Internationale Situationniste, Numéro 2
 
1976

Die unbestimmte Wendung

Im Mittelpunkt unserer kollektiven Aktionen steht in diesem Augenblick die dringende Verpflichtung, das gut verständlich zu machen, was unsere spezifische Aufgabe ist — und zwar ein qualitativer Sprung in die Entwicklung der Kultur und des alltäglichen Lebens. Wir müssen all das sehen, was ein solches Vorhaben verdeckt, aber auch die überholten Haltungen, die dieses Vorhaben endgültig zurückweist bzw. nur als vorübergehendes taktisches Überbleibsel erhalten kann. Zunächst muss man diejenigen Genossen, die, nachdem sie eifrig ihren Beitritt zu einem bahnbrechenden Programm erklärt haben, sich nicht genügend um die neue, diesem Programm entsprechende praktische Aktivität bemühen, zu diesem Bewußtwerden und den miteinbegriffenen letzten Konsequenzen bringen.

Vielleicht wird sich die situationistische Organisation, die es versucht, gewisse Probleme weiterzuführen, indem sie sie klar macht, und ihre bekannten Angaben ins Licht der Erfahrung stellt, schließlich als unnütz erweisen? Sollte sich das herausstellen, müssen wir daraus schließen, dass sie zu früh aufgebaut wurde, weil sie früher oder später einige Mittel, die für die von ihr geplanten Konstruktionen unerlässlich sind, nicht benutzen konnte.

Ob wir aber diese Mittel haben oder nicht, das hängt trotz des allgemeinen ökonomisch-politischen Aspekts dieser Frage weitgehend von uns ab, von unserer theoretischen Hellsichtigkeit und von unserer Propaganda zugunsten der neuen Begierden. Haben unsere Ideen selbst eine utopische und undeutliche Seite, liegt es in dieser Anfangsstufe weniger an der Unmöglichkeit, einen ersten Teil unserer Voraussetzungen durch die Praxis zu bestätigen, als an unserer Unfähigkeit, diese streng genug gemeinsam ausdenken zu können.

Diese oder jene Einzelheit unseres Unternehmens ist ganz und gar uninteressant, wenn es all den durch die S.I. hindurchgehenden Elementen nicht gelingt, sich zu einer situationistischen Gruppe zu entwickeln, die auf dem Gebiet, das das unsere sein soll, tätig ist. Sollte trotz der Notwendigkeit des Sprunges in einen höheren Aktionsbereich die Schwierigkeit, diesen Sprung praktisch zu verstehen, nicht überwunden werden, würde zwangsläufig das alte Kunstgerümpel in der S.I. Oberhand gewinnen und keine Moral- bzw. Organisationsstrenge könnten seinen Sieg aufhalten. Das wäre ein bedeutungsvoller Rückschritt der kulturellen Revolution, deren Notwendigkeit wir empfinden.

Wir stellen die erste systematische Bemühung danach dar, von den Bedingungen des modernen Lebens ausgehend, höhere Möglichkeiten, Bedürfnisse und Spiele zu entdecken. Wir sind die ersten, die ein aufregendes Neues kennen, das mit der Aktualität und der nahen Zukunft der städtischen Zivilisation verbunden ist und das nicht interpretiert (also als ein neues Thema des alten künstlerischen Ausdrucks genommen), sondern direkt erlebt und ausgedacht, verändert werden soll.

Wir haben uns vor dem Tag erhoben, der der Freiheit die Gewalt über die unendlichen irdischen Mittel geben wird, vor dem Volk, das diese freie Zeit erhalten wird. Jedenfalls sind wir verpflichtet, zukunftsweisende Parolen, die wir eventuell finden können, nicht durch eine höfliche Opposition gegen die heuchlerische Kultur zu entwerten. Misslingt uns eine situationistische Aktion, erlauben wir keine Werbung unter diesem künstlerischen Etikett. Wir müssten dann bescheidenere und geheimere Aktionsformen annehmen. Alles wird sich bei folgendem Punkt entscheiden: wird eine genügend große Anzahl von Situationisten — damit meinen wir nicht formell für uns gewonnene Künstler, sondern Berufstätige dieser neuen Aktivität — unserem Aufruf Folge leisten?

Die absolute Priorität des Problems unserer Verstärkung durch diese potentielle Masse muss alle Aspekte der S.I.-Taktik leiten und uns besonders dazu führen, die uns angebotenen Bündnisse zurückzuweisen. Die Parole einer „revolutionären Front in der Kultur“, die vom Kongress in Alba durch unsere Gruppen angenommen wurde, ist insofern positiv gewesen, als sie zu unserer Vereinheitlichung in der S.l. beigetragen hat, und andererseits enttäuschend, was unsere Beziehungen mit diesen Gruppen in der Tschechoslowakei oder jenen anderen um kleine Zeitschriften in Italien oder in Belgien betrifft. Der Druck dieser äußeren Elemente, die unfähig sind, die vor uns stehende Wendung zu verstehen, kann nur die Verwirrung in der S.I. vergrößern und deren „rechten Flügel“ verstärken.

Wir müssen möglichst schnell unsere wirklich situationistische Basis ausbreiten und ihr Programm weiter entwickeln. Das wird die Hauptfrage unserer nächsten internationalen Konferenz sein und ihr gemäß werden sich Mehrheit und Minderheit abgrenzen.

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