FORVM, No. 233
Mai
1973

Fetisch Wissenschaft

Zur Kritik der industriellen Technokratie

1 Bürgerliche Wissenschaft und Industriearbeit

Die kapitalistische Produktionsweise hat den industriellen Prozeß in zwei strikt getrennte Phasen zerlegt: Leitung, Planung, Überwachung, theoretische Vorwegnahme des maschinellen Prozesses in der Forschung, Entwicklungsbüros, also alles, was zur geistigen Beherrschung des Produktionsprozesses gehört, auf der einen Seite. Die andere Seite ist die von allen geistigen Potenzen entleerte, bloß ausführende Handarbeit.

Diese intellektuelle Entwertung handwerklicher Arbeit ist historisch einmalig. Sie taucht in vor- und nichtkapitalistischen Gesellschaftsformationen nicht auf. Außerdem postulieren die marxistischen Theorien die Vereinigung von Kopf- und Handarbeit in einer klassenlosen Industriegesellschaft. Um diese revolutionären Postulate mit einem historischen Inhalt zu erfüllen, der ihre Adäquatheit beweisen kann, muß die technische Rationalität des kapitalistischen Arbeitsprozesses auf ihren sozialen Ursprung zurückgeführt werden. Denn die herrschende Technologie ist notwendig mit der herrschenden Produktionsweise verknüpft und deshalb auch mit ihrer Überwindung veränderbar. Dieser Gedanke soll im folgenden ausgeführt werden.

Die Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Natur findet im Arbeitsprozeß statt und ist Sache des Arbeiters an Werkzeug und Maschine. Die Bourgeoisie nimmt daran nicht teil. Sie überwacht lediglich seine Tätigkeit und betreibt die Geschäfte der Warenzirkulation. Daher ist die bürgerliche Naturerkenntnis wesentlich kontemplativ und nicht gespeist aus der lebendigen Erfahrung des Arbeitsprozesses. [1] So will die bürgerliche Naturerkenntnis Subjekt und Objekt vollständig trennen (vgl. Caudwell) und über die — als objektiv existierend erscheinende — Natur in ihrer Theorie nach Belieben verfügen. Das läßt sich an ihrer Methode aufweisen, die Einheit von Naturprozessen in einzelne Gesetze oder Postulate aufzulösen, die als unabhängig voneinander analysiert werden. Diese Methode führt unvermeidlich zu solch sinnlosen Aussagen wie der folgenden: „Wenn die Schwerkraft zu wirken aufhört, dann fliegt eine abgeschossene Kanonenkugel in den Weltraum“ (vgl. Hegels Kritik an der klassischen Physik).

Diese Methode konstituiert überhaupt erst wesentliche Teile der bürgerlichen Naturerkenntnis als Wissenschaft, die sich mit Aporien herumschlägt, die sie selbst erst durch ihre spezifische Form der Naturbetrachtung hervorbringt. Die klassische Mechanik, die von Newton in eine axiomatische Form gebracht wurde, postuliert beispielsweise die gleichmäßige Bewegung von Körpern im leeren Raum (Trägheitsgesetz). Dieses Axiom führt zwangsläufig über die Konzeption einer von allen sinnlichen Qualitäten gesäuberten, gleichförmig flieBenden Zeit (vgl. Windred) zum mathematischen Begriff der stetigen Funktion. Dieser Begriff kann aber seinerseits nur befriedigend expliziert werden, wenn die reellen Zahlen definiert sind. Dies ist erst in den Jahren zwischen 1850 und 1870 den Mathematikern Cantor und Dedekind gelungen. Damit waren die Grundlagen zur Analysis auf unendlichen Mengen geschaffen, worauf die Topologie als ein mächtiger Zweig der Mathematik aufbaut. [2]

So hat die bürgerliche Wissenschaft ihre Abkapselung von der Handarbeit erreicht. Sie ist allein durch ein diktatorisches Studium begreifbar. Die ersten Semester Mathematik haben daher die Funktion, den Studenten einen unkritischen und als selbstverständlich erscheinenden Umgang mit dem Aktual-Unendlichen einzubleuen.

Die bürgerliche Wissenschaft ist eine Festung, die für den Arbeiter in der Fabrik tatsächlich nicht einzunehmen ist, obwohl er die wissenschaftliche Theorie in industrielle Praxis übersetzt. Das hat schon Engels bemerkt, ohne es aber kritisch zu wenden. Und es wird auch alles getan, um dem Arbeiter die Wissenschaft als unverständlich erscheinen zu lassen: Im Kapitalismus wird eine kleinliche Trennung zwischen Wissenschaft und Fabrikarbeit errichtet.

Die Art und Weise der bürgerlichen Wissenschaft, Naturprozesse in ihren scheinbar isolierbaren Aspekten theoretisch zu analysieren, macht die Wissenschaft von vornherein für ihre Unterordnung unter die Zielsetzung des industriellen Kapitals zugänglich. Dieser Prozeß begann um 1800 mit der wissenschaftlichen Analyse der Funktionen einer Dampfmaschine durch Carnit und erlangte erst ab 1850 eine gewisse Bedeutung. In seiner 1835 erschienenen Schrift „The philosophy of manufactures“ gesteht Ure (von Marx als „Pindar des Fabriksystems“ verspottet), daß die Kapitalisten vornehmlich von dem Motiv getrieben wurden, Maschinen in den Produktionsprozeß einzuführen, um den Arbeitern die Kontrolle über den unmittelbaren Arbeitsprozeß zu nehmen — eine Kontrolle, die sie noch hatten, als sie im Verlagssystem im Auftrage der Kapitalisten oder in der Manufaktur handwerksmäßig produzierten.

Von einer Maschine zum Farbdruck in den Kattundruckereien berichtet Ure: „Endlich suchten sich die Kapitalisten von dieser unerträglichen Sklaverei“ (nämlich den ihnen lästigen Kontraktsbedingungen der Arbeiter) „zu befreien, indem sie die Hilfsquellen der Wissenschaft anriefen, und bald waren sie restituiert in ihrem legitimen Recht, die des Kopfes über die anderen Körperteile.“ Und von der Erfindung der automatischen Spinnmaschine sagt Ure: „Sie (die Maschinen) waren berufen, die Ordnung unter den industriellen Klassen wiederherzustellen ... Diese Erfindung bestätigt die von uns bereits entwickelte Doktrin, daß das Kapital, indem es die Wissenschaft in seinen Dienst preßt, stets die rebellische Hand der Arbeit zu Gelehrigkeit zwingt.“ Über Steinproduktion bemerkt er: „Der große Vorteil der im Ziegelbacken angewandten Maschinerie besteht darin, den Anwender ganz und gar von geschickten Arbeitern abhängig zu machen.“ [3]

Das notwendige Pendant zu einer solchen maschinellen Produktion, die den Arbeitern alle geistige Beherrschung des gesamten Arbeitsprozesses wegnimmt, war die Verfügung des Kapitals über die technische Intelligenz, welche allein den Produktionsprozeß beherrschen konnte. Die Wissenschaft wurde dem industriellen Kapital einverleibt und erhielt so neue praktische Zielsetzungen, während sie vor 1800 als eine bloße unpraktische Form der bürgerlichen Ideologie betrachtet werden muß, ohne direkte Notwendigkeit, sich auf den Produktionsprozeß zu beziehen. [4]

In der Hand des Kapitals wurde die Ideologie zur materiellen Gewalt. Dadurch zerfiel die Naturwissenschaft einschließlich der Mathematik in die „reine“ und in die „angewandte“ Forschung. Die Präzision der technischen Apparate machte auch erst seit dem 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Durchdringung des Produktionsprozesses möglich. Denn die Reproduzierbarkeit scheinbar isolierbarer Aspekte von Naturprozessen erreichte im Arbeitsprozeß der kapitalistischen Industrie das Ausmaß eines gigantischen naturwissenschaftlichen Experiments.

In diesem Zusammenhang ist die wichtigste Frage, ob eine maschinelle Produktion möglich ist, in der die Arbeiter keinerlei Belehrung durch wissenschaftliche Spezialisten brauchen, die sich unabhängig von der industriellen Arbeit den Prozeß theoretisch mit den traditionellen Mitteln der Wissenschaft angeeignet haben. Gewöhnlich wird diese Frage von Theoretikern aller Schattierungen verneint. Eine sozialistische Gesellschaft wird dabei so modelliert, daß auch in ihr ein Stamm technischer Spezialisten überlebt, der im „Übergang zum Kommunismus“ noch wichtige Funktionen der Produktionssteigerung wahrnehme. Der Gegensatz von Kopf- und Handarbeit, so wird angenommen, versöhne sich im Laufe der Entwicklung dadurch, daß die Automation die Handarbeit verschwinden läßt. Die Arbeiter werden zu Wissenschaftlern.

Einerseits läßt die Erkenntnis von bürgerlicher Wissenschaft als besonderer Form der bürgerlichen Ideologie dieses Modell fragwürdig erscheinen. Andererseits spricht dieses Modell den Verhältnissen der kapitalistischen Arbeitsorganisation einen aus technologischen Sachzwängen resultierenden, quasi naturgesetzlichen Charakter zu; damit werden technologische Systeme eben nicht als das erkannt, was sie wirklich sind: als soziale und deshalb „veränderbare“ Institutionen. Statt die Aufhebung der Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit als aktuelle Aufgabe anzugehen, wird sie auf eine unbestimmte Zukunft verschoben.

Wenn man aber — mit Sohn-Rethel und Caudwell — die bürgerliche Wissenschaft als eine spezielle Form der Ideologie erkennt, dann hat dies die Konsequenz, Wissenschaft im gegenwärtigen Sinn zu negieren und eine der praktischen Erfahrung der Handarbeit direkt assimilierbare Theorie zu machen. Das Problem besteht darin, wie eine solche Theorie sich aus der Handarbeit und nicht aus den abstrakten Axiomen der Logik entwickeln läßt.

Dank ihrer Subsumption unter das Kapital hat sich die Wissenschaft aus einer esoterischen Form der bürgerlichen Ideologie zur angewandten Forschung weiterentwickelt, welche in einer dem Produktionsprozeß stets näherkommenden Kette von Forschung, Entwicklung, Konstruktion und Erprobung voranschreitet. Die angewandte Forschung hat sich also teilweise mit dem Produktionsprozeß direkt auseinanderzusetzen. Daher entwickelt sich in der angewandten Forschung ein Moment der Aufhebung von bürgerlicher Wissenschaft. In der praktischen Auseinandersetzung mit der Natur wird die Sucht der bürgerlichen Wissenschaft, Naturgesetze auf abstrakte Axiome reduzieren zu wollen — was Hegel sehr gut kritisiert —, offensichtlich unsinnig.

Transport einer Statue. Ägypten, etwa 2000 v. Chr.

2 Computer überwinden bürgerliche Wissenschaft

Im Computer, den die angewandte Forschung hervorgebracht hat, findet sich nun die objektive Grundlage dafür, die bürgerliche Wissenschaft zu überwinden und eine der Handarbeit assimilierbare Theorie zu entwickeln. Denn der Computer bietet ein objektives Gerüst für den Ablauf formaler Operationen dar, das anderen Gesetzen gehorcht, als denen der „reinen Theorie“. Dies objektive Gerüst trägt den Stempel der Empirie. Es läßt quantitative Bestimmungen lediglich approximativ zu, innerhalb von Fehlergrenzen: also in kompletter Analogie zur relativen Unbestimmtheit physikalischer Messungen, deren Ausführung durch die Handarbeiter den maschinellen Produktionsprozeß wesentlich bestimmt (mit Ausnahme von Montageprozessen).

Wenn beispielsweise in der mathematischen Theorie ein Gleichungssystem mit zwei Unbekannten genau eine eindeutige Lösung zuläßt, so führt die Lösung dieser Gleichungen mit dem Computer ganz und gar nicht auf eine eindeutige Lösung, sondern auf eine Lösung, die mit Fehlern behaftet ist. Die Sperrigkeit der Natur, sich im Arbeitsprozeß den menschlichen Bedürfnissen assimilieren zu lassen, findet so in der Operationsstruktur des Computers ihre besondere Ausprägung. Daher kann der Computer die objektive Grundlage dafür abgeben, der Handarbeit assimilierbare Theorien zu entwickeln, weiche die praktische Erfahrung des Produktionsprozesses wissenschaftlich durchdringen, sie verallgemeinern und damit vergesellschaften.

Die Mathematik geht bei ihren arithmetischen Operationen vom Begriff der reellen Zahlen aus, den sie sich geschaffen hat. Die reellen Zahlen stellen eine unendliche Menge dar, in der beliebig kleine und beliebig große Zahlen vorgefunden werden können. [5] Im Gegensatz hiezu hat der Computer lediglich einen endlichen Zahlenvorrat, mit dem er operieren kann, und daher eine kleinste und eine größte Zahl. Die numerische Mathematik als eine angewandte Forschung ist derzeit dabei, diesem endlichen Zahlenvorrat angemessene, arithmetische Operationen zu schaffen (vgl. Kulisch).

Eine von der Rechenstruktur des Computers ausgehende Physik hat im Jahre 1967 der Erfinder des Computers selber, Konrad Zuse, in Ansätzen entwickelt.

Weiter ist der Bregersche Vorschlag für eine „empirische Mathematik“ anzuführen, mit der man Differentialrechnung machen kann, ohne zuvor Topologie studiert haben zu müssen (vgl. Vahrenkamp). Das Praktische an ihr ist, daß sie mit ganzen Zahlen und deren Brüchen auskommt, daß sie den Anforderungen an Genauigkeit von beliebigen Bedürfnissen der Produktion angepaßt werden kann und daß sie der Rechenstruktur eines Computers entspricht, dessen Gebrauch sich auch im alltäglichen Leben zukünftig verbreiten wird.

Bei der Differentialrechnung anzusetzen, um eine empirische Mathematik zu entwickeln, ist insofern ein richtiger Ausgangspunkt, als die Differentialrechnung zum harten Kern der bürgerlichen Naturwissenschaft gerechnet werden muß. Historisch gesehen war sie notwendig zur Entwicklung der Wissenschaft. Über das Differential des Weges wurde der Bewegungsbegriff formal faßbar, und dadurch konnte die bürgerliche Kosmologie über die feudale Metaphysik triumphieren. Es war die große Leistung Newtons, daß er die Physik auf abstrakte Prinzipien zurückführte. Die Beschreibung der Bewegung über das Differential ist allerdings lediglich formal und kommt nur dem mathematischen Kalkül als rationeller Methode zugute. Jedoch wird die physikalische Erkenntnis dessen, was Bewegung ist, dadurch nicht gefördert. Das Paradoxon von Xenon wurde nicht gelöst.

Auch heute noch gehört die Differentialrechnung zur Grundausrüstung der „höheren“ Schulbildung, obgleich die Mathematik bereits ganz andere Theorien zur Verfügung hat. Nicht umsonst führt Gorz in seinem Beitrag die Differentialrechnung als ein Beispiel für den Herrschaftscharakter bürgerlicher Wissenschaft gegenüber der Handarbeit an. [6] Bei den Angriffen auf westliches Expertenwissen, die in der chinesischen Kulturrevolution von den Arbeitern vorgetragen worden sind, war die Differentialrechnung ebenfalls eines ihrer Ziele. [7]

Die bürgerliche Technologie scheint es als Makel zu empfinden, Produktionsprozesse theoretisch noch nicht vollkommen im Griff zu haben, weswegen es kaum Anhaltspunkte dafür gibt, wie stark der Produktionsprozeß auf rein empirischen Erfahrungen beruht. Sicher ist es nötig, bei der Neuinstallation von fixem Kapital umfangreiche Experimente mit den Maschinen selbst zu machen, die sich wissenschaftlich nicht rechtfertigen lassen, bis die Maschine läuft. Auf diese empirische „Basis“ des technologischen Know how machte Michael Piore besonders aufmerksam, der in den sechziger Jahren in einer Dissertation die Innovationsprozesse in der amerikanischen Industrie untersucht hat. Er schreibt folgendes: „In allen Fabriken, die untersucht wurden, existierte ein guter Teil der Technologie lediglich in Form des Maschinenprozesses, wie er in der Fabrikhalle abläuft. Dieser war nicht formal beschrieben, und seine wissenschaftliche Grundlage wurde nur unvollständig begriffen. Oftmals ist dies richtig vom Anfang seines Ablaufes an. Produktionstechnologien werden häufig experimentell entwickelt, durch Erfolg und Irrtum. Ein Fabrikant von Kernkraftwerken drückte sich folgendermaßen aus: Wenn wir so lange warten, bis der Entwurf abgeschlossen worden ist, könnten wir nie mit dem Bau beginnen. Zwar werden einige Konstruktionsprobleme offensichtlich immer mehr theoretisch verstanden. Andere Probleme sind aber entweder zu speziell oder zu trivial, um wissenschaftliches Interesse zu finden. Oder sie können bequemer durch Erfolg und Irrtum gelöst werden. Sogar wenn eine Ausrüstung ursprünglich nach Plänen genau gebaut worden ist, so ist sie im Betrieb vielfältigen Änderungen ausgesetzt, wovon viele jedoch zu gering sind, um im Plan formal festgehalten zu werden. Mit der Zeit akkumulieren sich die kleinen Änderungen, und die Maschine hat eine beträchtliche Distanz zum Plan.“

„Weil ein so großer Teil der existierenden Technologie nicht formal beschrieben ist“, fährt Michael Piore fort, „beginnen Versuche, sie zu verbessern, typischerweise mit einer Untersuchung des Prozesses, wie er in der Fabrikhalle abläuft. Dies scheint für chemische und mechanische Prozesse richtig zu sein. Ein Chemie-Ingenieur sagte: Zwei Wochen verbrachte ich in der Fabrik, um das Essentielle des Prozesses von der Hexerei zu trennen. Ich weiß, daß ich mein Ziel nicht ganz erreicht habe, aber ich fürchtete, weiterzugehen. Und sie sagten mir, der Prozeß wäre automatisiert! In einer anderen Fabrik wurde ein Vorschlag, einen komplexen Teil einer mechanischen Verpackungsausrüstung zwei Fuß hoch zu heben, aus Sorge darum abgewiesen, die Maschine — einmal unterbrochen — könnte nicht mit maximaler Geschwindigkeit arbeiten.“

Hier zeigt Piore sehr klar, daß eine von der Handarbeit getrennte Wissenschaft ein völlig unzureichendes Verständnis des Produktionsprozesses bietet. Erst die Arbeit mit und an der Maschine führt zu ihrer Beherrschung.

Jewkes u.a. bemerken in ihrer Beschreibung von Ölindustrie, Flugzeugbau, Chemie und Elektronik: „Die Produktionsweise ist vielfach primitiv, ganz im Gegensatz zur fortschrittlichen Technologie, die derart produziert wird.“

Die Geschichte der Technologie ist voll von Autodidakten, die wesentliche Erfindungen gemacht haben, etwa als jüngstes Beispiel die fundamentale Entwicklung von Maschinen zur Kunststoffverarbeitung durch Erlenbach.

Dies alles gibt einen Hinweis auf die Möglichkeit, Produktionsprozesse durch praktische Erfahrung beherrschen zu können. Fragt man sich, in welchem Ausmaß eine solche nur praktische Beherrschung möglich ist und ob nicht doch zu gewissen Problemen Planungstheoretiker herangezogen werden müssen, so hat man sich zuerst klar zu werden über das Kriterium, nach dem über dieses Verhältnis zwischen Theorie und Praxis entschieden werden soll. Zwei Möglichkeiten bieten sich als Kriterien an: 1. Maximaler Ausstoß bei minimalem Arbeitseinsatz. Dies betreibt der Kapitalismus in Form der Profitoptimierung auf einer betriebswirtschaftlichen Ebene. 2. Maximale praktische Verfügung der Produzenten über den maschinellen Produktionsprozeß.

Sieht eine sozialistische Gesellschaft die Entwicklung technologischer Produktivkräfte als oberstes Ziel ihrer Politik an, so wird sie die erste Möglichkeit wählen. Dabei besteht die immense Gefahr, daß so ein Fetischismus der Produktivkräfte entwickelt wird, und zwar auf Kosten der Arbeiter. Politisch kann ein derartiger Fetischismus von der technischen Intelligenz errichtet werden. Folgt man Bridier darin, daß die Schichten der technischen Intelligenz mit gehobener Qualifikation (im Sinne der Bildungsökonomie) durchaus im Sozialismus eine sinnvolle Alternative zum Kapitalismus erblicken, allerdings nur in dem Sinne, daß sie sich im Sozialismus Chancen für eine technokratische Usurpation von Industriefunktionen erhoffen, so sind ihre politischen Interessen am Sozialismus denen der Arbeiter konträr.

Diesen Interessen der technischen Intelligenz kommt das Postulat von der möglichst schnellen Entwicklung technologischer Produktivkräfte sehr entgegen, da es ihnen eine schwer zu durchschauende Rationalisierung ihres Herrschaftsanspruchs liefert, und zu allem Überfluß auch noch in marxistischen Begriffen. [8]

Noch von einer anderen Seite her läßt sich die oben genannte Alternative — nämlich maximaler Ausstoß bei minimalem Einsatz — kritisieren. Denn sie läßt sich historisch und systematisch aus dem Kapitalbegriff ableiten, sie ist also im eminenten Sinne ein bürgerliches Organisationsprinzip der ökonomischen Prozesse, von denen sich eine sozialistische Gesellschaft auf keinen Fall leiten lassen sollte.

3 Lern eh in der Fabrik

Bekanntlich ist das Kapital der sich selbst verwertende Wert, es hat die Tendenz, alle Schranken quantitativen Wachstums zu durchbrechen, was es auch in einem widersprüchlichen Prozeß betreibt. Das Vehikel für diese Expansion des Kapitals ist die materielle Produktion, deren Ausdehnung mit derjenigen des Kapitals Hand in Hand geht und deshalb auch schon als Wert an sich erscheint. Die bürgerliche Klasse hat daher die Expansion der Produktion und die Entwicklung der technologischen Produktivkräfte auch stets zur Legitimation ihrer Klassenherrschaft herangezogen; ein jüngstes Beispiel ist die ideologische Verklärung der Weltraumfahrt. Diese Expansion theoretisch vorzubereiten, ist letztlich das Geschäft der Naturwissenschaft.

Am Beispiel der Veränderung der Technologie der chemischen Produktion sei erläutert, wie der kapitalistische Produktionsprozeß unter den Zwangsgesetzen der Konkurrenz alle empirische Erfahrung in die Hände der Wissenschaft verlagert. [9] Die technologische Produktionsweise der Chemie läßt sich durch den Fließprozeß darstellen, dessen Bestimmungsgrößen Menge, Druck, Temperatur und Zeit von den Arbeitern durch Handsteuerung kombiniert werden. Derzeit wird diese Arbeit an mathematischen Modellen vorweggenommen, um optimale Einstellungen zu finden und um den Produktionsprozeß außerdem der Automatisierung durch Prozeßrechner zugänglich zu machen.

Innerhalb der kapitalistischen Arbeitsteilung wird diese Tätigkeit der Optimierung allein der technischen Intelligenz zugewiesen, aber nicht den Handarbeitern. Wegen dieser getrennt von der Handarbeit vor sich gehenden Optimierung zieht die technische Intelligenz auch unvermeidlicherweise mathematische Modelle heran. Das Optimum selbst kann aber auch sie lediglich nach einem Probierverfahren von trial and error erkennen. Für die Handarbeiter bestehen erst einmal die Alternativen, direkt an der Anlage durch Probieren zu optimieren oder auch auf dem Computer, wobei simple Modelle und nicht „Dynamisches Programmieren“ verwendet werden können. Man mag einwenden, daß durch diese alternativen Verfahren nicht der optimale Punkt gefunden werden kann, welchen die technische Intelligenz durch ihre abstrakt mathematischen Modelle findet.

Selbst wenn dies richtig wäre, so muß man erwidern, daß dieser Einwand von einem Mißverständnis ausgeht, das der Kapitalismus als Binsenweisheit ausgibt: nämlich von dem Postulat der maximalen Produktion. [10] Der Kapitalismus hat im allgemeinen die technologischen Produktivkräfte so weitentwickelt, daß die Produktionsprozesse ohne großen gesellschaftlichen Schaden auch unter der Schwelle des Optimalen — also suboptimal — ablaufen könnten. Daß sich der kapitalistische Effizienzbegriff aus besonderen gesellschaftlichen Interessen ableitet, wird klar, wenn man ihn mit der technologischen Arbeitslosigkeit kontrastiert, die von der kapitalistischen Produktionsweise produziert wird.

Wenn also die Verfügung der Produzenten über den Produktionsprozeß unter Umständen suboptimale Produktivität nach sich zieht, so wäre dies kein Schaden für die Gesellschaft — denn auf der anderen Seite können sich neue soziale Beziehungen, die überhaupt erst den Arbeitsprozeß konstituieren, herausbilden. Es ist eine bürgerliche Ansicht, wenn man an der Arbeit allein das Produzieren von Gütern sieht, isoliert von allen sozialen Beziehungen zwischen den Arbeitern. [11] Das ist ja eben der Standpunkt der Arbeitswissenschaft, wie sie der Kapitalismus hervorgebracht hat (Taylorismus). Die Arbeitswissenschaft verfährt ganz nach der naturwissenschaftlichen Methode, welche die Einheit der Naturprozesse zerreißt.

Der marxistische Arbeitsbegriff dagegen ist viel weiter. Im Grund umfaßt er sämtliche menschliche Tätigkeiten, welche soziale Beziehungen zwischen Menschen entstehen lassen. Verwaltung der Sachen ist demnach als ein Teil von produktiver Arbeit aufzufassen.

Begreift man nicht die Einheit von Produktion und Verwaltung, so landet man in der Sackgasse der bürgerlichen Industriesoziologie. Sie stellt sich die Aufgabe, wie man dem Fließbandarbeiter das „Gefühl“ nehmen kann, er mache nur entfremdete Arbeit (vgl. Blauner), oder besser: beschissene Arbeit, was richtiger ist, wenn man die heute geltenden Normen anlegt. Dies ist natürlich ein unsinniges Unternehmen, da der Fließbandarbeit als solcher gewiß kein Gefühl persönlicher Befriedigung zu entnehmen ist — genauso wenig wie Müllabfahren an sich Spaß macht. Daß solche Arbeit sinnvoll ist, läßt sich allein aus dem sozialen Zusammenhang entnehmen, der entsteht, wenn die unmittelbaren Produzenten auch unmittelbar über den Produktionsprozeß verfügen können.

Langfristig gesehen gibt es keine Anhaltspunkte dafür, daß sich maximale Verfügung der Arbeiter über den Produktionsprozeß und maximaler Ausstoß von Gütern gegenseitig ausschließen. Jedoch ist die maximale Verfügung als politische Forderung des Übergangs der kapitalistischen Parole maximalen Ausstoß gegenüberzustellen. Denn sonst kann man sich von der irrigen Auffassung, rein theoretisches Wissen habe der Handarbeit gegenüber Vorrang nicht befreien.

Wenn die Arbeiter den Produktionsprozeß in ihre Hand nehmen, müssen sie erst lernen, ihn zu beherrschen. Sie müssen dazu ihre eigenen Techniker heranbilden. Die Fabriken müssen sich Schulen angliedern, wo das praktische Wissen von der Produktion durch erfahrene Arbeiter auf ein theoretisches Niveau gehoben und auf diese Weise vergesellschaftet wird. Derart kann die praktische Kenntnis des Produktionsprozesses auch nicht zu einem exklusiven Geheimnis erstarren, wie es dasjenige der Handwerker in der vorindustriellen Zeit gewesen ist, welches man ohne theoretische Schulung allein durch „Abschauen“ vom Meister erlernen mußte. Ebenso werden die Universitäten Fabriken errichten müssen, in denen Spezialfächer auch praktisch vorangetrieben werden.

[1„Wir wissen erst wirklich, was ein Naturding ist, wenn wir die Gesamtheit der industriellen und naturwissenschaftlich-experimentellen Veranstaltungen kennen, die es herzustellen gestatten.“ Alfred Schmidt, Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Frankfurt 1971, pp. 123 f.

[2Darüber, wie die Einführung des Aktual-Unendlichen in die Mathematik zu ihrer Grundlagenkrise beigetragen hat, siehe den ausgezeichneten Aufsatz von David Hilbert: Über das Unendliche, in: Mathematische Annalen 95, 1926, pp. 161 ff. Hilbert versucht, einen Ausweg aus der widerspruchsvollen Situation der Mathematik anzugeben. Er will freilich die Mathematik als „Paradies“, getrennt von der Handarbeit, retten.

[3Zitiert nach K. Marx, Das Kapital, MEW 23, pp. 456 ff.

[4Marx schreibt zwar viel im ‚Kapital‘ über die Anwendung von Wissenschaft auf die Produktion der großen Industrie. Er gibt aber keine geschichtliche Erklärung dessen, was Wissenschaft ist und wie sie bereits vor dem industriellen Kapitalismus auftaucht. Er faßt die Wissenschaft bloß als eine dem industriellen Kapital zunächst fremde, von diesem nicht produzierte gesellschaftliche Potenz auf, die als „selbständige“ (?) dem Kapitalprozeß einverleibt wird (MEW 23, p. 674).

[5Wie weit der Begriff Hegels von der Quantität dem Marxschen Kapitalbegriff entspricht, wäre noch zu untersuchen. Daraus könnten eventuell die reellen Zahlen als Schöpfung der bürgerlichen Wissenschaftsideologie schlagend abgeleitet werden.

[6André Gorz, Technische Intelligenz und kapitalistische Arbeitsteilung, in: Politikon 37/1971, pp. 6 f.

[7Vergleiche die Versuche chinesischer Arbeiter, die Differentialrechnung direkt aus der sinnlichen Praxis der Handarbeit herzuleiten. „Die höhere Mathematik kehrt in die Hände der Werktätigen zurück.“ Aus: Nach der Errichtung einer sozialistischen Universität für Naturwissenschaft und Technik streben! Peking Rundschau Nr. 32/1970, p. 26. Sammelband: in dem Sammelband: „Proletarische Schule und Universität in China“, Berlin 1972, p. 137. (Oberbaum-Verlag.)

[8Es liegt nahe, die hier entwickelten Gedanken auf die Sowjetunion anzuwenden, um die dortige Trennung von Kopf- und Handarbeit zu kritisieren, wie sie sich in der Konstruktion einer „Stadt der Wissenschaft“ (Akademgorok) in zugespitzter Weise darstellt. Cf. Oskar Negt, Marxismus als Legitimationswissenschaft (Einleitung zu Deborin/Bucharin: Kontroversen über dialektischen und mechanistischen Materialismus, Frankfurt 1969).

[9Parallel zu diesem Prozeß findet eine Konzentration des technologischen Wissens in bestimmten Kapitalgruppen statt, zu deren privatem Eigentum es wird. So hat sich die Firma Siemens auf die Installation kompletter Fabrikanlagen für alle Branchen spezialisiert und befaßt sich dabei mit den subtilen Aufgaben der Optimierung in ganzen Produktionsprozessen. Vgl. die Ausführungen des Vorstandsmitglieds U. Haier: Systeme zur Verkettung von Betriebsabläufen, Referat aus Anlaß der Siemens-Pressekonferenz auf der Hannover-Messe 1971.

[10Die Klassenstruktur der Maschinerie „erscheint als dinglicher Zwang, der nicht zwangshaften, vom ehemals zwanghaften, lebensnotwendigen Stoffwechselcharakter mit der Natur untermauert scheint“. Hans Dieter Bahr: Die Klassenstruktur der Maschinerie, Vortrag in Heidelberg am 19. Mai 1971.

[11„Die entwickeltste Maschine zwingt den Arbeiter daher, jetzt länger zu arbeiten als der Wilde tut oder als er selbst mit den einfachsten, rohesten Werkzeugen tat.“ (Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Frankfurt 1970, p. 596.)

Literaturverzeichnis:

  • Bernal, Science in History, Rowohlt 1970.
  • Breger, Thesen zur bürgerlichen Mathematik, Manuskript, Heidelberg 1972.
  • Bridier, „Neue Arbeiterklasse oder neue Bourgeoisie?“ Vortrag in Heidelberg, 1971.
  • Blauner, Alienation und Freedom, Chicago 1964.
  • Buckingham, Stratement relating to the impact of technological change, enthalten im Appendixvolume VI von „Technology and the American Economy, Report of the National Commission on Technology, Automation and Economic Progress“, Washington 1966.
  • Caudwell, Crisis in Physics, New York 1939.
  • Engels, Dialektik der Natur, Marx-Engels-Werke, Bd. 20, Berlin 1968.
  • Gorz, Technische Intelligenz und kapitalistische Arbeitsteilung, Vortrag in Heidelberg 1971, in: Politikon 37/1971, pp. 6 f.
  • Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Zweiter Teil: Naturphilosophie, §§ 245/265 (Hegels kritische Analyse der bürgerlichen Naturwissenschaft ist ausgezeichnet und sollte rehabilitiert werden).
  • Jewkes u.a., The Sources of Invention, London 1969.
  • Kulisch, An Axiomatic Approach to Rounded Computations, Numer, Math. 18 (1971).
  • Piore, The impact of the labor market upon the design and selection of productive techniques within the manufacturing plant. In: The Quarterly Journal of Economics, 82 (1968).
  • Proletarische Schule und Universität in China, Berlin 1972.
  • Sohn-Rethel, Körperliche und geistige Arbeit, Frankfurt 1970.
  • Derselbe, Materialistische Erkenntniskritik und Vergesellschaftung der Arbeit, Merve-Verlag, Berlin 1971.
  • Vahrenkamp, Diskrete Analysis in endlichen Mengen, Manuskript, Heidelberg 1972.
  • Windred, The History of Mathematical Time, Isis 19 (1933).
  • Zuse, Rechnender Raum, Manuskript 1967.
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