Wiener Tagebuch
Dezember
1989

Das Wiener Tagebuch

Im Sommer 1989 feierte das Wiener Tagebuch sein zwanzigjähriges Bestehen und es war, zumindest in den letzten Jahren, jedes Mal ein Wunder, daß dieses dezidiert politische Blatt Monat für Monat weiter erschien, obwohl keine Bewegung, kein großer Geldgeber und kein festumrissenes Glaubensbekenntnis „dahinter" steht. In der Jubiläumsnummer erzählte die 80jährige Ex-Kommunistin, Alt- und Neu-Linke Toni Lehr, daß diese Zeitschrift schon immer ein Mittel war, um die Krise der Linken zu überleben, ohne zu resignieren oder auf der falschen Seite zu landen.

Seit diesem Sommer ist vieles passiert, das die Überlebenschancen einer linken politischen Zeitschrift verringert, obwohl man sich innerhalb der Redaktion einig ist, daß gerade jetzt ein Weitermachen notwendig und spannend sein könnte: Das Wiener Tagebuch wurde 1969 von Leuten gegründet, die aus der Arbeiterbewegung der Vorkriegszeit kamen, viele von ihnen waren in Spanien, in der Emigration, im Widerstand gewesen und nach 1945 mit Enthusiasmus zurückgekommen, um eine bessere (und wie nicht wenige von ihnen meinten, hieß das „sozialistische“) Welt aufzubauen. Mit den Ereignissen 1956 in Ungarn, den Enthüllungen über stalinistische Säuberungen, über den Gulag, die Verschleppung und Auslieferung von österreichischen und deutschen Genossen während des Kriegs zerbröckelten die Illusionen dieser Kommunisten, die nach dem Ende des Prager Frühlings aus der Partei austraten bzw. ausgeschlossen wurden.

Es gab das „Tagebuch“ als Intellektuellen-Organ der KPÖ seit 1948 (in bewußter Anlehnung an Schwarzschilds berühmtes Vorbild), der Kreis, der diese Zeitschrift machte, war schon in den 50er Jahren von der Partei mehr geduldet als geliebt, und da es in Österreich nichts Vergleichbares gab, war es die Zeitschrift für Intellektuelle, bis weit in liberale und kirchliche Kreise. „Wir hatten phantastische Menschen, weit mehr, als es der Größe der Partei entsprach“ — Leute wie Ernst Fischer, Viktor Matajka, Bruno Frei, Franz Marek waren weit über Österreich und über die Linke hinaus geschätzt. Von ihnen gingen wichtige Impulse für den Eurokommunismus aus, und sie zählten zu den engagiertesten Protagonisten des Prager Frühlings. Der Linienwechsel der KPÖ vom Befürworter des Sozialismus mit menschlichem Antlitz zur dogmatischen Sowjetunion-Gefolgschaft nach 1969 war schließlich auch der Grund, daß die Partei das ketzerische Organ einstellen wollte. Mit einer — damals noch unüblichen — „Bürgerinitiative“ entschlossen sich die zensurierten Mitarbeiter, die Zeitschrift weiterzuführen, keine einzige Nummer fiel aus, obwohl Druckerei, Verlag und das Geld der Partei nicht mehr verfügbar waren; der Name mußte geändert werden, als „Wiener Tagebuch“ wurde es in den letzten zwanzig Jahren von seinen Abonnenten und einem „Verein Freunde des Wiener Tagebuchs“ getragen.

Ihr besonderes Profil gewann die Zeitschrift durch ihre Berichterstattung über Entwicklungen im Osten, von und über Dissidenten, die enge Verbindung vor allem zu italienischen und französischen Reformkommunisten und weil sie immer die Verbindung zwischen alter und neuer Linker repräsentierte. Die Auseinandersetzung mit dem Faschismus, mit Minderheiten, ökonomische und soziale Analysen und ein ausführlicher Rezensionsteil, der auch über Verlage mit wenig Werbeetat informiert, hat sie vor dem Provinzialismus österreichischer Presseorgane bewahrt — Wien ist ein günstiger Standort für Grenzüberschreitungen. Die Übersetzung politischer oder literarischer Beiträge aus anderen Organen, aber auch Originalbeiträge von Rossana Rossanda oder André Gorz, von Agnes Heller oder Paul Parin haben den angenehmen Nebeneffekt, daß man weiß, es gibt immer noch ein Netzwerk, das die Erben der Aufklärung ohne einheitliche Linie verbindet.

Vor einem Jahr haben neue Mitarbeiter den Generationswechsel vollzogen, mit der Last und dem Bonus dieser im deutschen Sprachraum in solcher Kombination einmaligen Tradition. Jetzt wird das „Wiener Tagebuch“ vorwiegend von der jüngeren, auch nicht mehr ganz jugendlichen Generation der 30-40jährigen gemacht, die Kontinuität wird noch durch den jahrelangen Redakteur Leopold Spira garantiert. Schriftsteller(innen) wie Erich Hackl, Karl-Markus Gauß oder Ilse Pollack haben bewirkt, daß nun Literatur mehr zur Geltung kommt, fundierte Berichte über Lateinamerika (so zählt Eduardo Galeano, Autor der „Offenen Adern Lateinamerikas“ zu den regelmäßigen Mitarbeitern) und mehr Spielraum für subjektive, auch unabgesicherte Berichte über Initiativen oder Bewegungen, in denen man das Gras wachsen hört, sind hinzugekonnnen. Es ist dadurch von Themen und Autoren her offener geworden, was sich nicht zuletzt darin ausdrückt, daß nicht mehr die theoretische Linie, sondern die Beobachtung verschiedener Veränderungen, unfertige Gedanken, etwas sinnlichere, gelegentlich sogar humorvolle Artikel in den Vordergrund treten. Dezidiert gegen den „Zeitgeist“, ist die Redaktion ganz altmodisch der Ratio und Aufklärung verpflichtet, erstaunlich kosmopolitisch. Durch ihre Geschichte gründlich kuriert von allen Dogmen, merkt man doch, daß es bei allen Fragezeichen um einen Standpunkt geht — wobei immer noch die „kritische Solidarität“ mit sozialistischem Gedankengut den roten Faden abgibt.

Heute steht sie irgendwo zwischen lettre, links, taz, il manifesto, undogmatischen marxistischen Theorieblättern — weniger langweilig, nicht zuletzt, weil die Gedanken nicht so zu Ende formuliert und „ausdiskutiert“ werden, wie dies in den vergleichbaren deutschen Zeitschriften geschieht. Es ist immer noch eine der interessantesten und lebendigsten linken Zeitschriften mit internationalem Profil — verbreitet in allen Ländern, in die es Emigranten verschlagen hatte, von Mexiko bis Shanghai, Australien über Israel, USA bis Skandinavien; die Auflage von knapp 3000 Exemplaren muß heute schon — erst recht in einem Land wie Österreich — als viel gelten.

Aber die Ereignisse der letzten Monate haben die Diskussion über Sinn, Zweck und Möglichkeiten einer solchen „sanften Erneuerung“ neu entfacht. Nicht nur kann ein Blatt, das sich gerade noch eine halbe bezahlte Kraft leisten kann, mit den aktuellen Berichten über die Entwicklungen im Osten — durchgefaxt von gut bezahlten Redakteuren — nicht konkurrieren, kann eine Monatszeitschrift mit dem Tempo der Veränderungen kaum mithalten — es ist, gerade bei der Geschichte des „Wiener Tagebuchs“ auch mehr denn je die Frage, ob nicht eine ganz andere Zeitschrift nötig wäre, um als Linke die Entwicklungen kritisch zu begleiten. Denn die Zeit der klugen Analysen und Hintergrundberichte von einem wie auch immer vagen sozialistischen Standort scheint vorbei. Im Umkreis des Tagebuchs stellt sich die Frage, ob nicht auch hier eine Pause zum Nachdenken, Meinung bilden und Ideen sammeln nötig wäre. „Anders als Gorbatschow oder Modrow könnten wir uns das leisten. Wir sind ja bestenfalls Nahrungsmittel für eine kleine, unverbesserliche Minderheit“, meint eine Redakteurin.

Daß es mehr Fragen als Antworten gibt, drückt sich in den letzten Nummern aus. Die Diskussion um Demokratie nimmt breiten Raum ein. Historische Beiträge, Seiten-Blicke, die Anspielungen und Material für ungewöhnliche Gedankenverknüpfungen enthalten, sind nicht nur ein Versuch, sich gegen den Zeit- und Aktualitätsdruck zu behaupten, sondern auch die Themenpalette weit zu öffnen. Nicht über Nationalismus in Ungarn, sondern die Suche nach dem Grab des Nationaldichters Petöfi, nicht über Gorbatschow-Euphorie, sondern über die Kontinuität von Stalinismus in der Nationalitätenfrage, nicht über die von Menschen bevölkerte Fahrbahn des Ku-Damms, sondern über die Sozialgeschichte des Gehens kann man in den letzten Nummern lesen.

Gegen oder als Ergänzung zur Europa-Vereinigung wird ein Mitteleuropa gedacht, das es so nicht gegeben hat, nicht Völkerkerker, sondern das Zusammenleben verschiedener Völker bei Wahrung der eigenen Kultur sind in der Österreichischen Landschaft wichtig. Gedenktage — wie den Beginn des 2. Weltkriegs — beschreibt hier ein Zeitzeuge, der gerade noch dem französischen Lager entkam, eine Artikelserie über die Mißwirtschaft der Planwirtschaft hat die Dinge benannt, bevor sie in der DDR öffentlich diskutiert wurden. Die Nachtigall tapst wohl, wenn von den schwierigen Zeiten für politische Zeitschriften die Rede ist. Aber auch Thatcherismus und grüne Politik, Nicaragua und Rechtsradikalismus in USA, immer wieder Ungarn, Polen, Tschechoslowakei und in fast jeder Nummer ungewöhnliche Literatur sind in den Heften enthalten. Auch die Kulturpolitik hat — meist in Form von Polemik — ihren festen Platz.

Die Jubiläumsnummer zeugt mit ihren Zitaten aus den Jahren 1969, 1971 von erstaunlicher Aktualität des Problems, die Krise der Linken durch weiteres Fragen und Nachdenken jenseits der gewohnten Raster zu überwinden. Wenn es, wie dies in den letzten Nummern versucht wird, gelingt, die Gruppen und Initiativen von wie auch immer gearteten rationalen Linken oder auch nur kritischen Geistern, sei es unter Ärzten, Waldheimgegnern, Frauen, Kulturniks, Kirchenopposition etc., anzusprechen, so könnte es sein, daß die Zeitschrift nicht nur für ihre Liebhaber überlebt, sondern ein Forum für die Diskussionen wird, die jetzt erst anfangen.

Zur Zeit aber mangelt es an Geld und an Leuten, die ein neues Konzept mittragen. Ideen dazu gibt es. Unter Nutzung der Tradition, und weil man hier mit der Erfahrung, daß es nicht weitergeht, leben gelernt hat, wird vorerst weitergemacht.

Von Wien aus ließe sich mit Abstand zum Traum vom geeinten Deutschland und der Nähe zum Osten eine Diskussion führen, die nicht von der Schadenfreude und dem kurzfristigen Interesse der großen Medien geprägt wird.

Das Wiener Tagebuch ist ein Blatt für Trotzdemisten, die immer noch nicht mythisch, postmodern oder katastrophitisch gestimmt sind. Ob es das weiter sein kann, wird davon abhängen, ob neue Leser hinzukommen, sich vielleicht doch noch Förderer und Mäzene finden und ob es gelingen wird, das Netzwerk jüngerer Linker fester zu knüpfen.

aus: „Listen“, Winter 1989

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