Austeritätspraxen
Vom 25.-28. Februar dieses Jahres ist eine Delegation des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte und von medico international nach Athen und Thessaloniki gefahren, um sich ein Bild von den Auswirkungen der Austeritätspolitik auf das Gesundheitswesen zu machen und um mit Leuten aus (…)
| medico international | |
|---|---|
| Rechtsform | gemeinnütziger eingetragener Verein |
| Gründung | 1968 |
| Sitz | Frankfurt am Main (⊙50.1124828.717807) |
| Vorläufer | action medico |
| Zweck | Hilfs- und Menschenrechtsorganisation |
| Vorsitz | Anne Blum[1] |
| Geschäftsführung | Tsafrir Cohen |
| Umsatz | 20.104.367 Euro (2024) |
| Beschäftigte | 76 (2023) |
| Freiwillige | 9 (2020) |
| Mitglieder | 73 (2024) |
| Website | www.medico.de |
medico international (Eigenschreibweise) ist eine Hilfs- und Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Frankfurt am Main. Die Organisation engagiert sich für die globale Verwirklichung des Menschenrechts auf Gesundheit. Dafür unterstützt die Organisation Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Zusammen mit Partnern leistet medico Nothilfe in Katastrophensituationen und unterstützt langfristig Projekte in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Menschenrechte und psychosoziale Arbeit. Zweiter Schwerpunkt der Organisation ist eine kritische Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit.
Medico ist Träger des DZI-Spendensiegels[2] und Mitglied im Bündnis Entwicklung Hilft.[3]
Organisationsstruktur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Medico ist ein eingetragener Verein mit einem ehrenamtlich tätigen Vorstand, der alle zwei Wochen tagt. Geschäftsführer ist Tsafrir Cohen. In der Frankfurter medico-Geschäftsstelle sind mehr als 40 hauptamtliche Mitarbeiter in der Projektbetreuung, Öffentlichkeitsarbeit und Verwaltung beschäftigt. Außerdem unterhält die Organisation vier Auslandsbüros in Mittelamerika, Israel/Palästina und Algerien.[4] Einer der bekanntesten medico international-Mitarbeiter ist Thomas Seibert.[5]
Im Jahr 2004 wurde zusätzlich die Stiftung medico international gegründet. Die Erträge des Stiftungskapitals werden in erster Linie dafür verwendet, die Arbeit des Vereins zu unterstützen. Im Kuratorium der Stiftung sitzen unter anderem der Kabarettist Georg Schramm und der ehemalige hessische Justizminister Rupert von Plottnitz. Auch die mittlerweile verstorbenen Psychoanalytiker Margarete Mitscherlich-Nielsen und Paul Parin waren als Mitglieder des Kuratoriums für die Stiftung medico international tätig.[6]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit ihrer Gründung 1968, damals noch unter dem Namen action medico, hat sich die Arbeitsweise der Organisation grundlegend verändert. Ursprünglich gegründet, um eine Sammlung von Medikamenten für Biafra zu organisieren, folgte bald die Entsendung von Personal und Fahrzeugen in Katastrophengebiete. Die Erfahrungen mit dieser Art der Hilfe führten bei medico zu einem Umdenken: Um dauerhafte Verbesserungen zu erreichen, sollten die Ursachen von Not und Armut stärker in den Blick genommen werden. Der Ansatz, den medico in der Zukunft verfolgte, setzte statt auf Medikamentensammlungen und Kurzeinsätze ausländischer Fachkräfte auf die Unterstützung lokaler Initiativen und politisches Engagement zur Veränderung der Umstände, die erst zum Entstehen der Notsituationen führen.
Langfristige Projekte rückten ins Zentrum der Tätigkeit von medico. Auch als Konsequenz aus dem Scheitern eines Großprojektes in Mali 1973 – der Errichtung eines sozial-medizinischen Komplexes in Kooperation mit der Regierung des Landes – konzentrierte sich medico immer stärker auf einen basismedizinischen Ansatz. Das Konzept der Primären Gesundheitsversorgung, das mit der Erklärung von Alma-Ata (1978) auch von der Weltgesundheitsorganisation angenommen wurde, prägte zunehmend die Arbeit.[7] Zentral für dieses Konzept war, dass Gesundheit für alle nicht durch zentral verordnete Politikmaßnahmen zu erreichen ist, sondern nur durch die maßgebliche Beteiligung der Betroffenen selber.
In den 1980er Jahren unterstützte medico vor allem Befreiungsbewegungen in Zentralamerika, dem südlichen Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten. So förderte medico in Nicaragua den Aufbau von lokalen Gesundheitszentren, die Ausbildung von Krankenpflegepersonal und die Verbesserung der Trinkwasserversorgung. In Nicaragua begann medico auch damit, sich in der psychosozialen Arbeit zu engagieren. Diese Form der Hilfe blieb in den folgenden Jahrzehnten Bestandteil des Engagements.[8]
1991 initiierte medico mit der Vietnam Veterans of America Foundation die Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen. Die Kampagne entwickelte sich zu einer weltweiten Bewegung, die 1997 schließlich den Abschluss des Vertrags von Ottawa erreichte, in dem Antipersonenminen international verboten wurden.[9] Im gleichen Jahr wurde die Kampagne mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.[10]
medico unterstützte seit 1998 die Sangoco (South African National NGO Coalition), den Dachverband südafrikanischer Nichtregierungsorganisationen, der zusammen mit Kirchen und einigen Gewerkschaften des Landes die Forderung nach Entschuldung bei internationalen Kreditgebern erhob. Damit wurde die Frage nach der Mitverantwortung ausländischer Finanz- und Industrieunternehmen für die Apartheidverhältnisse angesprochen, die mit ihren Investitionen unter Ausnutzung von Billiglohnverhältnissen das südafrikanische Regime vor 1994 bei seiner Innen- und Außenpolitik auf vielfältige Weise unterstützt hatten. Der deutsche Finanzsektor hielt dabei unter allen ausländischen Kapitalgebern noch vor den USA den Spitzenplatz, indem er 1993 allein nur innerhalb des öffentlichen Wirtschaftssektors Südafrikas einen Anteil von 27,5 % der schuldenbedingten Forderungen beanspruchte. Medico unternahm dazu mit Partnerorganisationen entsprechende Kampagnen.[11][12] Ein diesbezügliches Klageverfahren in den USA gegen IBM, Daimler, Rheinmetall und weitere Unternehmen scheiterte 2013.[13][14]
Seit 2008 unterstützt medico die israelische Nichtregierungsorganisation Schovrim Schtika (englisch Breaking The Silence, deutsch Das Schweigen brechen).[15] Die Organisation von ehemaligen und aktiven Soldaten der Israelische Verteidigungsstreitkräfte (IDF) will die israelische Öffentlichkeit über die Aktivitäten der Armee in den palästinensischen Gebieten informieren.
Im Jahr 2014 begann medico zusammen mit den Vorsitzenden von DGB, IG Metall und ver.di eine Kampagne zur Unterstützung der Textilarbeiterinnen und -arbeiter in Südasien.[16] Zwei Jahre nach dem Fabrikbrand bei Ali Enterprises im pakistanischen Karatschi, bei dem über 300 Menschen starben,[17] unterstützen medico und das European Center for Constitutional and Human Rights eine Klage von vier Überlebenden gegen das deutsche Textilunternehmen KiK.[18] In Bangladesch fördert medico einen Fonds für die Verletzten des Zusammensturzes der Textilfabrik Rana Plaza[19], bei dem über 1127 Menschen starben und 2438 verletzt wurden.[20]
Im Jahr 2020 stellte medico die Unterstützung der seit über 40 Jahren in algerischen Lagern lebenden Sahrauis ein, da sie sich in der Situation sah, ohne Aussicht auf eine politische Lösung das System der Hilfsbedürftigkeit aufrechtzuerhalten und zugleich Kontrolle zur Verhinderung von Mittelmissbrauch ausüben zu müssen.[21]
Projekte und Arbeitsweise
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Zurzeit unterstützt medico insgesamt 114 Projekte in 29 Ländern.[22] Schwerpunkte der Tätigkeit der Organisation finden sich Mittelamerika und dem Nahen Osten. Aber auch mit Partnerorganisationen in Südamerika, Afrika und Asien arbeitet medico zusammen.
medico leistet Nothilfe in akuten Katastrophensituationen, wie kriegerischen Auseinandersetzungen, Flucht und Umweltkatastrophen. Die Nothilfe soll jedoch immer mit langfristigen Projekten verbunden werden, um nachhaltige Verbesserungen zu erreichen. Zentral für die Arbeit von medico ist dabei die Zusammenarbeit mit einheimischen Organisationen, die nicht als bloße Empfänger von Hilfe angesehen werden sollen, sondern als eigenständige Partner.
medico stellt die Verwirklichung des Rechts aller Menschen auf Gesundheit ins Zentrum ihrer Tätigkeit. Gesundheit versteht die Organisation gemäß der Definition der Weltgesundheitsorganisation als vollständiges physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden, nicht als bloße Abwesenheit von Krankheiten.[23] Daher arbeitet Medico nicht nur mit Organisationen zusammen, die in der medizinischen Gesundheitsversorgung tätig sind, sondern unterstützt ebenso andere Projekte der Entwicklungszusammenarbeit, Menschenrechtsorganisationen und kulturelle Initiativen. So arbeitet medico mit dem Freedom Theatre Jenin zusammen, das Kindern und Jugendliche aus dem Flüchtlingslager Jenin einen Raum bietet, in dem sie sich frei ausdrücken können,[24] sowie mit den Gays and Lesbians of Zimbabwe, die sich für die Rechte sexueller Minderheiten einsetzen, und unterstützt Minenräum- und Minenaufklärungsprojekten in Afghanistan und Kolumbien.
Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen
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Anspruch von medico international ist es, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, die über die bloße Spendengewinnung hinausgeht. Die Organisation informiert über die Situation in den Ländern, in denen sie Partnerorganisationen hat und kritisiert die Ursachen von Ungerechtigkeit und Armut. Wichtigste Informationsmedien sind die Website medico.de sowie das vier Mal jährlich erscheinende kostenlose Rundschreiben mit Reportagen und Hintergrundberichten aus den Projektländern. Einmal im Jahr veröffentlicht medico einen Jahresbericht, in dem über die Projektarbeit des vergangenen Jahres berichtet wird und Details zu Finanzentwicklung und Organisationsstruktur transparent gemacht werden.
Medico initiiert oder beteiligt sich regelmäßig an politischen Kampagnen. Zusammen mit dem globalisierungskritischen Netzwerk attac startete die Organisation 2011 eine Kampagne unter dem Titel Die EU nennt es Rohstoffinitiative… Wir nennen es Rohstoffraub, die sich gegen die Strategie der EU wendet, offensiv auf Zugang zu Rohstoffvorkommen in Entwicklungsländern zu drängen. Auch am Bündnis Umfairteilen, in dem sich Gewerkschaften, Sozialverbände und NGOs zusammengeschlossen haben, um sich für eine stärkere Besteuerung von Reichtum einzusetzen, ist medico beteiligt.[25]
Medico ist Mitglied im People’s Health Movement, in dem sich zahlreiche Gesundheitsinitiativen aus aller Welt zusammengeschlossen haben. Das Netzwerk setzt sich für die globale Verwirklichung des Konzepts der Basisgesundheitsversorgung ein. Gesundheitsversorgung soll als Gemeingut unter Partizipation der betroffenen Menschen auf lokaler Ebene zur Verfügung gestellt werden.[26]
Ende 2017 wurde das medico-Haus im Frankfurter Osthafen eröffnet.[27] Das im Erdgeschoss befindliche Osthafenforum versteht sich als „Resonanzraum für Prozesse der Emanzipation“.[28]
medico international Schweiz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die während des Spanischen Bürgerkrieges 1937 gegründete Schweizer Hilfsorganisation Centrale Sanitaire Suisse benannte sich 2002 in medico international Schweiz um, blieb jedoch eigenständig.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website von medico international Deutschland
- Website der Stiftung medico international
- Website von medico international Schweiz
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Organigramm. In: medico.de. 1. April 2019, abgerufen am 3. November 2019.
- ↑ medico international e. V. In: DZI. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 15. November 2017; abgerufen am 15. November 2017.
- ↑ Bündnis Entwicklung Hilft.
- ↑ Jahresbericht 2014. Unsere Arbeit im Überblick. In: medico international. 26. Mai 2015, abgerufen am 15. November 2017.
- ↑ Ratsmitglieder: Thomas Seibert. In: attac netzwerk. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 2. April 2015; abgerufen am 15. November 2017.
- ↑ Struktur. In: medico international. Juni 2016, abgerufen am 15. November 2017.
- ↑ Aus dem medico-Rundschreiben 01/2008.
- ↑ Aus dem medico-Rundschreiben 02/2008.
- ↑ International Campaign to Ban Landmines.
- ↑ nobelprize.org
- ↑ Wer übernimmt die Kosten der Apartheid? Internationale Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im südlichen Afrika. Beitrag vom 1. Oktober 2008 auf www.medico.de
- ↑ Apartheid-Opfer vs. Daimler. Unterschriften für Apartheidentschädigung übergeben. Bericht vom 3. November 2010 auf www.medico.de
- ↑ Apartheidverfahren in USA abgelehnt. Ein schwerer Rückschlag für Klagen gegen Menschenrechtsverletzungen. Bericht vom 23. August 2013 auf www.medico.de
- ↑ Narnia Bohler-Muller; Human Sciences Research Council: Apartheid victim group scores symbolic victory against multinationals ( vom 23. Mai 2016 im Internet Archive). In: hsrc.ac.za. (englisch)
- ↑ 10 Jahre Breaking The Silence
- ↑ Reiner Hoffmann (DGB-Vorsitzender), Detlef Wetzel (IG Metall-Vorsitzender) und Frank Bsirske (ver.di-Vorsitzender): "Wir stehen am Anfang"
- ↑ More Than 300 Killed in Pakistani Factory Fires. In: The New York Times vom 12. September 2012, abgerufen am 25. Oktober 2012
- ↑ Sie klagen gegen KiK
- ↑ Wir handeln jetzt
- ↑ 1127 Tote, 2438 Verletzte ( vom 7. Juni 2013 im Internet Archive), Tagesschau, 13. Mai 2013
- ↑ Katja Maurer: Schwindender Spielraum. in: medico international Rundschreiben 03/2020, S. 52 f.
- ↑ Jahresbericht 2014
- ↑ Internationale Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung: Erklärung von Alma Ata (1978). (PDF; 80 kB) Europa. In: www.euro.who.int. World Health Organization (WHO), 2013, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 21. September 2013; abgerufen am 6. Juni 2026.
- ↑ Esther Boldt: Kulturelle Intifada. In: taz, 22. September 2009, Nr. 8994.
- ↑ Bündnis Umfairteilen. ( vom 2. Februar 2016 im Internet Archive)
- ↑ medico international: Global – Gerecht - Gesund? Fakten, Hintergründe und Strategien zur Weltgesundheit. VSA-Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-89965-293-2.
- ↑ medico international: Gut angelegt - Das neue medico-Haus. Abgerufen am 3. September 2019.
- ↑ Osthafenforum. In: www.osthafenforum.de. Abgerufen am 3. September 2019.


