Weg und Ziel, Heft 4/1995
Oktober
1995

Frauenhetz

DIFFERENZen und VERMITTLUNG. Feminismus — Bildung — Politik; edition FRAUENhetz, Wien 1995, 150 Seiten, 147 Schilling.

„Nun ist Schreiben ebenso, und explizit bei unserer Herangehensweise — die der Debatte um jeden einzeln verfaßten Text — eine spezifische Art des Tätigseins; und keine die an Bildung interessiert ist, kann sich diesem Widerspruch entschlagen“ schreibt Birge Krondorfer im Vorwort fast rechtfertigend — wem gegenüber eigentlich? Konkret wollen die Frauenhetz-Frauen damit sagen, daß die Theorie natürlich nicht geleugnet werden soll und kann, daß sie aber auch in ihr nicht versinken wollen.

Mit ihrem im bescheidenen Outfit im Eigenverlag erschienenen Buch treten die Frauenhetz-Frauen nun erstmals gemeinsam publizistisch auf die Bühne und verbinden damit auch den „Wunsch nach einer weiteren weiblichen Öffentlichkeit“. Die Frauenhetz als Ort — selbstgeschaffen autonom feministisch — angesiedelt im 3. Wiener Gemeindebezirk, existiert bereits seit November 1993. Von Anbeginn wurde der Anspruch formuliert, abstrakt vermitteltes Universitätswissen mit weiblichem Erfahrungswissen, Wünschen, Utopien und der Politik der Frauenbewegung zu verknüpfen.

Sodann erfahren wir im ersten Kapitel auch einiges über die Entstehungsgeschichte der Frauenhetz als „Ort der (Ver-)Sammlung und politischen Bildungsreflexions(entwicklung)“, als Ort weiblichen Kommen und Gehens. Die Autorinnen lassen uns zunächst an ihrer Reflexionsarbeit zu den drei Vortragsreihen „Nationalismen, Nationalsozialismus, Rechtsextremismus“, „Frauen-Körper-Sex-Hygiene-Techniken“ und „Mädchen bevorzugt“ teilnehmen.

Inhalte wie Weiblichkeitsbilder in rechtsextremen Diskursen, historische und gegenwärtige Beteiligungsdynamiken von Frauen, Hannah Arendts Begriff von totaler Herrschaft, bestimmen den ersten Zyklus. In der „Gesundheitsreihe“ wurde das fast schon repressive Leitmotiv der Gegenwart „Gesünder Leben“ hinterfragt, dem ein Gesundheitsverständnis zugrundeliegt, das auf Planbarkeit und Machbarkeit des Körpers abzielt. Feministische Ansätze zu Mädchenbildung und Mädchenpolitik wurden in der Reihe „Mädchen bevorzugt“ vorgestellt bzw. wurden Lösungsansätze dazu erarbeitet.

Zu den weiblichen Lehrenden gehörend, möchte ich hier den Ansatz einer feministischen Bildungskonzeption herausgreifen, nicht zuletzt, weil die hier dargelegten feministischen bildungspolitischen Ansätze immer auch zu Reflexionen über das eigene Denken und Tun verleiten. Den Frauen aus der Frauenhetz ist klar, daß es mit Bildung alleine nicht getan ist, daß Feminismus, Bildung und Politik voneinander nicht getrennt gesehen werden dürfen. Was kann feministische Bildung noch sein, fragt Birge Krondorfer und schreibt gegen eine Bildung mit zunehmendem Unterhaltungscharakter an. Wo bleibt das Nachdenken, die Auseinandersetzung mit sich und der Welt, wenn einerseits kleine Geschichtchen konsumiert, andererseits rasches Einholen von Informationen als Bildungsziele formuliert werden? Feministische Bildungsarbeit müsse sich selbstreflexiv und gesellschaftskritisch, selbstkritisch und gesellschaftsreflexiv der Sache nähern. Die Betonung liegt dabei auf der Verknüpfung der eigenen Haltung mit den zu präsentierenden Inhalten, nach dem Motto: Nur wenn ich tue, was ich lehre, kann ich es auch vermitteln. Unabdingbar jedoch „ist die Sichtung und Erkenntnis der gemeinsamen Situation der weiblichen Situiertheit im un/politischen Raum“, so Krondorfer.

Als besondere Herausforderung stellt sich die Umsetzung eines feministischen Bildungskonzeptes auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung dar. Die Arbeit mit Frauen fern jeglicher feministischer (Universitäts)Bildung wird in dem „round table-Gespräch“ zum Thema gemacht. Renata Fuchs sieht sich aufgefordert, diese Frauen in ihrem So-Sein ernst zu nehmen und ihnen Wert zu geben (in der Zweier-Arbeit sowie in Gruppen). Das sei die Basis des Feminismus, die Weitergabe von Kompetenzen die Folge davon.

Diese Herangehensweise führt unweigerlich zu einem hohen Maß an Kompetenzen, das an weibliche Lehrende gestellt wird. In ihren „Überlegungen zu Erwachsenenbildung und Politik“ fragt Katharina Pewny, ob weibliche Lehrende damit nicht erneut auf eine mütterliche Funktion (Mehrbelastung) verwiesen würden, wenn sie quasi gleichzeitig auf Inhalt, Gruppenprozesse und einen adäquaten Umgang mit entstehenden Emotionen zu achten hätten.

Und hier schließt sich gleich eine weitere Fragestellung an, nämlich, was hieße eine Bildung hin zum gemeinsamen Frauenkampf? Würde das Transportieren von der Bewußtheit über die mißlungene Lage der Frauen unweigerlich zu einer Art Leidens-Bildung führen?

Für die Frauenhetz-Frauen lautet die Maxime ihrer Bildungstätigkeit, die Leidenschaft für Politik mit anderen (wieder) zu entdecken. Vor diesem Hintergrund wird erneut der Diskurs „Feminismus an der Universität — drinnen und/oder draußen“ aufgenommen. Die Philosophinnen Birge Krondorfer und Ingvild Birkhan wollen mit ihren abschließenden kontroversiellen Beiträgen eine Diskussion wiedereröffnen, die sowohl frauenforschende Akademikerinnen als auch Wissenschaftsabstinenzlerinnen ansprechen soll. Universitätslektorin Ingvild Birkhan — eine geschätzte aber nicht Frauenhetz-Zugehörige — erteilt dem „düsteren Blick auf die frauenbewegte Arbeit im universitären Raum“ eine Absage, indem sie für eine Intervention am Schauplatz Universität eintritt. Als Verfechterin des Prinzips Einmischung verweist sie gerade auf die Arbeit der externen Lektorinnen, die einen guten Teil der feministischen Lehre tragen und die vielen kleinen Schritte innerhalb der hochschulpolitischen Arbeit.

Dem hält Krondorfer entgegen, „daß Weiblichkeiten nur als gestutzte und gezähmte Zutritt“ in die männliche Hochburg Universität erlangen. In diesem Sinne wiederum ihr Plädoyer für eine weiblich-kollektive Selbstorganisation, das uns zum Anfang der Frauenhetz zurückbringt: zur 6. österreichischen Frauensommeruniversität 1990 in Wien.

Kleiner autonomer Frauenort versus große Männerinstitution? Der alten Konfliktachse Institutionalisierung versus Autonomie soll nun wieder neues Leben eingehaucht werden. Wenn ich auch dazu neige, der kleinen geschlossenen Gemeinschaft das Modell der Vielfalt und Verschiedenheit vorzuziehen, halte ich die Wiederaufnahme dieses Diskurses aus folgendem Grund für spannend: Vorauszuschicken wäre, daß der Vielfalt der Orte keine Beliebigkeit der Werte unterworfen werden darf. Denn welch Vielfalt, wenn der Mangel groß? In Zeiten feministisch bildungspolitischer Aushungerungstendenzen der mächtigen Alma Mater fernzubleiben und freiwillig den Rückzug an kleine feine feministische Orte anzutreten, halte ich für fatal. Subventionsk(r)ämpfe, halbleere Töpfe, Wadlbeißerei, sollen dann die Zurückgedrängten noch für Freiwilligkeit plädieren, oder gerade deswegen? Müssen wir nicht vor diesem Hintergrund des Mangels den Autonomiebegriff anders diskutieren, nicht locker im Sinne von „Wahlfreiheit“, also Universität oder nicht, selbstbestimmt und selbstgewählt?

Die Anregung zur Wiederaufnahme dieses Diskurses scheint mit diesen Beiträgen gelungen zu sein. Darüberhinaus gewährt das Buch einen guten Einblick in die regen feministischen Bildungstätigkeiten der Frauenhetz-Frauen.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)