Vom klerikalfaschistischen Ständestaat und seinen Kontinuitäten - von Heide Hammer
Einer wollte den Führer führen. Nein: Einige wollten den Führer
führen und wirkten so im Zeichen des Führers. Ob Heidegger, Rosenberg
oder Spann, die Qualität ihrer Beiträge bleibt in diesem Kontext
sekundär, wenn auch im Sinne der üblichen Vorwegnahme bei Spann die
Betonung auf der philosophischen Stupidität liegen kann. Ihm gelang
jedoch die Formierung eines Kreises, der mehr als sechzig Jahre nach
seiner eigenen Entfernung von der Universität, der heutigen WU-Wien,
das Gewäsch von Ganzheit wiederholt und daneben peinlich bemüht wirkt,
keinen runden Geburtstag des Meisters oder seines ersten Schülers,
manchmal auch des zweiten oder folgender, zu vergessen und zumeist mit
einem Presseartikel, besser mit einem Jubiläumsband zu bedenken.
Othmar Spann inthronisierte sich in einem hierarchischen
Ständemodell - an der Spitze - und war als Lehrer geistiges Zentrum der
von ihm Erwählten. In seinem 1921 erstmals veröffentlichten Werk Der wahre Staat. Vorlesungen über Abbruch und Neubau der Gesellschaft ordnet er "Stände nach ihren geistigen Grundlagen"1 und ficht gegen Demokratie, Liberalismus und vor allem marxistischen Sozialismus. Ordnendes Prinzip sei: "daß jeder niedere Stand geistig vom jeweils höheren geführt wird
(im Original gesperrt), nach dem geistigen Lebensgesetz aller
Gemeinschaft und Gemeinschaftsverbindung 'Unterordnung des Niedern
unter das Höhere'" (Der wahre Staat, S.176).
Seine zusammenfassende "Übersicht der Stände nach ihren geistigen
Grundlagen": "1. die Handarbeiter (verankert im sinnlich-vitalen
Leben); 2. die höheren Arbeiter, zerfallend in Kunstwerker und
darstellende Geistesarbeiter (verankert nicht mehr allein in dem
sinnlich-vitalen, sondern auch in einem höheren geistigen Leben, in
diesem aber nur, im wesentlichen, teilnehmend);
3. die Wirtschaftsführer, die in wirtschaftlich-organisatorischer
Hinsicht selbständig, schöpferisch wirken, im übrigen aber mehr im
Sinnlich-Vitalen oder höchstens noch teilnehmend im Geistesleben
verankert sind; 4. die Staatsführer, schöpferisch in
sittlich-organisatorischer Hinsicht, im wesentlichen nur teilnehmend im
höheren Geistesleben; eine Sondergruppe der Staatsführer bilden die
höheren selbständig wirkenden Krieger und Priester;
5. endlich die Weisen oder der schöpferisch höhere Lehrstand
(im Original gesperrt), der nur uneigentlich ein Stand ist und dessen
Schöpfungen zuerst ein vermittelnder geistiger Stand (5 a) weitergibt."
(Ebd., S. 175)
Die Figur des Kreises
Auch er hatte zumindest einen Koch dabei - um "Vollstand" also
"handelnd" (Ebd., S. 176) zu werden - diese sind durchaus zahlreich, er
führt seine Schüler in Privatseminaren (Sonntag Vormittag bei sich
zuhause) in die Grundlagen seiner Gesellschaftslehre ein.2
Primus wird - mit überaus langem Atem in seinem Wirken - Walter
Heinrich. Er promoviert 1925 bei Spann, wird 1927 sein Assistent,
habilitiert sich 1928 und erhält 1933 an der Wiener Hochschule für
Welthandel einen Lehrstuhl für Nationalökonomie. Viele Jahre später
zeichnet er in der Zeitschrift für Ganzheitsforschung ein Bild
wunderbarer Harmonie dieser Lehrer-Schüler-Beziehung, ein
Arbeitszusammenhang, der sehr auf politischen Einfluss zielte, hingegen
in der Erinnerung jeweils von der konkreten historischen Situation
abstrahiert und metaphysische Distanz beansprucht. Der Meister einer
elitären Verbindung provoziert den Terminus "Genie", Kritik wird
folglich zu einer inadäquaten Form der Auseinandersetzung, lediglich
Analogien zu genialen Personen auf anderen Gebieten (Mozart)
erleichtern die Übersetzung jener "Größe", die nunmehr in der Erzählung
wirkt:3
"Eine ... tiefer schürfende Erklärung für seine [Spanns] Wirksamkeit
liegt sicherlich in der geschlossenen Einheit von Leben und Lehre, von
Persönlichkeit und geistigem Werk. Hier war das Eroshafte und das
Logoshafte, freundschaftliche Nähe und Geisteskraft in seltener Einheit
zusammengewachsen und haben vermöge dieser schöpferischen Verbindung
einen Gründungsakt eingeleitet, der weiterwirkt. Vom ersten
Geistesblitz der Gründung bis zur Entfaltung des Werkes ... der
Wurzelgrund der Lehre wurde niemals verlassen. Dieser Wurzelgrund ...
ist der Befund, daß Geist nur am anderen Geist werden kann, also
gliedhaft; und die Erkenntnis: wo Glied, da Ganzheit. Damit ist eine
neue Eroslehre begründet, eine neue Gemeinschaftslehre, eine neue
Gesellschaftslehre."
J. Hanns Pichler, ein später Apologet und heute Vorstand des
Instituts für Volkswirtschaftstheorie und -politik an der WU-Wien,
übernimmt u.a. die Aufgabe, in gegebenen Abständen auch an den Schüler
zu erinnern, an Geburtstagen, später posthum4 oder die Erinnerung an Spann und Heinrich zu verbinden3.
Daneben oder danach protegiert Spann Jakob Baxa, der
Rechtswissenschaften studiert hatte; von Spann zum Dank für seine
intensive und wertvolle Auseinandersetzung mit der Romantik im Fach
Gesellschaftslehre habilitiert (Siegfried, S. 72). Wilhelm Andrae
wechselt ebenso unter dem Einfluss Spanns von der klassischen
Philologie, mit der er an der Berliner Universität nicht reüssieren
konnte, zur Nationalökonomie; er erhält 1927 in Graz einen Lehrstuhl
für Politische Ökonomie (Ebd.). Seine Übersetzung von Platons Staat,
woran Spann gerne seine Überlegungen knüpft, wird hier als
Habilitationsschrift anerkannt. Hans Riehl promoviert 1923 bei Spann,
die Habilitation 1928 kann bereits bei seinem Freund Wilhelm Andrae in
Graz erfolgen (Ebd., S. 73).
Ernst von Salomon5,
selbst in jenem Kräftefeld aktiv, das in der Weimarer Republik von
Konservativen Revolutionären gebildet wird (u.a. an der Ermordung von
Außenminister Walter Rathenau am 24. Juni 1922 beteiligt und
verurteilt), hielt sich auf Einladung Spanns in Wien auf und beschreibt
in seinem Bestseller, Der Fragebogen6
das alltägliche politische Verhalten der Spann-Schüler (Zit. nach
Siegfried, S. 71):
"Die 'Spannianer' bildeten auf der Universität eine besondere Gruppe,
die größte Gruppe von allen, und, wie ich wohl behaupten darf, auch die
geistig lebendigste. In jeder Verschwörerenklave auf den Gängen, in den
Hallen und vor den Toren waren Spannianer, mit dem Ziel einer kleinen
Extraverschwörung, wie ich vermute, - die beiden Spannsöhne vermochten
schon gar nicht anders durch die Universität zu schlendern, wo sie gar
nichts zu suchen hatten, ohne ununterbrochen nach allen Seiten
vertrauensvoll zu blinzeln. Jeder einzelne von den Spannschülern mußte
das Bewußtsein haben, an etwas selber mitzuarbeiten, was mit seiner
Wahrheit mächtig genug war, die Welt zu erfüllen, jedes Vakuum
auszugleichen, an einem System, so rund, so glatt, so kristallinisch in
seinem inneren Aufbau, daß jedermann hoffen durfte, in gar nicht
allzulanger Zeit den fertigen Stein der Weisen in der Hand zu haben."7
Weiter oben im Text zeigt von Salomon Interesse an der Tätigkeit
Adalbert und Rafael Spanns und legt ihnen die Worte in den Mund:
"Schau, das verstehst du net - wir packeln halt" (Zit. nach Siegfried,
S. 238). Der Autor versucht in der nachgeordneten Darstellung die
ideologischen Wendungen der Akteure zu analysieren, schwankt dabei von
Gefasel über "jahrhundertelang[en] ... Verkehr mit fremden
Völkerschaften und widerstrebenden Mächten" - die k. u. k. Monarchie
wiedermal - und methodischen Aspekten des Verfahrens männerbündischer
Dominanz: "Nichts schien so bedeutend, nichts aber auch so unbedeutend,
daß es außer acht gelassen werden könnte." (Ebd.)
Die Protagonisten dieser Art Universalismus richten ihre Aktivitäten
nach verschiedenen Polen, um in der zeitweiligen Konkurrenz von
Nationalsozialismus, Faschismus und Ständestaat ebenso ein Netz zu
bilden, wie in den Kontinuitäten der 2. Republik. Ein Blick auf die
umfangreiche Publikationsliste J. Hanns Pichlers, des nunmehrigen
Vorstands der Gesellschaft für Ganzheitsforschung, dokumentiert
eine der Traditionslinien. Sein Bemühen gilt den Klein- und
Mittelbetrieben, dem Kleinbürgertum, eine mögliche ideologische
Parallele zu Othmar Spann, und - entsprechend seiner Funktion - den
Anwendungsgebieten des ganzheitlichen Denkens.8 Dass er im gegebenen politischen Kräftefeld die Publikationsmöglichkeit im Organ der Freiheitlichen Akademie, Freiheit und Verantwortung wahrnimmt, verwundert kaum.9
Gerne bespricht er in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift für
Ganzheitsforschung Übersetzungen oder Neuauflagen der Schriften Julius
Evolas10,
jenes faschistischen Philosophen und Mystikers, der Mussolini von
seiner Philosophie überzeugen wollte, die SS liebte und heute
Inspiration vieler rechter AktivistInnen ist. Evolas 'Cavalcare la
tigre' (Den Tiger reiten) sieht Pichler "ungemein aufrüttelnd und
zeitgemäß zugleich", der beliebte Plot 'Untergang des Abendlandes' wird
diesmal durch die "Auflösung im Bereich des Gemeinschaftslebens"
gegeben und Pichler konkretisiert, "von Staat und Parteien, einer
weithin endemisch gewordenen Krise des Patriotismus, von Ehe und
Familie bis hin zu den Beziehungen der Geschlechter untereinander"
(Zeitschrift für Ganzheitsforschung 4 (1999), S. 209). Denn, so die
Diagnose Pichlers in einer Rezension des von Caspar von
Schrenck-Notzing herausgegebenen Lexikon des Konservativismus
(Zeitschrift für Ganzheitsforschung 2 (1998), S. 93), "in einer
pluralistisch zerrissenen und 'unkonservativen' Zeit" dürfen
dahingehend mutige Leistungen (das vorliegende Lexikon) nicht
geschmälert werden - obgleich er die "notorische und offenbar nicht
auszumerzende[!] Fehlinterpretation" der inneren Ordnung der Werke
Spanns bedauert -, den Wirren der Zeit werden der ganzheitlichen
"Geistestradition verpflichtete Autoren" vor- und gegenübergestellt,
allen voran immer wieder Spann.
Fragen der politischen Funktion, der Adressaten und Verbündeten der
universalistischen Staatslehre werden insoweit unterschiedlich
beantwortet, als AutorInnen wie Meyer11, Schneller12 oder Resele13
einen Zusammenhang des ideologischen KSpanns und der sozialen
Interessen der kleinbürgerlichen Mittelschicht betonen, während
Siegfried darauf beharrt, dass sich dahingehend keine eindeutige
Beziehung feststellen ließe, die konkreten Bündnispartner (Heimwehr,
Stahlhelm) vielmehr Oberklassen repräsentierten (Vgl. Siegfried, S.
14). Spann wirkt im Zeichen eines "dritten Weges", ein Motiv, das im
Kontext der Konservativen Revolution14 an unterschiedlichen Positionen deutlich wird und später gerne von VertreterInnen einer vermeintlich "Neuen Rechten" (Nouvelle Droite)15
affirmiert wird. Das Ständestaatskonzept bietet in seinem Kampf gegen
den Historischen Materialismus und die politische Organisation der
ArbeiterInnenbewegung eine vorgeblich konsensuale Alternative, die als
Wirtschaftsordnung "... jeden, Arbeiter wie Unternehmer, aus seiner
Vereinzelung herausreißt und ihm jene Eingliederung in eine Ganzheit
gewährt, welche Aufgehobenheit und Beruhigung bedeutet statt
vernichtenden Wettbewerb, statt der hastigen Unruhe und Erregung der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung" (Der wahre Staat, S. 234). In
Anlehnung an die Gesellschafts- und Staatslehre der politischen
Romantik (Adam Müller) war Spann bemüht, soziale Antagonismen,
Phänomene des Klassenkampfes in einem geistigen Gesamtzusammenhang
aufzulösen (Vgl. Siegfried, S. 32-34) und das Glück der Unterordnung,
der freudigen Hingabe an die subalterne Funktion im hierarchischen
Gefüge in unglaublichen Variationen und Auflagen zu verbreiten.
In den Anfängen seiner akademischen Karriere, Spann habilitiert sich
1907 an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn, positioniert er
sich in den nationalistischen Auseinandersetzungen der
Germanisierungspolitik in der österreichischen Monarchie (Zit. nach
Siegfried, S. 43):
"Der Begriff des passiven Mitgliedes ist theoretisch wichtig zur
Beurteilung der Bedeutung der Rasse und praktisch für die Frage der
Eindeutschung der slawischen Massen. Nehmen wir an, eine bestimmte
nationale Gemeinschaft unterwerfe sich eine fremdrassige,
minderbefähigte Nachbarnation, entnationalisiere sie und füge sie damit
in ihre eigene Gemeinschaft ein. Wie wirkt dies auf den Körper der
Nation? Wenn die neuen Mitglieder rassemäßig zur aktiven Teilnahme an
der nationalen Kultur wenig befähigt sind, so können sie als passive
Mitglieder doch sehr wertvoll werden." (Othmar Spann: Kurzgefaßtes
System der Gesellschaftslehre, S. 203)
Derartige Tiraden bedingen nach dem Zusammenbruch der Monarchie die
Notwendigkeit seiner Rückkehr nach Wien, wo er von 1919-1938 als
Ordinarius für Gesellschafts- und Nationalökonomie an der rechts- und
staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien wirkt. Die kaum
dreiwöchige Felderfahrung Spanns im 1. Weltkrieg, er wurde am 21.
August 1914 in der Schlacht bei Kraspe verwundet, verhindert vorläufig
die wichtige Dekoration durch eine militärische Auszeichnung
(Siegfried, S. 48). Er beantragt daher selbst die Verleihung eines
militärischen Ordens, u.a. da seine Vorgesetzten "teils verwundet,
teils verschollen" waren und so sein "Verhalten vor dem Feinde durch
die Ungunst der Verhältnisse nicht anerkannt wurde" (Zit. nach
Siegfried, S. 232, Fußnote 154). Sein Ansehen als Hochschullehrer und
engagierter Nationalist sollte dadurch nicht geschmälert werden.
Heimwehrkontakte
Als nach dem Eingreifen der Polizei 86 Tote die Empörung der
ArbeiterInnen - kumuliert im Brand des Justizpalastes - kennzeichnen,
erzwingt die Heimwehr den Abbruch der sozialdemokratischen
Kampfmaßnahmen und erfreut sich daraufhin der Zuwendung heterogener
reaktionärer Kräfte, die Heimwehr wird (besonders bäuerliche)
Massenbewegung (Siegfried, S. 81). In dieser zweiten Legislaturperiode
der Regierung Seipel dominiert Spanns universalistische Lehre die
Wiener Universität, sein Kreis hatte sich kontinuierlich vergrößert,
nun kommt es zu intensiven Kontakten zwischen dem Führer der
Christlichsozialen Partei, der Heimwehr-Führung und Mitgliedern des
Spann-Kreises. Im Sommer 1929 wird Walter Heinrich Generalsekretär der
Bundesführung des österreichischen Heimatschutzes, im Oktober
übernimmt Hans Riehl die Leitung der Propagandaabteilung der
Selbstschutzverbände (Siegfried, S. 84). Die Spannungen innerhalb der
Heimwehren, unterschiedlicher Flügel, wie sie z.T. für die ÖVP
charakteristisch sind, sollten durch ein Gelöbnis (Korneuburger Eid,
18. Mai 1930) beseitigt werden, dessen Text wesentlich von Walter
Heinrich formuliert wurde. Der Versuch der Beschwörung der Einheit
misslingt, Aristokraten siegen über kleinbürgerliche Repräsentanten der
Heimwehren und beenden die Tätigkeit des Spann-Kreises in der
Organisation (Siegfried, S. 100).
Versuche in Italien
Seit 1929 wenden sich Vertreter der universalistischen Lehre dem
Faschismus zu, die italienische Regierung bedachte im übrigen die
Heimwehren mit bedeutenden Geld- und Waffenlieferungen, den Mangel
eines konkreten politischen Programms will Spann kompensieren (Zit.
nach Siegfried, S. 102):
"... Das Fehlen des Gedankens vor der Tat ist ein Widerspruch...
Zwischen der Szylla und Charybdis des Kommunismus und des Kapitalismus
durch die kühne Tat eines einzigen Steuermannes hindurchzuschiffen, das
konnte eben noch gelingen. Aber danach kann der Faschismus entweder auf
das offene Meer der Abenteuer hinausfahren, wie Odysseus, oder er muß
sich über Weg und Ziel aufs klarste bewußt werden, er muß eine theoretische Grundlage
(im Original gesperrt) erlangen ... Der politischen Tat, so dünkt uns,
muß nunmehr die geistige Arbeit folgen. War das vergangene Dezennium
der Gründung und dem ersten politischen Aufbau gewidmet, so muß das
kommende Dezennium der Herausarbeitung der geistigen Grundlagen und der
theoretischen Vertiefung gehören. Nicht hoch genug kann u. E. diese
Aufgabe angeschlagen werden. Denn die jahrhundertelange Arbeit der
individualistischen und sozialistischen Theoretiker läßt sich nicht
durch die politische Tat allein überwinden, es muß ihr ein
tiefdurchdachtes und wohlausgebildetes Gedankengebäude auf allen
Gebieten des Lebens, insbesondere des Staates, des Rechtes, der
Wirtschaft, der ganzen Gesellschaft entgegengestellt werden." (Othmar
Spann: Instinkt und Bewußtsein, S. 11)
Bedeutende Differenzen, besonders in Fragen des organisatorischen
Aufbaus der Interessenvertretungen, trennen Spanns Konzeption von der
faschistischen Syndikatsordnung, in der sich Unternehmer und Arbeiter
getrennt gegenüberstehen. Das Ständemodell betont die Vorzüge
gemeinsamer Zwangsverbände und die Vermittlerfunktion einer staatlichen
Instanz, die selbst in der korporativen Phase des Faschismus durch die
beherrschende Funktion mächtiger Monopolgruppen der italienischen
Wirtschaft im Staat konträr beschrieben werden kann [Siegfried, S.
177ff). Zwar gibt es persönliche Kontakte zu führenden Funktionären des
faschistischen Systems, doch die Wirkung der universalistischen Lehre
bleibt gering.
Austrofaschismus
In Österreich war die Transformation der parlamentarischen
Demokratie zu einem klerikalfaschistischen Ständestaat durch die
Ausschaltung von Parlament und Verfassungsgerichtshof gelungen. Spann
verweist auf seine "organisch universalistische Gesellschafts- und
Wirtschaftslehre" und betont deren Unvereinbarkeit mit demokratischen
Formen der Repräsentation (Zit. nach Siegfried, S. 139):
"Die Forderung einer ständischen Ordnung hat nur Sinn, wenn ein
grundsätzlicher Bruch mit allem Individualismus, Liberalismus,
Kapitalismus erfolgt und auch in der praktischen Politik der Bruch mit
Demokratie und Parteienstaat eingeleitet wird. Denn im
organisch-ständischen Gedanken liegt, daß alle großen Lebenskreise der
Gesellschaft zu arteigenen Gebilden mit arteigener
(im Original gesperrt) Herrschergewalt ('Souveränität') werden. Nicht
nur die Wirtschaft würde zu einem Gesamtstande, welcher in einem
organisch aufgebauten System von Berufsständen (im Original gesperrt)
sich selbst verwaltet und diese Selbstverwaltungsangelegenheiten dem
heutigen zentralistischen Parlamente und dem heutigen, omnipotenten
Staat entzieht. Auch der Staat (beziehungsweise seine politische
Führung), dessen Stärke eine Lebensfrage ist, wird dadurch ein Stand."
(Othmar Spann: Die politisch-wirtschaftliche Schicksalsstunde der
deutschen Katholiken. In: Schönere Zukunft 7 (1931/32), S. 567)
Spanns Ausführungen gelten der Ablehnung liberaldemokratischer
Verfassungen, seine Argumentation richtet sich gegen das zentrale
Element der Forderung nach Gleichheit. Diese sei "die Herrschaft der
Mittleren, Schlechteren, der den Schwächsten zu sich herauf, den
Stärkeren herabzieht. Sofern dabei durchgängig die große Menge die
Höheren herabzieht und beherrscht, in der großen Menge jedoch abermals
der Abschaum zur Herrschaft drängt, drängt Gleichheit zuletzt gar auf
Herrschaft des Lumpenproletariats hin" (Der wahre Staat, S. 44). In der
weiteren Illustration der Modi des allgemeinen Wahlrechts muss das
"politisch gänzlich unbelehrte ländliche Dienstmädchen" die männliche
Qualität der "politisch wenigstens teilweise unterrichteten
Staatsbürger", Handwerker oder "gehobene Arbeiter" zwangsläufig
mindern, "die Stimme des akademisch Gebildeten, des politischen
Führers,..." wird entwertet (ebd.).
Nationalsozialismus
1929 beginnt Spann Kontakte zu nationalsozialistischen
Organisationen zu pflegen, er unterstützt die von Alfred Rosenberg 1927
gegründete Nationalsozialistische Gesellschaft für deutsche Kultur,
deren Aufgabe die Begeisterung akademisch Gebildeter für die Bewegung
sein soll (Siegfried, S. 153). Spann gilt in der Analyse der
Arbeiterzeitung bereits 1925 als der intellektuelle Führer des
Hakenkreuzlertums an der Wiener Universität, er tritt der NSDAP bei und
erhält eine geheime, nicht nummerierte Mitgliedskarte (ebd.). Die
Schulungsabende des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes
finden in den Räumen seines Seminars statt, der Unterricht wird vom
Spann-Schüler Franz Seuchter gestaltet (Siegfried, S. 153f.). In einem
1933 veröffentlichten Aufsatz bietet Spann nun dem Nationalsozialismus
seine universalistische Gesellschaftslehre als ideologische Grundlage
des notwendigen ständischen Aufbaus dar (Zit. nach Siegfried, S. 156f.):
"Soll die politische Wendung, die sich im Reiche vollzog, eine
grundsätzliche und nicht zum Zwischenspiel, ja zum grausen Wegbereiter
des Bolschewismus werden, dann muß sie sich ihrer geistigen Grundlage
deutlich bewußt sein. Sie heißt: Idealismus und Universalismus. Unter
dem Drucke geschichtlicher Notwendigkeit kann der erste Ansturm, die
erste Tat rein instinktiv erfolgen. Je mehr es zu bestimmten Aufgaben
kommt, um so mehr muß der klare Gedanke die Tat bestimmen. Was nun
folgen muß, ist eine Umbildung des Staates und der Wirtschaft, eine
Umbildung, wie sie der idealistische und universalistische Gedanke
verlangt - im ständischen Sinn.
(Othmar Spann: Die politische Wendung ist da - was nun? In: Ständisches
Leben 3 (1933), S. 67)
Sein Bemühen wird von Repräsentanten der Schwerindustrie, besonders
Thyssen, honoriert, der die Idee die Vertretungen der ArbeiterInnen in
die Industrieverbände einzugliedern reizvoll findet und für die
dahingehende Überzeugungsarbeit die Gründung eines Instituts für Ständewesen
(in Düsseldorf) unterstützt. Die wissenschaftliche Leitung des am 23.
Juni 1933 feierlich eröffneten Instituts übernimmt Walter Heinrich,
weitere Vertreter des Spann-Kreises (Andrae, Riehl, Paul Karrenbrock)
werden aktiv (Siegfried, S. 175f). Der wiederholte Ruf nach
"ständischer Selbstverwaltung" läuft den Interessen und Machtpositionen
der Stahlindustriellen zuwider, Unterstützungen für die Zeitschrift Ständisches Leben werden 1935 eingestellt, eine Kontroverse mit der Führung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) führt 1936 zum Ende der Propagandatätigkeit des Spann-Kreises am Institut für Ständewesen
(Siegfried, S. 186f. und 195). Spanns Ablehnung der NS-Rassentheorie
trug neben seinen politischen Fehleinschätzungen zu den Disharmonien
bei. Der Begriff der Nation wird in der universalistischen
Gesellschaftslehre kulturell definiert, eine "geistige Gemeinschaft",
die antisemitische Diskriminierung ermöglicht, nicht erfordert
(Siegfried, S. 201f). Ab 1935 werden die Antagonismen der beiden
faschistischen Konzeptionen in zahlreichen Zeitungsbeiträgen offensiv
ausgetragen, nach der Annexion Österreichs werden Othmar Spann, Rafael
Spann und Walter Heinrich verhaftet. Das daraus gebildete Konstrukt
einer vorzeitigen Abkehr konservativer Kräfte vom Nationalsozialismus
ohne jegliche Reflexion ihrer Funktion in der Phase der Konstituierung
eröffnet rechten Parteien und Einzelpersonen die Verherrlichung
bewunderter und geliebter Meister und in diesem Sinne die Relativierung
des Nazisystems. Die Lehre von der Ganzheit diente der Zerschlagung
demokratisch verfasster Gesellschaften, dass sie zum Dienst und nicht
zur Herrschaft gelangte, liegt an den realen Kräfteverhältnissen und
auch am dürftigen Angebot, das Zufriedenheit in
Unterdrückungsverhältnissen fordert im Tausch gegen "Beruhigung". Die
perpetuierte Distribution des Modells liegt gleichsam am Puls der Zeit,
ebenso wie ein Dollfußportrait im Parlamentsbüro Khols, Wirtschafts-
und Arbeitsminister Bartenstein, die ÖVP Frauenpolitik und Schwester
Herbert.
1 Spann, Othmar [1931]: Der wahre Staat. Vorlesungen über Abbruch und Neubau der Gesellschaft. Jena: Fischer, S. 175. → zurück
2 Vgl., Siegfried, Klaus-Jörg [1974]: Universalismus
und Faschismus. Das Gesellschaftsbild Othmar Spanns. Wien: Europa
Verlag, S. 72. → zurück
3 Zit. nach Pichler, J. H. (Hrsg.)[1988]: Othmar Spann
oder die Welt als Ganzes. Wien/Köln/Graz: Böhlau, S. 26ff. Dieses Werk
ist Walter Heinrich posthum zugeeignet. → zurück
4 Vgl., Pichler, J. H. [1992]: Betrachtungen zum
Vaterunser. Im Gedenken des 90. Geburtstages von Walter Heinrich.
Zeitschrift für Ganzheitsforschung, 36. Jg., IV/1992. → zurück
5 http://motlc.wiesenthal.com/text/x29/xm2933.html → zurück
6 Roman in autobiographischer Form, in welchem er die
131 Fragen der Entnazifizierungsbehörden dokumentieren und ad absurdum
führen möchte. 1951 publiziert wurde das 800 Seiten Werk zum ersten
Bestseller der BRD. → zurück
7 von Salomon, Ernst [1969]: Der Fragebogen. Reinbek bei Hamburg, S. 172. → zurück
8 Vgl. Pichler, J. Hanns [1990]: Woran könnte der Osten
sich halten? Ganzheitliche Staatsidee und Wirtschaftsordnung als ein
Programm der Mitte.
Wiss. Arbeitskreis, Institut für Gewerbeforschung, Wien (Vortrag).
ders., [1993]: Ganzheitliches Verfahren in seinem universalistisch
überhöhenden Anspruch. In: Klein, H. D./Reikersdorfer, J. (Hrsg.):
Philosophia perennis. Erich Heintel zum 80. Geburtstag, Teil 1,
Frankfurt/Main, Berlin, Bern, New-York, Wien. → zurück
9 ders., [1999]: Europa und das Europäische. Auf der
Suchen nach seiner 'Begrifflichkeit' von der Antike bis zur Neuzeit.
In: Berchthold, J./Simhandl, F. (Hrsg.) [1999]: Freiheit und
Verantwortung. Europa an der Jahrtausendwende. Jahrbuch für politische
Erneuerung. Wien: Freiheitliche Akademie. → zurück
10 Vgl. http://www.trend.partisan.net/trd1298/t351298.html → zurück
11 Vgl. Meyer, Thomas [1997]: Stand und Klasse.
Kontinuitätsgeschichte korporativer Staatskonzeptionen im deutschen
Konservativismus. Opladen: Westdeutscher Verlag. → zurück
12 Vgl. Schneller, Martin [1970]: Zwischen Romantik
und Faschismus. Der Beitrag Othmar Spanns zum Konservativismus in der
Weimarer Republik. Stuttgart: Klett. → zurück
13 Resele, Gertraud [2001]: Othmar Spanns Ständestaatskonzeption und politisches Wirken. Wien (Diplomarbeit). → zurück
14 Vgl. Fischer, Kurt R./Wimmer, Franz M. (Hrsg.)
[1993]: Der geistige Anschluß. Philosophie und Politik an der
Universität Wien 1930-1950. Wien: WUV. Heiß, Gernot/Mattl,
Siegfried/Meissl, Sebastian/Sauer, Edith, Stuhlpfarrer, Karl
(Hrsg.Innen) [1989]: Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien
1938-1945. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik. → zurück
15 Einer der deutschsprachigen Epigonen ist der eifrige Rezensent der Zeitschrift für Ganzheitsforschung Gerd-Klaus Kaltenbrunner, der ebenso im rechtsextremen Criticon (hrsg. von Caspar von Schrenck-Notzing), Sieg oder Aula,
Publikation der "Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher Akademikerverbände
Österreichs" publiziert. Ein weiterer regelmäßiger Autor der Zeitschrift für Ganzheitsforschung ist der katholische Antisemit Friedrich Romig, früher Europa-Beauftragter Kurt Krenns (Vgl. www.doew.at
Neues von ganz rechts - April 2000), der seine antidemokratische
Überzeugung gerne hinter ökologischen Bedenken verbirgt (Vgl.
Zeitschrift für Ganzheitsforschung 2 (1997), S. 71-86). → zurück |