Emmerich Nyikos

Emmerich Nyikos, geb. 1958, Studium der Geschichte, lebt als freier Autor in Berlin und Mexiko-City. Zuletzt erschienen: Das Kapital als Prozeß. Zur geschichtlichen Tendenz des Kapitalsystems, Peter Lang (2010). Traforat der Streifzüge.

Beiträge von Emmerich Nyikos
Streifzüge, Heft 49

Schattenwelt oder: Das postmoderne Verschwinden des Werts

Überlegungen zu einer Theorie der Unwirklichkeit
■  Emmerich Nyikos
Juni
2010

1. Bisweilen kann es auch vorkommen, dass (Meister-)Denker einen Ausdruck prägen, der malgré eux den Geist einer Epoche präzis auf den Punkt bringt. So geschehen mit dem mot d’ordre, das die Gegenwart feiert und als Postmoderne firmiert. Man könnte dies auch die List der semiologischen Vernunft (...)

Streifzüge, Heft 52

Reductio ad fictionem

■  Emmerich Nyikos
Juni
2011

1. „Kleider machen Leute“ – Kleider und alles, was noch zum Erscheinungsbild gehört. Wovon ist die Rede? Von einem heruntergekommenen Aristokraten, der so tut, als ob in Wirklichkeit gar nichts vorgefallen wäre. Er weiß den Schein zu wahren, er agiert wie ein wahrer Aristokrat, der er allerdings gar (...)

Streifzüge, Heft 53

„Reich der Notwendigkeit“ und „Reich der Freiheit“

Zum Verhältnis von Arbeit und freier Aktivität
■  Emmerich Nyikos
Oktober
2011

1. „Arbeit“ ist hier als produktive Tätigkeit (genauer: gebrauchswertproduktive) zu verstehen, nicht aber als „Lohnarbeit“, die auf dem Verkauf der Arbeitskraft beruht, welcher Verkauf dann für den Lohnarbeiter die eigentliche „Gewinnung des Lebensunterhalts“ darstellt; diese Unterscheidung ist (...)

Streifzüge, Heft 56

Private Gains and Public Disasters

Oder: Die Unsichtbare Hand spielt verrückt
■  Emmerich Nyikos
Oktober
2012

Nur wenn man oben steht, kann man die Sachen recht übersehen und jegliches erblicken, nicht wenn man von unten herauf durch eine dürftige Öffnung geschaut hat. (Hegel) 1. Konkurrenz ist, einfach gesagt, nichts als das plan- und bewusstlose Zusammentreffen (concurrere) von Privatproduzenten (...)

Streifzüge, Heft 57

Borniertheit und Weitsicht

Über zwei Arten, sich in Bewegung zu setzen
■  Emmerich Nyikos
März
2013

Der Mensch bewegt sich nur, wenn Notwendigkeit ihn aufruft. (Alexander v. Humboldt) Es hat immer wieder Realisten unter den Denkern gegeben, und zweifellos war Alexander von Humboldt einer von ihnen. Denn nichts könnte richtiger sein als der oben zitierte Satz: Nur die Notwendigkeit bewegt das (...)

Streifzüge, Heft 58

Verborgene Herrschaft

Die übergesellschaftliche Macht des gesellschaftlich Gemachten
■  Emmerich Nyikos
Juni
2013

Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen. (F. Engels, Brief an J. Bloch vom 21./22. (...)

Streifzüge, Heft 59

Geistiges Tierreich

■  Emmerich Nyikos
Oktober
2013

Derjenige, der nicht nachdenken will, verzichtet auf die Eigenschaft eines Menschen und soll wie ein entartetes Tier behandelt werden. (D. Diderot) In der Bibel sagt Christus: ,Seid denn ihr nicht besser als die Sperlinge?‘ Wir sind es als Denkende – als Sinnliche so gut oder so schlecht wie (...)

Streifzüge, Heft 62

Freedom and Democracy

Oder: Über die Obsoletheit der Privatperspektive im Bereich der Gesellschaft
■  Emmerich Nyikos
Oktober
2014

… und alles schrie: Freiheit und Democracy. (Bertolt Brecht, Der anachronistische Zug) 1. Was ist der Staat, was auch immer seine Form sei, in welcher Weltregion und in welcher Epoche man ihn auch immer antreffen mag? Er ist die volonté générale der herrschenden Klasse, also der Klasse, welche (...)

Streifzüge, Heft 63

Windmühlengefechte

Warum die „Tauschwertgemeinschaft“ die Welt von „Schurken“ befreit
■  Emmerich Nyikos
März
2015

1. Man wird sich vermutlich erinnern (und wenn man es nicht tut, dann hat man zumindest ein literarisches Vergnügen versäumt), dass Miguel Cervantes seinen Quijote gegen Windmühlen antreten lässt, nicht etwa, weil sich jene dem „Ritter von der traurigen Gestalt“ gegenüber feindlich verhielten – als (...)

Streifzüge, Heft 65

Post-Moderne oder: Die real existierende Absurdität

■  Emmerich Nyikos
November
2015

Brot und Spiele Wie wir wissen oder wissen sollten, wohnt dem Kapitalsystem ein perpetuum mobile inne, ein Motor, der dieses System, unermüdlich, wie es nun einmal ist, dazu treibt, das Produktivkraftniveau ständig zu heben: die Produktion des relativen Mehrwerts respektive, vom Standpunkt einer (...)

Streifzüge, Heft 65

Capital ludens

Das Spielfeld wird zum Trümmerhaufen
■  Emmerich Nyikos
November
2015

Laissez faire, laissez jouer. 1. Spiel in seiner reinsten Form ist ein Handlungsmodus, bei dem das materiale (sachliche) Tun (das Würfeln, das Legen von Karten, das Imitieren von Rollen, das Manipulieren von Steinchen), wie ernst man es auch immer betreibt, nicht auf einen Effekt jenseits der (...)

Streifzüge, Heft 66

Die Notwendigkeit dessen, was unnötig ist

■  Emmerich Nyikos
August
2016

Meinst du, es mache nichts aus, ob du selbst deine Leiden verschuldest oder das Schicksal? (Horaz, Satiren) 1. Die Notwendigkeit eines Tresors resultiert aus dem Besitz von Juwelen. Wer keine Juwelen besitzt, braucht auch keinen Tresor, um sie vor Diebstahl zu schützen. Die Notwendigkeit des (...)

Streifzüge, Heft 67

Irratio capitalis. Über die Idiotie des bürgerlichen Systems

■  Emmerich Nyikos
September
2016

Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. (Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung) Was eigentlich ist ratio, ein Konzept, das seit geraumer Zeit von allen Seiten angeschwärzt wird – wobei sich die Post-Modernen besonders hervortun –, angeschwärzt, genauer (...)

Streifzüge, Heft 68

Bornierte Freiheit oder: Wie man blind und ungeplant ins Desaster stolpert

■  Emmerich Nyikos
Februar
2017

Selbst wenn in einem Boot, das einen reißenden Fluss überquert, die Besatzungsmitglieder beim Rudern sich völlig verausgaben sollten, selbst dann wird das Boot durch die Strömung vom gegenüberliegenden Ufer extrem abgetrieben, sofern jeder allein und für sich, „völlig frei“ sich verausgabt und nicht (...)

Streifzüge, Heft 69

Der Esel und das Messer

■  Emmerich Nyikos
Mai
2017

1. Es ist ein wohldurchdachtes Prinzip jeglicher Wissenschaft, die diesen Namen auch wirklich verdient, alles das an „Argumenten“ sauber wegzuschneiden, was nicht notwendig ist, um einen Sachverhalt zu erhellen – das Überflüssige mit dem Messer zu entfernen, das uns Wilhelm von Ockham als ideales (...)

Streifzüge, Heft 70

Vorwand und Rache

Der Gebrauchswert in der bürgerlichen Gesellschaft
■  Emmerich Nyikos
Juli
2017

Mensch und Sache Während der Wert einer Ware eine Relation zwischen Mensch und Mensch reflektiert, ein gesellschaftliches Verhältnis, das Verhältnis mithin zwischen Privatproduzenten, die nichtsdestotrotz, obgleich unbewusst (und deswegen auch planlos), kollaborieren, der Tauschwert dagegen eine (...)

Streifzüge, Jahrgang 2020

Das Kapital und die Westentaschen-Apokalypse

■  Emmerich Nyikos
April
2020

Es ist ein Irrsinn. (C. Fennesz) 1. Beginnen wir mit einem Gedanken-Experiment: Würde man nicht wissen, dass es sich bei SARS-CoV-2 nicht um das Influenza-Virus handelt – und die Symptome sind ja dieselben –, so würde man das, was jetzt als Pandemie erscheint, als „normale Grippewelle“ durchgehen (...)

Streifzüge, Jahrgang 2020

Rekonstruktion

■  Emmerich Nyikos
Mai
2020

Paradigma, Beobachtung, theoretisches Instrumentarium, Hypothese oder internes Modell, Experimentieren mit einem externen Modell: das sind einige der Ingredienzen, auf deren Grundlage die Wissenschaften von der Natur operieren. Aus diesen Grundstoffen könnte man aber auch, mutatis mutandis, die (...)

Streifzüge, Jahrgang 2020

Logica liber faciei

■  Emmerich Nyikos
Mai
2020

Die „neuen Medien“ – die social media, wie man sie irrtümlich nennt – können, wenn schon sonst nichts zu ihren Gunsten gesagt werden kann, so doch zumindest das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, die „Logik des Alltags“ sicht- und daher auch analysierbar gemacht zu haben, die „Logik“ also, die das (...)

Streifzüge, Heft 79

Distributio abstracta

■  Emmerich Nyikos
Juli
2020

1. Marx sagt in einem seiner Briefe mit der üblichen Prägnanz: „Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind.“ (MEW 32, S. 552) Das ist soweit durchaus richtig. Nur: Was ist unter „Arbeit“ zu verstehen? Seien (...)

Streifzüge, Jahrgang 2020

Das System als Szenarist

■  Emmerich Nyikos
September
2020

1. Wird ein Ball geworfen, so ist es klar, dass ein Werfer für den Wurf verantwortlich ist, also ein Akteur. Denn ohne Akteure – und dies ist trivial – gibt es keine Aktionen, von welcher Art diese immer auch seien. Das ist so selbstverständlich, dass immer, in welchem Bereich es auch sei, davon (...)

Streifzüge, Jahrgang 2020

Karnevaleske Inversionen

■  Emmerich Nyikos
November
2020

1. Res publica: der öffentliche Bereich oder genauer: das, was alle betrifft, d.h. dasjenige, worin man eingebunden ist, ob man will oder nicht. Demgegenüber steht der private Bereich, d.h. alles das, was niemanden sonst etwas angeht oder angehen soll: die res privata mithin. Es dürfte indessen (...)

Streifzüge, Heft 80

Isolation und Assimilierung

■  Emmerich Nyikos
Februar
2021

1. „Bürger“? Was ist mit diesem Ausdruck gemeint? Zweierlei: Man kann darunter sowohl citoyen als auch bourgeois verstehen; zwei Begriffe, die sich eine Ausdrucksform teilen und so Gefahr laufen können, nicht fein säuberlich auseinandergehalten zu werden. Der Unterschied zwischen „Bürger“ und (...)

Streifzüge, Jahrgang 2021

Eidola und logos

■  Emmerich Nyikos
April
2021

1. Niemand, außer Bischof Berkeley (und, um uns nicht auf die abendländische Tradition zu beschränken, schon zuvor der islamische Philosoph Al-Ghazzali), wird wohl bezweifeln wollen, dass es eine objektive Realität außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein gibt, und zwar in dem Sinne, dass, (...)

Streifzüge, Heft 83

Erewhon oder: Der Spiegel aus dem Nirgendwo

■  Emmerich Nyikos
Dezember
2021

1. Utopien sind Phantasiegebilde – daher heißen sie auch so, weil die Schauplätze ou-topoi = „Nicht-Orte“ sind –, deren eigentlicher Sinn darin besteht, eine fundamentale Kritik an der aktuellen Gesellschaft des Autors zu üben: indem man zeigt, wie es anders sein könnte. Dadurch, dass man Zustände (...)

Streifzüge, Heft 85

Ware ohne Wert

■  Emmerich Nyikos
September
2022

Aber ein Gebrauchswert, der nicht das Produkt der Arbeit, kann keinen Wert haben, d.h., er kann nicht als Vergegenständlichung eines gewissen Quantums sozialer Arbeit, als sozialer Ausdruck eines gewissen Quantums Arbeit ausgesprochen werden. Er ist es nicht. Damit der Gebrauchswert als (...)