Oktober
1968
Ballade von den drei Brüdern
Drei Brüder rasten durch das LandZu morden, zu rauben, zu sengen.Der Erste, welch ungeschickter Fant,Gar bald vor seinen Richtern standUnd mußte als Frevler hängen.Die beiden andern, die wußten klugIhr Schicksal ins Große zu wenden;Ein jeder, voran seinem johlenden ZugVoran eine wehende Fahne trugIn blutbefleckten Händen.Hier wehte sie rot, weiß wehte sie dortUnd unter so prangenden ZeichenWar Raub nicht Raub mehr und Mord nicht Mord.Nur die Erschlag’nen — was ist auch ein Wort —Die hießen auch weiterhin Leichen.Doch da sie hinraffte politische Not,So mußten sie’s eben verwinden.Und von den zwei Brüdern in weiß und rot,Sei Sieg ihr Ende, sei‘s Heldentod,Wird einst die Geschichte künden.Den Ersten indes hat längst mit Fugruhmlos die Hölle verschlungen —Der ohne hochtönender Worte FlugAuf eig‘ne Faust die Leute erschlugUnd keinerlei Fahne geschwungen.
Arthur Schnitzlers Aufzeichnungen über und gegen den Krieg liegen seit Herbst 1967 im fünften Band der Gesamtausgabe, die der S. Fischer Verlag herausgebracht hat, vor. Nicht aufgenommen wurde in diesen Band „Aphorismen und Betrachtungen“ die „Ballade von den drei Brüdern“, eines der wenigen Gedichte Schnitzlers. Es wird hier zum erstenmal gedruckt.
Reinhard Urbach


