Heft 3-4/2001
Juli
2001

Medien und Krieg

Krieg und Geschlechterverhältnis

Geschlecht und Medien sind vielfältig miteinander verwoben. Eine Analyse am Beispiel des Nato-Angriffskrieges in Südosteuropa 1999

Die Synergie zwischen Krieg und Medien ist so intensiv, dass sie beinahe als eine Symbiose erscheint - ein wechselseitiges Verhältnis zu beiderseitigem Nutzen: „Massen“medien und „Massen“krieg, bei dem das eine ohne das andere nicht denkbar wäre — führt, so Thomas Dominikowski, neben politischer und ökonomischer Militarisierbarkeit zu struktureller Militarisierbarkeit der Medien. „Kriege ermöglichen den Medien entscheidende Entwicklungssprünge, in Kriegen kamen Medien zum Großeinsatz, wurden erprobt, verändert, optimiert ... Ohne den Medieneinsatz in Kriegen hätten wir heute andere Medien.“ Das komplementäre Interesse des Militärs liegt u.a. in der effektiven Meinungsteuerung, in der „Mobilisierung der Massen für den Waffengang.“ [1]

Die technologischen und strukturellen Wechselwirkungen zwischen Militär und Medien reichen bis hin zu den neuen Medien. Internet, eine ursprünglich militärische Entwicklung, wurde erst spät der zivilen Nutzung zugeführt. So wie der Vietnam-Krieg der erste ‚Fernsehkrieg’ war, der Golfkrieg der erste ‚Echtzeitkrieg’, wird der ‚Kosov@Krieg’ als erster Internetkrieg erinnert werden.

Geschlecht: Ein frauenspezifischer Blick auf Krieg und Medien nimmt rasch die zweigeschlechtlichen Konstruktionen und den Frauen-Mythos im massenmedialen Journalismus wahr. Die Medien sind dabei nicht nur Spiegel der geschlechtsspezifischen Herrschaftsverhältnisse sondern auch Instrument zu deren Manipulation und Aufrechterhaltung. Im journalistischen System wirkt Geschlecht zugleich als Klassifikationssystem, Strukturkategorie und Ideologie. Bereits die technische Entwicklung und Produktion findet weitgehend unter Ausschluß der Frauen statt. „Die Mehrzahl der Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien sind militärischen Ursprungs. In den Großforschungseinrichtungen des militärisch-industriellen Komplexes sind Frauen in Entscheidungsfunktionen ... nur ausnahmsweise vertreten.“ [2]

Nation: Astrid Albrecht-Heide weist auf den Zusammenhang zwischen Militär und Geschlechterverhältnis und jenen zwischen Nationalstaaten und dem Geschlechterverhältnis hin. „Die militärischen Rollenangebote an Frauen knüpfen zunächst an den weiblichen Stereotypen ... an. Die Konsequenz ist eine Verknüpfung von Täterinnen- und Opferverhalten.“ [3] Die Zuarbeit von Frauen zum Militär bezeichnet sie als kolonisiert und selbstkolonisiert. Die Rollenangebote erstrecken sich von Söldnerin und Kollaborateurin, Assistentin, Claqueurin, der pflegenden Florence-Nightingale bis hin zur Widerständigen.

Massenmedien transportieren in der Kriegsberichterstattung vor allem Frauenbilder vom Opfer und der Helferin. Frauen eignen sich deshalb im Rahmen der Greuelpropaganda neben Kindern besonders gut als Opfer. Nach Mira Beham [4] war im Bosnien-Krieg Massenvergewaltigung ein zentrales Thema der Greuelpropaganda. Jeder Krieg hat ein spezielles Greuel-Thema. Im Kosov@krieg dominierten lange Flüchtlingstrecks und Massenelend. Zur Rechtfertigung des ohne UNO-Mandat stattfindenden — d.h. völkerrechtlich nicht legitimierten — Krieges diente die Argumentation der ‚humanitären Katastrophe’. Der Missbrauch von sich auf der Flucht befindenden Menschen als menschliche Schutzschilde und die Organisation von Hilfe für die kosov@-albanischen Opfer des Krieges waren Thema der Opferberichterstattung.

Veropfert: Die Analyse ausgewählter Printmedien (Salzburger Nachrichten, Der Standard, Kurier, Profil, Format) im Zeitraum 22.4. bis 21.6.99 zeigt, dass der Anteil der Frauenberichterstattung in den österreichischen Medien unter 5 % liegt. Zu den Themen der Frauenberichterstattung zählen Hilfe und Unterstützung für die geflohenen Kosov@-AlbanerInnen, Gewalt gegen Frauen, der Diskurs um die ‚Pille danach’, Opferschilderungen. Dass Frauen nicht nur Opfer werden, sondern als solche zur Kriegslegitimation instrumentalisiert werden, zeigt sich daran, dass in Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen ausschließlich von Kosov@-Albanerinnen berichtet wurde, die serbischen Einheiten zum Opfer gefallen sind, betroffene Serbinnen aber ebenso wenig Thema wurden wie die verfolgte Minderheit der Roma.

Alternative Netze: Die Themen der massenmedialen Kriegsberichterstattung unterschieden sich erheblich von Inhalten, die betroffene Frauen und Frauengruppen über Internet kommunizierten. Es gab während des Kosov@-Krieges ein NGO-Netzwerk, das von österreichischen Printmedien zur Gänze ignoriert wurde, obwohl in diesem Krieg Internet eine wesentliche Rolle nicht nur für alternative Medien gespielt hat.

Das Kosova Crisis Center hat unter dem Titel News Network mehrfach auf die bereits jahrelang andauernde Verfolgung der ethnischen AlbanerInnen und anderer Minderheiten wie der Roma in Kosov@ aufmerksam gemacht, insbesondere aber auf die Unterdrückung, der Frauen ausgesetzt sind. Allerdings wurde die patriarchale Unterdrückung der Albanerinnen in Kosov@ nie Thema der Kriegsberichterstattung. Sie passte nicht so recht ins Bild von hehren Freiheitskämpfern der UCK, das kultiviert wurde. Eindrucksvoller könnte die Instrumentalisierung von Frauen im Rahmen des Freund-Feind-Schemas kaum vor Augen geführt werden, in dem sie nur bedingt als Opfer ‚taugen’.

Ignoriert: Trotz zahlreicher Versöhnungs- und Friedensappelle via Internet an westliche Organisationen und Medien kam weiblicher Widerstand gegen den Krieg in der österreichischen Kriegsberichterstattung nicht vor: Women’s Call on the former Yugoslavia to the Hague Appeal for Peace der den Stop der ethnischen Säuberung und Bombenstop forderte ebenso wenig wie die Women in Black, die zum Symbol für die Frauenfriedensbewegungen geworden sind. Die Belgrade Women Lobby, das Belgrad Women Studies Center und ähnliche Gruppen konnten sich schon vor Kriegsbeginn kaum Gehör verschaffen, erst recht wurden sie während des Krieges aus der Berichterstattung ausgeblendet. Sie hätten ein Bild widerständiger, selbständiger Frauen geboten, die sich gegen die männliche Kriegslogik zur Wehr setzen.

Ein großer Teil der Frauenberichterstattung via Internet handelte von ökologischen Aspekten, vor allem den unmittelbaren und langfristigen Schäden durch die sogenannten Uran-Geschoße. Um kanadische Wissenschafterinnen bildete sich ein Diskussionszirkel, der insbesondere die Schäden durch DU-Munition diskutierte und eindringlich vor den Folgen warnte.

Nichts gelernt: Elisabeth Klaus belegt anhand zahlreicher Studien, dass Frauen vor allem in der Politik- und Nachrichtenberichterstattung als Handlungsträgerinnen gravierend unterrepräsentiert sind. Am Beispiel Kosov@ lässt sich dies bestätigen: Ausnahme-Frauen in machtvollen Positionen wie Madeleine Albright wurden insofern berücksichtigt, als sie sich in Handlung und Aussagen von ihren männlichen Kollegen kaum unterscheiden. Nicht berücksichtigt wurden Frauen, die jeglichen Stereotyp widersprechen, die keine Männerphantasien zu spiegeln gewillt sind. Komplexe Inhalte finden kaum Eingang in die Kriegsberichterstattung. Im Vordergrund steht die Dramatik der Ereignisse.

Der mühsame Weg aus der Zerstörung im ehemaligen Jugoslawien ist keine Schlagzeile mehr wert, Konfliktnachbereitung, Wiederaufbau, Vorbeugung nächster Eskalationen sind höchstens Themen kleiner ExpertInnenrunden, die keine mediale Aufmerksamkeit erreichen. Es sind solche ExpertInnen, die jahrelang vor einer Eskalation in Kosov@ gewarnt hatten, aus dem Fehler, sie nicht berücksichtigt zu haben, ergibt sich aber in den Medien kein Lernprozeß, im Gegenteil, eingebettet in die Gewalt- und Herrschaftsstrukturen von Gesellschaft übernehmen sie nun im Konflikt um Mazedonien, da, welch ein Zufall, Nationenbilder und Nationalismen fast beliebig konstruierbar und austauschbar sind, die offizielle Sprachregelung der neuen Freunde, die UCK wird jetzt negativ konnotiert, ob Malte Olschewski deshalb nun doch einen Verleger für sein Buch gefunden hat?

[1Dominikowski, Thomas: „Massen“-medien und „Massen“krieg. Historische Annäherungen an eine unfriedliche Symbiose. In: Löffelholz, Martin (Hg.): Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Westdeutscher Verlag 199, 33-49

[2Klaus, Elisabeth: Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung. Zur Bedeutung der Frauen in den Massenmedien und im Journalismus. Westdeutscher Verlag 1998

[3Albrecht-Heide, Astrid: Frauen, Militär und die Zukunft der Armeen. In: Dialog. Beiträge zur Friedensforschung. Die Zukunft der Armeen? Beiträge zur 7. Internationalen Sommerakademie auf Burg Schlaining. Bd. 19., 1990, VGW-Verlag, 36-54

[4Beham, Mira: Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik. Dtv, 1996

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