Grundrisse, Nummer 45
März
2013
Christine Resch, Heinz Steinert:

Kapitalismus: Porträt einer Produktionsweise

Münster: Westfälisches Dampfboot 2. Auflage 2011, 312 Seiten, Euro 2,90

Der Versuch, die kapitalistische Produktionsweise umfassend darzustellen, stellt zweifellos ein Wagnis dar. Christine Resch und Heinz Steinert ist dies, nicht zuletzt durch zahlreiche Vorarbeiten und ihr beeindruckendes Maß an Wissen, exzellent gelungen. Kompakt und dicht, aber niemals unklar oder unverständlich geschrieben, liefert das Buch eine Fülle an Information, Anregungen und Hinweisen. Kapitalismus ist nicht bloß Kapitalakkumulation sondern eine Lebensweise, die „weitreichende Folgen für Arbeitsmoral, Herrschaftsregime, Klassenpolitik und Kultur/Wissen“ hat. (51) (Alle Zahlen beziehen sich auf die Seiten des vorliegenden Buches.) Methodisch beruhen ihre Ausführungen nach meiner Sichtweise auf folgenden Pfeilern:

Der Kapitalismus ist von seiner (Sozial)Geschichte nicht zu trennen. Um seine Geschichte zu verstehen, ist es nützlich, ihn in Phasen oder Epochen einzuteilen. Insbesondere bieten sich Unterscheidungen anhand des übergreifenden Reproduktionsmodus an. Resch und Steinert unterscheiden dabei die Phasen „liberaler Industrie-Kapitalismus, Fordismus, Neoliberalismus“. (51)

Kapitalismus ist ein Herrschaftssystem, das mit anderen Herrschaftssystemen engstens verknüpft, jedoch nicht mit diesen identisch ist. „Haushalt, Betrieb und Staat sind in sich in den Herrschaftsformen von Patriarchat (mit der Herkunft aus der Hauswirtschaft), Disziplin (mit der Herkunft aus der geschlossenen Anstalt) und Bürokratie (mit der Herkunft aus dem Militär) gestaltet.“ (29) Die kapitalistische Produktionsweise ist keine Totalität.

Die kapitalistische Produktionsweise ist auf nicht-kapitalistische Verhältnisse angewiesen. „Kapitalismus braucht große anders strukturierte Bereiche als Voraussetzung, um seine Waren produzieren zu können und um sie brauchbar zu machen.“ (29)

Diese Positionen sind alles andere als selbstverständlich. Ich jedenfalls teile ihre methodischen Annahmen vollkommen. Nur so viel: wird vom Gegenteil ausgegangen, so münden derartige Texte nicht zufällig zumeist in Sterilität oder ersetzen Gesellschaft und Geschichte als Objekt der Untersuchung oftmals durch die Fein- und Schönheiten der jeweiligen Theorie. Resch und Steinert sind andere Wege gegangen. Ihre methodischen Voraussetzungen ermöglichen es ihnen tatsächlich ein umfassendes Porträt des Kapitalismus zu zeichnen, ohne bestimmte Aspekte zu sehr zu betonen oder einen Teil für das Ganze zu nehmen.

Nach einer grundlegenden Einführung spannen die AutorInnen einen großen Bogen vom Feudalismus bis zum Neoliberalismus der Gegenwart. Sie zeigen die Mechanismen der ursprünglichen Akkumulation – „Ursprüngliche Akkumulation heißt Herstellung von Kapitalismus mit nicht-kapitalistischen Mitteln.“ (79) – und diskutieren weitere theoretische Erklärungen für das Entstehen des Kapitalismus. Maurice Dobb, Karl Polanyi und der mir bis dato unbekannte Henri Pirenne werden kritisch rezipiert, mehr Raum nimmt das Werk von E.P. Thompson und dessen Begriff der moralischen Ökonomie ein. Mit dem Ausdruck moralische Ökonomie beschreibt Thompson die Werte und Gerechtigkeitsvorstellungen der gegen das Kapitalverhältnis rebellierenden Massen. Nach einer Kritik an zu kurz gegriffenen Definitionen von Kapitalismus folgt eine ausführliche kritische Auseinandersetzung mit der überaus populären These von Marx Weber, die protestantische Ethik hätte wesentlich zum Take Off des Kapitalismus beigetragen. (Die AutorInnen können sich dabei auf eine Vorarbeit von Heinz Steinert stützen: Max Webers unwiderlegbare Fehlkonstruktionen.) Ich beschränke mich auf zwei sehr interessante Kritikpassagen: „Max Weber macht in seiner ‚protestantischen Ethik’ keinen Unterschied zwischen Unternehmern und Arbeitern, jedenfalls nicht systematisch. Unsere These ist dagegen, dass Unternehmer das Problem der Disziplinierung hatten: als Selbstdisziplinierung für sich, aber als Fremddisziplinierung der Arbeiterschaft.“ (132f) Max Weber sei es auch entgangen, dass die Disziplin keine protestantische, sondern ebenso „eine katholische Erfindung“ ist. (131)

Immer wieder wird klar herausgearbeitet, dass es sich beim Kapitalismus um eine umfassende Lebensweise handelt. Zu Recht nimmt daher die Darstellung der unterschiedlichen Klassenkulturen und ihre Änderungen großen Raum ein, wobei sie vor allem den Anteil der Frauen an der Gestaltung der Häuslichkeit, insbesondere bei den besitzenden Schichten, betonen. Weiters resümieren sie das Schicksal der Widerstände und der ArbeiterInnenbewegung, wobei sie von einem libertären und einem staatssozialistischen Flügel ausgehen. Breiten Raum nimmt die Analyse des Patriarchats ein. Ein Zwischentitel verweist auf ihre grundlegenden Thesen: „Die Unersetzbarkeit von Patriarchat für das Gefühlsleben des Kapitalismus“. Zur Illustration ihrer These der Verknüpfung von Kapitalakkumulation, Kulturindustrie und Lebensweisen ein etwas längeres Zitat: „Man kann kapitalistisches Wirtschaften ein wenig erzählenswert machen, in dem man es als Bandenkrieg darstellt. Deshalb ist die Mafia, die Familie mit Geschäft und Krieg verbindet, eine so großartige Erfindung. Deshalb sind an den derzeitigen Vorgängen auch die ‚feindlichen Übernahmen’, die rücksichtslosen Entlassungen durch überbezahlte Manager und die ‚Gier’ der Finanz-Jongleure das, womit sich der Kapitalismus gerade noch, mühsam genug, veranschaulichen und ein wenig emotional ansprechend (also: abstoßend) machen lässt. Die guten Geschichten brauchen die Verbindung zu den patriarchalen Verstrickungen.“ (204f) Sehr interessant sind auch die Ausführungen zur Bedeutung der Familie in der Migration. Diese stellt oft den einzigen moralischen, ökonomischen und sozialen Halt dar – mit allen Ambivalenzen einer patriarchalen Struktur.

In weiteren Abschnitten wird die Verknüpfung von Staat und Kapitalverhältnis analysiert. Obwohl nach meiner Auffassung die Entgegensetzung von Realperson und abstrakter Rechtsperson, die mit der institutionellen Entgegensetzung von Staat und Gesellschaft verschränkt ist, zu wenig berücksichtigt wird, wird doch sehr anschaulich klargestellt, dass der Staat ein spezifisches Herrschaftsverhältnis darstellt und – eine Aussage, die aus engen marxologischen Blickwinkeln kaum getroffen wird – dass der Staat vermittels der Steuern ein wesentlicher Hebel der Umverteilung von unten nach oben darstellt. „Der Staat ist nicht nur Gesetzgeber, sondern in erster Linie Verwalter einer ungeheuren Menge an Geld – auch wenn große Konzerne inzwischen da mithalten können.“ (226) „Es war und ist kein Geheimnis dass Steuern von den Normalverdienern eingezogen werden, um damit die Wirtschaft und die Reichen zu subventionieren.“ (297 FN)

Das Buch schließt mit einer ausführlichen Darstellung der letzten beiden Phasen des Kapitalismus, dem Fordismus und der darauf folgenden Epoche unter dem Zeichen neoliberaler Umwälzungen. Es wird nicht nur der Wandel der Produktion, des Sozialstaates, der Formen der Politik, (Stichwort Korporatismus, in unseren Breiten als Sozialpartnerschaft institutionalisiert, inzwischen zerschlagen und depotenziert), sondern auch die Transformationen der Lebensweisen und der emotionalen Befindlichkeiten analysiert. Wie stets in ihrem Buch werden wichtige Begriffe wie Fordismus, Taylorismus und Keynesianismus definiert und deren geschichtliche Bedeutung herausgearbeitet. Klargestellt wird auch, dass der sogenannte Reale Sozialismus im Grund eine Abart des fordistischen Kapitalismus darstellte. Vieles von dem, was präzise ausgeführt wird, zählt inzwischen zum festen Theoriebestand jeglichen gesellschaftskritischen Denkens. Den Abschluss bildet eine Charakterisierung der gegenwärtigen Epoche unter dem Zeichen des Neoliberalismus. Aus der Fülle der Aussagen und Ideen möchte ich nur ein paar hervorheben. So wird klargestellt, dass der fordistische Sozialstaat immer ein Instrument war, „um die disziplinierte Arbeitskraft herzustellen und zu reproduzieren.“ (253) Als ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Fordismus und Neoliberalismus wird die Tatsache angeführt, dass nun der Betrieb selbst vollständig zur Ware geworden sei. War im Fordismus die Firma selbst „kein Handels- und Spekulationsobjekt“ (247), so hat sich dies im Neoliberalismus gewandelt. Diese Aussage finden wir auch in anderen Texten, selten wird aber auf die soziologische Seite dieser Entwicklung verwiesen. An die Stelle der Dualität von Besitzer und Manager (der Manager hatte am Gedeih und Wohlergehen des Betriebes noch unmittelbares Eigeninteresse) trete nun die „Dreiecks-Beziehung“ von Besitzer, Manager und Beratern. Letztere hätten eine Perspektive von außen auf den Betrieb und seien primär an dessen Aktienkurs, anstatt an seiner Realentwicklung interessiert. Ich halte die Analyse der Transformation der sozialen Träger von Herrschaft, wie sie Resch und Steinert versuchen, für ganz wesentlich. Hinsichtlich der beschäftigten Massen vermeinen sie eine Entwicklung vom Arbeitskraft-Beamten (im Fordismus) zum Arbeitskraft-Unternehmer (im Neoliberalismus), mit weitreichenden Folgen für das Selbstbild und den Modus der Disziplinierung, festzustellen.

Zuletzt werden einige Mythen entzaubert, die ProtagonistInnen des Neoliberalismus in die Welt gesetzt haben: Es wurde keineswegs Bürokratie durch Markt ersetzt. Fast möchte man sagen im Gegenteil. Der Unterschied zu früher: die Akkreditierer und Evaluateure werden nun nicht mehr „zur Bürokratie, sondern zu den Dienstleistern“ (281) gerechnet. Von einer Entstaatlichung kann und konnte so oder so nie die Rede sein. Auch die viel gepriesenen Privatisierungen erwiesen sich selbst vom Standpunkt des Kapitals aus keineswegs langfristig als Goldgruben. Interessant ist auch ihre Position, dass der so genannte Casino-Kapitalismus, der Gewinne aus Spekulationen mit fiktivem Kapital (dieser Begriff wird nicht verwendet) lukriert, eine vorkapitalistische Form darstellt. „Finanzmarkt-Kapitalismus ist die Wiederkehr des Gewinns, wie ihn Kaufleute erzielt haben.“ (282) Gemeint sind hier Kaufleute der vorkapitalistischen Epochen, deren Gewinne tatsächlich aus Spekulation und nicht, wie im entwickelten Kapitalismus, aus dem Ausgleich der Profitrate herrühren. Last but not least sei auf ihre Kritik am Begriff der Wissensgesellschaft verwiesen. Der These „Kapital und Arbeit hätten ihre zentrale Bedeutung eingebüßt, Wissen sei der wichtigste Produktionsfaktor“ (48) können sie herzlich wenig abgewinnen. Sie setzen dagegen: „Die ‚Wissensgesellschaft’ biete die feine Ironie, dass in ihr die Wissens-Komponente auch aus Wissens-Arbeit weg rationalisiert wird. Was als ‚Wissen’ übrig bleibt, ist das Beherrschen einer Gebrauchsanweisung.“ (142) An dieser Stelle könnten wir weiter denken. Wenn die These stimmt, dass Ingenieure und Techniker in der Rangordnung der herrschenden Klassen zurückgestuft werden, und an ihre Stelle das Heer der Berater getreten ist, was bedeutet dies dann für den Charakter und die Qualität jenes Wissens, das hohe Reputation und Einkommen verschafft?

Das Buch Kapitalismus: Porträt einer Produktionsweise stellt eine mit großer Kompetenz geschriebene Einführung in die Verhältnisse der gegenwärtigen Epoche dar. Zahlreiche Fragen, Themen und Theorien werden behandelt, in Zwischenkapiteln unter der Überschrift Theoriefragen eben solche diskutiert. Allein ihre Unterscheidung zwischen den vier Befreiungsmodellen 1. Produktivkraft-Entwicklung, 2. Klassenkampf, 3. Entfremdung sowie 4. Dialektik der Aufklärung bietet Stoff für weiterführende Debatten und weiteres Nachdenken. Und nicht zuletzt sei auf den feinen und trockenen Humor verwiesen, der in manchen Passagen zum Schmunzeln anregt. Beispiele gefällig? „Aber mit ‚Marxologie’ allein geht es auch nicht. Dieser interessanten Literaturgattung von Harvey (1982) bis Heinrich (2004) wollen wir nichts hinzufügen.“ (12) Nicht schlecht ist auch: „Berufstätige (gutverdienende) Mütter sind das Ideal des schwedischen Sozialpolitik-Forschers Esping-Andersen, denn die brauchen viele Waren und (Haushalts-) Dienste und schaffen damit Arbeitsplätze – und Einzahlungen in die Sozialversicherung.“ (235) So bietet Kapitalismus: Porträt einer Produktionsweise nicht nur Wissen und Information, sondern auch einiges an Lesevergnügen.

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