Erregnis, verdünnt
Meinen Essay mit Anhang und dem Titel «Öffentliches Erregnis» hatte ich ungefähr dreißig Verlagen zur Publikation angeboten. Deren Antworten lassen sich in drei Gruppen einteilen, nämlich a) überhaupt keine Reaktion, b) «Ganz interessant, passt aber leider nicht in unser Programm» und c), die wohl ehrlichste: «Das ist uns zu heiß, daran verbrennen wir uns die Finger nicht», wobei diese Antwort c) natürlich eher selten war. Gerhard Oberschlick, Herausgeber des «FORVM», hatte zum Glück weniger Angst um seine Finger und stellte meinen Text ins Netz.
Rico Bandle, der Leiter des Feuilletons in der renommierten «Neuen Zürcher Zeitung», bekam das mit und schrieb in seinem Blatt eine Rezension meines eigentlich schon sechs Jahre alten Buchs. — [Das nachstehende Foto lässt sich vergrößern und ist dann gut lesbar -Red.]
Das weckte jetzt aber die Leute von der vielgelesenen «SonntagsZeitung». Und so kam es, dass in deren nächsten Ausgabe ein Artikel erschien (Siehe Anhang ganz unten). Wobei die unter «In Kürze» angefügten drei Punkte nicht in der Printausgabe der «SonntagsZeitung» standen, sondern mitsamt dem ganzen Artikel auf der Webseite der «Mutterzeitung» des Blattes, dem Zürcher «Tages-Anzeiger». Ein paar Auffälligkeiten möchte ich herausgreifen:
1. Es ist üblich, dass ein Buch, bevor man es bespricht, über den Anfang hinaus auch gelesen wird. Das scheint hier nicht der Fall zu sein. Alles, was aus meinem Text angeführt ist (mit Ausnahme eines, eben, am Anfang stehenden Satzes), findet sich auch in der Rezension der NZZ. Ebenso fehlt jeder Hinweis, wo das Buch zu finden ist. Leserin und Leser haben so keine Möglichkeit, meine Aussagen und die der Journalistin nachzuprüfen. Sie müssen einfach glauben, was dasteht.
2. Zwar zitiert die Rezensentin zuerst meine Anfangssätze: «In wesentlichen Teilen stimmen die Vorwürfe. Bei all dem hatte ich mir durchaus etwas überlegt. Diese Überlegungen halte ich heute größtenteils für falsch. Für Leid, das durch mein Verhalten entstanden ist, möchte ich ganz herzlich um Entschuldigung bitten.» Weiter hinten erkläre ich genau, was ich heute für falsch halte und warum. Trotzdem steht im Artikel: «Wer Reue und Einsicht erwartet, liegt bei Jegge falsch.»
3. Mir wird im digitalen Vorspann vorgeworfen, wissenschaftliche Arbeiten falsch zu zitieren, um meine Handlungen zu verharmlosen. Die Journalistin: «Weiter schreibt Jegge in seinem Buch, laut Killias würden Kinder ‹zumindest bei gewaltlosen und nicht inzestuösen sexuellen Erfahrungen keine oder wenigstens keine langfristigen psychischen Schäden erleiden. Vieles deutet hingegen darauf hin, dass die Entdeckung und Dramatisierung derartiger Vorkommnisse und insbesondere die Durchführung eines Strafverfahrens in seinen Auswirkungen auf das Kind als Zeugen von vielen Kindern als Katastrophe erlebt werden und deren Entwicklung erheblich ungünstiger beeinflussen als das sexuelle Erlebnis an sich.›» Diese Sätze stehen ganz genau so in Killias’ Dissertation (auf S. 185f.). Was bitte ist hier falsch zitiert? Weiter schreibt Killias dort: «Trotz dieser relativ eindeutigen Forschungsergebnisse [die er vorher angeführt hat, J.] hält die Öffentlichkeit hartnäckig am Glauben an die Schädlichkeit ‹verfrühter› sexueller Erfahrungen fest.» Dies hätte die Rezensentin ebenfalls der NZZ entnehmen können. Im Übrigen zitiere ich auch Killias’ Anliegen, sexuelle Kontakte zwischen einigermassen gleichaltrigen Jugendlichen nicht mehr unter Strafe zu stellen. Aber sonst versuche ich in diesem Teil des Buches lediglich zu zeigen, dass es in den Siebzigerjahren viele gab, die anders über Sexualität dachten, als heute allgemein gedacht wird. Wer da mehr herausliest, liest etwas hinein.
4. «Missbrauch hat noch keinem Kind geschadet.» Das bezeichnet Killias zu Recht als «absurd». So etwas habe er nie geschrieben. Ich auch nicht. Der Satz ist offenbar eine kreative Intervention der Journalistin.
5. «Jegges Opfer Markus Zangger war zu einer Stellungnahme nicht bereit.» Markus Zangger hat in der Zwischenzeit einen schweren gesundheitlichen Schicksalsschlag erlitten und lebt seither in einer Pflegeinstitution. Davon nahm über seinen engeren Bekanntenkreis hinaus niemand Kenntnis. Offenbar war er in erster Linie als Opfer interessant.
6. Und schließlich wird auch Markus’ Co-Autor und «bekannter Sektenspezialist» um eine Wortspende gebeten. Sein auffälligster Beitrag betrifft meine Schüler, die unter dem Missbrauch gelitten hätten: «Die meisten von ihnen waren traumatisiert, begingen Suizid oder rutschten in den Alkohol oder die Drogen ab.» Belegt wird das alles nicht. Über den im Fernsehbeitrag vorgeführten Drogenabhängigen berichte ich ziemlich ausführlich im Buch (halt auch relativ weit hinten). Und, bitte, welcher ehemalige Schüler hat sich selber umgebracht, und warum? Schwere Vorwürfe, leichtfertig erhoben.
7. Dann wird auch noch die Geldforderung von Markus und seinem Bruder erwähnt, von der ich weit vorne im Buch berichte. Mein Bericht wird als «Gegenangriff» bezeichnet. Ich würde damit behaupten, es sei letztlich um Geldgier gegangen. Dabei sei es doch ein Versuch gewesen, mich «zu einem Schuldgeständnis zu bewegen». Zu einem Schuldgeständnis in Tausendernoten? Zu einem Schuldgeständnis, das Markus eh schon brieflich von mir hatte? Das bleibt mir ein Rätsel.
8. Schliesslich irritiert, wie mit der eigentlich kostbaren kulturellen Errungenschaft der Rechtfertigung hier Schindluder getrieben wird. Sieben Mal kommt der Begriff im Artikel vor (meine beiden Zitate ausgenommen), und jedes Mal wird er als Ausrede verstanden: Selber hat man die Wahrheit und der Andere druckst irgendwie herum, er will sich «ja bloss rechtfertigen». Diese moralische Überheblichkeit ist genau das, was der Sektenspezialist allzu Frommen mit Recht vorwirft. Und wer als Betroffener darauf aufmerksam macht, «inszeniert» sich als «Opfer».
Zum Schluss: In Jura Soyfers Stück «Der Lechner-Edi schaut ins Paradies» berichtet der Richter im Prozess gegen Galilei, wie der Wiener Professor Mollig die Behauptung widerlegt habe, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Mollig habe einen Stein in die Luft geworfen und erklärt, wenn sich die Erde wirklich bewege, würde der Stein neben ihn zu Boden fallen. Doch weiter sei er mit der Erklärung nicht gekommen, denn der Stein sei ihm auf den Kopf gekracht und habe seine Hirnschale zerschmettert. Ob man das Experiment des Professors nimmt oder den Artikel der «SonntagsZeitung», es ist dieselbe Geschichte: In beiden Fällen ist das Vorurteil stärker als das Hirn.
Ganz zum Schluss: Der Artikel blieb nicht sehr lange auf der Webseite des «Tages Anzeiger». Da schauen, so berichtet die Werbung für Werbung, täglich 587.600 User vorbei. Unser Artikel blieb ein paar Tage im Netz und wurde von etwa 90 Neugierigen angetippt. Dann verschwand er vom Bildschirm. —
[P.S: Damit Leserin und Leser die Aussagen Jegges und der Journalistin bequem nachprüfen können, lassen die nachstehenden Links den Artikel der „SonntagsZeitung“ herunterladen — wahlweise als]
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