Nach zwanzig Jahren wieder Jugoslawien und Polen zu besuchen, ist ein interessantes Erlebnis. Aber nach vierzig Jahren aus Amerika nach Rußland zu kommen, ist ein Abenteuer. Vierzig Jahre sind eine lange Zeit und vierzig nachrevolutionäre Jahre erst recht. Es heißt, daß Kriegsjahre doppelt (…)
In der gegenwärtigen Weltpolitik geht es der einen Seite um die Würde des Einzelmenschen im demokratischen Rechtsstaat, der anderen Seite um die Verwirklichung sozialer Heilslehren durch staatlichen Zwang. Doch nicht überall sind die Völker unter diesen Parolen in das eine oder andere Lager (…)
Noch ist Polen nicht gewonnen (II)
Auf beiden Seiten gab es Bemühungen zur Milderung der Gegensätze. Aktivster Vertreter einer solchen Politik war der aus der Sozialdemokratie hervorgegangene Warschauer deutsche Gesandte Ulrich Rauscher, welcher Ende der Zwanzigerjahre zwei große Vertragswerke mit der damaligen polnischen (…)
Bericht aus Warschau
Das Stadtgericht in Warschau hat den 75jährigen Schriftsteller Jan Nepomuzen Miller zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich erlaubt hat, kritische Betrachtungen über die rückläufige Bewegung in der polnischen Innen- und Kulturpolitik zu veröffentlichen, und zwar im Ausland, namentlich (…)
Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, daß Sie sich aus einer Art Idealismus zu weit mit der polnischen Angelegenheit einlassen könnten. Bei aller Sympathie mit der gegenwärtigen dortigen Regierung kann ich nicht an der Labilität der Verhältnisse zweifeln. Nach einiger Zeit werden die (…)
Wladyslaw Bienkowski war in den vierziger Jahren einer der Mitbegründer der PPR (Polnische Arbeiterpartei, das heißt, Kommunistische Partei), einer der nächsten Mitarbeiter und Chefideologe Gomulkas, Verantwortlicher für die illegale Parteipresse, Autor der Konzeption eines „polnischen Weges zum (…)
Im Anfang-April-Heft schilderte W. B. den Übergang von der Partei- zur Polizeiherrschaft in Polen. Hier exemplifiziert er seine Soziologie an Hand der jüngsten Geschichte, beginnend mit den Studentenunruhen im März 1968. B. ist Pole und Marxist (Biographie im Anfang-April-Heft). Er liefert in (…)
„Marihijaha hilf!“ Gepfercht in den engen Korridor hinterm Portal Nr.2 der Leninwerft in Danzig, umweht von stickigem Atem und religiöser Inbrunst, nach einer Stunde Messe und einer Dreiviertelstunde Marienlitanei, ich wollte durch, aber das Tor war zu, und da geschah’s, die Arbeiter hatten sich (…)
Ausgelöst wurden die polnischen Streiks durch eine vergleichsweise geringfügige Preiserhöhung bei Fleisch: 2 Prozent per 1. Juli 1980. Hinzu kamen auch Normenerhöhungen in einigen Betrieben und Versorgungsengpässe in der betrieblichen Nahrungsmittelverteilung. Das war aber nur der Tropfen, der (…)
Auch in der Sowjetunion wird gestreikt. Die Versorgung ist dort noch schlechter als in Polen, nur ist die Information geringer. Heuer im Mai gab’s Streiks in Minsk sowie in den Autofabriken von Gorki und Togliattigrad. An letzterem Streik nahm eine Gruppe der freien Gewerkschaft „Smot“ teil (= (…)
Viktoria Grevemeyer-Korb: Die polnische Diskussion um die Arbeiterräte, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1978, 219 Seiten, DM 78, öS 600 In der Nachkriegsentwicklung der osteuropäischen Staaten trafen zwei gegensätzliche Tendenzen aufeinander: die führenden Kräfte im jeweiligen Land waren um die (…)
Die üblichen Ingredienzien einer slawischen Tragödie brauen sich in und um Polen zusammen: hinhaltender Widerstand der Partei, die nichts gewähren will; funktionslos im leeren Raum schwebende freie Gewerkschaften; Reformunfähigkeit vor der Wirtschaftskatastrophe, was zur Erosion der Macht führt; (…)
Jeanne d’Arc auf dem Lande „Wenn sich Arbeiter, Bauern und Intellektuelle nicht gegen die da oben zusammentun, wird sich in diesem Land nie etwas ändern“, rief die junge Journalistin mit dem wehenden Blondhaar. Die dreißig Bauern in dem bitterkalten Feuerwehrspritzenhaus blickten sie erstaunt (…)
Milton Friedman triumphiert auf allen Linien. In West und Ost schwören immer mehr Regierungen dem Rezept des Lord Keynes ab und schwenken auf Friedmans Sparkurs ein. Pinochet, Thatcher, Reagan heißen die Vorreiter, aber auch Giscard und Schmidt, wiewohl anderen Philosophien verpflichtet, (…)
Polengrenze
Die beschriebenen Situationen, Aussagen, Verhaltensweisen spielen im Polen von heute. Einige Namen wurden aus politischen, erotischen, neurotischen und sonstigen ernsten Gründen verändert oder weggelassen. Desgleichen Hinweise auf die Vergangenheit, Identität und den weiteren Verbleib der Frau (…)
Seit dreieinhalb Jahren schlagen sie der Zensur ein Schnippchen, die jungen Leute vom polnischen Untergrundverlag NOWA. Unter den Augen der Polizei, oft durch Verhaftungen unterbrochen, haben sie mit primitivsten Mitteln hunderttausende Bücher gedruckt. Allein 120 Schreibmaschinen wurden als (…)
Nach dem Bürgerkrieg waren einige der roten Armeen nicht demobilisiert, sondern in Arbeitsarmeen umgewandelt worden. Trotzki sah in dieser Militarisierung der Arbeit das beste Mittel zur Wiederbelebung der Produktion. Als Chef des Militärs hatte er die Idee, die Soldbücher in Arbeitsbücher zu (…)
Im FORVM vom März/April stellte Michael Siegert die Gleichung Danzig (1980) = Kronstadt (1921) auf. Lieber Michael, Deine Gleichung „Danzig = Kronstadt“ mag zwar als journalistischer Gag verlockend sein, als Beitrag zur politischen Interpretation der revolutionären antibürokratischen (…)
Saxa loquuntur, die versteinerten Herzen beginnen zu sprechen. Im vergangenen Sommer waren’s Polens Arbeiter, dann die Intellektuellen, jetzt folgen die Parteimitglieder nach. Unter dem Druck der Basis geht die Parteiführung zaghaft die ersten Schritte auf dem Prager Reformweg. Paradoxerweise (…)
Ein junger österreichischer Schriftsteller erlebt den Sommer in Polen. Persönliche Beziehungen, Streiks, nationalistische Ausbrüche, ekstatische Politik — was er sieht, hört, fühlt, wird zum aufregenden Panorama. Der Oberen Frevel haben Städte verheert ... Dienstag, 7. Juli 1981, Wien „Gib (…)
Polens Arbeiter wollen die volle Souveränität in den Betrieben übernehmen. Die Partei duckt sich, und Moskau speit Feuer. Der revolutionäre Text eines Solidarnosc-Gesetzentwurfs über Arbeiterselbstverwaltung wird hier dokumentiert. Erstmals auf der Welt soll der Syndikalismus im vollen Sinn des (…)
„In Polen wird eine Revolution vollzogen, deren Hauptkraft Solidarnosc ist“, heißt es mit Recht im Bericht des Landeskoordinierungsausschusses (KKP) von Solidarnosc an den ersten Kongreß der unabhängigen Gewerkschaft in Danzig, der am 6. September begann. Wenn der Gesetzentwurf verwirklicht (…)
Die polnische Literatur nimmt seit jeher innerhalb der slawischen Literatur, beziehungsweise innerhalb der Literatur der osteuropäischen Länder eine Sonderstellung ein. Man könnte sagen, sie war, trotz aller slawischen Besonderheiten, stets westlich orientiert, denn sie ist die einzige Literatur (…)
Am 13. Dezember 1981 wurde der Versuch der freien Gewerkschaft Solidarnosc, Polens erstarrte, durch Westgeschäfte und Korruption oberflächlich aufgeweichte Staatswirtschaft mit einem welthistorisch neuen Syndikalismus aufzubrechen und umzukrempeln (Jugoslawiens Selbstverwaltung ist von oben (…)
Der deutschnationale Chauvinist Friedrich Engels schrieb am 23. Mai 1851 einen Brief an den Slawenhasser Marx, in dem er nicht mehr und nicht weniger andeutet, als daß er im Falle eines Sieges der Revolution in Europa Polen mit Rußland teilen würde (Quelle: Marx/Engels, Werke, Bd. 27, S 265 (…)
Zbigniew Iwanow, 33, Nationalökonom, war bis zum November 1980 Parteimitglied, zunächst sogar Parteisekretär im Towimor-Betrieb in Torun. Er war Initiator der »horizontalen Strukturen«, Zusammenschlüssen von Basisorganisationen der Partei in den Betrieben, die sich sich nicht von den (…)
Seit dem Militärcoup in Polen am 13. Dezember 1981 ist Ungarn wieder die lustigste Baracke im sozialistischen Lager. Michael Siegert sprach mit dem Schriftsteller Miklos Haraszti, dem im Ausland bekanntesten ungarischen Oppositionellen‚ über die neue Lage für die Ostopposition. Miklos (…)
Polen — ein Volk ohne Chance?
Freunde von mir organisierten eine private Polenhilfsaktion. Ich war eher lustlos und am Rande dabei. Bei aller Sympathie für Menschen, die sich gegen die Obrigkeit wehren, fand ich die Berichterstattung doch etwas aufgebauscht und überzogen und außerdem war (und bin) ich der Meinung, daß es auf (…)
Er möchte aus Polen ein europäisches Japan machen. Pluralismus, Marktwirtschaft und Katholizismus sollen die Eckpfeiler des „neuen Polen“ werden. Den Friedensnobelpreis hat der ehemalige Danziger Werftarbeiter mit der Nummer 61.878 schon bekommen. Nach dem Papst ist er der berühmteste Pole auf (…)
So geduldig wie heute sind wir in Polen noch nie gewesen. Dies gilt jedenfalls für die aktuelle Situation im Sommer 1990. Wer weiß, wie lange das hält? Die letzten neun Monate, unter einer demokratischen Regierung, jedenfalls sind wir immer schön brav geblieben ... Was ist da eigentlich (…)
Die polnische Solidarnosc plädiert auf Mord und gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Westöffnung plus Katholizismus bringen die polnischen Feministinnen in die Defensive. Mit der Literaturwissenschaftlerin Elzbieta Osuch-Stanczuk führte Erica Fischer das folgende Gespräch. (…)
Polen liegt jenseits der neuen Grenze, mit deren Errichtung sich das westliche Wohlstandseuropa gegen das Elend im Osten abzuschirmen versucht. Aus Wroclaw erreichte die MONATSZEITUNG dazu der folgende Kurzkommentar. Europa, das wir doch so herbeisehnen, will uns nicht, verdammt noch mal! Für (…)
Die Westsicht und die Ostsicht. Beide gibt es nach wie vor. Im Sanierungsfall Polen sind sich allerdings der marktwirtschaftlich sozialisierte Journalist aus dem Westen und sein planwirtschaftlich sozialisierter Kollege aus dem Osten einig: Polen 1990 ist das Land der unbegrenzten (…)
Serdecznie zapaszamy do hotelu Holiday Inn w Warszawal Soyez les bienvenus à l’hotel Holiday Inn de Varsovie! Welcome to Holiday Inn Warsaw! Dinner? No problema! Le 3 restaurants de luxe — Symfonia, Rotisserie and Brasserie vous invitent cordialment en vous propose une riche selection de plats. (…)
Der Teufel schläft nicht! Selbst im frommen Częstochowa treibt er sein Unwesen, obwohl er doch wissen müßte, daß in Częstochowa — oder Tschenstochau, wie die 300.000 Einwohner zählende Industriestadt im »Land der Adlerhorste« auch heißt — die Schwarze Madonna residiert ... Aber was soll ich (…)
Wie die „Ausrüstungshilfe“ der EU-Staaten im Osten und Süden den Boden zur polizeilichen Abschreckung ebnet. Keine Europa-Hilfe für das Fußvolk in der Außen-Festung Ukraine Die Katastrophe geschah ganz in unserer Nähe. Kaum acht Bahnstunden sind es von Wien bis Uzhgorod, und von Zürich oder (…)
Wer bin ich?
„Heute endet einer der teuersten Zeiträume in unserer Geschichte — leidvolle, mühevolle, sogar blutige Zeit der Unabhängigkeitskämpfe; eine neue Zeit beginnt — eine qualitativ andere, aber genauso wichtige Zeit,“ titelte die auflagenstärkste Tageszeitung Litauens Lietuvos rytas in ihrer Ausgabe (…)
In der Traumaforschung gibt es den Begriff Men-made-desaster, er bezeichnet eine durch Menschenhand, bzw. durch vieler Menschen Hand produzierte Katastrophe unter der wiederum (meist andere) Menschen zu leiden, zu sterben haben. Wenn mensch die Shoah als ein durch Menschen verursachtes Desaster (…)
1. Der Konsumentenkredit Wenn Marx schreibt: „Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der (…)
Reaktionäre Politisierung
Wie sehr rechte Politik dazu tendiert, sich selbst ins Extrem zu treiben, kann derzeit in Warschau studiert werden. Polens rechtspopulistische Regierung, die von der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) um Jarosław Kaczyński gestellt wird, ist seit ihrem überraschenden (…)


