Grundrisse, Nummer 27
September
2008
Howard Zinn:

Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Berlin: Schwarzerfreitag 2007, 700 Seiten, Euro 28,80

Minimol

Seit Mitte 2007 liegt nun Howard Zinns „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“ (im Original: A People’s History of the United States) erstmals als Gesamtausgabe auf Deutsch vor. Diese ursprünglich bereits 1980 erschienene und 1995 überarbeitete Geschichtsdarstellung der Vereinigten Staaten von der „Entdeckung“ Amerikas bis zur Gegenwart spricht nicht aus der Perspektive der WASPs (White Anglo-Saxon Protestants), aus denen sich bis vor kurzem fast ausschließlich die politische und wirtschaftliche Elite zusammensetzte, sondern versucht den Blickwinkel all jener einzunehmen, die üblicherweise aus den Geschichtsbüchern verbannt sind: Native Americans, Eroberte, SklavInnen, ArbeiterInnen, Frauen, SoldatInnen, Friedensbewegte, MigrantInnen, FarmerInnen.

Von der Kolonisierung und dem Unabhängigkeitskrieg über den Mexikanischen Krieg, den Bürgerkrieg und den Spanisch-Amerikanischen Krieg bis hin zum Vietnamkrieg, zu Watergate, der Iran-Contra-Affäre und darüber hinaus wird die US-amerikanische Doktrin von Freiheit und Demokratie vom Kopf auf die Füße gestellt. Anhand von umfangreichem Quellenmaterial wird der amerikanische Verfassungsmythos ebenso demontiert wie jener von Lincoln als Sklavenbefreier. In A People’s History geht es vor allem um Unterwerfung, Unterdrückung, Vertreibung, Verfolgung, Ausrottung, Ausbeutung ... und um den Widerstand dagegen. Im Zuge der Entfaltung der Geschichte der Kämpfe von ArbeiterInnen, Schwarzen, Native Americans und FarmerInnen wird auch den Spuren der Versuche von gemeinsamer Organisation und der Überwindung der rassistischen und sexistischen Spaltungen nachgegangen, die Widersprüche und Hierarchien dabei jedoch nicht verschwiegen. Das Attentat auf J. F. Kennedy hingegen – um ein prägnantes Beispiel zu geben – wird frau vergeblich suchen. Die Entstehung der Demokratischen Partei als Südstaatenpartei der Sklavenhalter soll an dieser Stelle jedoch nicht unerwähnt bleiben.

Meine Einstellung zur Beschreibung der Geschichte der Vereinigten Staaten ist anders: Dass wir die Erinnerung der Staaten nicht als unsere eigene hinnehmen dürfen. Nationen sind keine Gemeinschaften und waren es noch nie. Die Geschichte jedes Landes, die uns als Geschichte einer Familie präsentiert wird, verbirgt bittere Interessenkonflikte (die manchmal ausbrechen, meistens aber unterdrückt werden) zwischen Eroberern und Eroberten, Herren und Sklaven, Kapitalisten und Arbeitern, rassisch oder sexuell Dominierenden und Dominierten. (...) Angesichts der Unvermeidlichkeit, Partei zu ergreifen, die durch Auswahl und Schwerpunkt in der Geschichtsschreibung entsteht, ziehe ich es deshalb vor, zu versuchen, die Geschichte der Entdeckung Amerikas aus der Perspektive der Arawak zu erzählen, die der Verfassung vom Standpunkt der Sklaven aus, von Andrew Jackson aus der Sicht der Cherokee, vom Bürgerkrieg aus der Sicht der Iren von New York, vom Mexikanischen Krieg aus der Sicht der desertierenden Soldaten der schottischen Armee, vom Aufstieg der Industrialisierung aus der Sicht der Frauen in den Textilwerken, vom spanisch-amerikanischen Krieg aus der Sicht der Kubaner, von der Eroberung der Philippinen aus der Sicht der schwarzen Soldaten auf Luzon, vom Goldenen Zeitalter aus der Sicht der Farmer im Süden, vom zweiten Weltkrieg aus der Sicht von Pazifisten, vom New Deal aus der Sicht der Schwarzen in Harlem, vom amerikanischen Nachkriegsimperium aus der Sicht der Landarbeiter in Lateinamerika. Und so weiter, so gut eben ein einzelner Mensch, so sehr er oder sie sich auch bemüht, Geschichte „aus der Sicht anderer“ betrachten kann. (Seite 17)

Diesen Anspruch löst Howard Zinn ein. Schade nur, dass die Lesben- und Schwulenbewegung dem Autor in seiner an die 700 Seiten umfassenden People’s History gerade mal eine halbe Seite wert ist. Ferner scheint der Rezensentin der deutsche Titel sowie der Begriff Indianer für American Natives nicht wirklich gelungen.

Beim Verlag schwarzerfreitag ist „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“ auch in Form von neun Einzelbänden à Euro 8,80 erschienen, deren letzter Teil allerdings mit der Präsidentschaft von George Bush senior endet. Leider war es nicht möglich, vom Verlag ein Rezensionsexemplar des hier besprochenen Buches zu erhalten.

A People’s History wurde in den USA über eine Million Mal verkauft und findet auch Verwendung als Lehrbuch an Colleges. 2004 veröffentlichte Zinn gemeinsam mit Anthony Arnove Voices of A People’s History of the United States. Voices ist als Begleitband zu A People’s History gedacht und umfasst eine große Sammlung US-amerikanischer dissidenter Stimmen.

Im Dezember 2007 war in Variety, einem international bekannten Branchenblatt der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie zu lesen, dass die lange verschobene TV-Verfilmung von A People’s History nun doch endlich produziert werden soll.

Außerdem empfehlenswert: „You Can’t Be Neutral On A Moving Train“, die spannende Filmbiographie Howard Zinns, des linken Historikers und Politikwissenschafters, der 1922 in eine ArbeiterInnenfamilie in Brooklyn geboren wurde und der sich zeit seines Lebens – neben Veröffentlichungen und der Tätigkeit als Universitätsprofessor – immer wieder aktiv an sozialen Kämpfen und Anti-Kriegs-Kampagnen beteiligte. Die deutsche Fassung ist als DVD ebenfalls beim Verlag schwarzerfreitag erhältlich.

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