Grundrisse, Nummer 15
September
2005

Marxsche Wert- und Krisentheorie

Ein Bericht aus dem angelsächsischen Elfenbeinturm

Ende der 60er Jahre erlebte die marxistische Diskussion eine Renaissance in den westlichen Ländern. StudentInnen-, Friedens- und (vor allem in den USA) Bürgerrechtsbewegung führten zu einem gestiegenen Interesse an sozialkritischen Theorien, das auch den Marxismus betraf, der politisch bis dato vom ’real existierenden Sozialismus’ dominiert war. Anders als in den deutschsprachigen Ländern fand dies in den angelsächsischen Ländern auch personellen Niederschlag in den wirtschaftswissenschaftlichen Instituten. Sowohl in den USA als auch in Großbritannien wurden MarxistInnen als ÖkonomInnen in Lehre und Forschung beschäftigt. [1] Es entwickelte sich eine eigene ’ökonomische’ Diskussion, die im deutschsprachigen Raum wenig bekannt ist. Über diese soll im Folgenden ein kurzer und notwendigerweise eklektischer Überblick gegeben werden. [2]

Es überrascht wohl kaum, dass die unterschiedliche akademische Ausbildung und Institutionalisierung zu unterschiedlichen Diskussionen führten. Namentlich der ausgiebige Gebrauch von mathematischen Modellen und quantitativen Methoden in der Ökonomie erweist sich oft als Verständnisbarriere. Teils um den Standards der eigenen Disziplin gerecht zu werden, teils wohl aus der Überzeugung, dass es zum Erkenntnisgewinn beitrage, gebrauchen auch marxistische ÖkonomInnen nunmehr Mathematik und Statistik, wie ein Blick in den Review of Radical Political Economy bestätigt. In diesem Artikel wird ’Ökonomie’ im engen, akademischen Sinn gebraucht. Damit ist keine Wertung darüber impliziert, ob die Methoden der modernen Wirtschaftswissenschaften adäquat oder auch nur nützlich für die Marxsche Theorie sind, sondern es wird eine reale Spaltung in der marxistischen Diskussion beschrieben. Wie sich die Ökonomie von anderen Sozialwissenschaften losgelöst hat (zumindest ihrem eigenen Selbstverständnis nach), so hat sich auch Marxsche Ökonomie oft weit von anderen marxistischen Forschungsbereichen entfernt.

Gegenstand dieses Aufsatzes sind also diverse Debatten in der angelsächsischen Marxschen Ökonomie. Der Aufsatz beginnt (Abschnitt 1) mit einer allgemeinen Verortung der Marxschen Ökonomie im Rahmen des ’Westlichen Marxismus’. Hier wird auch der weite Marxismus-Begriff, der hier verwendet wird, gerechtfertigt. Abschnitt 2 widmet sich der Werttheorie. Drei prominente Lösungen des Transformationsproblems werden in einem Kasten kurz formal behandelt. Abschnitt 3 widmet sich Diskussionen der Krisentheorie und Abschnitt 4 bietet Schlussbetrachtungen.

1. Westlicher Marxismus und Marxsche Ökonomie bis 1968

Perry Anderson (1976) verwendet den Begriff ’Westlicher Marxismus’ um die Entwicklung der marxistischen Theoriebildung nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zu beschreiben. In dieser Zeit bildet sich eine heterogene marxistische Tradition, die neue Fragen stellte und vom Sowjetkommunismus theoretisch unabhängig war. Der Westliche Marxismus umfasst die Frankfurter Schule ebenso wie den marxistischen Existenzialismus und den Strukturalismus. Die Unterschiede zwischen ’Klassischem’ und ’Westlichem’ Marxismus sind ebenso sehr institutioneller wie theoretischer Art. Während bis zur Russischen Revolution die führenden marxistischen TheoretikerInnen auch politisch führend in den Organisationen der ArbeiterInnenbewegung tätig waren, ist dies für die Westlichen MarxistInnen mit wenigen Ausnahmen (v.a. Gramsci) nicht der Fall. So waren Herbert Marcuse und Jean Paul Sartre zwar politisch aktiv, aber nicht notwendigerweise in den kommunistischen Parteien. Auch ist eine Akademisierung der Diskussion erfolgt: Die meisten ProponentInnen sind an Forschungsinstitutionen beschäftigt, die Diskussionsorgane sind oft wissenschaftliche Zeitschriften und nicht politische, auch wenn der Übergang hier zweifellos oft fließend ist. Ein Kennzeichen fast aller Westlichen Marxismen ist die starke Bezugnahme auf zeitgenössische nicht-marxistische Literatur und die Aufnahme und Verarbeitung von deren Themen und Argumenten. [3] Zunehmend organisieren sich marxistische Diskussionen entlang von akademischen Disziplinen und nicht nach politischen oder organisatorischen Gesichtpunkten. Ob Geschichte, Ethnologie, Soziologie, Philosophie oder eben Ökonomie, marxistische Diskussionen haben sich spezialisiert und diszipliniert (im doppelten Sinne).

Die Entwicklung der Marx’schen Ökonomie passt strukturell gut in den von Anderson skizzierten Westlichen Marxismus. Im Falle der Ökonomie erfolgte die Akademisierung im angelsächsischen Raum allerdings erst nach der StudentInnenbewegung. Davor gab es in den USA praktisch keine MarxistInnen auf einem Lehrstuhl für Ökonomie. [4] Anders in Großbritannien. Dort hatte sich in Cambridge eine Gruppe von kritischen ÖkonomInnen gefunden, die später unter dem Namen ’Postkeynesianer’ oder ’Neoricardianer’ [5] bekannt wurden und stark von Keynes und Ricardo beeinflusst waren. Sie arbeiteten vor allem zur Frage der Wachstums-, Produktions- und Verteilungstheorie. Unter diesen war Michal Kalecki (1987), der von Marx kommend ähnlich wie Keynes eine Theorie der effektiven Nachfrage entwickelte. Für die weitere Entwicklung der Marxschen Ökonomie bedeutendsamer war allerdings Piero Sraffa, ein italienischer Kommunist und Freund Antonio Gramscis, der durch Unterstützung von John Maynard Keynes mit der Herausgabe der Werke David Ricardos beauftragt worden war. Sraffa (1960) formalisierte einige Argumente Ricardos und legte damit den Grundstein für die Attacke der Postkeynesianer gegen die neoklassische Verteilungstheorie. Gemäß der neoklassischen Theorie werden alle Produktionsfaktoren nach ihren jeweiligen Grenzproduktivitäten entlohnt. Der Lohn ist demnach gleich dem Grenzprodukt der Arbeit, d. h. dem Output das ein zusätzliche Arbeiter oder eine zusätzliche Arbeiterin herstellt. Der Profit ist durch das Grenzprodukt des Kapitals gegeben. Die jeweiligen Grenzprodukte sind technologisch determiniert, die Verteilungstheorie ist damit entpolitisiert: Die Einkommensverteilung hängt nicht von der relativen Stärke von Arbeit und Kapital im Klassenkampf ab, sondern ist schlicht eine Folge der verwendeten Produktionstechnologie.

In den Kapitalkontroversen demonstrierten die Postkeynesianer (J. Robinson, P. Garegani, L. Pasinetti), dass die (makroökonomische) neoklassische Verteilungs- und Produktionstheorie logisch inkonsistent ist. Die Debatte wurde auf mathematisch hohem Niveau (unter Verwendung von linearer Algebra) geführt und ist nicht einfach zusammenfassbar, die Grundlage für die Widersprüche in der neoklassischen Verteilungstheorie sind jedoch schlicht: um das Grenzprodukt des Kapitals zu kennen, müsste der Wert der Kapitalgüter bekannt sein. Dieser hängt aber von den Löhnen und der Profitrate ab. Es sind die Grenzprodukte (von Arbeit und Kapital) also nicht unabhängig von der Einkommensverteilung determiniert. Dies bedeutet auch, dass die Grenzprodukte von Kapital und Arbeit nicht rein technologisch bestimmt werden können. Wie in der Debatte gezeigt wurde, führt dies zu Widersprüchen im neoklassischen Kapitalbegriff (in der makroökonomischen Version der Theorie). [6]

Sraffa und die Postkeynesianer hatten ihre Theorien und Modelle als Kritik an der Neoklassik entwickelt. Diese Modelle sollten jedoch auch zum üblichen Referenzsystem in der marxistischen Werttheorie werden. Den Grundstein dafür legten nicht zuletzt Maurice Dobb und Ronald Meek, die beide Sraffa nahestanden und (wie vermutlich Sraffa) die Marx’sche Arbeitswerttheorie in der Tradition Ricardos sahen und als logisch der neoklassischen Theorie überlegen betrachteten. Für sie war der (logisch) erfolgreiche postkeynesianisch/neoricardianische Angriff auf die Neoklassik der Auftakt zur Rehabilitierung der Marxschen Theorie. [7] Die ricardianische Tradition betont die Werttheorie als eine Theorie der (relativen) Preise und sieht die Arbeitswerte als streng unabhängig von den Preisen. Beide Punkte sollten in der werttheoretischen Diskussion der 1970er und 80er Jahre in Frage gestellt werden.

2. Werttheorie

Mit den sozialen Bewegungen der 60er Jahre erwachte auch das Interesse an der Marxschen Theorie neu. Die Werttheorie steht im Zentrum der Marxschen Ökonomie, da sie die fundamentalen Begriffe und Relationen bestimmt. Speziell die Theorie der Ausbeutung, aber auch die Krisentheorie hängen an der Arbeitswertlehre. Gemäß dieser ist der Wert einer Ware bestimmt durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen, abstrakten Arbeitszeit. In den meisten Versionen der Arbeitswerttheorie wird postuliert, dass die Werte (als nicht direkt beobachtbare Größen) die tatsächlichen Austauschverhältnisse, d.h. die Preise bestimmen. In einer realen Ökonomie werden Waren natürlich nicht zu Werten, sondern zu Preisen bewertet, d.h. ge- und verkauft. Die Frage des Verhältnisses von Werten zu Preisen ist daher ein fundamentales Problem der Marxschen Ökonomie (bzw. jeder anderen Arbeitswerttheorie) und war bereits im 19. Jahrhundert von Eugen von Böhm-Bawerk als potentielle Schwachstelle des Marxismus erkannt worden. Heute ist es als Transformationsproblem bekannt (siehe Kasten weiter unten).

In den 60er und 70er Jahren entflammt die Diskussion um das Transformationsproblem von neuem. Nicht nur der berühmte bürgerliche Ökonom (und Nobelpreisträger) Paul Samuelson verfasste eine Kritik der Arbeitswertlehre, sondern die neoricardianischen Argumente wurden von Ian Steedman, der sich zu dieser Zeit als Marxist betrachtet, in Marx after Sraffa (1977) gegen die Arbeitswerttheorie gewandt. Kritik kam also sowohl von außen als auch von innen. Steedmans Kritik war die folgende: Die Werte sind den Preisen nicht in einem logisch-mathematischen Sinn vorgelagert. Die gleichen Informationen, die die Bestimmung von Preisen erlauben, erlauben auch die Berechnung von Arbeitswerten. Die Berechung von Arbeitswerten ist zur Erklärung von Preisen nicht notwendig, sondern stellt bloß einen ‚Umweg’ dar. Unter bestimmten Umständen (der Herstellung von mehr als einem Produkt in einem Produktionsprozeß) kann es zu unsinnigen (z.B. negativen) Arbeitswerten kommen. Arbeitswerte, so Steedman, sind daher im besten Fall redundant, oft unsinnig, die Arbeitswertlehre sei daher ein Irrweg, der aufzugeben sei. (Entfremdung wurde von Steedman als wichtiges soziales Phänomen anerkannt, aber als unabhängig von der Arbeitswerttheorie betrachtet). Nicht wenige marxistische ÖkonomInnen folgen explizit oder implizit der neoricardianischen Kritik und verwenden werttheoretische Konzepte nicht mehr. Dies hat (zumeist) zur Folge, dass zwar die Einkommensverteilung thematisiert wird, nicht aber Ausbeutung.

Die neoricardianische Kritik an der Arbeitswerttheorie führte zu verschiedenen Reaktionen. Zur Debatte standen nun die Frage, was die Arbeitswerttheorie eigentlich erklären solle und, eng damit verbunden, das Verhältnis von Ricardo und Marx. Insbesondere Vertreter der value form analysis (Wertformanalyse) insistieren, dass die Marxsche Arbeitswerttheorie der (qualitativen) Analyse von gesellschaftlichen Formen diene und nicht der (quantitativen) Erklärung der Preise (Elson 1979). Speziell der Versuch Preise von Werten ’abzuleiten’ wurde als irrelevant zurückgewiesen. Kurz, Steedmans Werttheorie sei die von Ricardo, nicht die von Marx. Dieser Diskussionsstrang ist der rezenten deutschen Diskussion um ’monetäre Werttheorie’ nicht unähnlich und weist die Verwendung mathematischer Modelle zurück.

Seit den 70er Jahren wurden auch mehrere alternative Lösungen des Transformationsproblems vorgeschlagen. Sie alle sind in Modellen mit linearen Produktionstechnologien formuliert und werden im Kasten ausführlicher besprochen. In der ’New Solution’ werden die Löhne als Geldlöhne interpretiert, die einen abstrakten Anspruch auf einen Teil der gesellschaftlichen Produktion bilden, und nicht wie bei Marx und Steedman als reale Löhne im Sinne des Warenkorbs (Lipietz 1982, Duménil 1983). Nach der ’Overdeterminist Solution’ gehen Produktionsmittel (konstantes Kapital) zu Preisen und nicht zu Werten die Wertbildung ein. Werte sind damit nicht mehr unabhängig von Preisen, sondern werden simultan bestimmt (Wolff, Callari and Roberts 1982). Der ’Temporary Single System’ Ansatz weist den Gleichgewichtsansatz, der den anderen Ansätzen zugrunde liegt, zurück und bewertet Kapitalgüter zu historischen Arbeitswerten (Freeman and Carchedi 1996). Das Transformationsproblem, seine „Lösungen“ und seine Relevanz werden in einem Kasten ausführlicher behandelt.

Die werttheoretische Debatte hat sich also breit aufgefächert. Vom Marxismus ohne Werttheorie bis zu Werttheorie als qualitativem Ansatz und als quantitativem, analytischem Instrumentarium existieren verschiedenste Positionen. Die Werttheorie gibt es also nicht mehr. Was ihr Untersuchungsgegenstand und ihre Prämissen sind, wird unterschiedlich interpretiert. Die werttheoretische Diskussion war in den letzten Jahrzehnten deutlich vom Transformationproblem dominiert, daneben wurden aber auch andere Fragen diskutiert wie die nach der Definition von ’produktiver’ und ’unproduktiver’ Arbeit und jener der ’Reduktion komplizierter auf einfache Arbeit’.

Alle existierenden Gesellschaften sind natürlich nicht rein kapitalistisch, sondern beinhalten auch andere Produktionsweisen. Welche Modifikationen macht die Analyse einer solchen ’sozialen Formation’ mit multiplen Klassenstrukturen in der Werttheorie nötig? Diese Frage wurde nur an den Rändern der Diskussion der Werttheorie gestellt. Die Frage, wie die unbezahlte Hausarbeit in die Werttheorie passe, war Gegenstand der intensiven domestic labor debate, die versuchte, Ausbeutung im Haushalt in die Marxsche Ausbeutungstheorie zu integrieren. [8] Die Frage der ’vorkapitalistischen’ Produktionsweisen wurde in der Imperialismusdebatte aufgeworfen, in der Vertreter der Weltsystemtheorie argumentierten, dass nicht-kapitalistische Produktionsverhältnisse oft erst durch das kapitalistische Weltsystem gefördert wurden.

Bemerkenswert ist, dass die Erkenntnisse dieser Diskussionen kaum zum Kern der werttheoretischen Debatte zurückflossen. Die Diskussion des Transformationsproblems ebenso wie die der Grundkategorien der Werttheorie nimmt nach wie vor eine perfekte kapitalistische Ökonomie als Ausgangspunkt. Mit dem schwindenden Interesse an marxistischen Theorien seit Mitte der 80er Jahre wurde auch die Diskussion um die Werttheorie leiser und zu einem Nischenthema. Die bedeutendste Entwicklung seitdem ist vermutlich, dass vermehrt Versuche unternommen wurden, Arbeitswerte empirisch füllen. Shaik und Tonak (1994) legten z.B. für die USA eine Studie vor, in der sie die Arbeitswerte für sämtliche Industriesektoren für mehrere Jahrzehnte berechneten. Es existiert sozusagen eine marxistische Alternative zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Ab Mitte der 80er Jahre ging das Interesse an der Marxschen Ökonomie deutlich zurück, auch wenn einige der Zeitschriften überlebt haben wie Capital and Class in Großbritannien und der Review of Radical Political Economy in den USA. Daneben gibt es einige traditionsreichere Zeitschriften wie Science and Society und die New Left Review. Renommierte Mainstream Zeitschriften (wie der American Economic Review oder das Economic Journal), hatten in den 1970ern und frühen 1980ern einige (wenige) Artikel zur Marschen Ökonomie abgedruckt, sind aber nunmehr für diese völlig verschlossen. Universitär führt die Marxsche Ökonomie ein Nischendasein, nur an wenigen Universitäten ist sie im Lehrprogramm vertreten. Die globalisierungskritischen sozialen Bewegungen der letzten Jahre haben das Interesse an Marxschen Themen wieder etwas aufleben lassen, wie weit dies zu einer neuen Renaissance der Marxschen Ökonomie führen wird, bleibt abzuwarten.

3. Krisentheorie

In Marx´ eigenen Schriften sind vor allem zwei Erklärungen der Entstehung von Krisen enthalten. Einerseits die klassenkämpferische Theorie der industriellen Reservearmee. Die Arbeitslosigkeit steigt demnach in der Krise an und drückt die Löhne, und schmilzt im Aufschwung dahin, wodurch die ArbeiterInnen höhere Löhne erreichen können, ohne aber gänzlich zu verschwinden. Diese Theorie ist eng verbunden mit der Theorie des Konjunkturzyklus. Zweitens, die Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate, der auf die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals zurückzuführen ist. Diese wiederum entsteht, da der individuelle Kapitalist ArbeiterInnen durch Maschinen ersetzen werde um seinen Profit zu steigern, aber damit die Quelle des Mehrwerts, der ja nur von lebendiger Arbeit geschaffen werden kann, für die Kapitalistenklasse als gesamte unterminiere. Daneben gibt es bei Marx noch einige positive Referenzen zu einem Nachfragemangel (oft Unterkonsumtionstheorie genannt), den er als generelle Krisentheorie aber zurückweist, und auch zur Theorie von spekulativen Blasen auf den Finanzmärkten, die allerdings eher als Symptom denn als Ursache von Krisen gesehen werden.

All diese Theorien tauchen in der marxistischen Diskussion in verschiedenen Facetten immer wieder auf. Zunächst in der Diskussion der Frage, ob Krisentendenzen mechanisch wirken und das Ende der Kapitalherrschaft daher vorhersagbar wäre, oder ob die ArbeiterInnenbewegung aktiv (in der Kritik: voluntaristisch) die Macht des Kapitals brechen müsse. Ebenfalls in die frühen Phasen der Diskussion fallen etliche numerische Illustrationen der Notwendigkeit des Falls der Profitrate (z.B. von H. Grossmann und O. Bauer). Wie in anderen Bereichen der Marxschen Ökonomie unterscheidet sich die moderne Diskussion anhand mehrerer Dimensionen. Erstens ist die Debatte zunehmend eine akademische und nur sekundär eine politische. Die HauptteilnehmerInnen sind an Universitäten und nicht führende Vertreter von politischen Organisationen. [9] Zweitens, damit verbunden: die Formalisierung. Sowohl was die mathematische Modellbildung als auch die statistischen Methoden angeht, ist die Diskussion eine wissenschaftliche in dem Sinne, dass sie von AkademikerInnen für AkademikerInnen geführt wird. Drittens, nahm die Debatte eine klar empirische Wendung. Zwar gibt es kein allgemein akzeptiertes Schema zu Evaluierung von Krisenursachen, aber seit den 1970er Jahren hat sich ein Konsens breit gemacht, dass es mehrere Krisenursachen geben kann und die Frage, welche zu einem bestimmten Zeitpunkt überwiegt, eine empirische ist.

Wohl der meist-zitierte Beitrag (und einer der ersten) der formalen Diskussion ist Okishio (1961). Das Okishio Theorem besagt, dass in einer Wirtschaft mit fixen Reallöhnen und Kapitalgütern mit einjähriger Lebensdauer eine arbeitssparende technische Innovation die Profitrate erhöht und nicht senkt. Das Okishio-Theorem wird oft als Widerlegung des Marxschen tendenziellen Falls der Profitrate angeführt. Dies war jedoch nicht, was Okishio intendiert hatte. Seine Schlußfolgerung lautet vielmehr, dass es keinen Automatismus gäbe, der zur Krise führe, sondern dass es des aktiven Kampfs der ArbeiterInnenklasse bedürfe. Okishio wies hingegen auch nach, dass die ’mögliche’ (oder maximale) Profitrate sinke. Die Stärke des Okishio-Theorems liegt darin, dass demonstriert wurde, dass in einem Mehr-Sektoren-Modell ein arbeitssparender technischer Fortschritt in einem Sektor die Profitrate in allen Sektoren erhöhen werde.

Die Frage, wie bei allen derartigen Modellen, ist natürlich, ob die Annahmen den Marxschen Argumenten gerecht werden. Da selbige mitunter nicht eindeutig sind, ist dies schwer anhand der Originaltexte zu beantworten. Die Antworten verschiedener MarxistInnenen hängen dann von ihrer Marxinterpretation ab. Die Annahme von ein-jährigen Kapitalgütern mag zunächst bloß wie ein vereinfachende Annahme aussehen, bietet jedoch für eine Diskussion von Veränderung der Kapitalintensität (diese ist grob gesprochen das moderne Äquivalent zur ’organischen Zusammensetzung des Kapitals’) ein enges Korsett, werden doch definitionsgemäß langlebige Kapitalgüter aus der Betrachtung ausgeschlossen. Diese spielten aber bei Marx eine entscheidende Rolle. In der Zwischenzeit wurden mehrere Modelle mit langlebigen Kapitalgütern vorgestellt, bei der es zu einem Fall der allgemeinen Profitrate aufgrund des profit-maximierenden Verhaltens einzelner Kapitalisten kommen kann (z.B. Baldani und Michl 2000). Diese Modelle sind jedoch weit weniger allgemein als von Marx antizipiert. [10]

Neben den Argumenten zur ’organischen Zusammensetzung’ wurden auch die anderen Argumente deutlich ausgebaut und, zumeist, formalisiert. Die Diskussion der ’Realisierungskrisen’ ist stark mit dem Namen Paul Sweezy (1942) aber auch Joan Robinson und Michal Kalecki verbunden, die die Ähnlichkeit gewisser Marxscher Argumente mit denen von John Maynard Keynes betonten. Sweezy war nach der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre die theoretisch dominierende Figur in der marxistischen Nationalökonomie. Der Kern seines Arguments ist, dass eine Krise dann entstehen kann, wenn zwar Mehrwert produziert wurde, aber zuwenig Nachfrage vorhanden ist um diesen monetär zu realisieren. Dieser Mangel an Nachfrage kann in zu niedrigen Löhnen oder einer geringen Investitionsneigung seitens der Kapitalisten begründet liegen und, nach Keynes, durch aktive Nachfragepolitik seitens des Staates kompensiert werden. In Baran und Sweezy’s Werk (1966) Monopolkapital wurde der moderne Kapitalismus als von verschiedenen unproduktiven Ausgaben, v.a. Rüstungsausgaben, dominiert gesehen, die für die Reproduktion des Systems notwendig sind.

Eine formale Analyse des Reservearmeearguments zur Erklärung des Konjunkturzyklus wurde von Goodwin (1967) vorgelegt. In seinem spartanischen Modell führt eine Erhöhung der Profite zu mehr Investitionen und weniger Arbeitslosigkeit. Weniger Arbeitslosigkeit erhöht den Lohndruck und verringert die Profite. Das Ergebnis ist ein stabiler Zyklus. Godwins Arbeit ist einer der Klassiker des mathematisch orientierten Marxismus, der Aspekte der Marxschen Theorie mit den Mitteln der zeitgenössischen Ökonomie reforumlierte und so demonstrierte, dass aus der Marxschen Ökonomie (im Gegensatz zu anderen ökonomischen Theorien) eine Konjunkturtheorie abgeleitet werden kann.

Die Betonung des Klassenkampfs in der Krisentheorie erhielt mit Glyn und Sutcliff (1972), sowie mit Boddy und Crotty (1975), unter dem Namen profit squeeze neuen Auftrieb. Erstere demonstrierten empirisch, dass die Krise der späten 60er durch steigende Lohnforderungen der ArbeiterInnenklasse hervorgerufen wurde und betonten damit das ’autonome’ Element in den Klassenkkämpfen. Zweitere betonten, dass die staatliche Konjunkturpolitik auch zur Steuerung der Arbeitslosigkeit und damit zur Regulierung der Stärke der ArbeiterInnenklasse eingesetzt werden kann und, so Boddy und Crotty, auch wurde.

Die Modell-orientierte Analyse der Profitrate war im Allgemeinen kein allzu ergiebiger Pfad der Diskussion. Zwar konnten die Grenzen einiger naiven Aussagen verdeutlicht werden, für einen verschiedene Diskussionstränge verbindenden Ansatz erwies sie sich jedoch als wenig hilfreich, nicht zuletzt, da ein voll ausspezifiziertes Marxsches Wachstumsmodell notwendig wäre, über das allerdings keine Einigung in Sicht ist. Dahingegen hat sich die empirische (statistische) Analyse als ein deutlich breiteres Diskussionsfeld herausgestellt. Einer der frühesten und einflussreichsten Artikel in dieser Richtung war Weisskopf (1979). Ohne Verwendung von werttheoretischen Kategorien und ohne a priori eine bestimmte Version der Marxschen Krisentheorie zu bevorzugen, schlägt er folgende einfache, aber interessante Dekomposition der Profirate vor:

Profitrate

Um diese Dekomposition zu verstehen, muss man sich die Definition der Profitrate vergegenwärtigen. Die Profitrate ist die Summe der Profite dividiert durch das eingesetzte Kapital. Wenn wir die Profitrate r nennen, die Summe der Profite R und das eingesetzte Kapital K, dann ergibt sich daraus die Formel r = R/K. Wenn wir diesen Ausdruck mit eins multiplizieren ändert er sich natürlich nicht, ebensowenig wenn wir ihn mit dem Ausdruck Y/Y oder Y*/Y* multiplizieren. Genau das tut Weisskopf. Wie ersichtlich, kann seine Formulierung der Profitrate auf r = R/K gekürzt werden. Aber die kompliziertere Formulierung ermöglicht eine interessante Interpretation. Was also sind Y und Y*? (Die verwendeten Variablennamen tun nichts zur Sache, entsprechen aber den in der Wirtschaftswissenschaft üblichen Konventionen) Y steht für das Volkseinkommen, was in etwa dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht und Y* ist das so genannte potenzielle Volkseinkommen, d.h. jenes Einkommen, das bei Vollauslastung der Produktionskapazitäten möglich wäre. Dieses ist natürlich in Praxis unmöglich exakt zu berechnen, aber Schätzungen werden von den WirtschaftsforscherInnen publiziert.

Die in Weisskopfs Formulierung eingeklammerten Ausdrücke haben nun ökonomische Interpretationen. (R/Y), also Profit im Verhältnis zu Volkseinkommen, ist die sogenannte Profitquote. Diese kann als ein Maß für Marx´ Exploitationsrate, die Ausbeutungsrate genommen werden. Der zweite Term (Y/Y*) ist das tatsächliche im Verhältnis zum technisch möglichen Einkommen, es ist also ein Maß für die Kapazitätsauslastung. Der letzte Term, (Y*/K), der potenzielle Output im Verhältnis zum eingesetzten Kapital, auch Kapitalproduktivität genannt, ist ein Maß für den technischen Fortschritt, ähnlich Marx´ organischer Zusammensetzung des Kapitals. Weisskopfs Formulierung zerlegt also die Profitrate in ihre Bestandteile Profitquote, Kapazitätsauslastung und Kapitalproduktivität. Dies entspricht den Hauptpositionen in der Marxistischen Krisentheorie: Klassenkampf um Einkommensverteilung („profit-squeeze“), Nachfrageentwicklung (Stichwort „Realisierungskrise“) und die „steigende organische Zusammensetzung des Kapitals“. Die Attraktivität dieses Ansatzes besteht darin, dass die erforderlichen Daten relativ leicht verfügbar sind, und dass so mit einem einheitlichen Ansatz verschiedene Krisenursachen simultan berücksichtigt werden können.

Zahlreiche aktuelle Marxistische Arbeiten verwenden nunmehr einen ähnlichen Ansatz, wenn auch im Detail Unterschiede vorhanden sind. Shaikh und Tonak (1994) verwenden Arbeitswerte und betonen die Unterscheidung produktiver und unproduktiver Sektoren, Duménil und Lévy (1993) betonen die Rolle von verschiedenen Formen technologischer Entwicklung, Brenner (1998) wiederum die Rolle von innerkapitalistischer Konkurrenz, v.a. zwischen den Oligopolen verschiedener Nationalstaaten. Cullenberg (1994) ist eine der wenigen Ausnahmen, die den empirischen Zugang von vornherein ablehnen.

Die politischen Implikationen der verschiedenen Krisentheorien sind nicht immer offensichtlich. Am klarsten sind sie noch bei der profit squeeze Theorie. Gemäß diesem Ansatz verursacht eine erstarkte ArbeiterInnenbewegung die Krise. Damit werden die Grenzen reformistischer, sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaatspolitik aufgezeigt: Irgendwann (historisch: in den 70er Jahren) treten die wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen und die daraus resultierenden hohen Lohnsteigerungen in Widerspruch mit dem Akkumulationsimperativ. Die Gegenposition dazu wird von Vertretern der Realisierungs- und Unterkonsumtionstheorien vertreten. Hier unterminieren die Lohnsenkungen die Nachfrage und damit die Akkumulationsdynamik. Zumindest partiell gibt es daher Spielraum für sozialdemokratische Politik. Die Argumente über die steigende organische Zusammensetzung betonen, dass die Krisentendenzen unabhängig von den Verteilungskämpfen eintreten werden. [11] In dieser Theorie werden die Widersprüche, die sich durch die Konkurrenzbeziehungen zwischen einzelnen Kapitalisten ergeben mehr betont als in den ersten beiden Ansätzen.

4. Schlussbemerkungen

Dieser kurze Überblick über Entwicklungen in der Marxschen Ökonomie mag zunächst etwas verwirrend erscheinen. Nicht-ÖkonomInnen werden viele der Debatten als reichlich abstrakt und formal erscheinen. Der einstmalige Kern der Marxschen Theorie ist nunmehr nicht mehr vornehmlich Teil einer polit-ökonomischen Analyse mit dem Ziel einer politischen Strategiebildung, sondern wurde augenscheinlich zu einem beträchtlichen Teil akademischer Selbstzweck. Auf den zweiten Blick sollte dies nicht allzu sehr überraschen. Die Debatte hat sich von den politischen Organisationen und Parteischulen auf die Universitäten und wissenschaftlichen Publikationen verlagert. Diese Entwicklung ist kaum ein Spezifikum der Marxschen Ökonomie, sondern gilt ähnlich für andere Zweige der marxistischen Theoriebildung (Philosophie, Soziologie etc.) und wurde bereits von Perry Anderson als ein Merkmal des Westlichen Marxismus hervorgehoben.

Da es nunmehr keine Parteilinie als absoluten Bezugspunkt mehr gibt, mag zunächst auch die Vielfalt der verschiedenen Positionen als überwältigend erscheinen. Auch dies sollte jedoch nicht überraschen. Marxismus bzw. Marxismen als Wissenschaft (im Gegensatz zu Parteiideologie) ist zwangsläufig vielfältiger und offener im Übernehmen von „bürgerlichen“ Theorieelementen. Als Hauptkennzeichen der Entwicklung Marxschen Ökonomie wurde daher neben der Akademisierung die Formalisierung und Verwendung von mathematischen und statistischen Methoden, die dem state of the art der Wirtschaftswissenschaften entsprechen, festgemacht. Während in den 1970er Jahren die marxistischen Diskussionen bis in die zentralen Journale der Wirtschaftswissenschaft vordrangen, führen sie nun ein Nischen-Dasein. In diesen Nischen gibt es einige wenige Journale und Universitätslehrgänge, die Ausbildung und Diskussion ermöglichen.

In der Entwicklung von Wert- und Krisentheorie fällt deren Loslösung voneinander auf. Werttheoretische Debatten bleiben bis in Gegenwart gekennzeichnet von tief greifenden Unterschieden in der Interpretation der zentralen Begriffe und analytischen Strukturen (z.B. das Verhältnis von Preisen und Werten). Tatsächlich existieren mehrere elaborierte marxistische „Lösungen“ zum Transformationsproblem. Daneben wird aber auch das Problem als solches mitunter geleugnet. Dies ist sowohl ein Fortschritt als auch ein Rückschritt. Ein Fortschritt, da die vom Mainstream gestellte Herausforderung einer analytischen Darstellung nun effektiv bewältigt wurde; ein Rückschritt, weil die dabei entwickelten Modelle weit von empirischer oder politischer Umsetzung entfernt sind und weil innerhalb der marxistischen Diskussion kein Konsens über Grundfragen erzielt wurde, sondern unterschiedliche Positionen verfestigt wurden. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund hat sich die Diskussion um Krisentheorie von der werttheoretischen Basis entfernt und eine empirische Wendung genommen. Mehr als in der Werttheorie bietet hier die empirische Forschung einen Bezugspunkt, der zwischen verschiedenem marxistischen Positionen eine gemeinsame Diskussion ermöglicht.

Die Marxsche Ökonomie ist, wie wohl die Marxsche Theorie überhaupt, nun weit von ihrer Renaissance der 60er und 70er Jahre entfernt. In den Universitäten und in den akademischen Organisationen werden recht oder schlecht Nischen verteidigt, nicht Raum gewonnen. Jedoch sollte auch nicht unterschätzt werden, was erreicht wurde. Nicht nur wurde die Vitalität der Marxschen Ökonomie demonstriert und zahlreiche Argumente der Theorie mit den in der Disziplin gängigen Methoden dargestellt, einige theoretischen Fragen wurden dabei auch neu beleuchtet. Vielleicht wichtiger, nunmehr existieren (im angelsächsischen Raum) akademische Journale, Konferenzen und Lehrveranstaltungen. Während von der Marxschen Ökonomie als akademischer Disziplin wohl keine entscheidenden Impulse zu erwarten sind, ist sie nicht schlecht positioniert, sollten die neuen sozialen Bewegungen mit Fragen an sie herantreten.

Das Transformationsproblem und die neuen Lösungen – FAQ (frequently asked questions)

Was ist das „Transformationsproblem“?

Darunter versteht man die quantitative Beziehung zwischen Preisen (genauer: Produktionspreisen) und Arbeitswerten. Es geht also darum wie die Werte in die Preise „transformiert“ werden können. Es geht also ausschließlich um die quantitativen, nicht um den qualitativen Aspekt der Werttheorie. Phänomene wie Warenfetischismus spielen daher keine Rolle. Die Debatte um das Transformationsproblem ist reichlich abstrakt und mathematisch, aber im Kern geht es darum, wie die Beziehung zwischen Wert- und Preisebene konzeptualisiert wird.

Warum ist das Transformationsproblem ein Problem?

Im ersten Band des Kapital geht Marx davon aus, dass die Preise (Austauschverhältnis zweier Güter) von den Arbeitswerten bestimmt werden, d.h. durch die zu ihrer Herstellung notwendigen Arbeitszeit. Im dritten Band betont Marx die Konkurrenz zwischen verschiedenen Kapitalisten und Wirtschaftssektoren, die zu einem (tendenziellen) Ausgleich der Profitraten führen. Für die Preistheorie bedeutet dies, dass das von Kapitalisten eingesetzte Kapital (in einem hypothetischen langfristigen Gleichgewicht) die gleiche Rendite erwirtschaften muss. Die daraus abgeleiteten Preise werden von Marx Produktionspreise genannt. Für Güter mit kapitalintensiver Produktion werden die Produktionspreise über den Arbeitswerten liegen, für arbeitsintensive Güter umgekehrt.

Warum ist das interessant? Das Ziel der Marx’schen Ökonomie ist doch nicht die Erklärung der Preise.

Marx entwickelt die Theorie der Ausbeutung auf Basis der Arbeitswerttheorie. Wird die Beziehung zwischen Arbeitswerten und Preisen nicht geklärt, so hängt die Ausbeutungstheorie in der Luft. Die Debatte ist also politisch brisant, weil es im Kern um die Ausbeutungstheorie geht. Die KritikerInnen (v.a. Böhm-Bawerk) wie die VerteidigerInnen der Arbeitswerttheorie sind sich dessen zumeist bewusst.

Können die Werte nun in Preise transformiert (umgerechnet) werden?

Ja. Die Werte können mit einem recht komplizierten Ausdruck multipliziert werden, der von der Arbeits- und Kapitalintensität der Ware sowie der Arbeits- und Kapitalintensität aller (direkten und indirekten) Vorprodukte bestimmt wird.

Könnte man das für eine wirkliche Wirtschaft, z.B. Österreichs Wirtschaft machen?

Ja, mithilfe so genannter Input-Output Modelle. Jedoch ist die Debatte um das Transformationsproblem nicht empirischer Natur, sondern theoretischer. Es wird also nicht mit konkreten Daten für ein Land gearbeitet, sondern es geht um die logische Struktur zwischen Preisen und Werten.

Wenn die Werte in Preise transformiert werden können, was ist dann das Problem?

Eigentlich wird es erst jetzt interessant. Es gibt zwei Problemfelder. Erstens, behauptet Marx (im Dritten Band des Kapitals), dass sich der Anteil der Profite am Volkseinkommen und die Profitrate (Profite im Verhältnis zum eingesetzten Kapital) in Wertausdrücken und Preisausdrücken ident sind. Diese werden auch die Invarianzpostulate genannt. Sie sind wichtig, weil damit die Ausbeutungstheorie von der Wertebene (Mehrarbeit, Mehrwert) in Preisebene (Profite) transferiert wird. Die von den ArbeiterInnen geleistete Mehrarbeit wird zu Mehrwert und bestimmt und erklärt die Profite. In der Debatte um das Transformationsproblem geht es vor allem darum, ob die Invarianzpostulate korrekt sind oder nicht. Dies ist nicht immer der Fall.

Und was war zweitens?

Das zweite Problemfeld ist die Frage, ob Arbeitswerte überhaupt Erkenntnisgewinn bringen. Von vielen KritikerInnen, allen voran Steeman (1977), wird argumentiert, dass man keine Werte benötigt, um Preise zu berechnen. Daher sei die Arbeitswerttheorie redundant und überflüssig. Eine logische Priorität der Wertebene über die Preisebene kann daher nicht behauptet werden. Darüber hinaus kann die Werttheorie im Fall von sogenannter Kuppelproduktion, d.h. wenn bei einem Produktionsgang zwei Outputs produziert werden, zu unsinnigen Ergebnisse, wie negativen Arbeitswerten führen.

Behauptet denn Marx die logische Priorität der Wert- über die Preisebene?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, da sich die Marxinterpretationen hier unterscheiden. Klar ist nur, dass es Passagen im Kapital gibt, die die Preise als Oberflächenphänomene bezeichnen, die durch die Wertebene zu erklären sind. Was unter diesem „erklären“ zu verstehen ist, darüber gibt es keinen Konsens.

Zurück zum Transformationsproblem. Was war das mit den Invarianzpostulaten? Warum sind die wichtig?

Weil mit der Transformation von Werten zu Preisen auch die Ausbeutungstheorie auf die Preisebene transferiert wird, sind die Invarianzpostulate so wichtig. Marx argumentiert, dass Mehrarbeit der Ursprung der Profite ist, daher ist es wichtig für die Marx’sche Ausbeutungstheorie, dass der Mehrwert (in Werten) auch quantitativ dem Profit in Preisen entspricht.

Warum sollte der Mehrwert nicht gleich dem Profit sein?

Marx definiert den Wert der Ware Arbeitskraft als die Summe der Werte der Konsumgüter, die die Arbeiterfamilie konsumiert. Dieses Konsumbündel wird als gegeben angenommen. Wie oben erklärt, weicht der Wert jeder Ware ja nach Arbeitsintensität systematisch von ihrem Preis ab. Sollte das Konsumbündel der Arbeiter nicht zufällig die durchschnittliche Arbeitsintensität aufweisen, so weicht auch sein Wert von seinem Preis ab. Da der Mehrwert nichts anderes als der Gesamtwert weniger der notwendigen Arbeit für die Konsumgüter der Arbeiter ist, wird normalerweise der Mehrwert (gemessen in Arbeitswerten) vom Profit (gemessen in Geldeinheiten) abweichen.

Gibt es nur diese eine „Lösung“ des Transformationsproblems?

Nein, die oben beschriebene Lösung wird auch „Standard Lösung“ (Standard Solution) genannt. Sie dominierte die Diskussion in den 70er Jahren. Für sie typisch ist, dass die Werte der Waren streng unabhängig von den Preisen der Waren bestimmt werden und dass der Wert der Ware Arbeitskraft durch den Wert der Waren im (als gegeben angenommenen) Konsumbündel bestimmt wird. Hier gibt es also eine klare Dichotomie und Trennung zwischen Wert- und Preisebene. Daneben gibt es eine Vielzahl anderer Zugänge, die bekanntesten darunter sind die New Solution („Neue Lösung“) und die Overdeterminist Solution („Über-deterministische Lösung“).

Was ist die New Solution zum Transfomationsproblem?

In der New Solution wird der Wert der Ware Arbeitskraft nicht durch ein gegebenes Konsumgüterbündel bestimmt, sondern als Geldlohneinkommen, das einen allgemeinen Anspruch auf einen Teil des Gesamtoutputs repräsentiert. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen wird daher per Annahme im Wertsystem und im Preissystem gleichgesetzt. Dieser Zugang wurde nicht zuletzt entwickelt um die Inflation, die in den 1970er Jahre hoch war, analysieren zu können.

Was ist die Overdeterminist Solution zum Transfromationsproblem?

In der Overdeterminist Solution wird die strikte Dichotomie zwischen Wert- und Preisebene zurückgewiesen und eine wechselseitige Bestimmung von Werten und Preisen zugelassen. Die Werte sind also nicht als unabhängig und den Preisen vorgelagert gedacht, sondern sowohl Preise als auch Werte ergeben sich, wie die VertreterInnen dieser Lösung sagen würden, in einem dialektischen Prozess.

Und was haben wir jetzt, nach all diesen Diskussionen gelernt?

Die Behandlung der Beziehung von Preisen und Werten unterscheidet sich im ersten und dritten Band des Kapital. Eine konsistente Theorie der Beziehung von Wert- und Preisebene ist wichtig, wenn die Ausbeutungstheorie auf der Werttheorie fundiert ist. Marx´ Invarianzpostulate sind nicht gleichzeitig einzuhalten. Mittlerweile gibt es mehrere Lösungen des Transformationsproblems, die zumindest das wichtigste der Invarianzpostulate, nämlich jenes der Gleichheit der Ausbeutungsrate (in moderner Terminologie: Lohnquote) in Wert- und Preisausdrücken bewahren. Diese Lösungen ändern jeweils die Konzeptionierung des Wertbegriffs oder die Definition des Werts der Ware Arbeitskraft.

[1Im deutschsprachigen Raum fanden marxistische ÖkonomInnen an den Universitäten nahezu ausnahmslos in anderen sozial- oder geisteswissenschaftlichen Bereichen Unterschlupf. So arbeitet der wohl renommierteste deutsche marxistische Ökonom, Elmar Altvater am politikwissenschaftlichen Institut. Dasselbe gilt für Michael Heinrich. Auch Robert Kurz ist kein ’Ökonom’. Marxsche Ökonomie ist daher auch in der Lehre nicht vertreten. Meines Wissens bietet im deutschsprachigen Raum allein die Wirtschaftsuniversität Wien einen Kurs in Marxscher Ökonomie (unter dem Titel ’Radikale Ökonomie’) an.

[2Die ausführlichste Diskussion der Geschichte der Marx’schen Ökonomie ist Howard and King (1992). Ein nützlicher Einstieg ist http://cepa.newschool.edu/het/schools/neomarx.htm

[3Freud für die Frankfurter Schule, Heidegger und Husserl für Sartre, Freud und Levi-Strauss für Althusser.

[4Paul Sweezy mußte Harvard verlassen, nur Paul Baran hatte eine entsprechende Position, starb aber 1966.

[5Die Terminologie ist hier mitunter verwirrend, da der Begriff Postkeynesianer heute eine andere Bedeutung hat als in den 70er Jahren. Damals wurde die ganze Cambridge Schule als postkeynesisch bezeichnet und über die Kapitalkontroverse identifiziert. Mittlerweile habe sich innerhalb der Postkeynesianer verschiedene Schulen gebildet und die von Sraffa inspirierte Schule wird heute zumeist als ’neoricardianisch’ bezeichnet (siehe auch King 2002).

[6Der Widerspruch ist folgender: Da der Wert des Kapitals, also der Maschinen, von der Einkommensverteilung abhängt, kann es zu Situationen kommen, wo die selben Maschinen bei hohen und niedrigen Löhnen eingesetzt werden, da sich ihr Wert ja mit den Löhnen verändert. Dieses so genannte reswitching steht im Widerspruch zur neoklassischen Hypothese der Substitution. Die neoklassische Ökonomie verwechselt also (in ihrer makroökonomischen Version) den Wert einer Maschine mit ihren Leistungen im Produktionsprozess.

[7Die neoricardianische Attacke war logisch erfolgreich, aber nicht institutionell. Die Mainstream-Ökonomie ignorierte das Problem (oder zog sich auf rein mikroökonomische Positionen zurück) und widmete sich anderen Fragen. Gleichzeitig, aber wohl unabhängig davon verschob sich der Mainstream in der Makroökonomie von der keynesianischen zur monetaristischen Theorie.

[8Secombe 1973. Gardiner 1975, Molyneux 1979. Im deutschsprachigen Raum gab es eine ähnliche Debatte, die das marx’sche Terrain aber schnell verließ (Werlhof et al 1983).

[9Die wichtigste Ausnahme bildet hier wohl Ernest Mandel, der Vorsitzende der trotzkistischen IV Internationale.

[10So führt z.b. bei Modellen, in denen das gesamte fixe Kapital zirkulierendes Kapital ist, d.h. nach der Produktionsperiode verbracht ist, technologischer Forschritt üblicherweise zu einem Steigen der Profitrate.

[11Allerdings ist anzumerken, dass die empirischen Forschungen zur organischen Zusammensetzung zumindest für die USA nahe legen, dass diese seit den 70er Jahren gefallen und nicht gestiegen ist. Eine solche Entwicklung führt zu einer Steigerung anstatt einer Senkung der Profitrate.

Der Autor dankt Roland Atzmüller, Stefan Ederer und der grundrisse-Redaktion für kritische Diskussion und konstruktive Kommentare.

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