FORVM, No. 428/429
August
1989

Gesamtmenschliches Interesse — Klasseninteresse

Wie hältst du’s mit dem Klassenkampf? Authentische Antwort auf die Gretchenfrage gibt G. S. — Direktor des Instituts für Marxismus und Leninismus beim ZK der KPdSU sowie Mitglied der Akademie der Wissenschaften der USSR — mit seinem zweiteiligen Artikel in der „Pravda“ (28. 2./1. 3.), den er hier präzisiert und erweitert.
Vermittlung und Übersetzung danken wir Wladimir Uljew, Nowosti Wien.

Die heutige Welt gleicht einem einsamen Schwimmer, der auf niemanden außer sich selbst hoffen kann. Sie ist mit einem recht düsteren Bild konfrontiert, das sich aus der Verflechtung von zwischenstaatlichen, sozialen und klassenmäßigen, zwischennationalen, industriellen und ökologischen Problemen zusammensetzt, von denen jedes zum Detonator einer alles vernichtenden Explosion werden kann. Glücklicherweise begreifen das viele Politiker in verschiedenen Ländern. Die Angst voreinander ist aber eine Ursache, die Abrüstung und Übergang zu neuen Beziehungen in der Welt bremst.

Ein entscheidender Schritt zu ihrer Überwindung wurde auf dem Genfer Treffen Gorbatschow-Reagan getan, als beide führenden Repräsentanten zu dem gemeinsamen Schluß kamen: Ein Kernwaffenkrieg ist unzulässig, und in ihm kann es keine Sieger geben. Diese Erklärung demonstrierte besser als alles andere, daß Vereinbarungen möglich sind.

Die Konzeption einer ganzheitlichen, wechselseitig abhängigen, obwohl auch widersprüchlichen Welt findet immer größere Anerkennung. In den Vordergrund werden dabei das gesamtmenschliche Interesse an der Erhaltung des Friedens, die Idee von der Priorität des gesamtmenschlichen Interesses gegenüber den Interessen der Klassen, der Nationalitäten, der Staaten usw. gestellt. Lenins Idee von der Priorität des gesellschaftlichen Interesses erhält nun einen neuen Sinn und eine neue Bedeutung.

Der Klassiker und die Gegenwart

Der Kern des Problems besteht in folgendem: Ist es überhaupt rechtmäßig, die Frage nach der Priorität der gesamtmenschlichen Interessen gegenüber den Klasseninteressen von den kommunistischen Positionen aus aufzuwerfen?

Wenden wir uns Lenin zu, dem niemand eine Abkehr von den Klasseninteressen und -positionen vorwerfen kann und der nichtsdestoweniger die These von der Priorität der gesellschaftlichen Interessen gegenüber den Klasseninteressen vorgebracht hat. Beharrlich unterstrich Lenin, daß die sozialistischen und die demokratischen Aufgaben des Proletariats miteinander unzertrennlich verbunden sind, daß der Kampf für den Sozialismus ohne den politischen Kampf für die Freiheit der Arbeiterklasse, ohne den Sturz des Absolutismus unmöglich ist. Lenin verwies darauf, daß

... die Interessen der gesellschaftlichen Entwicklung vom Standpunkt der Grundideen des Marxismus höher als die Interessen des Proletariats, die Interessen der ganzen Arbeiterbewegung in ihrer Gesamtheit höher als die Interessen einer einzelnen Arbeiterschicht oder einzelner Momente der Bewegung stehen ... [1]

Unter den gegenwärtigen Bedingungen stellt der Kampf für demokratische Freiheiten, der Kampf gegen die Ausbeutung, den Militarismus, das Elend, die Arbeitslosigkeit, für die Lösung der ökologischen Probleme als Anliegen aller fortschrittlichen Kräfte der Gesellschaft das erstrangige Interesse der Arbeiterklasse dar. Lenin schrieb, daß

... eine konsequente Demokratie sich auf der einen Seite in Sozialismus verwandelt und auf der anderen Seite den Sozialismus erfordert. [2]

Eine solche Leninsche Einstellung muß man besonders heute berücksichtigen, da sich die Lebensbedingungen grundsätzlich geändert haben, da die Rettung der Menschheit erstrangige Bedeutung gewinnt, weil ohne sie überhaupt kein sozialer Fortschritt möglich ist.

Wenn das gesamtmenschliche Interesse und die Priorität der gesamtmenschlichen Werte dem Fortschritt zugrunde liegen müssen, ist die Formel von der Entwicklung „auf Kosten der anderen“ überlebt. Um die Zivilisation zu erhalten, kommt es darauf an, die Zusammenarbeit als „gemeinsames Schaffen“ und als „gemeinsame Entwicklung“ zu fördern. All das wird möglich, denn in der Welt sind solche Bedingungen und sozialen Kräfte entstanden, die die Menschheit auf einen langen, wohl auch unendlichen Weg der friedlichen Entwicklung lenken können.

Es handelt sich dabei um die Feststellung einer neuen Situation und um theoretische Schlußfolgerungen daraus, um ein neues Wort im Marxismus-Leninismus.

Perestroika und sozialistischer Pluralismus

Die Wandlungen auf dem internationalen Schauplatz kann man sich unmöglich vorstellen, wenn man sich nicht der Perestroika in der UdSSR zuwendet, die für uns vom Sozialismus untrennbar ist. Von dieser Position aus wird das Wesen der Perestroika als Erneuerung des Sozialismus auf der Grundlage der Leninschen Leitsätze, als Säuberung des Sozialismus von Reminiszenzen und Deformationen aus der Zeit unter Stalin, als Hebung der sowjetischen Gesellschaft auf ein qualitativ neues Niveau verständlich.

Die sozialistische Revolution und der sozialistische Aufbau hatten ohne Zweifel eine klassenmäßige Ausrichtung, obwohl dabei viele Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution gelöst wurden, wodurch sich ihre umfassende soziale Basis erklärt. Natürlich gab es dabei viele Fehler, viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit. Oft resultierte das entweder aus einem blinden klassenmäßigen Haß der Massen oder aus politischer Rache, aus Unwissenheit, oder aus persönlicher Abrechnung mit jemandem, oder aus einer außer Rand und Band geratenen Anarchie. Bei der Unterdrückung seiner politischen Gegner benutzte Stalin die Theorie von der „Zuspitzung des Klassenkampfes“ als einen ideologischen Deckmantel. War so etwas klassenmäßig notwendig? Ist daran etwa das klassenmäßige Prinzip der marxistischen Doktrin schuld? Eher tritt hier eine Entstellung der klassenmäßigen Prinzipien der Einschätzung von Erscheinungen und Menschen zum Vorschein.

Die Fähigkeit, zu unterscheiden, wo eine klassenmäßige Haltung beginnt und wo sie endet, wo einfache Normen der Moral, die gesamtmenschlichen Interessen, solche Kategorien wie Gewissen, Anständigkeit und Ehrlichkeit präsent sind, ist eine Bedingung der erfolgreichen Entwicklung der sozialistischen Beziehungen und des sozialistischen Bewußtseins. Eine Gesellschaft und neue gesellschaftliche Beziehungen werden deshalb als sozialistisch bezeichnet, weil ihnen die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Herrschaft kollektivistischer, internationalistischer Prinzipien zugrunde liegen, und gar nicht deshalb, weil alle menschlichen Beziehungen nur auf die Klassen und Klassenbeziehungen hinauslaufen.

Die sozialistische Ideologie, die ihrem Wesen nach eine Klassenideologie ist, enthält auch viele Momente des gesamtmenschlichen Charakters und kann nur im Vergleich mit ihnen als eine klassenmäßige Erscheinung charakterisiert werden.

Betrachten wir die Perestroika vom Standpunkt der Wechselwirkung der Interessen aus, sehen wir, daß sie sich zum Ziel setzt, die Grundinteressen der Klassen, Nationen und Gesellschaftsgruppen zu integrieren. Zugleich wird darauf hingewirkt, die ökonomische und politische Aktivität der Massen durch die Berücksichtigung und Förderung der spezifischen Interessen der Gruppen, Kollektive, Organisationen und des einzelnen Bürgers zu erhöhen. Der Sozialismus bedarf einer solchen Vielfalt der Interessen der Klassen, Nationen und Völkerschaften sowie anderer gesellschaftlicher Gruppen und unterstützt tatkräftig die Eigeninitiative der gesellschaftlichen Organisationen, die diese Vielfalt zum Ausdruck bringen.

Heute überzeugen wir uns praktisch davon, was für eine gewaltige Reserve der sozialistische Pluralismus für die Entwicklung der Demokratie mit sich bringt. Er widerspiegelt den Kampf zwischen unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen miteinander konkurrierenden Meinungen darüber, wie sich ein- und dasselbe Interesse verwirklichen läßt.

Der sozialistische Pluralismus muß eine konstruktive Arbeit zur Erforschung lebenswichtiger Probleme der sowjetischen Gesellschaft fördern.

Gesellschaftliches Interesse und ideologischer Kampf

Keiner kann sich über die Tatsache hinwegsetzen, daß der Widerstreit zwischen beiden Systemen, der Kampf zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus, wie auch der Klassenkampf innerhalb einzelner Länder weitergeführt werden. Alle politischen Kräfte, wenn sie auf der Grundlage wahrer Realitäten handeln wollen, müssen aber erkennen, daß die Klasseninteressen nur unter Berücksichtigung der Priorität des gesamtmenschlichen Interesses wahrgenommen werden können.

Die Frage ist natürlich nicht einfach, und bei ihrer Lösung wird es Komplikationen geben. Die Menschheit kann jedoch unmöglich der Tatsache entgehen, daß die Interessenbalance heute eine Bedingung für ihr Überleben und ihren Fortschritt darstellt. Ebendas ist die Grundlage für die Gesundung der internationalen Situation und für die Struktur einer neuen Welt, in der Gewalt und nukleare Gewaltandrohung keine Mittel der Politik sein können.

Zugleich erhebt sich die Frage nach dem Zusammenwirken der gesamtmenschlichen Interessen einerseits und der besonderen, einzigartigen Interessen, u.a. auch der Klasseninteressen, andererseits. Da die Kernwaffen kein Mittel für politische Entscheidungen sein können, rückt das Prinzip einer freien Wahl des Entwicklungsweges in den Vordergrund. Daß es viele Varianten der kapitalistischen und sozialistischen Entwicklung geben kann, ist nicht einfach eine Tatsache. Es tauchen immer neue Varianten auf, und das läßt sich nicht aufhalten. Daher sind Toleranz, Achtung und die Fähigkeit erforderlich, nebeneinander zu leben, zugleich aber unterschiedlich zu bleiben und nicht in allem einer Meinung zu sein. Daraus resultiert eine weitere Bedingung für eine friedliche Entwicklung der Menschheit, und zwar die Deideologisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen. Wir verzichten nicht auf unsere Überzeugungen, unsere Philosophie und unsere Traditionen und fordern auch niemanden auf, die eigenen zu verwerfen. Möge jeder die Vorteile der eigenen Gesellschaftsordnung, der eigenen Lebensweise und der eigenen Werte in der Tat beweisen. Ebendas wird ein ehrlicher ideologischer Kampf sein, d.h. der Kampf der Interessen — der klassenmäBigen, der nationalen und der staatlichen. Entner, 15.6.1989, Disk 12

Die Priorität des gesamtmenschlichen Interesses gegenüber den Interessen mit Fliehkrafttendenzen ist als eine freiwillige Vereinigung der Kräfte möglich, die die unterschiedlichsten Interessen von Menschen, Klassen, Nationen und Staaten vertreten. Für die Arbeiterklasse wird diese gesamtmenschliche Aufgabe zugleich zu einer Klassenaufgabe. So ist die Dialektik der gegenwärtigen Entwicklung.

Die objektiven Bedingungen der internationalen Entwicklung beinhalten keine unüberwindlichen Hindernisse für die Verwirklichung des Strebens der Menschheit nach einer friedlichen Zukunft. Allem Anschein nach werden aber jahrelange Anstrengungen erforderlich sein, um das gegenseitige Mißtrauen zu überwinden und beiderseits akzeptable Wege und Mittel zur Abrüstung, zur Festigung der internationalen Sicherheit und Zusammenarbeit zu finden.

[1Lenin, Werke Bd. 4, S. 230

[2Ebda, Bd. 25, S. 465

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