Primo Levi
Beiträge
Café Critique, Jahr 2014

Deconstructing Israel

Wie Judith Butler in ihrer jüngsten Schrift »Am Scheideweg« das Ende des jüdischen Staates propagiert.
Januar
2014

250px-Primo_Levi_%281960%29.jpg
Primo Levi bei der Lektüre (1960)

Primo Levi (geboren 31. Juli 1919 in Turin; gestorben 11. April 1987 ebenda) war ein italienischer Schriftsteller und Chemiker. Er ist vor allem bekannt für sein Werk als Zeuge und Überlebender des Holocausts.[1] In seinem autobiographischen Bericht Ist das ein Mensch? hat er seine Erfahrungen im KZ Auschwitz festgehalten. Er schrieb außerdem auch unter dem Pseudonym Damiano Malabaila.[2][3]

Leben und Wirken

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Primo Levi wuchs in einer liberalen jüdischen Familie in Turin auf. Ab 1934 besuchte er das Liceo classico Massimo d’Azeglio, ein humanistisches Gymnasium, das zwar bekannt war für die antifaschistische Einstellung vieler seiner Lehrer, von denen die meisten jedoch bereits aus dem Schuldienst entfernt worden waren. 1937 schrieb sich Levi an der Universität Turin für das Fach Chemie ein. 1938 erließ die faschistische Regierung Italiens ein Rassengesetz, das es jüdischen Bürgern verbot, staatliche Schulen und Hochschulen zu besuchen. Dennoch schaffte es Levi 1941, sein Studium mit Auszeichnung zu beenden. Auf dem Abschlusszeugnis war jedoch der Vermerk „von jüdischer Rasse“ zu finden.[1]

Zweiter Weltkrieg und Auschwitz

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Herbst 1943, nach dem Waffenstillstand der Regierung Badoglio, der Befreiung des abgesetzten Mussolini durch die SS und der Errichtung eines faschistischen Reststaates in Norditalien, schloss sich Levi, unter anderem mit Eugenio Gentili Tedeschi, dem antifaschistischen Widerstand, der Resistenza, an. Mit einigen Kameraden versuchte er im Oktober, sich in den Bergen des Aosta-Tals einer Partisanengruppe der liberalen Bewegung Giustizia e Libertà („Gerechtigkeit und Freiheit“) anzuschließen. Dem italienischen Historiker Sergio Luzzatto zufolge war Levi während dieser Zeit an der Erschießung zweier Partisanen beteiligt.[4][5] Aufgrund ihrer militärischen Unerfahrenheit wurde die Gruppe am 13. Dezember 1943 von faschistischen Milizen gefasst.

Levi berichtet später, dass er sich bei den anschließenden Verhören als „italienischen Staatsbürger jüdischer Rasse“ bezeichnete, da er fürchtete, dass das Eingeständnis seiner politischen Aktivität „Folterqualen und den sicheren Tod zur Folge haben [würde] (eine irrige Annahme, wie sich später herausstellte)“.[6.1] Als Jude wurde er daraufhin in das Durchgangslager Fossoli bei Modena verbracht. Am 22. Februar 1944 wurde Levi von dort in einem Transport des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in das Konzentrationslager (KZ) Auschwitz deportiert. Von den 650 Frauen, Männern und Kindern dieses Zuges, die am 26. Februar 1944 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion 95 Männer und 29 Frauen als Häftlinge registriert und ins Lager eingewiesen. Die übrigen 526 Menschen wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet.[7] Bei Levis Befreiung waren 630 Männer und Frauen, die mit ihm ins KZ deportiert worden waren, nicht mehr am Leben.[8]

Levi verbrachte als 24-jähriger Zwangsarbeiter elf Monate im KZ Auschwitz-Monowitz (auch Auschwitz III oder Buna-Lager genannt) bis zur Befreiung durch die Rote Armee. Das KZ Auschwitz-Monowitz war ein Außenlager des KZ Auschwitz, in dem zeitweise bis zu 11.000 Häftlinge untergebracht waren. Die Häftlinge wurden als Zwangsarbeiter in einem Zweigwerk der Buna-Werke eingesetzt, das vom Chemiekonzern I.G. Farben zur Herstellung von synthetischem Kautschuk (Buna) errichtet wurde.[9] In den ersten Monaten im KZ wurde Levi für schwere körperliche Arbeiten eingesetzt, später konnte er als Chemiker im Labor arbeiten, wodurch er den schlimmsten Arbeitsbedingungen im Winter 1944/1945 teilweise entging. Wenige Tage vor der Befreiung des Lagers erkrankte Levi an Scharlach und wurde in den sogenannten „Krankenbau“ verlegt, wo es zu dieser Zeit kaum noch ärztliche Pflege gab, so dass seine Überlebenschancen sehr gering waren.[6]

Durch Glück – Teil dieses Glücks scheint die tiefe Freundschaft zu seinem Freund Lorenzo gewesen zu sein, den er in Gefangenschaft kennenlernte und dem er zeitlebens dankbar blieb[8] – und Zufall überstand er die Krankheit und entging er den Todesmärschen der vor der Roten Armee flüchtenden SS-Schergen. Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit. Trotzdem konnte Levi erst am 19. Oktober nach Turin zurückkehren, nachdem er von seinen Befreiern auf eine wirre Reise in Zügen quer durch Mittel- und Osteuropa bis fast nach Minsk in Weißrussland geschickt worden war. Sofort nach seiner Rückkehr begann er, seine Erfahrungen in Auschwitz und auf der anschließenden Rückreise nach Turin niederzuschreiben und ihnen literarisch Ausdruck zu verleihen. Der erste seiner beiden autobiographischen Berichte, Se questo è un uomo (Ist das ein Mensch?), erschien 1947, La tregua (Die Atempause) folgte 1963.

Über Lorenzo hielt Levi fest: „Lorenzo aber war ein Mensch. Seine Menschlichkeit war rein und unangetastet [...]. Dank Lorenzo war es mir vergönnt, daß auch ich nicht vergaß, selbst noch Mensch zu sein.“[6.2] „Ich glaube, daß ich es Lorenzo zu danken habe, wenn ich noch heute unter den Lebenden bin. Nicht so sehr wegen seines materiellen Beistands, sondern weil er mich mit seiner Gegenwart, mit seiner stillen und einfachen Art, gut zu sein, dauernd daran erinnerte, daß noch eine gerechte Welt außerhalb der unseren existiert: Dinge und Menschen, die noch rein sind und intakt, nicht korrumpiert und nicht verroht, fern von Haß und Angst; etwas sehr schwer zu Definierendes, eine entfernte Möglichkeit des Guten, für die es sich immerhin lohnt, sein Leben zu bewahren.“[6.3]

Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zurück in Italien begann Primo Levi zunächst nebenbei als Schriftsteller tätig zu werden. Bis 1977 arbeitete er hauptberuflich wieder als Chemiker. Nach seinem Ausscheiden aus dem naturwissenschaftlichen Arbeitsleben widmete er sich ganz dem Schreiben. Im September 1984 gab er Gad Lerner vom Magazin L’Espresso ein Interview über Israel.[10] Der Schwerpunkt des Judentums, erklärte Levi, befinde sich nicht dort, sondern in der Diaspora, die er als die Bewahrerin der jüdischen Ethik sah. Er erhielt verschiedene Literaturpreise wie den Premio Strega und den Premio Campiello.[8] Am 11. April 1987 starb er durch einen Sturz in den Treppenschacht seines Wohnhauses. Auf Grund fehlender Beweise ist unklar, wie es zu diesem Sturz gekommen war. Einerseits wird vermutet, dass Levi den Freitod gewählt hat. Auf der anderen Seite legen Zeugenaussagen und Umstände nahe, dass es ein Unfall war, der durch Medikamente begünstigt wurde.[11]

Literarisches Schaffen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sein autobiographischer Bericht Se questo è un uomo (1947, Ist das ein Mensch?), in dem er seine Erfahrungen in Auschwitz beschreibt und dem Zivilisationsbruch der gezielten Entmenschlichung der Opfer nachzuspüren versucht, wurde seit der Zweitausgabe 1958 weltweit bekannt.[12] In dem direkt anschließenden, ebenfalls autobiographischen Bericht La tregua (Die Atempause) schildert er die Odyssee seiner monatelangen Reise durch die Ukraine und Weißrussland bis zur Rückkehr nach Italien und seine Sicht auf ein vom Krieg zerstörtes Europa, das er auf dieser Reise durchquerte.

Autobiographisch ist auch die Sammlung von Kurzgeschichten Das periodische System, in dem er kunstvoll Episoden aus seinem Leben erzählt: Jedes der 21 Kapitel ist nach einem der chemischen Elemente benannt, dessen Eigenschaft er in Bezug zu einer Episode aus seinem Leben setzt. Das 1975 erschienene Buch wurde im Oktober 2006 vom Londoner Imperial College im Rahmen einer Publikumsabstimmung zum „besten populären Wissenschaftsbuch aller Zeiten“ gewählt.[13]

Eine Reihe von Erzählungen scheinen dagegen reine Fiktion zu sein, desgleichen die eher pikareske Geschichte eines weitgereisten Technikers in Der Ringschlüssel. Im umfangreichen Partisanenroman Wann, wenn nicht jetzt? werden historische Überlieferungen sehr frei adaptiert, aber auch diese Werke spiegeln mehr oder minder deutlich Erfahrungen und Episoden aus dem Leben des Autors.

In seinem letzten Buch, Die Untergegangenen und die Geretteten, 1986 ein halbes Jahr vor seinem Tod erschienen, kehrt Primo Levi nach 40 Jahren noch einmal zu seiner prägenden Auschwitz-Erfahrung zurück und reflektiert über die Verdrängungen und Verzerrungen im Gedächtnis der Zeitzeugen, der Mörder wie auch der Inhaftierten, über die beklemmende „Grauzone“ zwischen Tätern und Opfern, über die „Scham“ derer, die das KZ durch Zufall und Glück überlebt haben, über den vielgestaltigen Terror im Lageralltag, über die besondere Situation der Intellektuellen in Auschwitz und insgesamt über die Notwendigkeit eines nicht erlahmenden Zeugnisablegens und Erinnerns an „das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit“.

Dabei betont er ausdrücklich (und hierauf bezieht sich die Unterscheidung zwischen den „Untergegangenen“ und den „Geretteten“ im Titel): „Nicht wir, die Überlebenden, sind die wirklichen Zeugen. Das ist eine unbequeme Einsicht, die mir langsam bewußt geworden ist, während ich die Erinnerungen anderer las und meine eigenen nach einem Abstand von Jahren wiedergelesen habe. Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit; wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glücks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.“ Das Buch gilt als Primo Levis Vermächtnis, in dem er die Themen seines Lebens noch einmal bündig zusammenfasst. Am Ende zitiert und kommentiert er eine Reihe von Briefen, die er in den 60er-Jahren von deutschen Lesern seines Auschwitz-Buches erhalten hat: mehrheitlich Dokumente des verdrängten oder gespaltenen Schuldbewusstseins von Zeitgenossen des Holocaust.

Postum veröffentlicht:

  • Ferdinando Camon: Conversazione con Primo Levi. 1991 („Ich suche nach einer Lösung, aber ich finde sie nicht“: Primo Levi im Gespräch mit Ferdinando Camon. Übers. Joachim Meinert. Piper, München 1993.)
  • Conversazioni e interviste 1963–1987. Hrsg. Marco Belpoliti, 1997 (Gespräche und Interviews. Übers. Joachim Meinert. Hanser, München 1999, ISBN 3-446-19788-5.)
  • Cosi fu Auschwitz. Testimonianze 1945–1986. 2015 (So war Auschwitz. Zeugnisse 1945–1986. Mit Leonardo De Benedetti. Übers. Barbara Kleiner. Hanser, München 2017, ISBN 978-3-446-25449-7.)[15]
  • Io che vi parlo. 2016 (Ich, der ich zu Euch spreche. Interview mit Giovanni Tesio. Übers. Monika Lustig. Nachwort Maike Albath. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2017, ISBN 978-3-906910-06-2.)

Musikalische Rezeption

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Im Liederzyklus Shema: 5 Poems of Primo Levi (1988) vertonte der amerikanische Komponist Simon Sargon in Reaktion auf Levis Tod dessen frühe Gedichte Shema, 25 Febbraio 1944, Il canto del corvo, Cantare und Congedo.[17] Mit diesen Kunstliedern wurde das Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland in Darmstadt eröffnet, Interpreten waren die Sopranistin Megan Marie Hart und der Pianist Giacomo Marignani.[18]
  • Der englische Songwriter Peter Hammill widmete dem Schaffen von Primo Levi das auf dem Album The Noise (1992) erschienene Lied Primo on the Parapet. Der Titel (parapet = „Geländer“) ist eine Anspielung auf Levis Tod.
  • Die Metalcore-Band Heaven Shall Burn widmete Primo Levi ihr Lied If this is a man, die dänische Hardcore-Band Lack einen Song mit seinem Namen als Titel.
  • Auch das Lied Souviens-Toi Du Jour (1999) und das dazu produzierte Musikvideo der französischen Künstlerin Mylène Farmer beinhaltet mehrere Anspielungen auf Primo Levi und wiederholt mehrmals die Zeile et si c’est un homme („und wenn es ein Mensch ist“).
Commons: Primo Levi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. a b Biography. Centro Internazionale di Studi Primo Levi, abgerufen am 19. Juni 2026 (englisch). 
  2. Werner Habicht: Der Literatur Brockhaus in 8 Bänden. Band 5. B.I.-Taschenbuchverlag, Leipzig 1995, ISBN 3-411-11800-8, S. 151.
  3. Storie naturali. Centro Internazionale di Studi Primo Levi, 25. November 2022, abgerufen am 22. Juni 2026 (englisch). 
  4. Sergio Luzzatto: Partigia: Una storia della Resistenza. 1. Auflage. Mondadori, Milano 2013, ISBN 978-88-04-62939-9. 
  5. Primo Levi, Mountain Rebel. In: Centro Primo Levi New York. 22. Oktober 2016, abgerufen am 22. Juni 2026 (amerikanisches Englisch). 
  6. Primo Levi: Ist das ein Mensch ? (Aus dem Italienischen von Heinz Riedt). 15. Auflage. dtv, München 2025, ISBN 978-3-423-12395-2. 
    1. S. 11f.
    2. S. 118
    3. S. 117
  7. Vgl. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Rowohlt, Reinbek 1989, S. 730.
  8. a b c Astrid Diepes: Tage, an denen der Mensch ein Ding war. Zum 100. Geburtstag Primo Levis: Nach seinen Zwangsarbeiter-Erfahrungen schrieb er, was es wirklich bedeutet, ein Mensch zu sein. In: Schwarzwälder Bote, Wochenend-Journal. Kulturelles Leben. Nr. 30, 27. Juli 2019. 
  9. Fritz Bauer Institut. Geschichte und Wirkung des Holocaust (Hrsg.): Die I.G. Farben und das Konzentrationslager Buna-Monowitz. 3., überarbeitete Auflage. Frankfurt 2023. 
  10. Gad Lerner: Se questo è uno Stato. Intervista a Primo Levi. In: Doppiozero. 28. November 2023, abgerufen am 25. Dezember 2024. 
  11. Diego Gambetta: Primo Levi's Last Moments. In: Boston Review. 1. Juni 1999, abgerufen am 21. Juni 2026 (englisch). 
  12. Günter Kunert: Mein Jahrhundertbuch. In: Die Zeit. Nr. 46, November 1999
  13. Levi’s memoir beats Darwin to win science book title. The Guardian.
  14. Auszüge in: Hans Günther Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner (Hrsg.): Auschwitz. Zeugnisse und Berichte. Europäische Verlagsanstalt, 2. erw. Aufl. 1979, ISBN 3-434-00411-4, S. 243–245 („Das Ende“), S. 133–138 („Der Letzte“).
  15. Auszug in: Dschungel. Beilage zu jungle world. 31, 4. August 2017, S. 19–23.
  16. Pressemitteilung zur erstmaligen Verleihung
  17. Isabelle Becker: Liedgut – Famous Musicians of Jewish Origin. Staatstheater Darmstadt, Darmstadt September 2021, S. 3 (staatstheater-darmstadt.de [PDF; 397 kB; abgerufen am 12. März 2024]). 
  18. 100 Tage 1700 Jahre Jüdisches Leben in Darmstadt. (PDF; 4,6 MB) In: darmstadt.de. Wissenschaftsstadt Darmstadt, S. 2, 4, 10, abgerufen am 12. März 2024.