Internationale Situationniste, Numéro 10
 
1977

Die S.I. und die Zwischenfälle in Randers

Anfang 1965 hat J.V. Martins Anklage in Dänemark wegen der Veröffentlichung der „subversiven Comix“, von denen die vorige Nummer dieser Zeitschrift drei Beispiele gezeigt hat, einiges Aufsehen erregt. Martin wurde persönlich als Verantwortlicher für die S.I. verfolgt, nachdem der dänische Zweig der Bewegung für eine „moralische Wiederaufrüstung“, die berühmte ideologische Stoßorganisation des amerikanischen Kapitalismus eine Klage eingereicht hatte — hauptsächlich gegen Flugblätter, die wir in Spanien geheim verbreitet hatten. Auf diesen Flugblättern, die, was die Form betrifft, eine Zweckentfremdung der Comix waren, sagten ausgezogene Mädchen einige in üblichen „Sprechblasen“ geschriebene Wahrheiten zugunsten der moralischen und politischen Freiheit. Das gab der „moralischen Wiederaufrüstung“ die Gelegenheit, die Verurteilung der S.I. — und zuerst die von Martin — wegen Verstoßes gegen die Moral und die Sittlichkeit, wegen Erotismus und Pornographie, gesellschaftswidriger Tätigkeit, Beleidigung des Staates usw. usf. zu verlangen. Das diesen Dokumenten beigefügte bekannte Bild von Christine Keeler war der Anlass für die zusätzliche Beschuldigung der Beleidigung der dänischen königlichen Familie, weil Christine Keeler ihre offensichtliche Überlegenheit über die dänische Prinzessin erklärte, die bereit war, König Konstantin zu heiraten (wobei dieser mit Recht ein Faschist genannt wurde, noch bevor er das im letzten Sommer gegen die Quasitotalität des griechischen Volkes bewiesen hatte). Die gesamte dänische Presse wurde durch das ungeheuerliche Verfahren aufgewühlt, das die Bewegung der „moralischen Wiederaufrüstung“ beabsichtigte. In einer öffentlichen Erklärung gab Martin sofort zu, dass die Situationisten die tatsächlichen Feinde aller von der „Bewegung der moralischen Wiederaufrüstung“ verteidigten Werte seien und sich aktiv um die moralische Abrüstung der uns bekannten Gesellschaft bemühten. Er gab weiter zu: „die Bilder nackter Mädchen könnten wohl eine gewisse erotische Wirkung haben — glücklicherweise“. Er erinnerte daran, dass die Frage der Herausgabe pornographischer Werke zwar in keinerlei Beziehung zu unseren Flugblättern, wohl aber zur repressiven Moral stünde, die sie bewirkt und übrigens im allgemeinen duldet. Schließlich sagte Martin, wie tief paradox die Haltung der sozial-demokratischen Behörden eines offiziell dem Franco-Faschismus feindlich gesinnten Landes sei, die sich gerade in ihrem Land um die Unterdrückung von das Franco-Regime beleidigenden Veröffentlichungen bemühen. Letzten Endes verzichtete die Justiz lieber darauf, Martin einem Gericht zu übergeben. Sie verwarf die Anklage noch vor einem Prozess, der aufschlussreich gewesen wäre.

Kurz danach beschloss die NATO, deutsche Truppen zweimal in Dänemark einmarschieren zu lassen, um an gemeinsamen Manövern mit der dänischen Armee teilzunehmen. Zum ersten Mal seit dem Ende der Besatzung 1945 sollte man die deutsche Armee in diesem Land wiedersehen, was große, leere Proteste der ganzen Linken, Beschwerden und Petitionen hervorrief. Natürlich nahm keiner Rücksicht auf sie. Die ersten Armee-Elemente sollten am 16. März in Randers in Jütland ankommen. Martin wohnte zu der Zeit in dieser Stadt. Durch seine Berühmtheit wegen der letzten Verfolgungen wurde die Verbindung verstärkt, die seine frühere situationistische Tätigkeit zwischen ihm und einigen avantgardistischen Elementen hergestellt hatte. Zusammen mit Martin bildeten einige Studenten an der Universität Aarhus, Hafenarbeiter und ehemalige Partisanen aus der Zeit des bewaffneten Kampfes gegen die Nazis ein Komitee, das bekanntgab, man würde sich mit Gewalt dem Einmarsch dieser Truppen in die Stadt widersetzen. Das wurde durch Plakate und Wandparolen angekündigt. Aus ganz Dänemark kamen Leute. Reporter von allen skandinavischen und sogar von einigen deutschen Zeitungen begaben sich an Ort und Stelle, um diesen Zusammenstoß zu beobachten.

Pioniere verlegen Stacheldraht in den Straßen
(Politiken vom 17.3.65)

Am 16. März umschloss die mit beträchtlicher Polizeiverstärkung unterstützte dänische Armee die Stadt. Sie beabsichtigte, die motorisierte deutsche Kolonne durch Überrumpelung in die Kasernen einziehen zu lassen, in denen sie einquartiert werden sollte. Aber das Komitee hatte die Überwachung aller Straßen organisiert, so dass es bei einbrechender Nacht rechtzeitig vom Zufahrtsweg der Truppen benachrichtigt werden konnte. Der Zug wurde durch kleine, zu diesem Zweck aufgestellte Gruppen aufgehalten, so dass die Masse der Demonstranten Zeit genug hatte, um zusammenzukommen und vor die Kasernen auf die Seite zu gehen, auf der die Kolonne einziehen sollte. Zwischen den Demonstranten und den dänischen Soldaten und Polizisten fand ein harter Zusammenstoß statt und die deutschen Wagen kamen mitten ins Gemenge. Autos wurden mit Steinen beworfen und Reifen zerstochen — es wurde sogar ein Jeep gestohlen. Schließlich fuhren die Truppen in die Kasernen ein, wo sie die Nacht verbrachten — um aber dann nach dieser symbolischen Eroberung zurückzufahren. Kurz danach dementierte ein Bonner Wortführer, man hätte je geplant, zweimal deutsche Truppen zu Manövern nach Dänemark zu schicken, und erklärte das einzige durchgeführte Experiment für zufriedenstellend.

Polizei und Truppe stürzen sich vor der Kaserne von Randers auf die Demonstranten
(Foto in „Politiken“ vom 17.3.65)

Am zweiten Tag danach, am 18. März abends, als Martin zusammen mit einer Gruppe von Verantwortlichen für die Demonstration aus seinem Haus (16, Slodsgade) ging (dieses war für die gesamte Organisierung der laufenden Aktion benutzt und folglich überall ein wenig als „das Hauptquartier des Aufstandes“ bezeichnet worden), explodierte in dem Raum, den sie gerade verlassen hatten, eine starke Brandbombe, wobei Martins kleiner Sohn Morton in einem anderen Stockwerk leicht verletzt wurde. In kurzer Zeit war das Haus vollständig ausgebrannt. Dem ersten Eindruck nach handelte es sich um einen Gegenangriff der Ultrarechten. Die Polizei nahm aber sofort Martin fest und beschuldigte ihn einer durch diesen „Vorfall“ wie erwünscht offenbarten terroristischen Aktivität.

Am folgenden Tag schon änderte die Polizei aber ihre wenig vertretbare These. Sie fand den Brandstifter leicht, einen Demonstranten namens Kanstrup, der eine zweite Bombe zusammen mit Gepäck, auf dem sein Name stand, in einer Taxe vergessen hatte. Es lohnt sich, bei Kanstrups Laufbahn etwas zu verweilen: als ein früherer Leiter der „Kommunistischen Jugend“ unterwanderte er eine neo-nazistische Organisation, um ihre Agenten in der DDR zu entdecken und sie den Ost-Berliner Behörden zu denunzieren. So war er wegen Spionage von der Kopenhagener Polizei festgenommen worden. Nach dieser dunklen Wendung war Kanstrup Trotzkist geworden und praktizierte in einer linkssozialistischen Gruppe „Entrismus“, als deren Mitglied er an der Randers-Demonstration teilgenommen hatte — natürlich ohne gesagt zu haben, dass er zwei Bomben mitgenommen hatte.

Das situationistische „Hauptquartier“ am letzten Abend
(Foto erschienen in „Quick“ vom 4.4.65)

Laut Kanstups Aussage bei der Polizei war seine Bombe, die er rein persönlich und nur symbolisch gebrauchen wollte, zufällig bei Martin explodiert. Es war aber klar, dass Kanstrup ein Provokateur war. Man kann noch nicht sagen, ob diese Explosion die physische Beseitigung der Leute bezweckte, die sich kurz vorher in dem Raum befanden, oder nur die Zerstörung des Hauses. Kanstrup hatte entweder selbst einen Zünder betätigt, oder aber ein Komplize hatte die Bombe „scharf gemacht“, indem er eine Handgranate durchs Fenster warf (Kanstrup stellte diese Mutmaßung eine Zeitlang an und widerrief sie dann in Anbetracht des unwahrscheinlichen Zusammentreffens, sowie der eigenen Behauptung, er sei der einzige, der vom Vorhandensein der Bombe gewusst hatte). Wir haben uns nicht darum gekümmert herauszubekommen, ob Kanstrup im Auftrag der Kopenhagener politischen Polizei gehandelt hat, die ihn seit seiner Spionageaffäre manipulieren konnte, oder im Auftrag der Stalinisten — sei es die unbedeutende dänische KP oder ihre direkten Chefs in Ost-Berlin. Denn die Ziele dieser beiden Institutionen gingen in diesem Fall ineinander über. Es kam zunächst darauf an, einen Teil der Demonstranten brutal einzuschüchtern und andererseits Verwirrung zu stiften, indem man darauf hinwies, dass die Organisatoren in eine mit den Ost-Bürokraten in Verbindung stehende terroristische Verschwörung verwickelt sein könnten. Zwar war die dänische politische Polizei an einer solchen Manipulation von Kanstrup am meisten interessiert (wie das Weitere es deutlich genug gezeigt hat), den Stalinisten konnte aber ein Schlag gegen eine autonome Organisation, die gerade ihre mächtige Handlungsfähigkeit gezeigt hatte, nur willkommen sein.

J.V. Martin festgenommen
(photo parue dans « Ekstrabladet » du 19-3-65).
« —— Qui est-ce donc que ce docteur Fu Manchu ?
— Je n‘en ai qu’une vague idée, inspecteur, mais ce n’est pas un criminel ordinaire. C’est le plus grand génie du mal qu’on ait connu sur notre terre depuis des siècles. Il est l’animateur d’un groupe politique dont la richesse est énorme, et sa mission en Europe est de « paver la route ».
Vous me suivez bien ? Il est à l’avant-garde d’un mouvement d’une telle importance politique qu’il n‘est pas un Anglais ou un Américain sur cinquante mille à s’en douter. »
Sax Rohmer. Le Docteur Fu Manchu.

J.V. Martin, der in der deutschen Presse Anarchist und Stalinist zugleich und in jedem Fall Deutschenfeind geschimpft wurde (obwohl auf deutsch verfasste Plakate in Randers nachdrücklich darauf hingewiesen hatten, dieser Empfang sei nur gegen den deutschen Militarismus gerichtet), behauptete, er sei genauso sehr gegen den Warschauer Pakt als gegen die NATO und die Situationisten seien so wenig Deutschenfeinde, dass eine unserer Zeitschriften Der deutsche Gedanke hieße.

Die schwedische Polizei und die skandinavische Presse haben dann in Schweden ein Nazi-Grüppchen entdeckt, das im Besitz einiger Waffen gewesen sein und einige Briefdrohungen geschickt haben soll, und sie haben dadurch versucht, das ausgeglichene Bild symmetrischer Extreme zu malen. Unmittelbar nach der Eröffnung von Kanstrups Prozess gab der Staatsanwalt zum sichtbaren Erstaunen des Verteidigers — des Stalinisten Madsen — plötzlich ohne Erklärung das Delikt der Zerstörung eines bewohnten Gebäudes durch Sprengstoff auf und beschränkte sich auf zwei Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung — die Kanstrup auch zugesprochen wurde — wegen „Sprengstoffbesitzes und Teilnahme an einer verbotenen Demonstration“! Daraus sollte keiner folgern, in Dänemark herrsche dieselbe Justizmilde wie im Kino-Western, denn ein junger Genosse, der eine einfache Tränengasgranate in eine Versammlung des widerlichen Pfarrers Billy Graham geworfen hatte, wurde kurz danach zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Kopenhagener Polizeilaboratorium schlussfolgerte, dass die Bombe deswegen hatte explodieren können, weil die umgebende Wärme über einen bestimmten Grad hinausging (ohne die Tatsache zu berücksichtigen, dass sie in einem ungeheizten Zimmer explodiert war). Endlich verlangte der Anwalt Madson im Dezember die Eröffnung einer neuen Untersuchung, indem er die Polizei von Randers mit großer Genauigkeit beschuldigte, 24 Stunden vorher Kanstrups Attentatspläne gegen Martins Wohnung gekannt und es ihn folglich zumindest durchgeführt lassen zu haben. Er beschuldigte weiter die Armee, hierfür Sprengstoff geliefert zu haben. Die gesamte dänische Presse berichtete über diese Anschuldigungen — inklusive der stalinistischen Tageszeitung Land og Folk vom 1.1.66. So haben die Stalinisten die Rolle des zweideutigen Kanstrup als eines Provokateurs im Dienste der Polizei erst nach der sehr langen Frist enthüllt, während der die Ungewissheit ihrem Vorhaben zugute kam.

Interessant ist diese ganze Affäre als ein Zeichen für das allgemeine Anwachsen der Gewalt unter der bequemen Hülle der skandinavischen Demokratie; und für die Bewegung, die diese Gewalt zu ihrer Umwandlung in die Kritik der Gesellschaft führt, indem sie es in diesem Fall mit den Methoden versucht, die zur Zeit am besten von der Avantgarde Japans ausprobiert werden. Hunderte von jungen „Provos“, die am 10. März die Straßen Amsterdams besetzt hielten und die Hochzeitsfeier der dortigen Prinzessin mit einem ehemaligen Nazi völlig sabotierten, sind das neueste Beispiel für dieselbe Strömung. Bemerkenswerterweise wurde schon am Tag nach dem Zusammenstoß, bei dem die Praxis der S.I. sich als vortrefflich erwiesen hatte, eine andere, von verschiedenen gewaltlosen Organisationen veranstaltete Protestdemonstration in Randers von jungen Rockern angegriffen. Ein weiterer bemerkenswerter Umstand: bei der vollständigen Zerstörung des Hauptpublikationslagers der S.I. in Nordeuropa wurden gleichfalls die meisten 18 Monate vorher für die „Zerstört RSG 6“-Manifestation hergestellten Anti-Bilder (Martin, Bernstein, siehe S.I. Nr. 9) vernichtet. Sicherlich eine Abschaffung der Kunstnegation, die noch nicht ihre Aufhebung ist! Hier wurde die Kunst„oberfläche“ abgebrannt. Recht aufschlussreich ist es auch, dass in Amerika bzw. in Spanien oder bei der Aktionseinheit der marokkanischen und französischen Polizei berühmtgewordene Verfahren bei der Polizei und Armee des sozialdemokratischen Dänemark angewandt werden, wenn es darauf ankommt, eine beunruhigende Bewegung einzudämmen.

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