Weg und Ziel, Heft 4/1995
Oktober
1995

Image-Politik

Max Weber galt „Politik auf eigene Verantwortung“ als die bedeutendste Form, das wichtigste sozialen Handelns in der von technischer Funktionalität beherrschten Welt, im, wie er es nannte, „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“. Die in der „totalen Herrschaft“ realisierte „Zerstörung der Politik mit politischen Mitteln“ stand am Anfang von Hannah Arendts politischem Denken. Neil Postman sieht die Möglichkeit von Politik bedroht durch die televisionär vermittelte Trivialisierung. Und der ORF legt es — mit Beihilfe bereitwilliger Parteichefs — darauf an, Postmans Befürchtungen Wirklichkeit werden zu lassen.

Einen neuen Höhepunkt hat die Behandlung von Politik als Gegenstand der Unterhaltung im heurigen Sommer erreicht: Nun wird „Anders gefragt“! Der angebliche Erfolg bestätigt: Personality Shows sind amüsanter als laue Sommergespräche. Bezeichnend für die Vorgänge: Veranstalter und Gastgeber ist der Informationsintendant. Die besondere Art von „Informationssendung“ kündet davon, wie simpel das Erfolgsrezept ist: man paare sachliche Irrelevanz mit kultiviert sich gebender Schamlosigkeit. Da nichts so erfolgreich ist wie der Erfolg, und der so leicht auszurechnen, bedeutet es keinerlei prognostisches Wagnis, einen selbstverstärkenden Effekt zu behaupten. Allerdings hat der Erfolg auch Folgen. Eine ist die Zerstörung des ins Deutsche nicht übersetzbaren common sense. Daß er dafür verantwortlich sein könnte, dies Ansinnen an Herrn Nagiller zu richten, würde unverständiges Kopfschütteln hervorrufen. Der vorliegende Beitrag handelt davon, daß zu den kaum noch bewußten Folgen der Erfolgsgeschichte des Fernsehens zählt, eine solche Reaktion für „normal“ zu halten.

Es ist durchaus fraglich geworden, ob eine spezifisch politische Frage das Wahlkampfthema werden kann. Anders gesagt: Es steht die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten von „Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“ (so der Untertitel von Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“). „Denken ist keine darstellende Kunst“, schreibt Neil Post- man. Das Beispiel einer Diskussionsrunde zum Kinofilm „Der Tag danach“ erweise jedoch: „Das Fernsehen erfordert die Kunst der Darstellung und so führte uns die Fernsehanstalt ABC vor, wie das Bild, das man sich von sprachgewandten Männern mit großer politischer Urteilskraft macht, ins Wanken gerät, wenn ein Medium sie zwingt, einen Auftritt zu absolvieren, statt Gedanken zu entwickeln.“

Fernando Botero, Hommage an Bonnard, 1973

Prominenz

Gedanken zu entwickeln und Nachdenken anzuregen, dafür ist ein Medium schlechterdings ungeeignet, dem schon technisch die (bewegten) Bilder als die ihm eigentümlichen Träger all dessen, was es übermittelt, eingeschrieben sind. Politikerinnen und Politiker tun sich aus mindestens zwei Gründen besonders schwer, sich der auf (Wieder-)Erkennen und nicht auf Verstehen basierenden Grammatik der Bilder zu widersetzen. Eine Philosophin, ein Wissenschaftler sind nicht auf landesweite Bekanntheit angewiesen. Künstler sind es schon weit mehr, und wenig bekannte Politiker können keinen Wahlerfolg erringen. Die banale Aussage gewinnt an Relevanz durch die Frage, wie das Fernsehen Prominenz erzeugt. Darüber gibt der Vergleich mit dem Sport Aufschluß. Martina Navratilova wurde zur herausragenden Tennisspielerin, weil sie viele Turniere gewonnen, nicht weil sie als Nummer Eins ihrem Aussehen größere Aufmerksamkeit gewidmet hat. Für die Beurteilung politischer Akteure stehen keine vergleichbaren, dem subjektiven Urteil entzogenen Maßstäbe zur Verfügung. „Die äußere Gestalt eines Menschen ist weitgehend irrelevant für die Gestalt seiner Ideen“, schreibt Postman, „solange sich dieser Mensch schreibend oder im Radio an sein Publikum wendet. Anders im Fernsehen. Das Bild eines schwerfälligen Zweieinhalb-Zentner-Mannes würde die Feinheiten jeder sprachlich vermittelten Argumentation alsbald erdrücken.“ Wiewohl in keiner Verfassung etwas über ein höchstes zulässiges Körpergewicht als Bedingung für die Bewerbung um ein politisches Amt (oder um die Stelle einer Nachrichtensprecherin) steht, ist fehlender Kamera-Appeal zum faktischen Ausschließungsgrund geworden.

Die auffällige (und auffällig auch sein sollende) Wandlung des Erscheinungsbildes von Frau Petrovic verwertete Herr Nagiller als Aufhänger seiner anderen Art zu fragen. Das in einigen Sendungskritiken geäußerte Lob für ihr Sträuben gegen des Showmasters zudringliche Fragerei ist gefangen in der fernsehbestimmten Kultur und behindert die Wahrnehmung des Entscheidenden: Es geht nicht einfach darum, daß eine Politikerin einem Publikum gefallen will, so wie eine Navratilova oder auch ein Herr Müller lieber ge- als mißfallen möchte. Es geht darum, daß die Politikerin, und das gilt auch für den Politiker, des Erfolges wegen gefallen muß. Dafür genügt nicht ein wenig Kosmetik. Die Politikerin wie der Politiker muß sich selbst zum gefälligen, TV-gerechten Bild machen. Wie brav die Politikerin Petrovic dem televisionären Imperativ zu gehorchen gelernt hat, davon zeugt ihr ausdauernd freundliches Lächeln gegenüber den Zumutungen für die gebildete Frau. Überangepaßt freundlich war Herr Schüssel. Deshalb konnte er — worum es einzig geht — keinen Eindruck machen. Frau Schmidt hat sich nicht getraut, wozu ihr offensichtlich zumute war. Hätte sie die ausgemachte Blödheit des Wortspielchens verweigert, wäre ihr mediale Aufmerksamkeit sicher gewesen.

Als Meister der Image-Politik hat sich einmal mehr Herr Haider erwiesen. Ihm ist es gelungen, bei einer Veranstaltung, in der es um nichts geht, einen Sieg zu erringen über einen Informationsintendanten, der jämmerlich wirkte mit seinen Versuchen, den F-Chef in die Enge zu treiben. Sehr klug dosierte Haider seine zur Schau gestellten Emotionen: klare Überlegenheit, doch kein Triumph über den hilflosen Showmaster; sich erfreut über einen Vorschlag zur Imageverbesserung zeigend, als der Gastgeber sich über das unfreundlich wirkende Kürzel „F“ mokiert; beim Spendenspielchen mit quicker Gescheitheit einen Überraschungseffekt erzielt; den Vorwurf, seine Gegner zu hassen, umgedreht, aber nicht weinerlich den armen, von allen Verfolgten mimen. „Der Jörg, der weiß, was er will. Und davon kann ihn die Übermacht der vereinigten Pfründner und Ausländerfreunde nicht abbringen,“ so lautet die Botschaft. Die anderntags erfolgten Reaktionen aus den anderen Parteien waren zu nichts geeignet als zum Beweis seiner Behauptung, er treibe die Regierung vor sich her. Aufschluß über den nahezu perfekten Image-Politiker Haider gibt, was er bislang nicht beherrscht: sein schiefes Grinsen, das ihn immer noch verrät.

Gedankenloser Politiker

Aufschluß über das politische Denken Haiders gibt, was in der Öffentlichkeit keine Rolle spielt: Sein Buch weist ihn als einen gedankenlosen Politiker aus. Mit dem Beispiel seiner abenteuerlichen Vorschläge zur Lösung des Wohnungsproblems führt er sich selber als einen vor, der nicht begreift, daß es einen Unterschied macht, ob er in einer Wahlrede an den Neid gegenüber unakzeptablen Privilegien appelliert oder in einem Buch Berechnungen vorlegt, die in aller Ruhe überprüft werden können und für schwachsinnig befunden werden müssen. Wichtiger als dieses und eine Reihe anderer Beispiele ist der logische Widerspruch in der zentralen Begründung seiner „Dritten Republik“. Auf Seite 198 diagnostiziert er: „Aussichtslosigkeit, Frust und Ohnmacht führen zu einer neuen Form des Biedermeiers. Der Bürger verliert sich in der Privatheit seiner Interessen und meldet sich als Staatsbürger ab, weil er zum Untertan-Sein verurteilt ist. Die Chancen der Demokratie werden zum Risiko des Bekenntnisses.“ Was da gesagt wird, untermauert er mit einem das Buch füllenden Lamento gemischt aus Kulturpessimismus und Verfolgungswahn („Da ermahnte mich vor kurzem ein enger Freund aus dem militärischen Geheimdienst zur Vorsicht.“). Die privatistischen Biederbürger werden umstandslos zu „mündigen Bürger“ ernannt, die der Bevormundung im „Altparteien- und Kammerstaat“ überdrüssig wären, wenn er sein politisches Ziel als unausweichlich hinstellen möchte. „Die Dritte Republik ist nicht aufzuhalten“, heißt es auf Seite 214: „Sie wird aus dem Protest der Bürger gegen die verkommenen politischen Sitten hervorgehen, aber auch aus dem Zwang entstehen, Phänomene von Arbeitslosigkeit, Entindustrialisierung und Entsolidarisierung zu bewältigen.“ Derselbe, logisch nicht auflösbare Widerspruch durchzieht das einzige bislang vorliegende Konzept eines „Wegs in die Dritte Republik“, wie ihn sich Haider und seine Gefolgschaft ausmalen (vgl. »Kontrovers« Nr. 4, Schriftenreihe des Freiheitlichen Forums, Wien 1994).

Moderne Lüge

Der vormalige Leiter von Haiders Bildungswerk konstatierte eine Wandlung der FPÖ von der nationalliberalen Honoratiorenpartei zu einer plebiszitären Emanzipationsbewegung mit dem erklärten Ziel der „Systemüberwindung“. Dieses Zieles wegen müsse das Streben nach Konsens dem Zwang zu ständiger Polarisierung weichen. Die so herbeigeführte „permanente Kampfsituation“ zwinge zu innerer Geschlossenheit, welche „tendenziell auch eine Uniformität des Denkens und der Meinungen zu erzwingen scheint“ (»Freie Argumente« 3/1994). Der mittlerweile demontierte Mölzer plädierte für die Bewahrung eines harten ideologischen Kerns. Daß der ständige Zwang zur Selbstdynamisierung der „Bewegung“ stärker ist, und die gesamte „Bewegung“ „im immer stärker personenbezogenen Zeitalter der Telegraphie“ auf ihre „führende Persönlichkeit“ angewiesen, hat Mölzer gesehen und doch nicht begriffen, daß dem Zwang zur Selbstdynamisierung jede inhaltliche Bestimmtheit ebenso ein zu beseitigendes Hindernis ist wie jede organisatorische Festlegung, da sie unweigerlich vergleichsweise umständliche Verfahren mit sich bringt.

Bedenken zu wecken ist Hannah Arendts Einsicht geeignet, daß allein die persönliche Glaubwürdigkeit des Berichterstatters die Chance biete, unliebsamen Tatsachen Gehör zu verschaffen. Diese Aussage findet sich im Kontext ihrer Erwägungen der Gefahr, daß die Menschen auch außerhalb der totalen Herrschaft ihre gemeinsame Welt verlieren könnten, und zwar durch die Verwandlung von Politik, die mit Tatsachen von Relevanz für das Gemeinwesen befaßt sein sollte, in eine Image-Politik, die eine Geneigtheit zur gefährlichsten Form der Lüge, zum Selbstbetrug, mit sich bringt: „Nur Selbsttäuschung vermag den Anschein der Wahrhaftigkeit zu erwecken, und in einem Streit über Fakten, in dem jeder den anderen des Lügens zeiht, ist sehr oft der Eindruck, den die Person macht, entscheidend.“ Arendt kennzeichnet in „Wahrheit und Lüge in der Politik“ die moderne Lüge damit, daß der Gesamtzusammenhang, in dem die einzelnen Tatsachen erscheinen, umgelogen würde. Solche neuen Wirklichkeitszusammenhänge nennt Postman Pseudo-Kontexte, die eigens inszeniert würden, um den lichtgeschwind weltweit übermittelten „Informationen“ über irgendwelche Bruchstücke von Ereignissen den Anschein des Zusammenhängenden zu verleihen.

„Information“ war immer mit Relevanz für Wahrnehmung und Handeln verknüpft gewesen. Erst mit der telegraphischen „Nachrichten“-Übermittlung ist die Bindung von Information an Relevanz zerrissen. Information braucht seither keinerlei Bedeutung mehr haben. Sie ist zur Ware geworden, deren Wert sich nach Eigenschaften wie „neu, interessant, kurios, aufregend“ bemißt: „Nur vier Jahre, nachdem Morse am 24. Mai 1844 die erste Telegraphenverbindung Amerikas eröffnet hatte, wurde Associated Press gegründet, und Nachrichten aus dem Nirgendwo, ohne bestimmten Adressaten begannen kreuz und quer im ganzen Land umzulaufen.“ Eine Vorstellung davon, was etwa die kontextlose Information der Tagesnachrichten bedeute, könnten sich der Leser und die Leserin machen, indem sie sich folgende Fragen stellten: „Wie oft kommt es vor, daß die Informationen, die ich morgens dem Radio, dem Fernsehen oder der Zeitung entnehme, mich dazu veranlassen, meine Pläne für den Tag zu ändern ..., und wie oft verhelfen mir diese Informationen zu Einsichten in Probleme, die ich lösen soll?“

Schon der Telegraph hatte die neue Sprache der Schlagzeile etabliert, als deren kongeniale Ergänzung sich die der Photographie erwies. Diese kennt keine Vergangenheit und kein Allgemeines, sie kennt ausschließlich die Einzelheit, genauer: ein bestimmtes Bruchstück aus irgendeinem Hier und Jetzt. Die photographierte Welt ist eine in zahllose Gegenstände zerfallene, eine atomisierte Welt, während die Sprache des Denkens die Welt als Idee präsentiert: Es gibt kein Photo von „der Natur“, auch nicht von „Baum“. Das Photo erwies sich als die vollkommene Ergänzung zur Flut der telegraphischen Meldungen aus unbekannten Gegenden über unbekannte Menschen mit unbekannten Gesichtern. Das Photo verleiht den unbekannten Namen Gesichter und erzeugt die Illusion, die „Nachrichten“ hätten mit dem eigenen Erfahrungsraum zu tun: „Es schuf einen Scheinkontext für die ,Tagesnachrichten‘. Und die ,Tagesnachrichten‘ ihrerseits schufen einen Kontext für das Photo.“

In den elektronischen Medien vollendet sich der Pseudo-Kontext von Augenblicklichkeit und Bild zum mittlerweile weitesthin selbstverständlich gewordenen Schema der Weltdeutung, dessen weniger die deklarierten Unterhaltungssendungen bedürfen als solche, in denen es um ernste Angelegenheiten geht. Gegen Unterhaltung ist nichts einzuwenden, auch nichts gegen Zerstreuung zur individuellen Entspannung. Es fragt sich aber, was es heißt, wenn sich die Menschen zerstreuen und unfähig werden, ihre gemeinsamen Angelegenheiten miteinander zu behandeln, weil Politik nicht mehr imstande ist, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen: den öffentlichen Raum zu schaffen, in dem die Auseinandersetzungen um die Angelegenheiten von öffentlichem Belang geführt werden können, in denen allein Meinung und Urteilskraft sowie jener common sense sich bilden können, ohne welchen kein menschliches Gemeinwesen Bestand haben kann. Destabilisierung des Gemeinwesens steigert die Ohnmacht gegenüber dem gesellschaftlichen „Problemdruck“. Daraus kann die Gefahr erwachsen, daß wiederum Zuflucht gesucht werden könnte bei jener rigoros ausgrenzenden „Machtpolitik“, die zum Einsatz des unmittelbar wirkungsvollsten Herrschaftsmittels zu verführen pflegt: der Gewalt.

Alles oder nichts — darum dürfe es in der Politik niemals gehen, ist aus Hannah Arendts Studien über totale Herrschaft zu erfahren. Wer wollte gewährleisten, daß unter der Image-Politik, bei der es um nichts als um Stimmungen geht, unbemerkt das Potential entsteht für eine Gewaltherrschaft, der es um alles gehen könnte?

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