Weg und Ziel, Heft 4/1995
Oktober
1995

C. G. Jung und der Faschismus

Heinz Gess, Vom Faschis­mus zum Neuen Denken. C. G. Jungs Theorie im Wandel der Zeit; Verlag Dietrich zu Klampen; Lüneburg 1994, 350 Seiten, 355 Schilling.

Was Heinz Gess in seinem Buch »Vom Faschismus zum Neuen Denken — C. G. Jungs Theorie im Wandel der Zeit« in akribischer Kleinarbeit zusammengetragen hat, hilft, den Zusammenhang zwischen den für das „Neue Denken“ stehenden Bewegungen des New Age, der Esoterik und der Anthroposophie mit dem Faschismus aufzuklären. Gess liefert Aufschlüsse über die Gefahren des „Neuen Denkens“, das nicht als Privatheit einiger SpinnerInnen abgetan, sondern konsequent auf seinen ideologischen Kern untersucht und mit dem Denken C. G. Jungs in Verbindung gebracht wird. Die Psychoanalyse C. G. Jungs wird als entscheidendes Fundament ausgemacht, auf dem sich Apologeten wie Rudolf Bahro, Rainer Langhans, Bhagwan, oder der bekannte Schriftsteller und Fernsehmoderator Franz Alt (er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ), wiederfinden. Ihnen widmet Gess jeweils eigene Kapitel, in denen ihr Denken in Verbindung zu C. G. Jung dargelegt wird. Entscheidend für die Verknüpfung zwischen Faschismus und „Neuem Denken“ ist ihre strukturelle Kompatibilität. Gess macht dies an der Beurteilung des Nationalsozialismus bei C. G. Jung deutlich. Entgegen bisherigen Untersuchungen zu C. G. Jung, die sein, vor allem in den Anfangsjahren der faschistischen Herrschaft offenes, Eintreten für den Nationalsozialismus als Fehltritt beurteilen und als Beleg Schriften Jungs aus den Jahren 1945/46 anführen, in denen er angeblich eine deutliche Kritik am Nationalsozialismus formuliert habe, weist Gess eine besonders ausgeprägte Affinität Jungs zum Nationalsozialismus nach, dessen ideologischer Bestand auch nach 1945 fortbesteht. Für Jung war Hitler 1933 „,der verantwortungsbewußte Träger und Führer‘, der, weil er ,nach Innen zu feststehe‘, ,den Mut zum Alleinvorangehen‘ besitze, und ,sozial lösend, erlösend, umgestaltend und heilend‘ wirke.“ (S. 30) In der nationalsozialistischen Bewegung sah Jung eine religiöse Bewegung, „die aus der Rückwendung zu den kollektiven Archetypen die Heilsordnung hervorbringen könne.“ (S. 30)

Gess Bilanz der Aufsätze C. G. Jungs aus den Jahren 1945/46 über den Nationalsozialismus ist eindeutig, sie erklären das Geschehen so, „daß den Tätern und Mitmachern die ,Lust‘ an den Notwendigkeiten der Weltordnung, die Auschwitz möglich machte, erhalten bleibt“, und er schreibt weiter Adorno zitierend: „,Das Geschäftsinteresse, daß man seinen eigenen Vorteil vor allem anderen wahrnimmt und , um nur ja nicht sich zu gefährden, sich nicht den Mund verbrennt‘, nur ja nicht tangiert wird, ganz so, als sei das Schweigen unterm Terror nicht die Konsequenz solchen Geschäftsinteresses gewesen (...).“ (S. 27) Reue und Einsicht kann Gess bei Jung nicht ausmachen, der bereits 1945 zur „Vergangenheitsbewältigung“ einlädt, wie sie heute allenthalben zum Handwerkszeug all jener gehört, die dem Nationalsozialismus auch „Gutes“ bescheinigen und fordern, daß unter den „Rest“ endlich ein Schlußstrich zu ziehen sei. Jung forderte bereits damals die Deutschen auf, ihre Schuld anzunehmen, aber trotz allem dem grauenvollen Geschehen etwas Positives abzugewinnen und die „Geschichte des Nazifaschismus als die Geschichte eines seelisch Erkrankten zu verstehen, der für seine Taten zumindest nicht voll verantwortlich erklärt werden dürfe.“ (S. 28) Genau an dieser Stelle werden von Jung entscheidende Positionen seiner Lehre über den Nationalsozialismus hinaus gerettet und sogar verstärkt. Statt sie einer kritischen Überprüfung zu unterziehen, wird der Nationalsozialismus zur Quasi-Bestätigung umgedeutet: „Da nun habe ,der Deutsche‘ heute voranzugehen und der Welt nach allem, was geschehen sei, die Wende zum Guten vorzuleben. Weil er das absolut Böse ,durchlitten‘ habe, sei er wie sonst niemand bereit zur inneren Wende und habe damit ,die einzigartige Chance, eine Unterlassungssünde gutzumachen, die unsere ganze Kultur angeht.‘“ (S. 29) Die aufgezeigten Wendungen in C. G. Jungs Denken sind jedoch nur Schein-Wendungen. In seinen biographischen Analysen und vor allem in seinem umfangreichen Kapitel über den Antisemitismus, weist Gess eine Kontinuität in C. G. Jungs Denken nach, die auch den Nationalsozialismus unbeschadet und vor allem unkorrigiert, ohne leiseste Zweifel und Bedenken, übersteht. Sein Verhalten ist sehr stark von taktischen Überlegungen bestimmt, die er als Schweizer mit ungebrochener Sympathie für den Nationalsozialismus, vor allem in Bezug auf die kritischere Haltung der „Weltmeinung“, und damit auch der wissenschaftlichen Fachkreise, einnimmt. „Der instinktive Konformismus“, den Gess bei C. G. Jung erkennt, „ist in der Archetypenlehre selber angelegt“: Die Archetypenlehre ist das Kernelement der Jungchen Lehre, deren Ausgangspunkt das von ihm postulierte „kollektive Unbewußte“ bildet. In der Archetypenlehre wird der Mensch als soziales Wesen negiert und auf eine kollektive Natur reduziert. „So können sich auch die Archetypen, laut Jung, nach Völkern und Stämmen bis hinunter zu Familien differenzieren, und deshalb sei es durchaus angebracht, von rassenspezifisch differenzierten Einheiten des ,kollektiven Unbewußten‘ auszugehen,“ (S. 12) erläutert Gess. Deutlich wird dies an einer weiteren Stelle aus Jungs Werk: „Die Archetypen ,seien‘ dem menschlichen Geiste eingegrabene Naturbilder (...), nach denen er seine Urteile forme.“ (S. 11) Auf solcher Grundlage gedeihen Rassismus und Antisemitismus vortrefflich. Die Anlehnung an die Macht — ob real präsent wie im Nationalsozialismus oder im „kollektiven Unbewußen“ schlummernd — wird zum Kennzeichen C. G. Jungs und seiner Apologeten. Die Identifikation mit der bestehenden Autorität oder Kritik an der bestehenden Autorität, bei gleichzeitiger Identifikation mit der neuen, zeichnen den „autoritären Rebellen“ aus: „Jung ist ein klassischer Fall autoritären Rebellentums.“ (S. 208) Stimmigkeit gibt es daher bei Jung nicht, „nur ist das nicht unpolitisch, sondern sich als Politik verleugnende Politik: bewußtlose, in ironischem Sinn wirklich schon zum archetypischen Instinkt gewordene Politik des berechnenden Einverständnisses mit dem Gegebenen, wie es nun einmal ist.“ (S. 202) Die Forderung nach einem „Grünen Hitler“ (Bahro) oder nach einer „Weiterentwicklung dessen, was da von Hitler versucht wurde“ (Langhans), passen da sehr gut ins spirituell-religiöse Weltbild des zum Ökofaschismus gewandelten ,ökologischen‘ Bewußtsein, wie es allenthalben im Naturwahn der Ökologiebewegung zu finden ist. Die Grundlagen dieses Denken liegen bei C. G. Jung, und dies deutlich herausgearbeitet zu haben, das ist der Verdienst von Heinz Gess.

In weiten Teilen gut lesbar, wenn auch gelegentlich die Fülle der Belege den Lesefluß etwas behindert, ist das Buch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Debatte um New Age, Esoterik und Anthroposophie. Im Rahmen der in der Tradition Kritischer Theorie stehenden Untersuchung werden die ideologischen Grundlagen für eine weitere, kritische Auseinandersetzung mit den neuen spirituellen Weltbildern herausgearbeitet. Daher ist es gerechtfertigt dieses Buch künftig als eines der Standardwerke anzusehen, das auch für die Diskussion um die Aktualisierung rechtskonservativer und nationalrevolutionärer Ideen der Weimarer Republik (vor allem bei der „Neuen Rechten“ aber auch im rechtskonservativen Lager) einen wichtigen Beitrag leistet, denn C. G. Jung ist „der konservative Revolutionär der Psychoanalyse.“ (S. 163)

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