Internationale Situationniste, Numéro 11
 
1977

I.C.O. lesen

Wir kennen die Genossen der „zwischen-betrieblichen Neugruppierung“ nicht direkt, die Informations-Correspondance Ouvrière (Anschrift: Blachier, 13 bis rue Labois-Rouillon, Paris 19) herausgibt, und die wir jedem lebhaft empfehlen, der die aktuellen Arbeiterkämpfe verstehen will (ICO hat auch interessante Broschüren über Die Bewegung der Arbeiterräte in Deutschland, Spanien heute usw. veröffentlicht). Wir sind mit ihnen in vielen Punkten der gleichen, in einem jedoch grundsätzlich entgegengesetzter Meinung: wir glauben, dass es notwendig ist, eine genaue theoretische Kritik der heutigen Gesellschaft der Ausbeutung zu formulieren. Wir meinen, dass eine solche theoretische Formulierung nur durch eine organisierte Kollektivität gemacht werden kann; und umgekehrt, dass jede permanente, heute zwischen den Arbeitern organisierte Verbindung danach streben muss, eine allgemeine theoretische Basis für ihre Aktion zu entdecken. Das, was in Über das Elend im Studentenmilieu die Wahl des nicht vorhandenen Seins genannt wurde, die von der ICO auf diesem Gebiet getroffen wird, bedeutet nicht, dass es unserer Meinung nach den ICO-Genossen an Ideen bzw., an theoretischen Kenntnissen fehlt, sondern im Gegenteil dass sie, indem sie diese — vielfältigen — Ideen absichtlich in Klammern setzen, an Vereinheitlichungsfähigkeit mehr verlieren als gewinnen (was letzten Endes vom praktischen Standpunkt aus höchst wichtig ist). So kann man sagen, dass es bisher nur wenig Information und Korrespondenz zwischen uns und den ICO-Verfassern gegeben hat. Ein Student, der in ihrem Bulletin Nr. 56 die situationistische Kritik des Studentenmilieus rezensierte, glaubte z.B. aus ihr herausgelesen zu haben, dass „letzten Endes“ unser einziger Vorschlag zur Aufhebung des Universitätssystems der war, Stipendien zu holen.

In einem Brief, der in ihrer darauffolgenden Nummer veröffentlicht wurde, machten wir darauf aufmerksam, dass wir vielmehr von „der absoluten Macht der Arbeiterräte“ gesprochen haben — was doch eine Nuance ist, die der Beachtung wert ist. Es scheint uns auch, dass ICO die Schwierigkeit und Spitzfindigkeit des S.I.-Wortschatzes zu sehr übertreibt, wenn sie z.B. empfiehlt, sich mit einem dicken Wörterbuch zu versehen, und sich sogar einmal die Mühe gibt, zweispaltige Bemerkungen zu veröffentlichen — einmal im situationistischen Stil und einmal in den gewöhnlichen Stil „übersetzt“ (wobei wir nicht mit Sicherheit feststellen konnten, welche Spalte die situationistische war) In dem Bulletin zur Vorbereitung des internationalen Treffens einiger ähnlicher Arbeitergruppen Europas, das im Juli in Paris organisiert worden war, ist folgender Brief der deutschen Genossen zu lesen: „Wahrscheinlich werden wir dieses Jahr bestenfalls einen einzigen Beobachter schicken — bereitet also alles vor, ohne unsere Anregungen zu berücksichtigen. Anscheinend erheben die englischen Genossen (Solidarity) gegen die von uns angedeutete Ausdehnung der Beteiligung an der Führung ziemlich starke Einwände. Sie meinen nicht nur, dass die Beteiligung der Situationisten wenig interessant wäre (womit wir, wie ihr wisst, einverstanden sind), sondern sie missbilligen gleichfalls die Beteiligung von Heatwave, Rebel Worker und den Provos. Obwohl sie das nicht ausdrücklich sagen, heißt es nach meiner Vermutung, dass sie auch gegen die Diskussion über Themen sind, die wir für wichtig halten. Wenn ich sie korrekt verstehe, betrachten sie solche Themen wie die Psychologie des Autoritarismus, d.h. der autoritären Persönlichkeit, die Verinnerlichung der entfremdeten Normen und Werte, die sexuelle Unterdrückung, Massenkultur, alltägliches Leben, Spektakel und das Warenwesen unserer Gesellschaft (die drei letztgenannten Themen im marxistisch-situationistischen Sinne) entweder als ‚theoretische‘ Fragen oder als solche, die nicht ‚politisch‘ sein können. Sie regen vielmehr dazu an, dass wir eine getrennte Konferenz mit den genannten Gruppen organisieren. Unter solchen Umständen sehen wir ein, dass unsere Beteiligung mehr Geldaufwand als wirkliches Interesse für uns bedeuten würde. Denn wir befinden uns in einer Entwicklungsstufe des Kapitalismus, in der seit einiger Zeit die aufgeklärteste Fraktion der herrschenden Klasse im Ernst ins Auge fasst, den hierarchischen Produktionsapparat durch demokratische Formen zu ersetzen, d.h. also die Arbeiter an der Führung zu beteiligen — natürlich unter der Bedingung, dass es ihnen durch Gehirnwäsche gelingt, die Arbeiter glauben zu lassen, sie können sich mit den Führern identifizieren.“

Vielleicht können wir bei dieser Gelegenheit einige Punkte genauer bestimmen. In diesen Gruppen fortgeschrittener Arbeiter gibt es — das ist richtig und notwendig — eine gewisse Anzahl von Intellektuellen. Was aber weniger richtig und notwendig ist: in der Abwesenheit jeder genauen, theoretischen und praktischen Vereinbarung, die allein die Kontrolle über sie ermöglichen würde, können solche Intellektuelle da sein mit ihrer ganz anderen Lebensart, die unkritisiert bleibt, und ihren eigenen, mehr oder weniger widersprüchlichen oder von anderswoher telegraphierten Ideen und als Informatoren der Arbeiter fungieren; das um so leichter im Namen der puristischen Forderung nach einer absoluten und gedankenlosen Arbeiterautonomie. Man hat Rubel, Mattick usw. und jeder hat sein Steckenpferd. Wenn 100.000 bewaffnete Arbeiter auf diese Weise ihre Delegierten schicken würden, wäre das recht gut. Es muss aber zugegeben werden, dass dieses Modell des Rätesystems sich hier in einer ganz anderen Entwicklungsstufe befindet — und zwar den Aufgaben einer Avantgarde gegenüber (ein Begriff, der nicht weiter beschwört werden soll, indem man ihn auf absolute Weise mit der leninistischen Auffassung einer repräsentativen und führenden „Avantgarde“partei identifiziert).

Durch den Abscheu vor den Situationisten, der nicht so stark wie bei der Anarchistischen Föderation, aber doch spürbar ist, sogar bei diesen deutschen Genossen, die sich doch mehr mit den modernen Fragen beschäftigen, kommt das Misstrauen gegen die Theorie zum Ausdruck. Je mehr diese Fragen mit beruhigender theoretischer Haltlosigkeit erörtert werden, desto zufriedener sind diese Genossen: deshalb ziehen sie die Provos bzw. die anarcho-surrealistischen Amerikaner von Rebel Worker noch den „wenig interessanten“ Situationisten vor. Gleichfalls haben sie die englische Zeitschrift Heatwave lieber, weil sie noch nicht bemerkt haben, dass diese der S.I. zugestimmt hat. Diese Diskriminierung wirkt um so seltsamer, als sie ausdrücklich danach verlangten, einige S.I.-Thesen zu diskutieren.

Man kann aber noch genauer werden: die meisten Engländer der „Solidarity“-Gruppe, die angeblich diesen Boykott der Situationisten verlangt haben, sind sehr kämpferische revolutionäre Arbeiter. Keiner wird unsere Behauptung widerlegen, dass ihre „shop-stewards“ die S.I. noch nicht gelesen haben, besonders auf französisch. Sie haben aber einen Schirmideologen, Dr. C. Pallis, einen gebildeten Menschen, der die situationistische Theorie seit Jahren kennt und ihnen garantieren konnte, die Sache sei absolut uninteressant. Im Gegenteil dazu bestand seine Tätigkeit in England darin, ihnen die Schriften von Cardan — dem hauptsächlichen Denker des Zusammenbruchs von ‘Socialisme ou Barbarie’ in Frankreich — zu übersetzen und zu kommentieren. Pallis weiß ganz genau, dass wir seit langem Cardans offensichtlichen Ritt ins revolutionäre Nichts geschildert haben: ist er doch für jede Universitätsmode zu gewinnen, so dass er schließlich jeden Unterschied zu der erstbesten herrschenden Soziologie aufgegeben hat. Aber Pallis lieferte England Cardans Denken wie das Licht erloschener Sterne, indem er vor allem weniger vermoderte, Jahre früher geschriebene Texte auswählte und die Bewegung verheimlichte. Man versteht also, dass er diese Art Zusammentreffen lieber vermeiden wollte.

Übrigens war die — uns nicht bekannte — Diskussion darüber ohne Grund, da wir es gewiss für unnütz gehalten hätten, an Gesprächen von Tauben in einer Versammlung teilzunehmen, die auf einer solchen Entwicklungsstufe für eine wirkliche Kommunikation nicht reif ist. Wenn wir uns nicht täuschen, gehen die revolutionären Arbeiter selbst auf diese Probleme zu — und sie müssen ihre eigene Art des Erfassens finden. In der Zeit sehen wir, was wir mit ihnen machen können. Im Gegensatz zu den alten Miniparteien, die unaufhörlich Arbeiter suchen mit dem glücklicherweise illusorisch gewordenen Zweck, über sie verfügen zu können, wollen wir warten, bis ihre eigenen wirklichen Kämpfe die Arbeiter dazu führen, zu uns zu kommen. Dann stellen wir uns ihnen zur Verfügung.

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