von Tina Leisch
Das Rennen ist heute besonders
spannend, brumbrum, nachdem drei der Postmodernen in der Haarnadelkurve aus
der Bahn geflogen sind, sehen sie hier den unerwarteten Boxenstop einer heute
eher enttäuschenden Werttheorie. Brumm, brumm. Werttheorie
schafft es bis in die Endrunden, muß sich auf jeden Fall auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen
mit Poptheorie gefaßt machen. Hier, knapp hinter Adorno,
sehen sie Poptheorie. Brum. Werttheorie oder Poptheorie,
das sind die klaren Favoriten. Wobei man vielleicht Adorno nicht aus
den Augen lassen sollte. Zwar ist er diesmal in einer Uralt-Theorie & Praxis-Kiste
für das Team von Grigat an den Start gegangen, aber Adorno ist immer
für eine Überraschung gut, brum...
Schade, daß Autoren
so oft lieber ihre Favoriten auf der Theoriecarrerabahn gegeneinander antreten
lassen, als deren Begriffe als Werkzeug zu benützen, um die politische
Situation zu bearbeiten. Die fade Dichotomie von Theorie und Praxis muß
herhalten, einige Autoren (Grigats Artikel ist hier nur ein minderschlimmer
Anlaßfall) in ihrer arroganten Überheblichkeit über die Geschichte
zu bestätigen, ihnen ihre Position zu retten als Weltoberlehrer, die alles,
was sonst denkt und/oder kämpft, an den Meßlatten ihrer Begriffe
benoten. KurdInnen, völkisch und antisemitisch. Fünf. Setzen. Zapatistas,
naiv, romantisch, nationalistisch. Fünf. Setzen. Widerstand gegen schwarz/blau
nationalistisch, hedonistisch, historisch nicht aufgeklärt. Aufhören!
Daheimbleiben! Lesen! Ein dürftiges Spiel zur Wahrung letzter Souveränitätspositionen
für weiße, europäische, linke Männer, die ihnen in der
Linken und von allen emanzipatorischen Seiten, von den MigrantInnen, Frauen,
trikontinentalen Aufständen, anti(neo)kolonialistischen TheoretikerInnen
bestritten werden. Theorie/Praxis. Als Dichotomie gedacht. Das ist nur aus der
alten abendländischen Körper/Geist-Dichotomie und ihrer Körperfeindlichkeit
heraus verständlich. Da gibt es dumpfes Tun (demonstrieren, Parolen grölen,
tanzen) und helles Denken (Artikel und Bücher schreiben, Vorträge
halten). Das ist der engstirnige Begriff von politischem Handeln der Marxisten
des zwanzigsten Jahrhunderts.
Adorno selber hat schon
die Unhaltbarkeit der Theorie/Praxis-Dichotomie erkannt, leider aber nicht einmal
in eine Dialektik überführt, sondern nur durch Erklärung seines
eigenen Theoretisierens zu ganz besonders toller Praxis weggemogelt. So sehr
Denken Praxis ist, ist Tun Denken. Man kann mit Wörtern oder mit geworfenen
Steinen denken, mit Dornenheckenpflanzungen, mit den großen Zehen und
der Luft aus’m Arsch. Es ist ein edles Bild vom weißen Denker, der
sich nobel der Praxis enthält, so lange die nicht rein und unschuldig ein
den-Weg-ins-Paradies-Ebnen sein kann, sondern immer mit der Schlacke der historischen
Ungerechtigkeiten, des privaten und des kollektiven Unbewußten der Sozietäten
beschmutzt ist.
Das Bild ist aber verlogen.
Selbst wenn der Denker eine Haushälterin hätte, die für ihn wäscht
und kocht, selbst wenn er nur am Sofa dahinoblomowisierte, wäre das Praxis.
Der einzige Weg, der Praxis zu entkommen, ist der Selbstmord.
Die Theorie-Praxis-Denkblockade
von Adorno zu übernehmen, heißt auch, von der Kritik am Logozentrismus
als Phallozentrismus und Eurozentrismus nicht einmal von Ferne gehört zu
haben. Sich dem zu verweigern, daß es andere Formen des Sichverständigens
gibt als das geschriebene und dozierte Wort; daß gerade Antikolonialismus
und Antirassismus lächerliche Phrasen bleiben, wenn sie nicht als dissidente,
emanzipatorische Alltagspraktiken und -projekte jetzt und hier von dissidenten
Sozietäten realisiert werden.
Gerade der österreichischen
Widerstandsbewegung, die sich antirassistisch nennt, aber von praktischer Solidarität
mit denen, denen rassistische Gesetzgebung gleiche Rechte verweigert, fast nichts
weiß, die zwar Kritik an der schwarzblauen Frauenpolitik übt, aber
nicht einmal 1/3 Frauenquoten auf ihren RednerInnentribünen zustande bringt,
ein "Zurück-ins-Adorno-Seminar"zu verordnen, statt ein "in-die-Gerichtssäle-der-Operation-Spring-Prozesse",
ist kontraproduktiv. Es verkennt die Mechanismen, über die emanzipatorische
Konzepte gesellschaftlich wirksam, wenn nicht majoritär, ja hegemonial
werden könnten. Wie? Jedenfalls nicht durch eine Ausweitung von "Kapital"-Arbeitskreisen.
Tina Leisch ist Film-
und Textarbeiterin |