Notizen zu einer Energietypen-Lehre
Dr. Hans Deutsch, gebürtiger Österreicher und seit Jahren als erfolgreicher Rechtsanwalt in Lausanne ansässig, ist identisch mit dem Inhaber des gleichnamigen Wiener Buchverlags, durch dessen Initiative unsere Zeitschrift aus ihrer im Vorjahr entstandenen Existenzkrise gerettet wurde. Wir sehen nicht ein, warum Dr. Deutsch für seine Opferbereitschaft nun auch noch dadurch büßen sollte, daß wir es versäumen, ihn unseren Lesern als Mitarbeiter vorzustellen. Da ihm nämlich die drei vorgenannten Beschäftigungen — die des Anwalts, die des Buchverlegers und die des Zeitschriftenverlegers — offenbar nicht genügen, betätigt er sich obendrein als Essayist und ist in dieser Eigenschaft bereits mit einigen sehr bemerkenswerten Publikationen hervorgetreten. „Die Quelle der Persönlichkeit“ und „Freiheitsidee und Monotheismus“ heißen die beiden letzten Essays, die von ihm in Buchform erschienen sind und die sich, unter dem brennend aktuellen Aspekt einer totalen Kriegdrohung, mit der Position des Menschen zwischen irdischer Verpflichtung und göttlichem Auftrag auseinandersetzen. Daß es hiezu auch einer Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Veranlagungen des Individuums bedarf, ist klar. Dieser Bemühung gilt eine weitere Arbeit des Verfassers, aus deren Manuskript nachfolgende Notizen stammen.
Einteilungsbedürfnis
„Einteilungen“ vorzunehmen ist eine alte menschliche Lieblingsbeschäftigung. Sie bezieht sich vor allem auf den Menschen selbst. Es gibt eine ganze Reihe von Gesichtspunkten, nach denen man die Menschen eingeteilt hat: nach Farbe und Rasse, nach Volkszugehörigkeit und Sprache, auf Grund des Körper- und des Schädelbaus, nach Temperamenten oder anderen psychologischen Merkmalen. Die Einteilung, die mir vorschwebt, würde nach Energietypen erfolgen.
Bei dieser Einteilung, zu der ich durch langjährige Charakterstudien angeregt wurde und für die ich sozusagen als Hilfswissenschaft die Graphologie heranziehe, gehe ich von der Voraussetzung aus, daß es drei verschiedene Erscheinungsformen von Energie gibt.
Residualtypen
Jeder Mensch hat für jedes Erlebnis, für jede Aktion, für jede Aufgabe, die er sich stellt oder die er bewältigen muß, eine bestimmte Energie-Menge zur Verfügung, die sich voraus nicht berechnen läßt. Das Erlebnis kann zu Ende, die Aktion kann durchgeführt, die Aufgabe kann bewältigt sein, ohne daß die gesamte hiefür vorgesehene Energie-Menge aufgebracht wurde. Es bleibt ein Restbestand zurück, den ich Residualenergie nenne. Die Menschen, bei denen solche Energiereste immer wieder zurückbleiben, nenne ich Residualtypen.
Initiativtypen
Anders verhält es sich mit jenen Typen, bei denen trotz aller bereitgestellten Energie das Erlebnis nicht zu Ende gelebt, die Aktion nicht restlos durchgeführt, die Aufgabe nicht vollkommen bewältigt wird. Dieser Typus verfügt über enorme „Anfangsgeschwindigkeit“, über außerordentliche Planungs- und Organisationsfähigkeiten, meistens auch über Phantasie, verliert aber nach einiger Zeit das Interesse an dem geplanten Unternehmen und hat seinen Energievorrat erschöpft, noch ehe das Unternehmen zu Ende geführt ist. Ich nenne ihn den Initiativtyp.
Exekutivtypen
Ein dritter Typus ist in der Lage, genau das richtige Quantum Energie einzusetzen und es richtig zu dosieren. Die Art, wie er seine Erlebnisse, Aktionen oder Aufgaben durchführt, ist durch Disziplin und Regelmäßigkeit gekennzeichnet: wenn das Unternehmen zu Ende ist, sind auch die hiefür bereitgehaltenen Energie-Mengen aufgebraucht. Es handelt sich also um Typen, deren Stärke in der zuverlässig berechneten Durchführung ihrer Unternehmungen liegt. Ich nenne sie Exekutivtypen.
Beispiele
Ich nehme meine Beispiele absichtlich aus Gebieten, die verhältnismäßig leicht zugänglich und uns allen vertraut sind.
Ein Arzt, der ein guter Diagnostiker ist, wird in der Regel zum Initiativtyp gehören. Sein medizinisches Erlebnis ist mit der Diagnose beendet. Auf die richtige Diagnose auch noch eine sorgfältige Behandlung folgen zu lassen, macht ihm keine rechte Freude mehr. Das überläßt er lieber seinen Kollegen, unter denen der Krankenkassenarzt als deutlichster Vertreter des Exekutivtyps anzusprechen wäre: er hat täglich 20-30 Patienten zu behandeln, hört sich die Krankengeschichte eines jeden an, untersucht ihn, stellt ein Rezept aus, begleitet ihn zur Türe — und hat damit sein medizinisches Erlebnis abgeschlossen. Schließlich gibt es einen dritten Ärztetypus, der sich mit der Praxis seiner medizinischen Erlebnisse nicht zufrieden gibt und sie zum Gegenstand fachlicher Analysen oder wissenschaftlicher Werke macht. Von den Energien, die er für seine medizinische Aufgabe — die Heilung des Patienten — bereitgestellt hatte, sind ihm Restbestände verblieben, die er verarbeiten muß. Er ist der Residualtyp unter den Ärzten.
Der Pädagoge, der beispielsweise als Mittelschullehrer die Ergebnisse seiner Ausbildung im Unterricht anwendet, ist ein Exekutivtyp. Der Pädagoge, der ein neues pädagogisches Prinzip aufstellt, ohne dessen praktische Anwendung selbst durchzuführen, ist ein Initiativtyp. Der Pädagoge, der über ein (eigenes oder fremdes) pädagogisches Prinzip Vorträge hält und Bücher schreibt, ist ein Residualtyp.
Der Architekt, der den Plan eines Hauses entwirft, ist ein Initiativtyp. Der Baumeister, der das Haus tatsächlich errichtet, ist ein Exekutivtyp. Der Fachschriftsteller, der Bücher über die verschiedenen Baumethoden schreibt, ist ein Residualtyp.
Mischformen und Vollendung
Es gibt natürlich auch Mischtypen, etwa solche, in denen sich der Exekutiv- mit dem Residualtyp vereinigt oder der Initiativ- mit dem Exekutivtyp. Initiativ- und Residualtypen vermischen sich nur in einem einzigen Fall: bei den Künstlern, und hier vor allem bei den Dichtern. Der klassische Fall des Dichters ist aber der Residualtyp. Alle wirklichen Dichter zehren im Grunde von ihren Jugenderlebnissen oder von Erlebnissen, die sie nicht zu Ende gelebt haben. (Heine: „Aus meinen großen Schmerzen mach’ ich die kleinen Lieder.“)
Ein Mensch, der alle drei Typen in vollendeter Form und Ausgewogenheit in sich vereinigt, ist ein Genie. (Markanteste Beispiele: Leonardo da Vinci, Goethe, Pestalozzi.) Allerdings bedarf es dazu eines rational kaum noch faßbaren Vorgangs, den ich als „Hammerschlag Gottes“ bezeichnen möchte. Man müßte sich dabei das innerste Ich des Menschen als eine Art Atomkern vorstellen, in dem alle Energien eingeschlossen sind. Damit diese Energien frei und produktiv werden, bedarf es eben jenes „Hammerschlags“, der meistens in Form eines sehr starken Erlebnisses auftritt. Bei Schiller war es das Erlebnis der in seiner Jugend unterdrückten Freiheit; alle Dramen, die er geschaffen hat, sind Freiheitsdramen.
Erlebnisgestaltung durch den Residualtyp
Schon hier zeigt sich ein wichtiges Merkmal an: Der wirkliche Künstler kann nur aus einem Erlebnis gestalten, das er erlebt, aber nicht zu Ende gelebt hat. Der Wirklichkeit gegenüber macht sich da sogar eine gewisse „nachträgerische“ Komponente geltend. Goethe hat sein Liebeserlebnis mit Friederike von Sesenheim nicht zu Ende gelebt und mußte es um seiner politischen Karriere willen vorzeitig aufgeben. Aus den zurückgebliebenen seelischen Energien gestaltete er die Margarete im „Faust“ und die Schauspielerin im „Wilhelm Meister“. Es scheint mir sehr aufschlußreich, daß beide Frauen sterben müssen. Nicht einmal in der Scheinwelt der Dichtung duldet der Mann, der sein Erlebnis nicht zu Ende gelebt hat, einen Nachfolger.


