Internationale Situationniste, Numéro 1
 
1976

Ein Bürgerkrieg in Frankreich

Kein Catilina steht vor unseren Toren, sondern der Tod.

P.-J. Proudhon, an Herzen. 1849.

In den Tagen, in denen diese Zeitschrift gedruckt wurde, entwickelten sich ernste Ereignisse in Frankreich (13. Mai-2. Juni). Ihr weiterer Fortgang kann einen schwerwiegenden Einfluss auf die Bedingungen einer Avantgardekultur sowie auf viele andere Aspekte des Lebens in Europa ausüben.

Stimmt es, dass die Geschichte dazu neigt, das, was eine Tragödie war, als Farce zu wiederholen, so hat sich der spanische Bürgerkrieg durch die Komödie des Endes der IV. Republik wiederholt. Der politische Boden der IV. Republik war durch ihre Irrealität gekennzeichnet und ihr Tod ohne Blutvergießen war unwirklich. Die IV. Republik war ohne den ewigen Krieg in den Kolonien nicht zu denken. Das Interesse der Kolonialkreise war es, ihn zu gewinnen. Das Parlament schien unfähig, das eine oder das andere zu tun, zugunsten der Kolonialisten und der ihnen zum Dienst überlassenen Armee hatte es aber seit Jahren immer mehr Zugeständnisse gemacht, sowie vieles aufgegeben und war bereit, vor der Macht zu weichen.

Als die Armee wie erwartet in Algerien revoltierte, hätte die republikanische Regierung mit geringen Kosten sie wieder in Zucht bringen können und noch am letzten Tag war der Widerstand notwendig und leicht. Sie musste sich aber am Anfang auf das Volk durch seine parlamentarische Linke stützen. Am Ende, nach der Eroberung Korsikas und den Drohungen der Luftlandetruppen gegenüber Paris, hätte sie sich auf die effektive Kraft des mobilisierten Volkes stützen müssen — durch die staatliche Organisation eines Generalstreiks, wie damals in Deutschland der Anfangserfolg des Kapp-Putsches durch die Bewaffnung von Milizen zunichte gemacht wurde. Dieses revolutionäre Verfahren, das den Aufruf an die Männer des Kontingents und an die Mannschaften der Flotte gegen ihre aufrührerischen Chefs und hauptsächlich die Anerkennung der Unabhängigkeit Algeriens nach sich zog, schien viel gefährlicher als der Faschismus zu sein.

In dieser Krise war die KP der beste Verteidiger des parlamentarischen Regimes und nichts mehr. Nun aber hatte das Regime diesen Punkt der Auflösung gerade durch seine Weigerung erreicht, die kommunistischen Stimmen in einer linken Mehrheit zu berücksichtigen. Bis zum Ende war es ein Opfer des einmaligen Einschüchterungsverfahrens geblieben, wodurch die rechte Minderheit stets ihre Politik erzwungen hat — und zwar das des Mythos’ einer KP, die darauf hinarbeiten würde, die Macht zu ergreifen. Die darauf absolut nicht hinarbeitende Partei hatte die Massen also enttäuscht und entwaffnet, ohne dass ihr je eine einzige Aktion im Parlament gelungen wäre; bis zum Ende hat sie auch versucht, ihr Entgegenkommen von denselben Verantwortlichen der Bourgeoisie akzeptieren zu lassen. Diese blieben aber bei ihrer Steinhärte, so dass die Kommunisten ihren ersten parlamentarischen Erfolg nicht verbuchen konnten — das Regime brach vorher zusammen. Am 18. Mai schien es noch möglich zu sein, das Volk, und nicht das Parlament, zum antifaschistischen Kampf zu bewegen. Am Abend des 29. Mai rief die CGT nicht zum unbegrenzten Generalstreik auf — der Hauptwaffe in diesem Kampf — und die Manifestationen am 1. Juni konnten nur Schein sein.

Die Volksmassen sind gleichgültig geblieben, weil ihnen seit langem nur die falsche parlamentarische Alternative angeboten wurde, zwischen der gemäßigten Rechten und der Mäßigung einer Volksfront, die übrigens utopisch war, da die Nicht-Kommunisten sie absolut ablehnten. Die nicht-politisierten Elemente waren durch Presse und Rundfunk eingelullt. Eine Regierung, die diese Informationsmittel aufs Beste kontrolliert und benutzt hätte, hätte genug Zeit gehabt, das Land zu alarmieren aber die kapitalistische Informationsweise folgte ihrer natürlichen Tendenz und schaffte es, einem großen Teil der Bevölkerung den Todeskampf des Regimes zu verheimlichen. Die politisierten Elemente hatten sich seit 1945 an die Niederlage gewöhnt und sie standen mit gutem Recht den Erfolgschancen einer solchen „Verteidigung der Republik“ skeptisch gegenüber. Die Hunderttausenden von Demonstranten jedoch, die am 28. Mai auf den Straßen von Paris marschierten, zeigten, dass das Volk eines Besseren würdig war und dass es im letzten Augenblick doch noch aufgestanden war.

Bisher weist dieser jämmerliche Vorfall keinen modernen Zug auf. Der Faschismus hatte in Frankreich weder eine Massenpartei noch ein Programm. Die einzige Kraft des bornierten und rassistischen Kolonialismus einer Armee, die keinen anderen Sieg in Reichweite sah, hat dem Land als erste Stufe de Gaulle aufgezwungen, der die Schulidee der französischen Nationalgröße des XVII. Jahrhunderts dargestellt und für den Übergang zu einer neuen poujadistisch-militärischen moralischen Ordnung sorgt. In diesem stark industrialisierten Land hat es keine entscheindende Aktion der Arbeiterklasse gegeben. Man ist bis zu einem Punkt politischer „Abwesenheit“ der Bourgeoisie und des Proletariats heruntergekommen, bei dem dann Putsche über die Macht entscheiden.

Wie steht’s also jetzt mit uns? Hier sind die Arbeiterorganisationen unangetastet geblieben; ein Teil des Volkes ist alarmiert; die Armee kämpft in Algerien weiter. Um weiter über Algerien herrschen zu können, sind die Siedler, die schon die Gouvernements in Paris befehligten, bevor sie diese offiziell ernannten, jetzt gezwungen, ohne Opposition in Frankreich zu herrschen. Ihr Ziel ist nach wie vor die Steigerung der Kriegsanstrengung Frankreichs zu ihrem Nutzen, was jetzt die Liquidierung der Demokratie in diesem Land erfordert und den Sieg einer faschistischen Autorität. Können die demokratischen Kräfte in Frankreich das Ruder noch herumreißen, werden sie gezwungen sein, sich konsequent zu verhalten — und zwar bis zur Liquidierung der Siedlerherrschaft über Algerien und Frankreich, d.h. also für die algerische FNL-Republik. Ein gewaltsamer Zusammenstoß ist also auf kurze Sicht unvermeidlich. Die feigen Illusionen über die persönliche Rolle des Generals und Präsidenten, die der Aktionseinheit in den Weg gelegten Hindernisse und ein erneutes Zögern im Augenblick des Kampfbeginns können das Volk noch mehr schwächen und sogar ausliefern — den Ausgang aber nicht aufhalten.

8. Juni 1958
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