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- Foto: Von Christian Michelides, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62272910
Geboren am: 17. September 1956
Gestorben am: 11. August 2023
Historikerin, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte — Universität Graz.
Vom „Kampf um die Erinnerung“ zur Inszenierung eines Medien-Hype
Der Wiener Philosoph Rudolf Burger hat mit seinem Artikel „Die Irrtümer der Gedenkpolitik. Ein Plädoyer für das Vergessen“, der im Heft 2/2001 der „Europäischen Rundschau“ und wenig später in gekürzter Form in einem Kommentar des „Standard“ veröffentlicht wurde, für Furore gesorgt. Die (…)

Heidemarie Uhl (geboren am 17. September 1956 in Feldbach; gestorben am 11. August 2023) war eine auf die Zeitgeschichte spezialisierte österreichische Historikerin; Fokus ihrer Arbeit waren die Zeit des Nationalsozialismus, die Gedächtniskultur und die Gedächtnispolitik.
Leben und Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heidemarie Uhl studierte Geschichte und Germanistik an der Universität Graz. Sie wurde mit der 1992 erschienenen Arbeit „Zwischen Versöhnung und Verstörung: eine Kontroverse um Österreichs historische Identität fünfzig Jahre nach dem ‚Anschluss‘“[1] promoviert, welche als „Schlüsselwerk“ österreichischer Erinnerungskultur charakterisiert wurde.[2] Im Jahr 2005 erfolgte ihre Habilitation in Graz in Allgemeiner Zeitgeschichte. Sie arbeitete seit 1988 an der Abteilung Zeitgeschichte der Universität Graz an drittmittelfinanzierten Forschungsprojekten und ab 1989 als Lehrbeauftragte. Seit 2001 war Heidemarie Uhl Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie hielt regelmäßig Lehrveranstaltungen an der Universität Wien ab.
Ihre Forschungsschwerpunkte lagen in den Bereichen „Memory Studies – Gedächtniskultur und Geschichtspolitik mit Schwerpunkt Nationalsozialismus / Zweiter Weltkrieg / Holocaust“, bei der „Österreichischen Zeitgeschichte im europäischen Kontext“ sowie im Bereich „Kultur und Identität in Zentraleuropa um 1900“.[3] Zu den zentralen Ergebnissen ihrer Forschung zählt die Beobachtung eines „antifaschistischen Grundkonsenses“ in Österreich bis 1948/49, bevor sich die Opferthese durchsetzte. Diese definierte sie differenzierter als zweifach wirksam: Erstens wurde auf Ebene der staatlichen Rhetorik (vor allem außenpolitisch) Österreich als angebliche erstes Opfer des Nationalsozialismus dargestellt, zweitens aber setzte sich diskursiv ein Verständnis der österreichischen Bevölkerung als undefiniertes, allgemeines Kollektiv von Opfern durch.[4] Außerdem beschäftigte sich Uhl intensiv mit der Frage der Musealisierung von Zeitgeschichte, Erinnerung und besonders der Shoa-Erinnerung als zentralem negativem Bezugspunkt, um eine Zugehörigkeit zur „westlichen Welt“ zu bestätigen.[5]
Uhl war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien und am Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas. Gastprofessorin war sie an der Hebräischen Universität Jerusalem, der Universität Straßburg, der Andrássy Universität Budapest und an der Stanford University.[6] Entscheidend beteiligt war sie an der Gründung des Hauses der Geschichte Österreich als stellvertretende Vorsitzende des internationalem wissenschaftlichen Beirats.[7] Das Programm des Museums prägte sie als Kuratorin und Konsulentin bis zu ihrem Tod maßgeblich.[8] Sie war Mitglied der österreichischen Delegation zur International Holocaust Remembrance Alliance und im Beirat zur Errichtung von Gedenk- und Erinnerungszeichen der Stadt Wien[9] sowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift zeitgeschichte.[10] Sie unterzeichnete die Jerusalem Declaration on Antisemitism.[11] Für das im Jahr 2014 übergebene Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz, über das in einem Wettbewerb entschieden wurde, saß u. a. Heidemarie Uhl in der Jury.
Heidemarie Uhl starb am 11. August 2023 nach kurzer Krankheit im Alter von 66 Jahren.[12][13] Ihre Urne wurde in Graz am Friedhof St. Peter beigesetzt.[14]
Die Kulturabteilung der Stadt Wien schrieb „in Erinnerung an Heidemarie Uhl“ 2024 den Projekt-Call „Geschichte(n) Wiens: Projekt-Call für zeitgemäße Formen des Erinnerns“ aus, das Haus der Geschichte Österreich widmete der Erinnerung an Uhl im selben Jahr die noch mit ihr entwickelte Ausstellung „Holidays in Austria. Ein Urlaubsland erfindet sich neu“.[15][16]
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1999: Victor-Adler-Staatspreis für Geschichte sozialer Bewegungen
- 2018: Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien[17]
Schriften und Werke (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Monografien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Geschichte der Steirischen Kammer für Arbeiter und Angestellte in der Ersten Republik. Unter Mitarbeit von Ursula Leiner. Europaverlag, Wien 1991, ISBN 3-203-51156-8.
- Zwischen Versöhnung und Verstörung. Eine Kontroverse um Österreichs historische Identität fünfzig Jahre nach dem „Anschluß“. Böhlau, Wien 1992, ISBN 3-205-05419-9 (= Böhlaus Zeitgeschichtliche Bibliothek, Band 17, zugleich Dissertation an der Universität Graz 1988 – eingeschränkte Vorschau).
Aufsätze, Herausgeberschaft, Sonstiges
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- (Hrsg.): Kultur – Urbanität – Moderne. Differenzierung der Moderne in Zentraleuropa um 1900. Passagen, Wien 1999, ISBN 3-85165-335-1 (Aufsatzsammlung).
- darin: Bollwerk deutscher Kultur. Kulturelle Repräsentationen nationaler Politik in Graz um 1900, 39–81.
- Transformationen des österreichischen Gedächtnisses. In: Transit. Nr. 15, 1998, S. 100–119.
- Transformationen des österreichischen Gedächtnisses. Geschichtspolitik und Denkmalkultur in der Zweiten Republik. In: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte. Band 29, 2000, S. 317–341.
- Kulturelle Strategien nationaler Identitätspolitik in Graz um 1900. In: Johannes Feichtinger, Peter Stachel (Hrsg.): Das Gewebe der Kultur. Kulturwissenschaftliche Analysen zur Geschichte und Identität Österreichs in der Moderne. StudienVerlag, Innsbruck 2001, S. 87–96.
- Vom Opfermythos zur Mitverantwortungsthese. NS-Herrschaft, Krieg und Holocaust im „österreichischen Gedächtnis“. In: Christian Gerbel u. a. (Hrsg.): Transformationen gesellschaftlicher Erinnerungen. Studien zur „Gedächtnisgeschichte“ der Zweiten Republik (= kultur.wissenschaften. Band 9). Wien 2005, S. 86–130.
- Von ‚Endlösung' zu ‚Holocaust'. Die TV-Ausstrahlung von ‚Holocaust' und die Transformationen des österreichischen Gedächtnisses. In: Historische Sozialforschung. Band 30, Nr. 4, 2005, S. 29–52.
- (Hrsg.): Zivilisationsbruch und Gedächtniskultur. Das 20. Jahrhundert in der Erinnerung des beginnenden 21. Jahrhunderts. Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2003, ISBN 3-7065-1923-2 (zu einem Kongress in Wien 2002).
- From Victim-Myth to Co-Responsibility Thesis. Nazi Rule, World War II and the Holocaust in Austrian Memory. In: Richard Ned Lebow u. a. (Hrsg.): The Politics of Memory in Postwar Europe. Durham 2006, S. 40–73.
- Gesellschaft – Gedächtnis – Kultur. Zu den Transformationen der österreichischen Zeitgeschichtsforschung. In: Margit Franz, Heimo Halbrainer, Gerald Lamprecht, Karin M. Schmidlechner, Eduard G. Staudinger, Monika Stromberger, Andrea Strutz, Werner Suppanz, Heidrun Zettelbauer (Hrsg.): Mapping Contemporary History. Zeitgeschichten im Diskurs. Wien/Köln/Weimar 2008, S. 27–48.
- Conflicting Cultures of Memory in Europe. New Borders between East and West? In: Israel Journal of Foreign Affairs. Band 3, Nr. 3, 2009, S. 59–72.
- Culture, Politics, Palimpsest. Theses on Memory and Society. In: Małgorzata Pakier, Bo Stråth (Hrsg.): A European Memory? Contested Histories and Politics of Remembrance. New York/Oxford 2010, S. 79–86.
- Lokal – transnational – europäisch. Gedächtnis im postnationalen Zeitalter. In: Gerald Lamprecht, Ursula Mindler, Heidrun Zettelbauer (Hrsg.): Zonen der Begrenzung. Aspekte kultureller und räumlicher Grenzen in der Moderne. transcript, Bielefeld 2012, S. 157–169
- Schuldgedächtnis und Erinnerungsbegehren. Thesen zur europäischen Erinnerungskultur. In: theologie.geschichte. Beiheft 5, 2012, S. 193–214.
- mit Bogusław Dybaś, Tomasz Kranz, Irmgard Nöbauer (Hrsg.): Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Polen und Österreich. Bestandsaufnahme und Entwicklungsperspektiven. Peter Lang, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-631-62461-6.
- mit Ljiljana Radonić (Hrsg.): Gedächtnis im 21. Jahrhundert. Zur Neuverhandlung eines kulturwissenschaftlichen Leitbegriffs. transcript, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3236-1.
- Wien, Heldenplatz, 15. März 1938. In: Monika Sommer (Hrsg.): The Voices. Haus der Geschichte Österreich, Wien 2018, S. 18–35.
- mit Dieter J. Hecht, Michaela Raggam-Blesch (Hrsg.): Letzte Orte. Die Wiener Sammellager und die Deportationen 1941/42. Mandelbaum-Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-99136-016-2.
- Gedenkjahre. Editorial. In: zeitgeschichte. Band 46, Nr. 4, 2019, S. 453–460
- Monika Sommer, Michaela Raggam-Blesch, Heidemarie Uhl: Nur die Geigen sind geblieben. Alma & Arnold Rosé. Haus der Geschichte Österreich, Wien 2019
- mit Ljiljana Radonić (Hrsg.): Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung. transcript, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-8376-5111-9.
- mit Richard Hufschmied, Dieter A. Binder (Hrsg.): Gedächtnisort der Republik. Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg. Geschichte – Kontroversen – Perspektiven. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2021, ISBN 978-3-205-20905-8.[18]
Interviews, Videos, Streams
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Heidemarie Uhl: Das österreichische Gedächtnis auf YouTube, 1. Februar 2019, abgerufen am 15. August 2023.
- oe1: März 1938: Radiokolleg, Teil 4 – Heidemarie Uhl auf YouTube, 11. März 2018, abgerufen am 15. August 2023.
- profil-Podcast: Darf man Denkmäler stürzen, Heidemarie Uhl? auf YouTube, 27. Juni 2021, abgerufen am 15. August 2023.
- #nachgefragt bei Heidemarie Uhl, Haus der Geschichte Österreich, 15. Mai 2020, abgerufen am 24. August 2026.
- Alfred Klahr Gesellschaft: Die Moskauer Deklaration und der Umgang Österreichs mit der „Opfer-These“
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Aleida Assmann: Zur Erinnerung an Heidemarie Uhl: Gedächtnis als Gewissen der Nation. In: Der Standard vom 20. September 2023, abgerufen am 1. Dezember 2025.
- Michaela Raggam-Blesch: Nachruf auf Heidemarie Uhl (1956–2023). In: zeitgeschichte, Bd. 50 (2023), Heft 3, S. 315–318.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Heidemarie Uhl im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Heidemarie Uhl in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Publikationsverzeichnis und Biografie auf der Seite der Österreichische Akademie der Wissenschaften
- Biografie und Sammlung von Beiträgen auf der Seite des Hauses der Geschichte Österreich
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Heidemarie Uhl: Zwischen Versöhnung und Verstörung. Eine Kontroverse um Österreichs historische Identität fünfzig Jahre nach dem „Anschluß“. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1992.
- ↑ Vgl. Hannes Obermair: Rezensionsessay zu: Gräser, Marcus; Rupnow, Dirk (Hrsg.): Österreichische Zeitgeschichte – Zeitgeschichte in Österreich. Eine Standortbestimmung in Zeiten des Umbruchs. Wien 2021. In: H-Soz-Kult, 15. März 2023, abgerufen am 17. Januar 2025.
- ↑ Eintrag auf der Webseite der Österreichische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 19. August 2023.
- ↑ Heidemarie Uhl,: Opferthesen, revisited. Österreichs ambivalenter Umgang mit der NS-Vergangenheit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Band 68, 2018, S. 34–54.
- ↑ Ljiljana Radonić, Heidemarie Uhl: Gedächtnis und Erinnerungskultur. In: Marcus Gräser, Dirk Rupnow (Hrsg.): Zeitgeschichte in Österreich, Österreichische Zeitgeschichte. Böhlau, Wien, Köln, Weimar 2021, S. 263–283.
- ↑ Eintrag auf der Seite der Stanford University, abgerufen am 15. August 2023.
- ↑ Heidemarie Uhl. ÖAW, abgerufen am 27. Februar 2019.
- ↑ Haus der Geschichte Österreich - hdgö. Abgerufen am 24. August 2026.
- ↑ OTS: Blimlinger bestürzt über den frühen Tod der Zeithistorikerin Heidemarie Uhl, abgerufen am 15. August 2023.
- ↑ Verein zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte > Zeitschrift „zeitgeschichte“ > Redaktion. Universität Wien, abgerufen am 27. Februar 2019.
- ↑ The Jerusalem Declaration on Antisemitism, abgerufen am 15. August 2023.
- ↑ Tragischer Verlust: Zeithistorikerin Heidemarie Uhl verstorben. ots.at, 14. August 2023, abgerufen am 14. August 2023.
- ↑ Zeithistorikerin Heidemarie Uhl verstorben. orf.at, 14. August 2023, abgerufen am 14. August 2023.
- ↑ Parte Heidemarie Uhl. In: trauerportal.at. Abgerufen am 14. April 2024.
- ↑ Holidays in Austria. Reinventing a Tourist Destination. Abgerufen am 29. August 2026 (englisch).
- ↑ Monika Sommer, Stefan Benedik, Antonia Heidl: Holidays in Austria. Reinventing a Tourist Destination. Haus der Geschichte Österreich, 2024, ISBN 978-3-01-000055-0.
- ↑ Rathauskorrespondenz vom 4. Mai 2018, abgerufen am 14. Mai 2018.
- ↑ Rezension von Jörg Echternkamp in: H-Soz-Kult, 15.09.2022, abgerufen am 15. April 2023.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Uhl, Heidemarie |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichische Historikerin |
| GEBURTSDATUM | 17. September 1956 |
| GEBURTSORT | Feldbach (Steiermark) |
| STERBEDATUM | 11. August 2023 |


