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Wiederauferstehung des "christlichen Mittelstands" Ungarns? |
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Seit der Wende 1990 gab es in Ungarn vier
Parlamentswahlen, wobei jedes Mal die Regierung abgewählt wurde. Dieser
ständige Wechsel ist Zeichen einer kontinuierlich wachsenden
Polarisierung in der ungarischen Gesellschaft, die von einer
rückläufigen Wahlbeteiligung begleitet wird.
Von Karl Pfeifer
Seit 1990 versuchen die Rechten das 1944 untergegangene Horthyregime zu
rehabilitieren. Dessen Politiker hatten in Trianon (1920) mit den
Alliierten Frieden geschlossen und waren danach bestrebt, eine Revision
zu erreichen, nach 1933 auch um den Preis eines Bündnisses mit den
Achsenmächten, obwohl weitsichtige konservative Politiker davor warnten. War Ungarn in der Monarchie noch eine staatstragende Nation, so wurde –
kurz nach der erreichten Unabhängigkeit von Wien – das Nationalgefühl
durch den Frieden von Trianon (nicht weit von Versailles) tief
gekränkt. Diese Kränkung wurde vom Regime benützt. Neben Revanchismus,
Chauvinismus, Antiliberalismus und Antikommunismus zeichnete es sich
durch Antisemitismus aus. Alle damaligen Regierungspolitiker
postulierten den ungarischen Rechten so sehr strapaziert, wie der des
"christlichen Mittelstandes", den kein/e Soziologe/in präzise Schutz
des "christlichen Mittelstandes".
Kein Begriff wurde und wird im Sprachgebrauch der definieren kann. In
Wirklichkeit geht es darum, wie schon in der Zwischenkriegszeit, Juden
und Jüdinnen (zu denen auch diejenigen zählen, die von der Gesellschaft
als solche betrachtet werden) zu markieren, zurückzudrängen, ihren
Einfluss zu schmälern, und vielleicht am Ende auch aus dem Land zu
treiben. Das Wort "christlich" wird heute – wie in der
Zwischenkriegszeit – oft als Synonym für nichtjüdisch gebraucht. Nicht zu leugnen ist, dass der Säkularisationsprozess auch in Ungarn
seit der Befreiung 1945 wirksam war. Trotzdem bekennen sich auch viele
Leute des rechten Lagers zum "christlichen Mittelstand", die eine
Kirche höchst selten wenn überhaupt betreten. Wenn es im soziologischen
Sinn auch nicht mehr die gleiche Klasse gibt, schließt diese sich heute
als solche definierende aber in der Mentalität an diejenige, die das
Horthyregime repräsentierte, voll an. Der im Exil gestorbene Schriftsteller Sándor Márai qualifizierte diesen
Mittelstand als einen, der in der Zwischenkriegszeit "seine
Qualitätsansprüche aufgab, das Diplom durch den Taufschein als Mittel
zum Vorwärtskommen ersetzen wollte und mit der Rassenbewertung den
Adelsbrief, dieses rissige Pergament, verriet". Ein Evergreen des "christlichen Mittelstands" ist das Jammern ob der
"jüdischen Ausbreitung". Wurden im Horthyregime die Juden und Jüdinnen
beschuldigt, am Kommunismus und Kapitalismus schuld zu sein, so kommt
heute noch die Globalisierung dazu. Der ehemalige Schriftsteller und Geheimdienstspitzel István Csurka,
Vorsitzender der rechtsextremen MIEP, die bei den Wahlen 2002 aus dem
Parlament flog, erlaubte sich am 19. April, dem Gedenktag des
Holocausts, der an die Deportation der ungarischen Juden und Jüdinnen
vor 60 Jahren erinnert, zu erklären: "Das Judentum will seine Hegemonie
über Millionen Ungarn bewahren, es will Ungarn zum Hinterland von
Israel machen, es will angesichts der ungarischen Schwäche eine neue
europäische Basis aufbauen." Die Oppositionspartei Fidesz – die sich als die Partei des
"christlichen Mittelstandes versteht – versucht das Kunststück zu
vollbringen, in Ungarn mit ungehemmter innenpolitischer Hetze, mit
unterschwelligem Antisemitismus, vulgärem Antikommunismus und billiger
Sozialdemagogie zu mobilisieren, gleichzeitig aber in der breiten
Öffentlichkeit und im Ausland den Anschein zu erwecken, man habe es mit
einer normalen konservativen Partei zu tun. Wie viele Juden und Jüdinnen heute in Ungarn leben, kann nicht mit
Bestimmtheit gesagt werden, da ja die Gesellschaft in der Regel die
Abstammung bei der Beurteilung wer jüdisch ist als Kriterium nimmt,
danach aber bei der Volkszählung natürlich nicht gefragt wird. Man
schätzt die Zahl auf 80.000 - 100.000, die zumeist in Budapest leben. Das Wort "Jude" wird nicht nur auf Sportplätzen als Beschimpfung
verwendet. Die Polarisierung zwischen "links" und "rechts", zwischen
"urbanen" und "völkischen" Intellektuellen führte auch dazu, dass man
den ungarischen Schriftsteller Peter Esterhazy "beschuldigte" jüdischer
Abstammung zu sein. Esterhazy trat den Gegenbeweis öffentlich an. Es
ist schauderhaft zu lesen, wie auch entschiedene GegnerInnen des
Antisemitismus ihre lupenreine nichtjüdische Abstammung glauben
beweisen zu müssen und welche Rolle diese im heutigen Ungarn spielt.
Der Holocaust in Ungarn
Die ungarischen Juden und Jüdinnen lebten im Mittelalter und in der
Moderne relativ im Windschatten. Erst nach der Emanzipation (1867)
eröffneten sich für sie große Möglichkeiten. So spielten sie bei der
Industrialisierung und Modernisierung Ungarns eine wichtige Rolle und
viele von ihnen wurden zu Pionieren der Magyarisierung der
Minderheiten, die ja im ungarischen Teil der Monarchie die Mehrheit
bildeten. Antisemitismus war auch aus eben diesem Grund vor dem Ersten Weltkrieg
nicht mehrheitsfähig, doch gab es warnende Zeichen, wie den
Ritualmordprozess Tiszaeszlár, der nach 1882 die Öffentlichkeit einige
Jahre beschäftigte. Als in den katholischen Städten Transdanubiens der
Pöbel antisemitische Unruhen auslöste, gab der reaktionäre
Ministerpräsident Kálmán Tisza den Husaren den Befehl, diese mit Gewalt
zu unterdrücken. Auch sein Sohn István Tisza nahm als Ministerpräsident
vor dem Ersten Weltkrieg energisch gegen den Antisemitismus Stellung. Trotz staatlicher Ablehnung war der Antisemitismus in der Gesellschaft
stark verankert. Dies war mit ein Grund, warum viele junge Juden und
Jüdinnen die aufkommende Linke unterstützten. Das machte sich
insbesondere während der Zeit der kurzlebigen Räterepublik 1919
bemerkbar, als fast alle Führungskader jüdischer Abstammung waren. Es folgte der von Miklós Horthy angeführte "weiße Terror" mit vielen
linken und jüdischen Opfern. Während der zwanziger Jahre versuchten
jüdische Apologeten, mit Fakten dem Antisemitismus entgegenzutreten und
lieferten Beweise, dass unter den Opfern des "roten Terrors" auch nicht
wenige Juden waren. Doch das hatte keine Wirkung. Damals wie heute wird
den Juden und Jüdinnen pauschal "Kosmopolitismus" und
"Internationalismus" vorgeworfen. Im Friedensabkommen von Trianon wurden auch kompakte von Ungarn
bewohnte Gebiete abgetrennt und viele Ungar/inne/n aus den
Nachfolgeländern strömten in das kleiner gewordene Land. War noch in
der "guten alten Zeit" für einen ungarischen Gentry ein Posten im
Geschäftsleben nicht erwünscht, so änderte sich das. Ungarn wurde das
erste Land in West- und Mitteleuropa, das bereits nach dem Ersten
Weltkrieg den "numerus clausus" beschlossen hatte, mit dem das
Hochschulstudium von Juden und Jüdinnen eingeschränkt wurde. Während der Konsolidierung des Horthyregimes in den frühen zwanziger
Jahren wurden die antisemitischen Strömungen zwar zurückgedrängt, doch
hatten große Teile des "christlichen Mittelstands" sich längst zum Ziel
gesetzt, den Juden und Jüdinnen die wirtschaftlichen Grundlagen zu
entziehen. Auch die Regierung setzte den Antisemitismus gezielt ein, um
von Missständen abzulenken. Nach der Machtübergabe an die
Nationalsozialisten in Deutschland und insbesondere nach dem
"Anschluss" erstarkten die antisemitischen Strömungen in der
ungarischen Politik und Gesellschaft. Bei den Wahlen 1939 gelang den
Pfeilkreuzlern ein Einbruch in die traditionelle WählerInnenschaft der
Sozialdemokraten.(1) Es gab in der ungarischen Öffentlichkeit und
Kultur Stimmen, die vor dem Bündnis mit den Nationalsozialisten immer
wieder warnten, so der ehemalige Antisemit und Parlamentsabgeordnete
Endre Bajcsy-Zsilinszky, der von den Pfeilkreuzlern Ende 1944
hingerichtet wurde, als die Rote Armee schon in Ungarn stand. 1938/39
wurden zwei antijüdische, diskriminierende Gesetze mit Zustimmung der
katholischen und reformierten Kirche beschlossen. Einige führende
ungarische Intellektuelle, darunter der Nobelpreisträger Albert
Szentgyörgi, die Musiker Béla Bartók und Zoltán Kodály sowie eine Reihe
von bekannten AutorInnen protestierte dagegen. 1941 wurde ein Gesetz
gegen Juden und Jüdinnen ausgearbeitet, in dem zum erstenmal
rassistische Kriterien angewandt wurden. Der Wissenschaftler Randoph L.Braham schreibt in seinem grundlegenden
Werk(2) von den unmöglichen Paradoxen der Geschichte der Juden und
Jüdinnen in Ungarn. Ungarn war in der Zeit bis zur deutschen Besetzung
Zufluchtsort in Mitteleuropa, verhältnismäßig vielen verfolgten Juden
und Jüdinnen gelang die Flucht nach Ungarn. Nur wenige wurden von den
Behörden interniert. Obwohl es nach Stalingrad allen klar war, dass
Deutschland diesen Krieg verlieren wird, und das Kommando Eichmann
lediglich aus ca. 150 Männern bestand, machten die ungarischen Behörden
nach der deutschen Besetzung am 19. März 1944 begeistert mit bei der
Ghettoisierung, Beraubung und Deportierung der Juden und Jüdinnen.
Binnen ungefähr sieben Wochen wurden sie aus der Provinz vor allem nach
Auschwitz-Birkenau deportiert und die meisten fanden dort ihren Tod.
Nachdem Reichsverweser Horthy von den Alliierten und Neutralen bedrängt
worden war, gab er Befehl, die Deportation der Juden und Jüdinnen aus
Budapest zu verhindern. Ungarisches Militär hinderte am 7. Juli 1944
die ungarische königliche Gendarmerie daran, mit der Deportation auch
in der Hauptstadt zu beginnen. Nach der Machtübergabe an Szálasi und
die Pfeilkreuzler am 15. Oktober 1944 wurden rund 100.000 Juden und
Jüdinnen aus Budapest Richtung Österreich in Marsch gesetzt. Viele von
ihnen wurden ermordet oder starben an den Strapazen. Insgesamt fielen
rund 450.000 Juden und Jüdinnen dem ungarischen Holocaust zum Opfer. István Bibó hat in seinem bereits 1948 erschienenem Essay(3) sich mit
der Verantwortung der ungarischen Gesellschaft beschäftigt. János
Gyurgyák resümiert in seinem umfassenden Werk(4) die Haltung der
Gesellschaft, die bis heute den ungarischen Holocaust "weder verdauen
noch aufarbeiten" konnte. Während der Zeit des Stalinismus 1949 - 1956 wurde das Thema
Antisemitismus und Judenverfolgung in Ungarn tabuisiert. In der Zeit
der Konsolidierung des Kádárregimes wurden in der Regel Juden und
Jüdinnen nicht diskriminiert, jedoch wurden für repräsentative Posten
eher Nicht-Juden/-Jüdinnen bevorzugt. Es erschienen zwar in kleiner
Auflage einige belletristische Werke zum Thema, doch herrschte noch die
Geschichtslüge vor, wonach "die Deutschen", die volle Verantwortung
gehabt hätten für die Schoa. Denn man konnte sich ja zurecht darauf
berufen, dass es ohne deutsche Besetzung nicht dazu gekommen wäre. Das
aber war nur die halbe Wahrheit.
Denkmal für einen Antisemiten
Anfang 2004 wurde der Plan bekannt, in Budapest ein Denkmal für den
Antisemiten Pál Teleki aufzustellen. Der liberale Bürgermeister Gábor
Demszky stimmte zu. Erst als die jüdische Gemeinde protestierte, nahm
er seine Zustimmung zurück. Der Politiker, Geograph, Pfadfinderführer Teleki war mehrfach Minister
und Ministerpräsident Ungarns und als solcher schloss er auch im März
1941 ein Nichtangriffsabkommen mit Jugoslawien. Als ihm klar wurde,
dass das Horthy-Regime den deutschen Truppen den Durchmarsch nach
Jugoslawien gestatten würde, beging der praktizierende Katholik Teleki
Selbstmord. Teleki war 1920-21 Ministerpräsident und führte den "numerus clausus"
gegen jüdische StudentInnen ein. Er ließ auch die Prügelstrafe zu und
tolerierte während der zwanziger Jahre in einem von ihm geleiteten
Institut die Fälschung französischer Francnoten, was zu einem
internationalen Skandal führte. Vom 16.2.1939 bis zum Selbstmord am
3.4.1941 war Teleki neuerlich Ministerpräsident und als solcher
verantwortlich für den Beitritt zum Antikomminternpakt und dem Austritt
aus dem Völkerbund 1939 sowie den Beitritt zum Dreimächtepakt 1940.
Teleki verschärfte das zweite ungarische Judengesetz und während eines
Gesprächs mit Hitler in Berlin am 20.11.1940 kam er ungefragt auf die
Perspektiven der Judenpolitik zu sprechen: "Graf Teleki warf die
Judenfrage auf", heißt es im Protokoll, "und erklärte, daß die Juden
bei Friedensschluß aus Europa herausgebracht werden müssten."(5) Auch
entsandte er eine offizielle ungarische Delegation zur Eröffnung des
Frankfurter "Instituts zur Erforschung der Judenfrage". Der Historiker Krisztián Ungváry hat sich kritisch mit den Befürwortern
des Teleki-Denkmals auseinandergesetzt(6) und beanstandet, dass diese
den Antisemitismus Telekis, der zur Diskriminierung von 750.000
ungarischen Staatsbürger/inne/n und damit zur Vorbereitung der
Deportation einen großen Beitrag geleistet hat, verharmlosen. Er wirft
ihnen vor, dass sie nicht an die zehntausenden Menschen denken, denen
Teleki die ungarische Staatsbürgerschaft entzogen hat, die
hunderttausend, in deren Grundbuchauszügen er hineinschreiben ließ,
dass der Eigentümer "Jude" sei, an die Menschen, die aufgrund der
Richtzahlen Telekis ihre Arbeit verloren haben. Der Historiker Károly Vígh(7) meinte: "Auch Teleki konnte sich nicht
der Kritik an den Juden entziehen". Darauf Ungváry: "Wie kann man
Antisemitismus ’Kritik’ nennen? Das Wort ’Kritik’ setzt eine Tat des
Kritisierten voraus. Das stimmt unter mehreren Gesichtspunkten nicht.
Einerseits weil für die Taten einzelner Menschen eine ganze
Gemeinschaft nicht verantwortlich sein kann, andererseits weil im Falle
des ’Judentums’ Vigh nur dann eine Gemeinschaft zwischen assimilierten,
kommunistischen, kapitalistischen und religiösen Juden postulieren
kann, wenn er die Rassentheorie akzeptiert." Ungváry findet diese Argumentation – auch vom Standpunkt der
ungarischen Konservativen und Rechten – bedenklich, nennt eine Reihe
von ungarischen Konservativen, die sich entschieden gegen diese Gesetze
stellten und fragt, ob diese angesehene Persönlichkeiten Dilettanten
und von den Realitäten abgekoppelt waren. In diesem Zusammenhang
erwähnt er Béla Bartók, der gegen diese Gesetze protestierte und Ungarn
deswegen verließ, sowie die Sozialdemokratin Anna Kéthly, die im
Parlament gegen die antisemitischen Gesetze protestierte und davon
sprach, dass am Ende dieser Entwicklung die Vernichtung stehen könne. Ungváry sieht in der Berufung auf den damaligen "Zeitgeist" eine
Fälschung, denn Teleki war nicht irgendwer, sondern stellte sich
während des Ersten Weltkriegs an die Spitze des "Zeitgeistes", als er
notorisch antisemitische Ansichten verbreitete. Ungváry bringt für die
Argumentation von Vigh und anderen, die sich auf den entlastenden
"Zeitgeist" berufen, "menschlich" Verständnis auf, "denn sie haben so
oder anders auch tief die Versuchung des Opportunismus erlebt und
wurden selbst Opfer dieses Zeitgeistes. Das beweise Vighs Publikation
vor der Wende, in der er noch vom Wüten der ’horthystischen
Gegenrevolutionäre’ schrieb." Zum Schluss fragt Ungváry, wie es erlaubt werden könne, ein Denkmal
eines Politikers aufzustellen, "der die ungarische Gesellschaft
aufgrund der Rasse zerschlagen hat, mit seinen judenfeindlichen
Gesetzen und Verordnungen Massen ihrer Rechte beraubt hat, der mit
seiner Politik, die sich auch gegen die ungarische politische Elite
wandte, das Land in eine Krise brachte und dann mit seinem Selbstmord
sich der Verantwortung entzog." Balatonboglár am Plattensee, wo einst mein Onkel Arthur Puskás (früher
Pfeifer) Direktor der Wasserwerke und Kaufmann war, unterstützt die
Errichtung eines Denkmals für Pál Teleki mit zwei Million Forint an
Steuergeldern. Obwohl Teleki dafür mitverantwortlich ist, was nach der
deutschen Besetzung geschah. Mein Onkel, seine Frau, seine Tochter mit
Enkelkind und seine beiden Söhne wurden 1944 in ein Ghetto gesperrt,
ihres Eigentums beraubt und von der königlichen ungarischen
Gendarmerie, für die in Budapest bereits vor einigen Jahren ein Denkmal
errichtet wurde, in einen Viehwaggon gepfercht, um dann in
Auschwitz-Birkenau ermordet zu werden.
Moderne Rechtspartei oder Rückkehr zum "christlichen Mittelstand"
Ob mit dem Wiederaufleben des historischen Mummenschanzes und dem
Rückgriff auf die Ideologie des Horthyregimes auf die Dauer Wahlerfolge
erzielt werden können, darf bezweifelt werden. Die Taktik der Rechten,
die Provinz gegen die Hauptstadt auszuspielen, brachte ihr in Budapest
eine einmalige Niederlage. Sogar im noblen Bezirk des Rosenhügels in
Budapest ist der Bezirksbürgermeister Sozialist. Fidesz-Chef Viktor Orbán hat heuer eine "nationale Petition"
unterschreiben lassen, die "Arbeit, Wohnung und Sicherheit" fordert.
"Jedermann hat das Recht eine Wohnung zu erwerben, damit die Jungen zu
einer Wohnung kommen, bitten wir das Subventionssystem wieder
einzuführen. Jedermann hat das Recht auf sichere Existenz, deswegen
bitten wir die Regierung, sie soll die Privatisierung stoppen, sie soll
die ungarischen Arbeitsplätze schützen und die ungarischen Unternehmer
schützen..." Hätten Linke während der Zeit der Ministerpräsidentschaft
Orbáns dies postuliert, hätte man sie verspottet. Nun kommt dieser
Freund Edmund Stoibers und Wolfgang Schüssels mit solchen in der EU
unerfüllbaren Forderungen und möchte im Ausland ernst genommen werden. Orbán ist es gelungen, rechts von seiner Partei alle Kräfte zu
zermalmen. Damit folgte er dem Beispiel der CSU. Nur konnte er damit
keine Mehrheit erringen. In seiner Partei gibt es aber auch ernst zu
nehmende PolitikerInnen, die aus Fidesz eine moderne Volkspartei machen
möchten. Orbán selbst versucht mit symbolischen und populistischen
Aktionen die Rechten zu halten und mit Sozialdemagogie die
NichtwählerInnen bzw. sozialistische WählerInnen umzustimmen. Die Rechten erinnern sich nicht gerne an den Zivilisationsbruch und
möchten vergessen machen, dass die ungarische Administration unter dem
Reichsverweser Horthy binnen weniger Wochen im Frühjahr 1944
hunderttausende Juden und Jüdinnen vor allem nach Auschwitz-Birkenau
deportieren ließ. Die meisten heutigen NationalistInnen haben während
des Regimes von János Kádár (1956-1988) nicht aufgemuckt, sondern sich
arrangiert. Plötzlich sehen sie im Realsozialismus ein von "fremden
Kräften" verursachtes "Unglück", einen nationalen Fluch, Schicksal, ja
Verhängnis. Es "lässt sich wohl sagen, dass sie den Antisemitismus
brauchen" (Imre Kertész). Tatsächlich ist es bequem, Juden und Jüdinnen, die weniger als ein
Prozent der Bevölkerung ausmachen, als Sündenböcke zu benutzen. In der
Ära Kádár war das Thema Antisemitismus tabuisiert. Die Wende brachte
auch die Freiheit zu versuchen, die Verantwortung für die eigenen
Irrtümer und Verbrechen der Jahrzehnte nach 1945 allein den aus der
Nation wieder auszugrenzenden Juden/Jüdinnen und Linken in die Schuhe
zu schieben. Die konservative Opposition wird sich in den nächsten zwei
Jahren entscheiden müssen, ob sie den gegenwärtigen Kurs fortsetzt und
zu einer Art Haider-Partei wird oder es schafft, zu einer modernen
Volkspartei zu werden nach dem Modell der britischen Konservativen oder
der deutschen CDU.
Anmerkungen
1) Die Sozialdemokratische Partei konnte bis zur deutschen Besetzung
legal wirken, durfte jedoch in Dörfern und am Land keine Agitation
betreiben.
2) "The Politics of Genocide, The Holocaust in Hungary", New York 1994
3) "Zur Judenfrage, Am Beispiel Ungarns nach 1944", Frankfurt a. M. 1990
4) "A zsidókérdés Magyarországon/ politikai eszmetörténet" (Die
Judenfrage in Ungarn, politische Ideengeschichte), Osiris, Budapest 2001
5) Andreas Hillgruber (Hg.): Staatsmänner und Diplomaten bei Hitler, München 1969, S. 198
Hillgruber bemerkt dazu: "Diese Äußerung Telekis ist bemerkenswert, da
die Haltung der ungarischen Regierung zur ‚Judenfrage’ im allgemeinen
gemäßigt und Gegenstand ständiger Kritik Hitlers war."
6) Élet és Irodalom, 9. April 2004, 48. Jg, Nr.15
7) Élet és Irodalom, 2. April 2004, 48. Jg, Nr.14 |
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