Internationale Situationniste, Numéro 11
 
1977

Revolte und Rekuperation in Holland

Oft hat man die berühmte und kurzlebige „Provo“-Bewegung mit der S.I. verknüpft, von den Enthüllungen des Figaro Littéraire (4.8.66), „Hinter den zornigen jungen Männern von Amsterdam steht eine geheime Internationale!“, bis zur belgischen Zeitschrift Synthèses vom April. In einem ebenfalls ziemlich gut unterrichteten Artikel wurde dort die „radikale Argumentation“ berücksichtigt, die die S.I. dem lächerlichen, gemäßigten Unterspiel der Provo-„Intellektuellen“ entgegengesetzt hat, wobei sie voraussah, dass diese die Schlüsse daraus ziehen müssen würden — was sie schon im Mai getan haben, indem sie den Entschluss fassten, sich aufzulösen. Stimmt es einerseits, dass „die Provos nichts erfunden haben“, so war die Vermutung andererseits falsch (vgl. Figaro Littéraire), dass sie „den bisher isolierten Theoretikern der S.I. das bringen, was ihnen noch fehlte — und zwar Truppen, die fähig sind, als ‚intelligente Statisten‘ aufzutreten und als die weltliche Macht einer Organisation zu fungieren, die selbst mehr oder weniger im Dunkeln bleiben will.“ Wir halten uns nicht für dermaßen isoliert, dass wir eine solche Gesellschaft brauchen und es versteht sich von selbst, dass wir überhaupt keine „Truppen“ wollen, und wären sie auch noch viel besser. Praktisch war das Verhältnis zwischen der S.I. und den Provos anderswo auf zwei unterschiedlichen Ebenen zu finden. Als der spontane Ausdruck einer in der europäischen Jugend zutagegetretenen Revolte stellten sich die Provos normalerweise auf das von der situationistischen Kritik definierte Gebiet — gegen den kapitalistischen Überfluss, für eine Verschmelzung von Kunst und alltäglichem Leben usw. Soweit sie von einer aus verdächtigen „Philosophen“ und Künstlern bestehenden Führung abhängig wurden, kamen sie mit Leuten zusammen, denen die Thesen der S.I. etwas bekannt waren. Aber dieses verheimlichte Wissen war auch die einfache rekuperierte Fälschung einiger Fragmente. Es wird genügen, auf die Anwesenheit des Ex-Situationisten Constant in der Provo-Hierarchie hinzuweisen, mit dem wir schon 1960 gebrochen hatten. Seine technokratische Neigung setzte sich damals jeder Perspektive einer „nicht vorhandenen“ Revolution entgegen (vgl. S.I. Nr. 3). Kaum war die Provo-Bewegung Mode, schon wurde Constant wieder Revolutionär, und er schmuggelte die ewigen Entwürfe „seines“ unitären Urbanismus unter dem Namen „anarchistischer Urbanismus“ ein, den er zu gleicher Zeit bei der Biennale in Venedig ausstellte — unter dem ersteren Titel — der dort besser wirkte, weil Constant offiziell durch sein Land als holländischer Künstler präsentiert wurde. Die Niederlage der Provos konnte man schon aus ihrer Unterwerfung unter eine Hierarchie und unter die schwachsinnige Ideologie folgern, die diese Hierarchie glaubte, in aller Eile zusammenbasteln zu müssen, um ihre Rolle zu spielen. Die S.I. hatte nur mit Elementen der radikalen Basis Kontakt, die sich von der offiziell gewordenen Bewegung unterschieden; sie hat deren dringendes Auseinandergehen immer wieder befürwortet.

Es lohnt sich nicht, ein so armseliges theoretisches Thema hier noch einmal anzuschneiden — eine ausreichende Kritik der Lehre und des Verhaltens der Provo-Bewegung ist schon in der englischen Zeitschrift Heatwave und in unserer Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu gemacht worden. Vor allem aber haben die sich weiter entwickelnden praktischen Widersprüche der heutigen Gesellschaft die lächerliche Institutionalisierung der Provo-Revolte weggeschwemmt, sowie sie ihren authentischen Teil erzeugt hatten. Am konformistischsten hatten sich die Provos gezeigt, als sie das soziologisch-journalistische Dogma des Verschwindens des Proletariats wiederaufgenommen hatten, die Sicherheit, dass die Arbeiter zufrieden und vollkommene Spießbürger geworden seien. Der Amsterdamer Aufstand vom 14. Juni 1966, der an den darauffolgenden Tagen andauerte und dessen Umfang die Provos in dem falschesten Licht bekannt gaben, gab eigentlich eine schon tote Bewegung bekannt. Genau an dem Tag war die Provo-Bewegung gestorben, als es sich um einen mustergültigen Arbeiteraufstand unserer Epoche handelte, der gegen die Bürokratie der Baugewerkschaft angefangen hatte, gegen die Polizei (und die aus dem Hafenviertel gekommenen Zuhälter, die sie unterstützten) weiterging und einen Höhepunkt erreichte, als versucht wurde, das Gebäude einer großen Tageszeitung, des Telegraaf zu zerstören, weil sie natürlich falsche Nachrichten veröffentlicht hatte. Sicherlich schlossen sich viele junge Rebellen von Amsterdam (denn es wäre falsch, die gesamten Provos mit einer Studentenbewegung zu identifizieren) den Arbeitern auf den Straßen an. Dann blieb die Provo-Hierarchie, die in diesem Konflikt die Negation ihrer elenden Ideologie entdeckte, sich aber selbst treu: sie missbilligte die Gewalt, verurteilte die Arbeiter, rief über Rundfunk und Fernsehen zur Ruhe auf und ging in ihrer Gemeinheit so weit, auf spektakuläre Weise geschlossen die Stadt zu verlassen, um mit dem guten Beispiel der Passivität voranzugehen.

Wenn die Situationisten den Provos gewiss bei einigen undeutlichen Neuheiten vorangegangen sind, bleibt doch ein Zentralpunkt übrig, bei dem wir uns schmeicheln, verbissen eine „Gesinnung des XIX. Jahrhunderts“ zu behalten. Die Geschichte ist noch jung und das proletarische Projekt einer klassenlosen Gesellschaft, obwohl es einen schlechten Anfang hatte, ist immer noch eine radikal neuere Fremdheit als alle Erfindungen der Molekularchemie bzw. der Astrophysik, als die Milliarden Ereignisse, die am laufenden Band vom Spektakel fabriziert werden. Trotz unseres ganzen „Avantgardismus“ und ihm zum Dank ist das die einzige Bewegung, deren Rückkehr wir wünschen.

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