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"Brecht mit eurem Vater" |
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Bruch und falsche Versöhnung in der postnazistischen Familie
Von Renate Göllner
Es ist eine Hommage an einen der außergewöhnlichsten Nachkommen eines
deutschen NS-Verbrechers: Hinter dem realen Vorbild Konrad Sachs, eine
der zentralen Figuren in Robert Schindels Roman Gebürtig, verbirgt sich
niemand anderer als Niklas Frank, Sohn von Hans Frank,
Generalgouverneur von Polen, der 1946 bei den Nürnberger Prozessen zum
Tode verurteilt worden war. Schindel, der mit Niklas Frank befreundet
ist, sagt von ihm, er sei für ihn ein untypisches Beispiel, einer, der
im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Generation, die Schuld in
gewisser Weise auf sich nimmt, obwohl er gar nicht schuld ist, und
versucht, sich davon zu befreien.(1) Tatsächlich ist Franks Buch Der
Vater. Eine Abrechnung (1987), ein singuläres Dokument, die Anklage
eines Sohnes gegen einen Vater, unter dessen Leitung Millionen von
Juden und Jüdinnen in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Eine
verzweifelte, zornige, verstörende Schrift, bar jeden Selbstmitleides,
die überhaupt nur mit allergrößter Überwindung und Anstrengung gelesen
werden kann und die dennoch zur Pflichtlektüre jedes Deutschen und
Österreichers gehören sollte. Jean Améry hätte dieses Buch zu schätzen
gewusst; Niklas Frank ist schließlich einer der ganz wenigen Söhne
eines Naziverbrechers, der es wagte, Amérys Aufforderung "brecht mit
eurem Vater" öffentlich und in radikaler Weise zu vollziehen. Niklas Frank, 1939 in Neuhaus am Schliersee (Bayern) geboren,
verbrachte seine Kindheit in Krakau; als der Vater ein Jahr nach
Kriegsende hingerichtet wird, ist der Bub gerade sieben Jahre alt.
"Königliche Kindertage" waren es, hoch über den Zinnen der Stadt, auf
der Burg Wawel, unterbrochen nur von den gelegentlichen Raubzügen der
Mutter nach Pelzen und Kleidern durch das Ghetto von Krakau, an denen
das Kind im Fond eines schwarzen Mercedes an der Hand des
Kindermädchens, bewacht von SS- Soldaten, vorbei an den ausgemergelten
Gestalten mit den gelben Sternen, teilnehmen darf. Später dann, nach
der Hinrichtung, das Gebetsbüchlein mit der letzten Widmung des Vaters
"Möge Dein Leben unter dem ewigen Schutze Gottes stehen! ... ewig bete
ich für dich, mein Nicki, Dein Vati". Und schließlich die verklärte
Erziehung durch die Mutter, die tüchtig wie sie war, nach dem Krieg im
Eigenverlag Hans Franks Im Angesicht des Galgens, herausgab, ein
Machwerk sondergleichen, das der Familie zweihunderttausend Mark
einbrachte. Der Sohn ist längst erwachsen und die Mutter tot, als er das ganze
Ausmaß der Verlogenheit, der Heuchelei und des Betruges zu erkennen
beginnt; minuziös recherchiert er die Verbrechen seiner Eltern, reist
nach Polen, liest die Kriegstagebücher des Vaters und die Akten des
Nürnberger Prozesses. "Ich wollte alles über dich erfahren. Ich war
bereit, als Sohn Gnade vor Recht walten zu lassen. Doch je mehr ich
über dich erfuhr, je mehr ich las ... desto lebendiger wurdest Du mir
und desto verhaßter". Was bleibt ist nichts als blankes Entsetzen,
Scham und Ekel vor seiner Herkunft, und – vor sich selbst. Er habe
alles in einem "Rauschzustand" in nur 12 Wochen zu Papier gebracht,
sagt er später. In einem imaginären Dialog zieht er den Vater zur
Rechenschaft, zornig, bitter und voll Hohn darüber, wofür er sich als
Kind missbraucht fühlt und selbst schuldig geworden war; "Ja, Deine
Ghettos, die boten was. Aber lustiger fand ich den Ausflug in ein
Barackenlager mit viel Stacheldraht herum, irgend ein Außenlager von
einem KZ ... damals war es nur ein herzlicher Onkel in Uniform, der
einen wilden Esel hatte, auf den wurden, grell tönte mein Lachen, dünne
Männer gesetzt von kräftigen deutschen Fäusten, und der Esel hopste und
die Männer fielen, und sie konnten sich nur sehr langsam erheben, und
sie fanden es nicht so komisch wie ich, sie wurden wieder und wieder
draufgesetzt ... und der Esel bekam einen Schlag auf die Flanke, es war
ein wunderschöner Nachmittag, und drinnen gab es beim obersten Soldaten
Kakao. Diese Scheißbilder trage ich mit mir rum, Vater ... jetzt weiß
ich ... daß man Juden, Polen, Gesichter nicht los wird, oder Dich, wie
du in Gemächtehaltung vor mir standst ..." Um nicht an der eigenen Herkunft irre zu werden und den Verstand zu
verlieren, gibt es für Niklas Frank keine andere Möglichkeit, als sich
schonungslos mit den Verbrechen des Vaters und auch der Mutter zu
konfrontieren und – verzweifelt gegen eine Gesellschaft zu rebellieren,
die kaum war das Morden vorbei, zur Tagesordnung schritt: "Böse Bilder
trage ich im Hirn: Daß man nach dem Krieg Millionen Galgen an den
Autobahnen aufgestellt hätte, US Henker Woods wäre langsam in Deinem
beschlagnahmten Maybach an Galgen um Galgen vorbeigefahren und hätte
den Falltürriegel gezogen – was für ein gesundes Knacken wäre durch
Deutschland hinweggehallt, verursacht von den Genicken all der Richter,
Staatsanwälte, Fabrikanten, Block- und Zellenwarte, Denunzianten –
keiner von euch hatte das Recht weiterzuleben." Als Der Vater Mitte der achtziger Jahre in der Zeitschrift Stern als
Vorabdruck erscheint, reagiert das Publikum mit Empörung und Abscheu:
Entsetzen herrscht über den Nestbeschmutzer, einen, der seine Familie
verraten hatte; der deutlich machte, dass die Auseinandersetzung mit
der nationalsozialistischen Vergangenheit vor allem auch in der
Intimität der eigenen Familie stattfinden muss, jenem Ort, der den
Humus postnazistischer Identität ausmacht; über einen, der es wagte,
aus der Volksgemeinschaft auszuscheren, ungeachtet aller Konsequenzen;
einen, der dem deutschen Spießer zurief, seht her, meine Herkunft ist
nichts besonderes, solche wie ich laufen zu Tausenden in Deutschland
herum, mit nur einem Unterschied; die Verbrechen meiner Eltern sind
dokumentiert: "Deshalb bin ich froh, Dein Sohn zu sein. Wie arm sind
Millionen anderer Kinder dran, deren Väter das gleiche Geschwätz voll
Hinterlist und Feigheit, voll Mordlust und Unmenschlichkeit von sich
gaben, aber nicht so prominent waren wie Du. Ich habe es gut, ich kann
aus den Archiven Europas und den USA die Fleischfetzen deines Lebens
zusammenklauben, kann sie, unbehelligt vom lügenhaften familiären
Geschwätz beäugen. Wie immer ich sie auch mit Skalpell oder Hammer
bearbeite, es kommt ein typisch deutsches Monster raus." Kaum eine/r verstand, dass Niklas Frank an den Schandtaten seines
Vaters beinahe zugrunde gegangen war, verstand den Selbsthass, die
panische Angst des Autors, Züge des Vaters in sich zu tragen, kaum
ein Linker oder eine Linke, die begriffen, dass es keine adäquate
Sprache gibt, um das, was dem Sohn angetan wurde, auszudrücken. Es war
ein Leichtes, ihn einen Psychopathen zu zeihen, so ungeschützt und
schonungslos hatte er sich der Öffentlichkeit preisgegeben. Doch so
wenig das Buch sich auf das formelle Schema des Vatermordes reduzieren
lässt, so wenig lässt es sich als Phänomen des Irrationalen abtun:
Franks Darstellung ist in Wirklichkeit eine Provokation für die
Vernunft. In diesem Sinne lautet eine der ganz wenigen positiven
Reaktionen, die nicht unzufällig aus Amerika kam: "Die
Frank-Veröffentlichung ist in ihrer Einmaligkeit ein wichtiger Beitrag
zur Förderung der Menschenrechte." Diese Stimme aber gehörte Robert W.
Kempner, Chefankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess: er hatte
Jahre zuvor Hans Frank monatelang verhört.
Der Boom der Vatibücher
Der Vater ist heute freilich längst vergriffen und nur mehr in
Bibliotheken zu lesen. Knapp 60 Jahre nach Ende des Krieges gibt es –
ähnlich wie in den achtziger Jahren – einen erneuten Boom an
"Vatibüchern".(2) Zwei Publikationen seien hier stellvertretend für
viele angeführt: Die eine stammt von der Tochter eines Abwehroffiziers,
der 1944 wegen Hochverrats von den Nationalsozialisten hingerichtet
wurde, die andere von der Großnichte Alois Brunners, also beide
Angehörige von zwei unterschiedlichen Generationen. Pünktlich zu den Feiern des 60. Jahrestags des Attentats vom 20. Juli
erschien Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie,
publiziert von der Fernsehjournalistin und Autorin Wibke Bruhns. Es
handelt sich dabei um ein sentimentales, schwülstiges Familienepos, in
dessen Mittelpunkt ihr Vater Hans Georg Klamroth (HG),
Nationalsozialist der ersten Stunde, steht, der 1944 als Hochverräter
gemeinsam mit den anderen Verschwörern des 20. Juli hingerichtet worden
war. Zuvor allerdings hatte Klamroth bei der Heeresgruppe Nord, in
seiner Eigenschaft als Leiter des Abwehrkommandos beim Überfall auf die
Sowjetunion teilgenommen. Um diesen Job, eine "Auszeichnung", ausführen
zu können, hatte er sich freiwillig von Dänemark nach Russland
versetzen lassen. Als Offizier ist Klamroth für die Bekämpfung
von Partisanen und Partisaninnen verantwortlich, bei der sich die
Deutschen bekanntlich durch besondere Grausamkeit auszeichneten,
Klamroth ist da keine Ausnahme: "Jede unangebrachte Milde", schrieb er
seiner Frau, "jedes falsche Mitleid kann hunderte deutsche Soldaten das
Leben kosten, und bei dieser Alternative ist es schon besser, wenn eher
mehr als zu wenig von diesen Untieren ins Gras beißen, oder sind es
vielleicht doch auch Menschen? Ich will es gar nicht wissen, denn hier
gilt nur die Pflicht." Und wie reagiert die deutsche Tochter, die
dieses Buch im Jahr 2004 schrieb, um zu verstehen, was diese
"Generation der Nachgeborenen so beschädigt hat"? "Ich weiß nicht, wie
ich mich verhalten soll. Krieg ist keine Schönwetter-Angelegenheit. Es
hat die ‚franctireurs‘, die Kämpfer hinter den feindlichen Linien
spätestens seit dem Krieg 1870/71 gegeben, die Saboteure, die
Sprengkommandos, die Mörder ... Hier in Rußland ist das eine
Kampfgruppe großen Stils, das NKDW jagt die Bevölkerung ganzer Dörfer
hinter den feindlichen Linien in die Schlacht. ... Sie [die Partisanen;
Anm d. Verf.] werden mit Fallschirmen abgesetzt, sie sickern auf
Schleichwegen hinter die Front, für ihren Kampf gibt es keine Regeln,
für ihre Bekämpfung nur eine: den Tod. Sie werden gelenkt, organisiert,
verheizt, die meisten sind Spielmaterial, einige sind kostbare
Spezialisten. Soll ich mich empören, daß HG sie erschießen läßt? Keine
Besatzungsarmee der Welt läßt sie gewähren und im Krieg schon gar
nicht". Nichts aber auch gar nichts lässt die Tochter über den Vater
kommen, demonstriert vielmehr, dass sie, ganz gleich was er und auch
die Mutter, die Hitler ebenfalls "angebetet" hat, getan haben, die
Treue hält. Das aber hatte Bruhns schon am Beginn ihres Buches
angekündigt: "Wer bin ich denn, heute zu urteilen, wo es darum geht
Früheres zu begreifen? Hans Georg und Else haben bezahlt, jeder für
sich. Ich habe da keine Rechnungen aufzumachen und muß meinen Hochmut
zügeln." Wenngleich nichts dafür spricht, dass Klamroth an den Planungen des
Attentats vom 20. Juni beteiligt war, so wusste er dennoch Bescheid.
Verraten hatte er diese Pläne nicht. Deshalb wurde er als Mitwisser in
Plötzensee hingerichtet. Das mag für das damals sechsjährige Mädchen
ein traumatisches Erlebnis gewesen sein, doch Bruhns sperrt sich gegen
jede differenzierte Reflexion, kann Ambivalenzen nicht zulassen, muss
die Negativität des Vaters verleugnen und ihn buchstäblich in den
Himmel heben. Und so endet das Buch nicht nur im Kitsch der
Vateridealisierung, sondern Bruhns verleiht dem Nationalsozialismus
zuletzt auch noch einen Sinn: "Doch, ich will hinsehen. Ich will dabei
sein, wenn HG stirbt. ... Ich will ihm sagen, er ist nicht allein, auch
nach 60 Jahren nicht. Hier bin ich, die ihn begleitet hat durch sein
ganzes Leben, und ich lasse ich ihn nicht los. ... Ich bin verstört
über das, was ich als deine Gleichgültigkeit verstehen muß, gegenüber
dem Schicksal der Juden, der Zwangsarbeiter, der Geisteskranken, der
Häftlinge in den KZs, ... du bist ein Held in deinem Tod. Dein Leben
lag in einer fürchterlichen Zeit. ... Du hast den Blutzoll bezahlt, den
ich nicht mehr entrichten muß. Ich habe von dir gelernt, wovor ich mich
zu hüten habe. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr? Ich danke dir."
Beredetes Schweigen
Zur dritten Generation der Nachfahren zählen Claudia Brunner und Uwe
von Seltmann mit ihrer Schrift Schweigen die Täter reden die Enkel.
Brunner, die Großnichte Alois Brunners, der als wichtigster Mitarbeiter
Adolf Eichmanns an der Vernichtung von Tausenden Juden beteiligt war,
ist Politikwissenschaftlerin und hat ihre Diplomarbeit über
Selbstmordattentäterinnen(3) geschrieben. Darin werden jene
palästinensischen Frauen, deren einziges Ziel es ist, sich selbst zu
opfern um dadurch möglichst viele Jüdinnen und Juden zu ermorden, zu
Hoffnungsträgerinnen für "eine qualitative Veränderung und Verbesserung
des israelisch-palästinensischen Verhältnisses" erklärt. Diese
"scheint" nämlich erst dann möglich,"wenn auch die potentiellen
Selbstmordattentäterinnen als Menschen mit ihrer Würde und ihren
Rechten gesehen werden. Und vielleicht ist es gerade dieser Blick, den
die vier Frauen durch ihre gewaltvollen Interventionen im
israelisch-palästinensischen Konflikt herausfordern können". Ausgerüstet mit einem Magistratitel, der ihr von der Wiener Universität
aufgrund dieses ideologischen Ergusses verliehen worden war, schrieb
Claudia Brunner wenig später ihren Beitrag über den Großonkel. Darin
werden zunächst auf ganzen zehn Seiten dessen Leben und Verbrechen
abgehandelt und das in einer Sprache, die mit Attributen wie,
"brutalste Menschenjagd", "schlimmste Mißhandlungen", wohl
Betroffenheit zum Ausdruck bringen soll, aber in ihrer
Phrasenhaftigkeit das genaue Gegenteil bewirkt. Danach, und das ist das Ärgerliche und Peinliche an diesem Buch, dreht
sich alles um die Hauptperson und die ist Claudia Brunner selbst; der
Großonkel liefert lediglich die Folie für diese Selbstdarstellung. Da
geht es nicht um die Auseinandersetzung mit dessen Verbrechen, sondern
einzig um die Großnichte, die ständig von sich redet, und mit ihrer
prominenten Herkunft kokettiert. Sie berichtet von ihren Israelreisen,
von Seminaren mit Nachkommen der Shoah, sie erzählt von ihren
Interviews, von ihrem Besuch bei Simon Wiesenthal, und ist erstaunt,
von dem "freundlichen alten" Mann keine aktuellen Informationen über
den Großonkel zu bekommen; Wiesenthal interessiert einzig dessen
Aufenthaltsort. Sie reist nach Paris, um dort an einem Prozess gegen
Alois Brunner, der in dessen Abwesenheit geführt wird, teilzunehmen.
Aber ganz gleich, was sie auch unternimmt, es geht immer um das
gleiche: Claudia Brunner geriert sich als weinerliches Opfer und
unternimmt alles, um endlich von ihrer Verwandtschaft erlöst zu werden:
Hatte sie schon nach dem Gespräch mit Simon Wiesenthal "eine Zeitlang
Ruhe finden" können, so erhofft sie sich auch von der Teilnahme an dem
Prozess in Paris "ein Stückchen Absolution". Doch diese Verwandtschaft
wird sie nicht so einfach los; zu lange teilte sie mit ihrer Familie
ein Geheimnis: mehr als 5 Jahre stand der Vater – mit Wissen des
österreichischen Staates – in Briefkontakt mit dem NS-Verbrecher. Nimmt
man Niklas Franks Buch als kategorischen Imperativ der
Entnazifizierung, dann wäre die einzige korrekte Vorgangsweise gewesen,
den Aufenthaltsort Brunners – sofern er den Briefpartnern wirklich
bekannt war – zumindest Simon Wiesenthal, aber besser dem israelischen
Geheimdienst mitzuteilen. Doch so wie Brunner schreibt, kommt ihr so
ein Gedanke gar nicht in den Sinn.
Selbstmisstrauen statt falscher Versöhnung
Vergleicht man die Bücher von Bruhns und Brunner, so fällt folgendes
auf: während Bruhns, als Vertreterin der Nachfolgegeneration, in die
nationalsozialistische Vergangenheit ihrer Familie gänzlich verstrickt
ist, jede Kritik an ihren Eltern weitgehend rationalisiert und abwehrt
sowie an einer verlogenen Familienidylle festhält, gelingt es Brunner,
dank ihrer Distanz zu ihrem Großonkel, zumindest in der mangelnden
Auseinandersetzung mit ihrem Vater, d.h. mit dessen Verhältnis zu
seinem Onkel und dem Nationalsozialismus, die Ursachen für ihre
Schuldgefühle zu erkennen. Doch anstatt sich diesen Konflikten zu
stellen, und die Konsequenzen zu tragen, was insbesondere für Brunner
bedeuten würde, sich endlich mit dem Antizionismus und Antisemitismus
in der Linken kritisch auseinander zusetzen, entdeckt sie in Seminaren,
die von verschiedenen Jugendorganisationen initiiert werden,
"erstaunliche Parallelen" und Gemeinsamkeiten mit den Nachfahren der
Opfer. Aber ist diese Suche nach Gemeinsamkeiten angesichts der
nationalsozialistischen Verbrechen und einer Gesellschaft, in der sie
nie konsequent geahndet wurden, nicht gänzlich unangemessen und absurd?
Und wäre es statt dieser, gleichsam verordneten und inszenierten Form
der Versöhnung, nicht vielmehr notwendig, an einer prinzipiellen
Differenz festzuhalten? Diese Differenz aber besteht in einem anderen
gesellschaftlichen Verhältnis zur Verwandtschaft: Während es bei den
Opfern und deren Nachkommen durch die Geschichte der Verfolgung und
Vernichtung, und der Möglichkeit ihrer Wiederholung gekennzeichnet ist,
und so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konstituiert, herrscht auf
der Seite der Nachkommen der Täter und Täterinnen eine gleichsam
"familiäre Nähe zur Unmenschlichkeit". Jene, die nie in Gefahr geraten,
einzig auf grund ihrer Herkunft verfolgt und ermordet zu werden, stehen
nicht auf einer Stufe mit den vom Antisemitismus Bedrohten. Statt
dieser falschen Versöhnung wäre die familiäre Nähe zu den Verbrechen,
die unbedingte Distanz und Respekt gegenüber den Opfern und deren
Nachfahren gebieten, als "negatives Eigentum" in Anspruch zu nehmen. Inszenierte Versöhnungs- oder Trauerarbeit ist immer bestrebt, die
Geschichte einzufrieren, zu verfälschen und letztlich die
nationalsozialistische Vergangenheit vergessen zu machen. "Nichts ist
vernarbt, und was vielleicht 1964 schon im Begriffe stand zu heilen,
das bricht als infizierte Wunde wieder auf", schrieb Améry bereits 1976
und widersprach damit auch jenen Bewältigungsversuchen, die selbst von
Opfern und Verfolgten des Nationalsozialismus stammten: "Nicht im
Prozeß der Interiorisation, so scheint mir, sind die zwischen ihnen
[Améry spricht hier von seinen Quälern; Anm. d. Verf.] und mir
liegenden Leichenhaufen abzutragen, sondern im Gegenteil, durch
Aktualisierung, schärfer gesagt: durch Austragung des ungelösten
Konflikts im Wirkungsfeld der geschichtlichen Praxis." Ausgetragen aber
könnte er dadurch werden, "daß in einem Lager das Ressentiment bestehen
bleibt, und hierdurch geweckt, im anderen das Selbstmißtrauen". Niklas Frank aber hält dieses Ressentiment wach, indem er sich radikal
selbst misstraut, ein Selbstmisstrauen, das sich stets auch gegen die
Eltern richtet. Ein Selbstmisstrauen, das aber nicht soweit reicht, um
die eigene Abwehr alles Weiblichen zu reflektieren, bzw. zu begreifen,
dass die männliche Identität in derselben Kindheit wurzelt.(4) Der Vater ist eine Art Menschenfresserbuch, dessen brachialer Ton das
übliche Familiengeschwätz anderer Vatibücher radikal durchbricht.
Franks Selbstmisstrauen ist nicht bloß deklamatorisch, sondern Ausdruck
der Anerkennung der Realität, der direkten Beteiligung des Vaters an
dem Massenmord, sowie seiner eigenen Verstrickung, der er nicht
entkommen kann. Durch die besondere Nähe des Kindes zu den Verbrechen
erscheint zwar vieles zugespitzt und ist doch in Wirklichkeit nichts
anderes als allgemeines postnazistisches Erbe, ein Erbe, an dem alle
Nachkommen der Täter, Mitläufer und Zuschauer (R. Hilberg) teilhaben.
Niklas Frank widerlegt mit seinem Buch die Legende der Bewältigung.
(1) Vgl. http://www.inst.at/trans/index
(2) S. Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr
Schweigen. Stuttgart 2004; Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte
einer deutschen Familie, München 2004; Claudia Brunner/Uwe von
Seltmann: Schweigen die Täter reden die Enkel, Frankfurt 2004; Matthias
Kessler: "Ich muß doch meinen Vater Lieben, oder?" Die Lebensgeschichte
von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus "Schindlers Liste",
Frankfurt 2002. Eine Ausnahme im Reigen der Vatibücher bildet
Martin Pollack: Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater,
Wien 2004. Es ist eine genaue, historisch informative Recherche, fernab
jeder Versöhnung. Bleibt zuletzt noch auf einen Artikel in der Presse
vom 11.9.2004 hinzuweisen. Unter dem Titel "Wo von Krieg gesprochen
wird, da ist Krieg" schreibt Marlene Streeruwitz über das Trauma ihres
Vaters, der 1942 in Russland verwundet wurde und seinen Arm verloren
hatte. Für Streeruwitz ist Krieg gleich Krieg, egal ob es sich um den
Vernichtungskrieg der Nazis, den Kosovo-, Irak- oder den Vietnamkrieg
handelt. In einem Deutsch, das seinesgleichen sucht, heißt es: "In den
Diskussionen zum Vietnamkrieg ergab sich dann erst die Möglichkeit auf
Grund eines Zeitgeists, sich aus dieser Einordnung in ein
unvermeidliches Gewalttätiges, gegen das immer nur mit Gewalt zu
antworten ist, zu entwinden. Ich war das erste der Kinder, das sich mit
Hilfe der sich anbahnenden 68er-Stimmung mit dem Vater als Opfer
identifizieren konnte und nicht mit dem Soldaten, der seine Pflicht
erfüllte". Droht jetzt auch von Streeruwitz ein weiteres Vatibuch?
(3) Claudia Brunner: Auf der Suche nach dem Geschlecht der
Selbstmordattentate im israelisch-palästinensischen Konflikt: Female
Suicide Bombers-Male Suicide Bombings? Diplomarbeit,Wien 2002.
(4) Ausdruck dieser Abwehr ist vor allem die Verachtung des Weiblichen,
etwa wenn Niklas Frank abfällig von den "weibischen" Eigenschaften
seines Vaters spricht. Ist es Zufall, dass diese "Abrechnung" mit dem
Vater von einem Mann geschrieben wurde? Und wo bleibt das weibliche
"Pendant"?
Literatur:
Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie, München 2004.
Claudia Brunner/Uwe von Seltmann: Schweigen die Täter reden die Enkel, Frankfurt 2004.
Claudia Brunner: Suicide Bombers-Male Suicide Bombing? Diplomarbeit Wien 2002.
Niklas Frank: Der Vater. Eine Abrechnung, München 1993.
Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne, in: Jean Améry Werke Band 2, hrsg. v. Gerhard Scheit, Stuttgart 2002.
Hans und Sophie Becker: Die Legende von der Bewältigung des Unerträglichen, in: Psychosozial, 11.Jg. Nr. 36, 1988/89.
Renate Göllner ist freie Autorin und arbeitet an einem Projekt über
die Vertreibung jüdischer Schüler von Wiens Mittelschulen. |
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