülern und Mitarbeitern von Pearson gehörten Cyril Burt,
Raymond Cattell und Charles Spearman. Burts Forschungsergebnisse sind inzwischen
eindeutig als Betrug entlarvt worden, der zum Ziel hatte, den Beweis für
die Vererbung von "Intelligenz" mit allen Mitteln zu führen,
wozu Burt auf sehr ungeschickte Weise die entsprechenden Daten erfand. Raymond
Cattell dagegen gilt bis heute als ehrwürdiger Wissenschafter, seine rassistischen
und rechtsextremen Ergüsse werden einfach verschwiegen. So schrieb Cattell
etwa in seinem 1937 erschienenen Buch The Fight for our National Intelligence
über die drohende "Abenddämmerung der westlichen Zivilisation"
und die Gefahr, die von "Untermenschen" ausgehe, die "heimtückisch
die zentralen Wurzeln des nationalen Lebens" angriffen.15
Und weiter: "Die Negerrasse hat sowohl in Afrika als auch in Amerika eine
stabile Kultur aufgebaut, aber sie hat so gut wie nichts zum sozialen Fortschritt
und zur Kultur beigetragen [...] alle sozialen und religiösen Anschauungen,
die dem Neger mit Eifer aufgepfropft worden sind, sind von ihm mit Ungestüm
übernommen, simplifiziert, vergröbert und emotionalisiert worden.
Ich zitiere dieses Beispiel nur um zu zeigen, daß, auch wenn eine Rasse
von der Konstitution her gutmütig und liebenswert ist, ihre geringere geistige
Kapazität Rückschritt, Roheit [sic] und eine schwere Last des Konservativismus
bedeutet." 16 Auch plädierte Cattell dafür,
Armut "innerhalb einer Generation" auszumerzen, "indem man die
Bevölkerungsteile mit einer sehr niedrigen geistigen Kapazität, die
zum zivilisierten Leben ungeeignet sind, entfernt".17
Und auch Cattell greift WissenschafterInnen, die seine Thesen nicht teilen,
als unwissenschaftlich an, wenn er die "naive und gefährliche Weise,
in der viele Sozialwissenschaftler ohne Unterschied ihre persönlichen,
politischen und religiösen Werte mit ihren mehr wissenschaftlichen Schlußfolgerungen
vermischen",18 beklagt.
Auch Charles Spearman, für seine Generalfaktortheorie der Intelligenz bekannt,
zeigt sich der Idee von der Überlegenheit der eigenen "Rasse"
durchaus zugeneigt, wenn er bemerkt, dass "die von nahezu jedem Forscher
hervorgehobene allgemeine Schlußfolgerung so aussieht, daß, im Hinblick
auf ‚Intelligenz', die germanische Rasse im Durchschnitt einen klaren Vorsprung
vor den Südeuropäern hat. Und dieses Ergebnis scheint auch äußerst
bedeutsame praktische Konsequenzen für die Formulierung der gegenwärtigen,
sehr strengen amerikanischen Einwanderungsgesetze gehabt zu haben." 19
Die USA galten diesen Londoner Eugenikern nicht von ungefähr als Vorbild,
fanden dort doch Theorien über die Minderwertigkeit von Schwarzen, EinwandererInnen,
psychisch Kranken, Behinderten und Armen wesentlich größeren Zustrom
und praktische Anwendung.20 Daran waren Lewis M. Terman, Catherine
M. Cox, Robert M. Yerkes oder E. L. Thorndike wesentlich beteiligt, was ihrem
Ruf als WissenschafterInnen bis heute wenig Abbruch zu tun scheint.
Es zeigt sich also, dass ein Großteil der frühen Forschung und Theoriebildung
im Bereich der Differentiellen Psychologie und auch der Statistik von Menschen
durchgeführt wurde, die von dem Glauben an "höherwertige"
und "minderwertige" Menschen beflügelt waren und danach trachteten,
eine Gesellschaftsordnung zu etablieren, in der erstere gefördert und zweitere
ausgemerzt werden sollten. Dies hat sich bis heute nicht grundlegend geändert.
Und bis heute stellt die Behauptung wissenschaftlicher Objektivität und
Wertfreiheit einen beliebten Deckmantel und wichtiges Indiz für ungenierte
Ideologie dar.
Zu den Protagonisten dieser neuen Generation von Soziobiologen und Rassisten
vor und nach 1945 zählen E. O. Wilson, Konrad Lorenz, Arthur Jensen, H.
J. Eysenck und Eibl-Eibesfeldt,21 allesamt als Grundlagenforscher
auf dem Gebiet der Psychologie anerkannt.
Jensen und Eysenck fallen nicht nur durch ihre Verehrung für Burt auf22,
sondern auch durch ihren Glauben an die Vererbbarkeit des Spearmanschen Generalfaktors
der Intelligenz.23 Jensen führte 1969 IQ-Berechnungen
durch und leitete aus den gewonnenen Daten die Behauptung ab, Schwarze seien
biologisch "dümmer" als Weiße, weshalb Schulförderungsprogramme
im Widerspruch zu den biologischen Fakten stünden und Geldverschwendung
seien.24
Eysenck warf in seinen Attacken gegen die Soziologie dieser in The Inequality
of Man vor, sie sei "auf dem unsicheren Treibsand eines dokrinären
Environmentalismus etabliert".25 An anderer Stelle wetterte
er gegen den "Aufstieg einer neuen Mittelmäßigkeit", die
"sozial ungerecht, politisch verhängnisvoll und ethisch nicht vertretbar"
sei, weil dadurch Menschen mit "überlegener Intelligenz" bei
ihrem Aufstieg in die "besser bezahlten und besser ausgebildeten Schichten
der Gesellschaft" behindert würden. 26
Eibl-Eibesfeldt spricht im Zusammenhang mit Migration vom "Wirtsvolk".
Auch ohne das Pendant dazu zu benennen, ist klar, dass es sich diesem Sprachgebrauch
nach nur um Parasiten handeln kann.27
Alle diese Psychologen werden am Institut für Psychologie bis heute als
strebsame, allein der "wissenschaftlichen Erkenntnis" verpflichtete
und von hehrem Forscherdrang beseelte Männer dargestellt. Ihr weltanschaulicher
Hintergrund und ihre politische Positionierung wird in keinem der Vorlesungsskripten
auch nur erwähnt, geschweige denn zu ihren Forschungsergebnissen in Beziehung
gesetzt. Kaum verwunderlich, bedenkt man/frau, dass der Großteil der Grundlagenforschung
der Differentiellen Psychologie, Statistik und Diagnostik auf diese Psychologen
zurückgeht. Darüber hinaus mag allerdings ein gewichtigerer Grund
hierfür die fehlende Auseinandersetzung mit rassistischen Vermächtnissen
moderner Forschung im allgemeinen sein.28
Bemerkenswert ist dabei die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der Theoriebildung
(Differentieller) Psychologie und der Wirkungsweise von Rassismus: Hier wie
dort werden aus einer Machtposition heraus Eigenschaften zu- und festgeschrieben
und bewertet. Dass eine solche Vorgehensweise in der Wissenschaft die Abwertung
von Menschen wahrscheinlich macht, liegt nahe.
selektiv, verkürzt und fehlgeschlossen
Vom methodologischen Standpunkt ist die Intelligenz- und Persönlichkeitsforschung
vielfach kritisiert worden. So analysieren etwa Lewontin, Rose und Kamin, wie
psychometrische Untersuchungen zur Erblichkeit durch "unzureichende Stichprobengrößen,
fehlerhafte subjektive Beurteilungen, selektive Adoption, mangelhafte Trennung
sogenannter ‚getrennt' aufwachsender Zwillinge 29, nicht-repräsentative
Stichproben von Adoptivkindern und willkürliche, ungeprüfte Annahmen
über die Ähnlichkeit von Umwelten" glänzen.30
Auch Cernovsky weist darauf hin, dass statistische Ergebnisse vielfach falsch
interpretiert wurden und veraltete Methoden zum Einsatz kamen, wie etwa die
Messung des Kopfumfangs als Indikator für Intelligenz.31
Noch immer werden in Intelligenztests Verfahren eingesetzt, die auf der Vermutung
Galtons beruhen, Intelligenz wäre wie biologische Eigenschaften vererbt
und normalverteilt, d.h. mittlere Ausprägungen wären am häufigsten,
"Genialität" oder "Dummheit" dagegen selten (z.B. Wechslers
Intelligenztest und Cattells Grundintelligenztest). Ausdruck dieser Vorstellung
ist auch die Zusammenfassung von Testergebnissen im IQ, dem Intelligenzquotienten.
Diese Vorgehensweisen dienen der Hierarchisierung von Menschen und hängen
der Vorstellung von einer verdinglichten "Intelligenz" und dem übertriebenen
Glauben an die Vererbung an. (vgl. Gould 1988: 168; Ulmann)
Die inhaltlichen Denkfehler der Intelligenztestbewegung analysieren Lewontin
et al.32 ausführlich:
Unterschiede in Status, Reichtum und Macht werden als Resultat unterschiedlicher
endogener Begabung bzw. Intelligenz erkärt. Intelligenztests werden als
adäquates Mittel zur Messung derselben betrachtet. Die festgestellten Unterschiede
werden als genetische fixiert, weshalb sie gleichzeitig als unveränderlich
gelten. Wenn nun Fähigkeitsunterschiede zwischen Menschen genetisch bedingt
sind, so ein weiterer Schluss, gelte dies auch für Unterschiede zwischen
Klassen und "Rassen".33 All diese Annahmen sind
Fehlschlüsse.
Die Relevanz von "Intelligenz" für anstehende Fragen wurde und
wird vielfach vorausgesetzt. Dies steht der Erkenntnis entgegen, dass es nur
zwei Bereiche gibt, in denen Ergebnisse aus Intelligenztests eine gewisse Aussagekraft
haben: bei der Vorhersage des Erfolgs in Schule und Studium (an Noten gemessen)
und des Berufsstatus. Hier sind einige Zusammenhänge auszumachen: Schule
wie Testsituation liefern ein Umfeld, in dem kontextfreie Vorgaben, Fremdbestimmtheit,
Kontrolle und die Bereitschaft zu Unterordnung entscheidend sind und Vertrauen
in die eigenen Fähigkeiten nicht gelernt, sondern eher vorausgesetzt bzw.
unterminiert wird. Zur Erklärung der Korrelation von Schulleistung und
Intelligenztest muss also kaum auf das Konstrukt Intelligenz zurückgegriffen
werden. Die Verbindung zwischen den beiden kann zu einem großen Teil aus
der Ähnlichkeit der äusseren Gegebenheiten von Schulsituation und
Versuchsbedingungen erklärt werden.
Darüber hinaus stellte sich als bester Prädiktor für Bildungs-
und beruflichen Status 1977 in einer amerikanischen Studie das Bildungsniveau
des Vaters heraus,34 Ulmann betont die Kovariation zwischen
"IQ" und Reichtum.35 Darin zeigt sich die Rolle
von Intelligenztests und Biologisierungen bei der Verdeckung und Perpetuierung
der gesellschaftlichen Produktion von Ungleichheiten.
Ulmann (1989) fasst die Unsinnigkeit der Frage nach dem Verhältnis von
Anlage und Umwelt mittels eines Vergleichs: Menschliche Fähigkeiten entwickeln
sich aufgrund angeborener Ausgangsbedingungen (nicht als Substanzen, sondern
als Potenzial zur Entwicklung menschlicher Fähigkeiten), Bedingungen der
Umwelt und Gründen des Menschen. Diese Bedingungen als Anteile auszurechnen,
wäre das Gleiche, wie zu postulieren, "dies Brot besteht zu 30% aus
Geschmack, zu 60% aus Nährwert und zu 10% aus Ästhetik".36
Eine Kritik an Intelligenztests kann sich aber nicht nur auf Methoden und Inhalte
beziehen, will sie sich nicht an der Frage nach der "Gleichheit" oder
"Ungleichheit" der Menschen abarbeiten und damit eben den Denkweisen
verhaftet bleiben, die sie angreift.
Die Politik des Rückgriffs auf Natur
Eine Kritik psychologischer Forschung greift zu kurz, wenn sie sich mit dem
Nachweis methodischer oder logischer Fehler begnügt. Vielmehr können
diese immer wieder als Hinweise auf die Durchsetzung bestimmter Vorstellungen
von Gesellschaft, Politik und Ökonomie gelesen werden. Damit rückt
die Frage nach der Zielsetzung von Wissenschaft in den Blick. Eine Analyse der
Intelligenz- und Persönlichkeitsforschung liefert hier Antworten, die auf
viele Bereiche und Richtungen der Psychologie zutreffen. Biologisierende, dekontextualisiernde,
ahistorische Interpretationen menschlichen Handelns führen hier vielfach
zur Zu- und Festschreibung von Eigenschaften, ihrer Hierarchisierung nach spezifischen
Verwertungsinteressen und der Machtausübung über Menschen.
Die Formierung und Funktionalsierung von Fragestellungen, Theorien und Methoden
durch sozioökonomische, politische und kulturelle Bedingungen und Trends
wird durch das Postulat der Objektivität und Wertneutralität von Wissenschaft
verschleiert und gewinnt durch ihre Unausgesprochenheit an Wirkmächtigkeit.
Gerade die Psychologie spielt im Zuge der "Verwissenschaftlichung"
vieler Lebensbereiche und des damit einhergehenden zunehmenden ExpertInnenwahns
eine entscheidende Rolle, befriedigt sie doch in ihren dominanten Formen scheinbar
den Wunsch nach Erklärungen, während sie gleichzeitig die Verantwortung
den Einzelnen zuschiebt, ohne den gesellschaftlichen Status Quo in Frage zu
stellen.
Auch in psychologischen Erklärungsansätzen zum Rassismus findet sich
vielfach eine solche Individualisierung struktureller Macht. Durch die Konzentration
auf Vorurteile erfolgt eine Reduktion von Rassismus auf eine Ansammlung individueller
Irrtümer oder psychischer Störungen bei der gleichzeitigen Annahme,
dass Urteile über Eigenschaften bestimmter Gruppen von Menschen grundsätzlich
berechtigt oder sogar notwendig sind.37
Psychologische Theorien dethematisieren politische und gesellschaftliche Macht,
vereigenschaften Handlungsweisen, denken individuelle Entfaltung und Freiheit
ohne gesellschaftliche Veränderung, pathologisieren in ihrer Unfähigkeit,
psychologische von materiellen Bedürfnisse zu unterscheiden, drängen
die Subjekte zur Anpassung an die Gesellschaft, halten zur Unterordnung an,
stärken soziale Kontrolle, predigen Kooperation und Anpassung im Sinne
von Effizienz und Überleben, personalisieren und individualisieren gesellschaftliche
Konfliktlinien und naturalisieren so bestehende Verhältnisse.38
Damit werden "[g]esellschaftliche Beschränkungen [...] in subjektive
Beschränktheit uminterpretiert".39 Und davon sind
Personen, die rassistischer oder sonstiger Diskriminierung ausgesetzt sind,
stets in besonderem Ausmaß betroffen.
Weiße Unabsichtlichkeiten
"Aber, so wird man sagen, es besteht gar nicht die Absicht, nicht der
Wille, zu verletzen. Mag sein, doch gerade dieser fehlende Wille, diese Ungeniertheit,
diese Lässigkeit, diese Leichtfertigkeit, mit der man ihn festnagelt, ihn
gefangennimmt, ihn primitivisiert, ist verletzend." (Frantz Fanon)40
In ihrer Rolle als "conformity promoter"41 stützt
und legitimiert Psychologie eine kapitalistische, rassistische, patriarchale
und auf Konkurrenzdruck und Ausschluss angelegte Gesellschaft. In einer Auseinandersetzung
mit Rassismus in der Psychologie erscheint es wesentlich, die damit einhergehende
hierarchische Organisation der Gesellschaft zu begreifen. Das leistet meiner
Meinung nach weder eine Thematisierung rechter Ideologien in der Psychologie,
noch eine Analyse rassistischer Implikationen psychologischer Forschung in ausreichender
Weise. Vielmehr läuft solch eine Herangehensweise Gefahr, gesellschaftliche
Normalität gegen Rassismus zu verteidigen. Dabei wird verdeckt, dass strukturelle
bzw. institutionelle Ungleichheit unsere Gesellschaft bestimmt und darin auch
alle Menschen, die in dieser leben, verwoben sind - als Diskriminierte oder/und
NutznießerInnen. Aus dieser Verstrickung resultiert die Notwendigkeit,
unsere 42 Zugehörigkeit zur Dominanzkultur 43
zu thematisieren und ein Verständnis von Weißsein als Organisationselement,
das eine "soziopolitische Platzuweisung"44 impliziert,
zu forcieren.
Während essentialistischer Rassismus bestehende Dominanzverhältnisse
durch explizite Platzzuweisungen stützt, hat ein farbenblinder Rassismus
den selben Effekt, indem er durch sein Festhalten am "Gleichheitsethos"45
institutionellen Ausschluss und Diskriminierung ausblendet und als selbstverschuldet
bzw. auf einer natürlichen Differenz beruhend rationalisiert. Durch diesen
Unwillen, zwischen der Konstruktion einer "menschlichen Essenz" und
der Anerkennung der Verschiedenheit historischer, politischer, sozialer und
kultureller Bedingungen zu unterscheiden, werden Dominanzverhältnisse negiert.
Dagegen müssen Unterschiede nicht als vorgängige, sondern gesellschaftlich
gewordene, aber als solche manifeste begriffen werden, die nicht binär
sind, aber auch nicht beliebig.
Gleichzeitig wird auch in Erklärungsansätzen zu Rassismus ein Rassismusbegriff
weitergetragen, der "race" oder "Ethnie" stets als nichtweiße
thematisiert und damit die weiße Position dethematisiert und als scheinbar
neutralen Ort behandelt.46 Dadurch wird eine Normalität
von Weißsein suggeriert, die andere Positionen ausgrenzt und letztlich
eine Etablierung von Kompetenz qua Weißsein stützt. "Weiß-Sein
ist nicht präsent und gleichzeitig omnipräsent."47
Dem stellt bell hooks die "Dezentrierung der unterdrückenden Anderen"
und die Einforderung des Rechts auf Subjektivität entgegen. Dazu müssen
Voraussetzungen geschaffen werden, unter denen rassistisch Unterdrückte
"nicht auf die Reaktion der KolonisatorInnen angewiesen sind, um [ihre]
Legitimität zu ermitteln".48 Hierzu hält hooks
einen Differenzbegriff für erforderlich, der auf die Veränderung der
politischen Strategien (im weitesten Sinne) abzielt.49 Ein
solcher Differenzbegriff muss offenlegen, wie sowohl der Gleichheitsgedanke
als auch bestimmte Differenzvorstellungen die Interessen derer bedienen, die
sich ihre Repräsentationen der "Anderen" zur Bestätigung
der eigenen Person zunutze machen und so bestehende Herrschaftsverhältnisse
festigen.50
In diesem Zusammenhang eröffnet sich die Frage nach dem Verhältnis
von Fortschreibung und Negierung: Der Anspruch, die Welt durch nicht diskriminierende
Repräsentationen zu verändern, kann auch zur Fortwirkung bestehender
verfestigter Strukturen führen, die ohne Thematisierung nicht aufgebrochen
werden können. Die Kunst besteht darin, an der Situation der Menschen anzusetzen,
ohne sie festzuschreiben, aber auch ohne durch politische Korrektheit die Aufarbeitung
bestehender Widersprüche zwar aus der Sprache zu tilgen, damit aber auch
ungreifbar zu machen und zuzudecken.
Wir Weiße erhalten unseren Status als Angehörige der Dominanzkultur
(auch) über Rassismus aufrecht, ob aus Selbstverständlichkeit und
Ignoranz oder mit bewussten Absichten. Doch auch die fehlende Auseinandersetzung
hat System 51 und unabsichtliche Diskriminierung ist eine
schlechte Ausrede. Vielmehr erscheint es notwendig, gleichzeitig strukturelle
und institutionelle Ungleichheit und unsere "Mikropolitik"52
rassistischer Unterdrückung zu thematisieren und gegen beides anzukämpfen
in der Gleichzeitigkeit von Verstrickung und Widerstand, mit Gayatri Spivak,
das "unmögliche Nein" auszusprechen 53.
Ebenso gilt für die westliche 54 (Mainstream-)Wissenschaft:
Wo sie sich als neutral und objektiv positioniert, fallen Weißsein, Wissenschaft
und Neutralität in eins. Auch hier stellt sich "Unvoreingenommenheit"
auf die Seite der Herrschaft.
Der Text reißt ab. Die Geschichte hat kein Ende.
1 "Diskurs" meint hier, angelehnt an Stuart Hall,
eine Gruppe von Aussagen, mittels derer eine bestimmte Weise des Sprechens formiert
wird und Wissen sowie Bedeutungen produziert und eingegrenzt werden. Somit stellt
er ein System dar, durch das Macht über die Objekte des Wissens ausgeübt
wird und zum Zirkulieren gebracht wird. "Diejenigen, die den Diskurs produzieren,
haben also die Macht, ihn wahr zu machen". (Hall, Stuart (1994): Der Westen
und der Rest. Diskurs und Macht. In: ders.: Rassismus und kulturelle Identität.
Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument, 154)
2 Hierzu arbeitete die akademische Psychologie eng mit Psychiatrie
und Eugenik zusammen (vgl. etwa Benetka, Gerhard: "Im Gefolge der Katastrophe..."
Psychologie im Nationalsozialismus. In: Paul Mecheril/Thomas Teo (Hg.) (1997):
Psychologie und Rassismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt; 60); Fallend, Karl
et al. (Hg.) (1989): Der Einmarsch in die Psyche. Psychoanalyse, Pychologie
und Psychiatrie im Nationalsozialismus und die Folgen. Wien; Benetka, Gerhard/Kienreich,
Werner (1989): Der Einmarsch in die akademische Seelenlehre. In: Gernot Heiß
et al. (Hg.): Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938-1945.
Wien: Verlag für Gesellschaftskritik
3 vgl. Benetka, Gerhard (1992): "Dienstbare Psychologie":
Besetzungspolitik, Arbeitsschwerpunkte und Studienbedingungen in der "Ostmark".
In: Initiative kritischer Psychologinnen und Psychologen (1992): Psychologie
und Gesellschaftskritik. Psychologie im Nationalsozialismus, Jg. 16, Heft 1;
65
4 vgl. Benetka/Kienreich 1989: 121
5 Als die drei zentralen Mechanismen rassistischer Zuschreibungen
werden in den hier rezipierten Theorien weitgehend, wenn auch mit unterschiedlicher
Fokussierung, die Zuschreibung von "Andersartigkeit" und die Bewertung
derselben bei gleichzeitigem Agieren aus einer Machtposition heraus betrachtet.
Unter essentialistischem Rassismus werden jene Formen des Rassismus verstanden,
die von endgültig fixierten, also in einer menschlichen "Essenz"
festgelegten Unterschiede ausgehen. Dazu können sowohl biologistische als
auch kulturalistische Rassismen gezählt werden.
6 zur Geschichte der Psychometrie siehe: Gould, Stephen Jay
(1994): Der falsch vermessene Mensch. 1. Aufl. 1988, Frankfurt/Main: Suhrkamp
7 Gittler, G. & Arendasy, M (2000): Differentielle Psychologie
I. Grundlagen und Intelligenztheorien (Skriptum zur Vorlesung); 14
8 Gittler/Arendasy 2000: 14
9 Galton: Genie und Vererbung, Leipzig 1910: 383, zit. nach
Billig, Michael (1981): Die rassistische Internationale. Zur Renaissance der
Rassenlehre in der modernen Psychologie. Frankfurt: Neue Kritik; 30
10 Galton: Memories of my Life, London 1908: 322, zit. nach
Billig 1981: 35
11 Galton: Inquiry into Human Faculty and its Development,
London 1907: 17 (Fn.), zit. nach Billig 1981: 31
12 Pearson, ebd. 38, zit. nach Billig 1981: 39
13 Pearson: National Life from the Standpoint of Science, Cambridge
University Press, 1905: 46, zit. nach Billig 1981: 41
14 Pearson: The Scope and Importance to the State of National
Eugenics. Cambridge University Press 1911: 11, zit. nach Billig 1981: 37f.
15 Cattell: The Fight for our National Intelligence, 1f. ,
zit. nach Billig 1981: 51f.
16 R.B. Cattell (1937): The Fight for our National Intelligence,
London, 56
17 Cattell: The Fight for our National Intelligence. London
1937: 64, zit. nach Billig 1981: 52
18 The Mankind Quarterly, 1979, Jg. 19, 298; zit. nach Billig
1981, 93 zu Mankind Quarterly, Themengebiet "Rasse und Vererbung"
(Billig 96):
19 Spearman: The Abilities of Man: their Nature and Measurements.
London 1927: 379, zit. nach Billig 1981: 49
20 Zwischen 1911 und 1930 erließen 24 amerikanische Bundesstaaten
Gesetze zur Sterilisierung sozial "Nichtangepasster", in 30 Staaten
wurden "gemischtrassige" Ehen gesetzlich beschränkt. 1924 wurde
ein Gesetz verabscheidet, dass die Einreise "rassisch Minderwertiger"
beschränken sollte. (vgl. Billig 1981: 49)
21 Seine Bücher sind an der Uni Wien sogar in der Lehrbuchsammlung
erhältlich.
22 Jensen nennt Burt "einen geborenen Edelmann",
dem "größere und repräsentativere Stichproben, als sie
je ein Forscher in diesem Bereich beigebracht hat", einen "Platz in
der Geschichte der Wissenschaft" einbringen werden. (Jensen, A. R. : Sir
Cyril Burt (Nachruf) Psychometrika 1972, 37, 115-117, zit nach Lewontin et al.
1988, 81) Er bezeichnet Burts Untersuchungen zur Erblichkeit von Intelligenz
als "den befriedigendsten Versuch" der Erblichkeitsschätzung
des IQ. Dem steht in eigentümlicher Weise die Änderung seiner Haltung
nach Bekanntwerden von Burts Fälschungen entgegen: Nun behauptete Jensen,
Burt habe nur fahrlässig gehandelt und dass auch ohne Burts Daten die Beweislage
zugunsten einer hohen Erblichkeit des IQ nicht entscheidend geschwächt
wäre. (vgl. Jensen: How Much Can We Boost IQ and Scholastic Achievement,
Harvard Educational Review, 1969, 39, 1-123, zit. nach Lewontin et al. 1988,
83)
Eysenck lobt die Werke seines ehemaligen Lehrers Burt für " die hervorragende
Qualität der Planung und statistischen Verarbeitung in diesen Studien"
(Cernovsky : 88)
23 Sie gehen allgemein davon aus, Intelligenz sei zu 80% vererbt.
(vgl. Ulmann 1989: 168) Vgl. auch Billig 1981: 76f.
24 vgl. Billig 1981: 71
25 in: Die Ungleichheit des Menschen. München 1975: 53,
zit. nach Billig 1981: 51. Dieses Buch findet sich gemeinsam mit weiteren seiner
Werke in Literaturlisten faschistischer Gruppen wie der National Front.
26 Eysenck: Die Experimentiergesellschaft. Soziale Innovation
durch angewandte Psychologie, Reinbek 1973, 196, zit. nach Billig 1981, 84
27 vgl. Lothar Baier in Billig 1981: 9
28 So stellt etwa Kant, von dem bekanntermaßen berichtet
wird, dass er Königsberg zeit seines Lebens nicht verließ, durchaus
keine Ausnahme dar, wenn er sich recht einschlägig über Menschen in
aller Welt äußert: "Das Volk der Amerikaner nimmt keine Bildung
an. Es hat keine Triebfedern, denn es fehlen ihm Affekt und Leidenschaft. sie
sind nicht verliebt, daher sind auch nicht furchtbar [sic; d.h. sind nicht ängstlich].
Sie sprechen fast nichts, liebkosen einander nicht, sorgen auch für nichts,
und sind faul." (Starke, Friedrich Christian (Hg.) (1831): Kants philosophische
Anthropologie. Nach handschriftlichem Vorlesungen. Leipzig, S. 352, zit. nach
Eze, Emmanuel Chukwudi (1997): The Color of Reason: The Idea of ‚Race'
in Kant's Anthropology. In: ders. (Hg.): Postcolonial African Philosophy: A
Critical Reader. Blackwell; Fußnote 71, 135)
"Die race der Neger, könnte man sagen, ist ganz das Gegenteil von
den Amerikanern; sie sind voll Affekt und Leidenschaft, sehr lebhaft, schwatzhaft
und eitel. Sie nehmen Bildung an, aber nur eine Bildung der Knechte, d. h. sie
lassen sich abrichten. Sie haben viele Triebfedern, sind auch empfindlich, fürchten
sich vor Schlägen und thun auch viel aus Ehre." (ebd., zit. nach Eze,
Fußnote 72)
"Die Mohren...haben eine dicke Haut, wie man sie denn auch nicht mit Ruthen,
sondern gespaltenen Röhren peitscht, wenn man sie züchtigt, damit
das Blut einen Ausgang finde, und nicht unter der Haut eitere." (ebd.,
zit nach Eze, Fußnote 73)
" Die Hindus haben zwar Triebfedern, aber sie haben einen starken Grad
von Gelassenheit, und sehen alle wie Philosophen aus. Demohngeachtet sind doch
zum Zorne und zur Liebe sehr geneigt. Sie nehmen daher Bildung im höchsten
Grade an, aber nur zu Künsten und nicht zu Wissenschaften. Sie bringen
es niemals bis zu abstrakten Begriffen. Ein hindostanischer großer Mann
ist der, der es recht weit in der Betrügerei gebracht und viel Geld hat.
Die Hindus bleiben immer wie sind, weiter bringen sie es niemals...Dahin gehören
die Hindus, die Perser, die Chinesen, die Türken, überhaupt alle orientalischen
Völker" (ebd., S. 352 f., zit nach Eze, Fußnote 76)
"Die Race der weißen enthält alle Triebfedern und Talente in
sich; daher werden wir sie etwas genauer betrachten müssen" (ebd.,
S. 353, zit nach Eze, Fußnote 77)
29 Die Bestimmung des Erbanteils von "Intelligenz"
zählt seit jeher zu den Hauptanliegen der Zwillingsforschung. 1988 liefern
Lewontin et al. eine eingehende Kritik an Zwillingsstudien und weisen darauf
hin, dass außer den "Studien" von Burt leidglich drei unveröffentlichte
Untersuchungen zum IQ bei getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen existieren
(vgl. 1988: 85ff). Bei diesen wurden hochkorrelierende Umwelten festgestellt,
oft wuchs ein Kind bei der Mutter, das andere bei einer Tante auf. Die Kinder
gingen in die gleiche Schule. Die Angaben über das Ausmaß der Trennung
der Zwillinge wurde anhand von mündlichen Berichten derselben bestimmt,
wobei allerdings Zwillinge Belegen zufolge dazu neigen, das Ausmaß ihrer
Getrenntheit "romantisch zu übertreiben" (88). Weiters wurden
Versuchsleitereffekte nicht ausreichend berücksichtigt.
Gittler führt Zwillingsstudien als die Methode zur Untersuchung der Umwelt-
oder Erbbedingtheit von Merkmalen an. (vgl. Gittler (1998): Differentielle Psychologie.
in: Institut für Psychologie der Universität Wien (Hg.) (1998): Psychologie
als Wissenschaft. Skriptum zur Eingangsphase für das Studium der Psychologie,
2. Auflage, WUV, 69) Seine Bemerkungen zur Einzigartigkeit von Menschen lassen
dabei eindeutig auf eine Favorisierung der Vererbung schließen, wenn er
ebendiese Einzigartigkeit eineiigen Zwillingen abspricht und legen zudem einen
soziobiologischen Hintergrund offen, wenn er im nächsten Atemzug soziales
Handeln damit in Beziehung setzt: "Die Einzigartigkeit von Individuen ist
(abgesehen von eineiigen Zwillingen mit identischem Genbestand) eine der Grundtatsachen
des Lebens überhaupt. Jeder reagiert auf die ihm eigene Weise auf seine
Umwelt und Mitmenschen." (Gittler 1998: 65)
30 Lewontin et al. (1988): Die Gene sind es nicht...Biologie,
Ideologie und menschliche Natur. München-Weinheim. Psychologie Verlags
Union, 80
31 vgl. Cernovsky, Zack Z. (1997): Pseudowissenschaftliche
"Rassenforschung" der Gegenwart. In: Paul Mecheril/Thomas Teo (Hg.)
(1997): Psychologie und Rassismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt; 73; Auch im
Skriptum zur Vorlesung "Differentielle Psychologie" finden sich Rezeptionen
von Untersuchungen zum Zusammenhang von Kopfumfang und "Intelligenz".
Hier werden Kopfgröße, Hirnvolumen und Intelligenz verglichen (Gittler/Arendasy
2000: 61) und eine Metaanalyse von 54 Untersuchungen aus den Jahren 1906 bis
1999 präsentiert. Wessen Untersuchungen dies sind, wird allerdings nicht
erwähnt.
32 vgl. Lewontin et al. 1988: 66 und passim
33 Diese These vertritt Eysenck in The Inequality of Man und
Jensen in Educability and Group Differences.
34 McCall, zit. nach Zimbardo,Philip G. (1995): Psychologie.
Berlin: Springer, 538
35 Ulmann, Gisela (1989): Die Problematik der biologischen
Fundierung menschlicher Intelligenz. in: Ahrens/Amelang (1989): Brennpunkte
der Persönlichkeitsforschung, Bd. 2; 167
36 Ulmann 1989: 163
37 siehe hierzu: Terkessidis, Mark (1998): Psychologie des
Rassismus. Opladen: Westdeutscher Verlag
38 siehe hierzu auch: Prilleltensky, Issac (1994): The Morals
and Politics of Psychology. Psychological Discourse and the Status Quo. State
University of New York Press
39 Markard, Morus (1997): Begabung, Motivation, Eignung, Leistung
- politisch-operative Schlüsselbegriffe der aktuellen Hochschulregulierung:
Eine Betrachtung aus kritisch-psychologischer Sicht. Beitrag zur Tagung "Ungleichheit
als Projekt", Marburg. http://www.kalaschnikow.revolte.net/archuiv/a10/a10markard.html
40 Fanon, Frantz (1980): Schwarze Haut, weiße Masken.
Frankfurt/Main: Syndikat; 24
41 Prilleltensky 1994: 10
42 Dieses "Wir" betrifft den Großteil, aber
wohl nicht die Gesamtheit der LeserInnen dieses Texts. Somit produziert es Einschlüsse
in eine und Ausschlüsse aus einer Gemeinschaft, die zu thematisieren mir
notwendig erscheint, nicht um ihren Zusammenhalt zu stärken, sondern um
ihre negativen Auswirkungen zu verringern.
43 siehe hierzu: Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur.
Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda Frauenverlag
44 Wachendorfer, Ursula (1998): Soziale Konstruktionen von
Weiß-Sein. Zum Selbstverständnis Weißer TherapeutInnen und
BeraterInnen. in: María del Mar Castro Varela et al. (1998): Suchbewegungen.
Interkulturelle Beratung und Therapie. Tübingen: dgvt; 53
45 Terkessidis 1998: passim
46 vgl. bell hooks (1996): Sehnsucht und Widerstand. Kultur,
Ethnie, Geschlecht. Berlin: Orlanda, passim; Wachendorfer 1998: 50
47 Wachendorfer 1998: 51
48 hooks 1996: 65
49 vgl. hooks 1996: 83
50 Mark Terkessidis spricht vom "Ausschluss durch Einbeziehung"
als "dreifachem Prozeß": "1. konkrete Objektivierung (Beschränkung
der Freiheit, soziale und rechtliche Ungleichheit), 2. Zuweisung von abstrakter
Freiheit (die Behauptung, jeder sei "frei", seine "Natur"
selbst zu machen) und 3. konkrete Subjektivierung-als-Abweichung (Naturalisierung
des Unterschieds)." (Terkessidis 1998: 257)
51 Dies zeigt etwa Birgit Rommelspacher anhand der Beziehung
von nichtjüdischen zu jüdischen Frauen in Deutschland (Rommelspacher,
Birgit (1995): Dominanzkultur; 91ff.; Rommelspacher, Birgit (1995): Schuldlos
- Schuldig? Wie sich junge Frauen mit Antisemitismus auseinandersetzen. Hamburg)
52 Frankenberg, Ruth (1993): White Women, Race Matters. The
Social Construction of Whiteness. New York/London: Routledge; 159
53 Dazu Mark Terkessidis: "Jedes Nein zu den Institutionen
ist ein Nein in den Institutionen, ein unmögliches Nein zu einer alltäglichen
Praxis, der eigenen Subjektivierung, den eigenen Wahrnehmungen und dem eigenen
Wissen." (Terkessidis 1998: 262, mit Bezug auf Spivak, Gayatri Chakravorty
(1993): Outside in the teaching machine. London, 60)
54 "Westlich" bezeichnet hier nicht einen geographischen
Raum, sondern ein ideologisches Konstrukt. (vgl. hierzu: Hall, Stuart (1994):
Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht. In: ders.: Rassismus und kulturelle
Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument) |